{"id":580,"date":"2016-03-07T10:06:43","date_gmt":"2016-03-07T09:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=580"},"modified":"2016-03-07T10:06:58","modified_gmt":"2016-03-07T09:06:58","slug":"wiener-klassik-mit-der-wilden-gungl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/07\/wiener-klassik-mit-der-wilden-gungl\/","title":{"rendered":"Wiener Klassik mit der Wilden Gungl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Samstag, 5. M\u00e4rz 2016 Herkulessaal<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wiener Klassik<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Marie-Luise Modersohn, Oboe<br \/>\nMichele Carulli, Dirigent<br \/>\nSymphonieorchester Wilde Gungl M\u00fcnchen<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Franz Schubert (1797-1828)<br \/>\nOuvert\u00fcre C-Dur op.26 D 644<br \/>\nzu \u201eDie Zauberharfe\u201c (sp\u00e4ter \u201eRosamunde\u201c)<br \/>\nAndante \u2013 Allegro vivace<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)<br \/>\nKonzert f\u00fcr Oboe und Orchester<br \/>\nC-Dur KV 314<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Allegro aperto<br \/>\nAdagio non troppo<br \/>\nRondo Allegretto<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ludwig van Beethoven (1770-1827)<br \/>\nSymphonie Nr. 4<br \/>\nB-Dur op. 60<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Adagio \u2013 Allegro vivace<br \/>\nAdagio<br \/>\nAllegro vivace<br \/>\nAllegro ma non troppo<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Beethovens \u201eVierte\u201c innerhalb eines Jahres drei Mal in M\u00fcnchen? BR-Symphonie-Orchester mit Herbert Blomstedt, Bruckner Akademie Orchester unter Jordi Mora, und nun \u2013 im vollbesetzten Herkulessaal der Residenz die \u201eWilde Gungl\u201c unter ihrem neuen Chefdirigenten Michele Carulli.\u00a0 Dazu vor der Pause Schuberts Ouvert\u00fcre zu \u201eRosamunde\u201c\u00a0 und Mozarts Oboenkonzert KV 314, das ganze Konzert unter dem Titel \u201eWiener Klassik\u201c Ein hoher Anspruch also, man durfte gespannt sein&#8230;<br \/>\nDass Michele Carulli nicht nur ein exzellenter Solist auf der Klarinette ist, hatte er im Sommerkonzert im Brunnenhof schon gl\u00e4nzend bewiesen. Aber was er mit dem Orchester in den vergangenen Monaten ge- und erarbeitet hat, das war mehr als deutlich zu h\u00f6ren. Mit \u201eanima e corpore\u201c hatte ich damals geschrieben, um sein Dirigieren zu charakterisieren. Allerdings hatte er diesmal alle H\u00e4nde frei, und schon beim ersten St\u00fcck, der scheinbar allzu bekannten Ouvert\u00fcre zu Schuberts \u201eRosamunde\u201c, bekam man den Eindruck, dass dieses St\u00fcck nicht nur melodienselig daherkommt, sondern eben auch sehr temperament- und kraftvoll. Schubert hatte \u2013 wie im sehr informativen Programmheft zu lesen war \u2013 sein K\u00f6nnen schon vorher an zwei Ouvert\u00fcren italienischen Typs erprobt, kein Wunder also, dass diese Musik voller Elan und Feuer ist.<br \/>\nUnd noch etwas war mir beim Zuh\u00f6ren aufgefallen: Waren die Streicher- und zwar alle von hoch bis tief &#8211;\u00a0 wirklich so weich und dennoch intensiv, wie es mir vorkam? Nicht, dass sie in den vergangenen Konzerten nicht gut gespielt h\u00e4tten, aber da war etwas Neues zu h\u00f6ren, etwas Ver\u00e4ndertes!<br \/>\nBeim Mozart\u2019schen Oboenkonzert w\u00fcrde man ja weitersehen!<br \/>\nAls die junge Solistin in ihrem langen roten Kleid die B\u00fchne betrat, hatte sich das Orchester ein wenig auf \u201eMozart-Ma\u00df\u201c verkleinert.\u00a0 Marie-Luise Modersohn ist seit 2005 Solo-Oboistin der M\u00fcnchner Philharmoniker. Schon im ersten Satz, dem Allegro aperto, wurde deutlich: das Orchester \u2013 trotz seines martialischen Namens \u201eWilde Gungl\u201c \u2013 war alles andere als wild, sondern begleitete die Solistin mit der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Delikatesse. Es wurde eine Sternstunde. Das Spiel der Oboistin war samtweich und melodisch, nie schrill oder unangenehm n\u00e4selnd, sondern klangsch\u00f6n und hingebungsvoll, so sch\u00f6n, wie Mozarts Musik eben nur sein kann. In aller aufmerksamsten Gelassenheit bescherte das Orchester unter seinem Dirigenten Michele Carulli den drei S\u00e4tzen das Silbertablett, wie eine gute Begleitung eben sein kann und sollte. Nat\u00fcrlich wei\u00df Carulli als Bl\u00e4ser, wie sich ein Solist die ideale Begleitung w\u00fcnscht und vorstellt. Das \u2013 vor allem nat\u00fcrlich im klangsch\u00f6nsten singenden zweiten Satz \u2013 gelang ausnehmend gut, dazwischen immer wieder die kleineren oder gr\u00f6\u00dferen Kadenzen der Solistin, einfach wundersch\u00f6n. Tosender Beifall, den Marie-Luise Modersohn mit einer Zugabe \u2013 einem der f\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Oboe solo von Benjamin Britten (1913-1976) nach Metamorphosen von Ovid, n\u00e4mlich \u201ePan\u201c \u2013 \u201ebelohnte\u201c.\u00a0 Und es war wirklich etwas Neues im Klang der Streicher, wie deutlich wurde.<br \/>\nNach der Pause dann die vierte Symphonie von Ludwig van Beethoven, die Schumann ja einmal \u201eeine griechisch schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen\u201c genannt hat.<br \/>\nAber was die \u201eWilde Gungl\u201c und Michele Carulli da zu Geh\u00f6r brachten, war alles andere als ein Zwischenspiel zwischen der Dritten (Eroica) und der F\u00fcnften (Schicksalssymphonie). Schon der Beginn des ersten Satzes \u2013 geteilt in ein einleitendes Adagio und ein heftiges Allegro vivace \u2013 machte klar, dass hier Beethoven und nicht etwa ein anderer Symphoniker zu h\u00f6ren war. Diese Energie, diese unmittelbaren Abbr\u00fcche und Aufschw\u00fcnge, diese \u00dcberg\u00e4nge vom Energischsten zum fast unbewegt Ruhevollen, seine ausgefeilte Melodik und die das ganze Orchester souver\u00e4n einsetzende Instrumentation und Harmonik, das ist stets aufs Neue bewegend und erhebend.\u00a0 Der zweite Satz schwelgt nat\u00fcrlich in himmlischen Gefilden, was mich immer wieder davon \u00fcberzeugt, dass Beethoven eben doch einer der gr\u00f6\u00dften Melodiker war und ist.<br \/>\nDie rhythmischen Vertracktheiten des dritten Satzes sind f\u00fcr ein klassisches Scherzo noch immer verwirrend und R\u00e4tsel aufgebend: Ist es nun ein Menuett oder eben doch ein \u201eZwiefacher\u201c? Jedenfalls entfesselte der Dirigent mit all seinem Temperament und seiner Energie das gesamte Potential an Klang und Rhythmus in diesem Satz.<br \/>\nKonnte noch mehr kommen? Ja, es kam ein Finale von \u00fcbersch\u00e4umendem Temperament, wie es im Programmheft hie\u00df. Und das kam dann auch, Michele Carulli verdeutlichte mit all seinem Einsatz, welch eine ungeheure Energie diese Beethoven\u2019sche Musik in sich birgt und wie man sie \u2013 das Orchester \u201eWilde Gungl\u201c\u00a0 und sein Dirigent\u00a0 &#8211; beschw\u00f6rt und erlebbar macht.<br \/>\nRiesengro\u00dfer Beifall, Bravo-Rufe, die eine Zugabe nach sich zogen, n\u00e4mlich nochmal die Reprise des vierten Satzes, mit einer kurzen Unterbrechung, in der Michele Carulli auf die Bedeutung der Beethoven\u2019schen Musik hinwies und sich sehr eindrucksvoll bei \u201eseinem\u201c Orchester bedankte. Wenn das so weiter geht, w\u00e4chst da ein n\u00e4chstes \u2013 nicht mehr zu \u00fcberh\u00f6rendes und \u00fcbersehendes \u2013 gro\u00dfes Orchester in der M\u00fcnchner Musik-Landschaft heran, und das kann dieser Stadt und ihren Zeitungen ja nur gut tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 5. 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