{"id":5799,"date":"2023-07-31T16:55:43","date_gmt":"2023-07-31T14:55:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5799"},"modified":"2023-07-31T21:47:21","modified_gmt":"2023-07-31T19:47:21","slug":"packende-orchesterwerke-von-dieter-ammann-auf-naxos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/31\/packende-orchesterwerke-von-dieter-ammann-auf-naxos\/","title":{"rendered":"Packende Orchesterwerke von Dieter Ammann auf Naxos"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.551474; EAN: 7 3009914743 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5800\" width=\"481\" height=\"481\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/AmmannOrchesterwerke.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 481px) 100vw, 481px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die <\/em>Basel Sinfonietta <em>unter ihrem scheidenden Chefdirigenten <\/em>Baldur Br\u00f6nnimann <em>hat im Mai 2022 die drei gro\u00dfbesetzten Orchesterst\u00fccke<\/em> Core \u2013 Turn \u2013 Boost <em>des schweizerischen Komponisten<\/em> Dieter Ammann <em>(*1962)<\/em> <em>erstmals als Trilogie aufgef\u00fchrt und zusammen mit <\/em>unbalanced instability <em>f\u00fcr Violine und Kammerorchester <\/em>(<em>Solistin: <\/em>Simone Zgraggen)<em> auf Naxos eingespielt. Die St\u00fccke wie ihre Darbietungen erweisen sich als ganz gro\u00dfer Wurf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieter Ammann<\/em>, 1962 in Aarau geboren und in Zofingen aufgewachsen, wo er immer noch lebt, darf man seit einigen Jahren als wohl bedeutendsten schweizerischen Komponisten seiner Generation bezeichnen. Nach dem Schulmusikstudium und einer Jazzausbildung bewegte sich Ammann in den 1980ern musikalisch vorwiegend in der Jazz- und Funkszene und war mit verschiedenen Instrumenten (Keyboard, Trompete, Bassgitarre\u2026) gerade auch improvisatorisch unterwegs. Erst danach studierte er in Basel Theorie und Komposition, belegte dann Meisterkurse u.&nbsp;a. bei Wolfgang Rihm und Witold Lutos\u0142awski. Ammann komponiert langsam, daf\u00fcr mit der vielzitierten Pr\u00e4zision eines Schweizer Uhrmachers. Daher ist sein Werkkatalog recht schmal geblieben, aber die Musik \u2013 ganz gleich, ob f\u00fcr gro\u00dfes Orchester oder kleines Ensemble \u2013 immer einfallsreich, von teils unb\u00e4ndiger Energie mit raffinierten Kontrasten und spannenden Entwicklungen gepr\u00e4gt. Vor allem jedoch \u00fcberzeugt der Komponist durch seine bis ins letzte Detail allerfeinst ausget\u00fcftelten Kl\u00e4nge \u2013 selbst bei gr\u00f6\u00dfter Orchesterbesetzung wirkt das keine Sekunde <em>al fresco <\/em>oder pauschal, schon gar nicht eklektizistisch. Zuletzt erregte sein gewaltiges Klavierkonzert <em>Gran Toccata<\/em> (2016\u201319) weltweites Interesse \u2013 dessen Siegeszug wurde lediglich durch die Corona-Pandemie unterbrochen: auch in den Augen des Rezensenten offenkundig ein Meisterwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei hier erstmals als Triptychon aufgef\u00fchrten, ebenfalls gro\u00dfbesetzten Orchesterwerke <em>Core<\/em> (UA 2002), <em>Turn<\/em> (UA 2010) und <em>Boost<\/em> (UA 2002) entstanden jeweils als Auftragswerke des Lucerne Festivals bzw. des Luzerner Sinfonieorchesters und wurden auch dort aus der Taufe gehoben \u2013 <em>Core <\/em>von der <em>Basel Sinfonietta. <\/em>Als auf die Pflege zeitgen\u00f6ssischer Musik spezialisiertes Orchester in sinfonischer St\u00e4rke (~&nbsp;80 Mitglieder) ist dieser 1980 gegr\u00fcndete Klangk\u00f6rper \u2013 keinesfalls zu verwechseln mit dem als Nachfolge von Paul Sachers Basler Kammerorchester zu verstehenden Kammerorchester Basel \u2013 ziemlich einzigartig. Die Basel Sinfonietta ist in demokratischer Selbstverwaltung organisiert und hat erst seit 2016 einen Chefdirigenten, <em>Baldur Br\u00f6nnimann<\/em>, der die hier vorliegenden Live-Mitschnitte vom 26.&nbsp;Mai 2022 leitet. Ab diesem Herbst wird Titus Engel sein Nachfolger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Konzertsatz <em>unbalanced instability<\/em> f\u00fcr Violine und Kammerorchester (2013) liegt als Aufnahme mit der Wittener Urauff\u00fchrungsbesetzung \u2013 dann sp\u00e4ter aus der K\u00f6lner Philharmonie \u2013 bereits auf CD vor. Br\u00f6nnimann und die Geigerin <em>Simone Zgraggen <\/em>(Sch\u00fclerin u.\u00a0a. von Ulf Hoelscher, zurzeit Professorin in Freiburg im Breisgau und Konzertmeisterin der Basel Sinfonietta) lassen sich mit knapp 26 Minuten gut drei Minuten mehr Zeit als Carolin Widmann unter Emilio Pom\u00e0rico. Besonders zu Beginn tauchen sie ein wenig tiefer in Stellen mit spektralen Sch\u00f6nkl\u00e4ngen ein, versuchen bei alldem, was der Komponist als <em>\u201eintuitive Logik\u201c <\/em>charakterisiert (Zit: <em>\u201eeine Logik der Subjektivit\u00e4t, der Assoziation und des inneren Ohrs, die ihre eigenen Regeln zu jedem Zeitpunkt neu erstellen beziehungsweise verwerfen kann\u201c<\/em>), irgendwie einen gro\u00dfen Bogen zu spannen inmitten aller Unberechenbarkeiten. Geigerisch k\u00f6nnen Zgraggen wie Widmann gleicherma\u00dfen \u00fcberzeugen; die beinahe schon konventionell wirkende Solokadenz gegen Schluss ger\u00e4t Zgraggen beruhigender. Insgesamt richtet sich die Neueinspielung mehr nach innen als die \u00e4u\u00dferlichen Gegens\u00e4tze zus\u00e4tzlich zu betonen. Aufnahmetechnisch ist die Basler Produktion dem etwas diffusen Klangbild des WDR-Mitschnitts \u00fcberlegen, pr\u00e4senter und durchsichtiger. Lediglich Pom\u00e0rico steuert die vielen Facetten, die das Orchester zu beleuchten hat, noch ein wenig bewusster als Br\u00f6nnimann, setzt dabei \u2013 wie gesagt \u2013 st\u00e4rker auf Kontraste. Insgesamt sind die beiden Aufnahmen auf demselben Top-Niveau.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Trilogie <em>Core<\/em> <em>\u2013 Turn<\/em> \u2013 <em>Boost <\/em>machen alle drei St\u00fccke (10, 13 bzw. 16 Minuten lang) einen ungeheuren Spa\u00df: \u00dcppiger, wild zupackender Orchesterklang voller Vitalit\u00e4t, aber ebenso enorm sensible Momente mit immer neuen, vielschichtigen \u00dcberraschungen langweilen zu keiner Zeit, lassen den Zuh\u00f6rer schon mal den Atem anhalten. Hatten die einzelnen Teile bei Publikum wie Kritik bereits jeweils h\u00f6chst positive Resonanz erfahren, erscheinen sie als Gesamtschau nochmals beeindruckender. Insbesondere versteht man so <em>Turn <\/em>klar als geplanten Mittelteil: Ein tiefgr\u00fcndiges \u201e<em>Adagio\u201c<\/em>, welches dann abrupt v\u00f6llig umschl\u00e4gt. Die Basel Sinfonietta und Br\u00f6nnimann sind bei dieser hinrei\u00dfenden und zwingenden Musik offensichtlich in ihrem Element und die Hommage zum sechzigsten Geburtstag des Komponisten wird zu einem echten Fest neuer Orchesterkultur. Dieter Ammanns pr\u00e4chtige Tonkunst sollte ab jetzt wirklich in keiner Sammlung fehlen: Der Mann beherrscht nicht nur perfekt sein Handwerk, sondern hat uns zeitgem\u00e4\u00df unglaublich viel zu sagen. F\u00fcr den Rezensenten ist diese f\u00fcrs Repertoire wichtige Naxos-Ver\u00f6ffentlichung eine der bislang faszinierendsten Neuerscheinungen des Jahres 2023 mit ganz klarer Empfehlung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahme: <\/strong>[<em>unbalanced instability<\/em>] Carolin Widmann, WDR Sinfonieorchester, Emilio Pom\u00e0rico (in: Grammont S\u00e9lection 7 \u2013 Schweizer Urauff\u00fchrungen 2013, Musiques Suisses MGB CTS-M 142, 2013)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juli 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.551474; EAN: 7 3009914743 9 Die Basel Sinfonietta unter ihrem scheidenden Chefdirigenten Baldur Br\u00f6nnimann hat im Mai 2022 die drei gro\u00dfbesetzten Orchesterst\u00fccke Core \u2013 Turn \u2013 Boost des schweizerischen Komponisten Dieter Ammann (*1962) erstmals als Trilogie aufgef\u00fchrt und zusammen mit unbalanced instability f\u00fcr Violine und Kammerorchester (Solistin: Simone Zgraggen) auf Naxos eingespielt. 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