{"id":5805,"date":"2023-08-04T17:39:00","date_gmt":"2023-08-04T15:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5805"},"modified":"2023-08-05T11:11:40","modified_gmt":"2023-08-05T09:11:40","slug":"nur-solides-mittelfeld-fabio-luisis-nielsen-zyklus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/08\/04\/nur-solides-mittelfeld-fabio-luisis-nielsen-zyklus\/","title":{"rendered":"Nur solides Mittelfeld: Fabio Luisis Nielsen-Zyklus"},"content":{"rendered":"\n<p>DG 486 3471 (3CD); EAN: 0028948634712<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5806\" width=\"470\" height=\"470\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Nielsen-Symphonien-Luisi.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Italiener <\/em>Fabio Luisi<em> leitet das <\/em>Danish National Symphony Orchestra <em>seit 2017 und hat nun mit diesem seit jeher eng dem Werk<\/em> Carl Nielsens <em>verpflichteten Klangk\u00f6rper einen neuen Zyklus von dessen sechs Symphonien auf Deutsche Grammophon eingespielt. Die Vokalisen in der <\/em>\u201eSinfonia espansiva\u201c<em> gestalten <\/em>Fatma Said<em> und <\/em>Palle Knudsen<em>. Kann die neue Box unter den mittlerweile zahlreichen Gesamtaufnahmen bestehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von den im Zeitraum von 1892 bis 1925 entstandenen sechs Symphonien <em>Carl Nielsens<\/em> (1865\u20131931) brauchte selbst die ber\u00fchmteste \u2013 Nr.&nbsp;4 <em>\u201eDas Unausl\u00f6schliche\u201c<\/em> \u2013 sehr lange, bis sie halbwegs ins feste, internationale Repertoire gefunden hat. Erst seit wenigen Jahren spielen selbst engagierte studentische Orchester dieses anspruchsvolle Werk. Dennoch setzen es auch die gro\u00dfen Profi-Institutionen nicht wirklich h\u00e4ufig auf ihre Programme \u2013 von den \u00fcbrigen f\u00fcnf Symphonien des d\u00e4nischen Meisters, die s\u00e4mtlich mit au\u00dfergew\u00f6hnlichen Qualit\u00e4ten aufwarten k\u00f6nnen, ganz zu schweigen. Dass Herbert von Karajan 1981 die Vierte mit den Berlinern f\u00fcr DG \u2013 sehr sch\u00f6n \u2013 eingespielt, aber praktisch nie im Konzert aufgef\u00fchrt hat, spricht f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem existieren mittlerweile gut 20 Gesamtaufnahmen der 6 Nielsen-Symphonien, alleine vier mit dem <em>Danish National Symphony Orchestra<\/em> (identisch mit dem D\u00e4nischen Rundfunk-Symphonieorchester \u2013 DRSO). Deren erste aus den 1950er Jahren wurde noch von verschiedenen Dirigenten gestemmt (Erik Tuxen, Thomas Jensen und Launy Gr\u00f8ndahl), sp\u00e4ter folgten Zyklen mit Herbert Blomstedt (1975, EMI) und Michael Sch\u00f8nwandt (1999\u20132000, Danacord). Begonnen 2019, kurz vor dem Corona-Ausbruch, wollte man dann wohl auch dem seit 2017 amtierenden italienischen Chefdirigenten <em>Fabio Luisi <\/em>die Gelegenheit geben, sich mit diesen h\u00f6chst individuellen Werken auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Ergebnis f\u00e4llt sehr uneinheitlich aus. Betrachtet man die Spielkultur des DRSO, so ist es eigentlich selbstverst\u00e4ndlich, dass in den bald 50 Jahren seit Blomstedts EMI-Aufnahme die technische Qualit\u00e4t nochmals h\u00f6rbar gewachsen ist. Und nat\u00fcrlich kennt das Orchester alle Symphonien Nielsens wahrscheinlich besser als jeder Dirigent: Sie geh\u00f6ren definitiv zu dessen Aush\u00e4ngeschildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Blomstedt hat dann Ende der 1980er mit der San Francisco Symphony eine der bis heute ma\u00dfstabsetzenden Einspielungen pr\u00e4sentiert (Decca). Gerade bei diesem Vergleich \u2013 seine Kopenhagener \u201aBox\u2018 wurde k\u00fcrzlich wieder von Erato als Streaming-Version aufgelegt \u2013 erkennt man, inwieweit selbst ein hochgradig bef\u00e4higter Dirigent an diesem Repertoire noch wachsen kann \u2013 und muss! Etwa auf diesem Level bewegte sich auch Sch\u00f8nwandts Lesart: klar, unpr\u00e4tenti\u00f6s, ohne \u201eMacken\u201c oder pers\u00f6nliche Eitelkeiten \u2013 das DRSO zelebrierte Nielsens Musik dabei makellos.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht \u00fcberraschend, dass gerade berufene Sibelius-Interpreten wie Paavo Berglund (unterk\u00fchlt), Colin Davis (v\u00f6llig \u00fcberhetzt und oberfl\u00e4chlich) oder John Storg\u00e5rds (langweilig) Nielsens Symphonik \u00fcberhaupt nicht gerecht wurden. Bei Fabio Luisi w\u00e4re man geneigt, anzunehmen, dass Nielsen seinen Repertoire-Vorlieben \u2013 man denke an die guten Franz Schmidt Einspielungen \u2013 entgegenkommen sollte. Nielsen hingegen verweigert sich jeglichen Profilierungsneurosen: Wenn ein Dirigent versucht, diese Musik zu \u201epushen\u201c, r\u00e4cht sich das ausnahmslos. Manches wirkt so sofort geschwollen, gewollt; der Charakter eines Satzes leidet schon unter geringen \u201eaufgesetzten\u201c Tempomodifikationen, betr\u00e4fen die das Grundzeitma\u00df oder zu auff\u00e4llige agogische Freiheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst das Positive: Abgesehen von der \u2013 wie bei Sch\u00f8nwandt \u2013 durchgehend souver\u00e4nen Orchesterleistung, gelingen Luisi einige S\u00e4tze rundum zufriedenstellend: Dazu z\u00e4hlt \u2013 bis auf den eindeutig zu flotten 3. Satz, der eher Brahmssche Intermezzo-Qualit\u00e4ten haben k\u00f6nnte \u2013 die 1.&nbsp;Symphonie; diese bereits ein toller Gattungsbeitrag. In der 2.&nbsp;Symphonie <em>Die 4 Temperamente<\/em> verlangt ja der Titel verbatim nach sehr klar modellierten \u201eCharakterz\u00fcgen\u201c; der Choleriker zu Beginn wird noch gut getroffen. Der Phlegmatiker ist analog zum \u201eScherzo\u201c \u2013 Nielsen verwendet den Begriff nie \u2013 der Ersten zu hastig. Der melancholische dritte Satz wird daf\u00fcr ein wenig zu breitgetreten, der H\u00f6hepunkt \u00fcbertrieben. Das Finale geht ziemlich schief und der Sanguiniker kommt plump wie ein Dorftrottel daher: Undifferenziert rammt Luisi den Hauptrhythmus in den Boden. Blomstedt (Decca) oder Sakari Oramo (BIS) demonstrieren, welch t\u00e4nzerische Offenbarungen hier stattfinden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie zuvor versteht Luisi auch in der <em>Sinfonia espansiva<\/em> (Nr.&nbsp;3) zumindest einen Satz gar nicht \u2013 wiederum das Finale. Zu breit, zu laut: Der ganze Hymnus bl\u00e4ht sich so unehrlich auf. Das k\u00f6nnen die \u00fcberaus ansprechenden, freilich marginalen Vokalisen im zweiten Satz \u2013 mit der fantastischen <em>Fatma Said<\/em> und <em>Palle Knudsen<\/em> \u2013 nicht aufwiegen. Sehr gut funktionieren die ersten drei S\u00e4tze der durchgehenden <em>Unausl\u00f6schlichen<\/em> \u2013 organisch im Aufbau und pr\u00e4gnanter als im Rest werden Sinn und Zweck der verschiedenen Themen klar. Das Finale mit seinem ber\u00fchmten Paukenduell \u2013 das nur oberfl\u00e4chlich an Artillerie des Ersten Weltkriegs erinnern soll \u2013 nimmt Luisi f\u00fcr den Geschmack des Rezensenten um Einiges zu schnell. Karajan liegt hier goldrichtig; ein \u00dcberma\u00df an \u00e4u\u00dferlicher Virtuosit\u00e4t dient dem anschaulich vorgetragenen \u201eLebenskampf\u201c nicht wirklich. Unertr\u00e4glich dann wieder Luisis v\u00f6llig aus dem Ruder laufende Verbreiterung ganz zum Schluss \u2013 da \u00fcbertrieb allerdings selbst der bekanntlich bescheidene Herbert Blomstedt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden letzten Symphonien Nielsens aus den 1920ern sind tats\u00e4chlich wesentlich moderner: Der Komponist geht damit viel weiter als der gleichaltrige, freilich zu dieser Zeit weitgehend verstummte Jean Sibelius. Die geheimnisvollen wie irritierenden Klangfl\u00e4chen bzw. Ostinati zu Beginn der F\u00fcnften erscheinen etwa bei Blomstedt wie der Zaubertrank des Miraculix \u2013 unverzichtbare Ingredienzien eines starken, zugleich ambivalenten Mysteriums. Bei Luisi sind das eher St\u00f6rfelder, die es zu \u00fcbert\u00fcnchen gilt. Kontrapunktische Abschnitte werden zwar durchsichtig, jedoch der wieder hymnische Schlussteil \u2013 durchaus mit Anspielungen an die Vierte \u2013 zu schreierisch, im Detail nicht ann\u00e4hernd ausbalanciert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zun\u00e4chst sehr verst\u00f6rende 6.&nbsp;Symphonie \u2013 nichts ist da <em>\u201esemplice\u201c<\/em> \u2013 mit ihren eigent\u00fcmlichen, hohen Schlagwerkakzenten wirkt bei Luisi zwiegespalten. Nach einem sch\u00f6nen Kopfsatz kommt die Humoreske schon ordentlich schr\u00e4g daher, was sie ja zweifellos ist; echten Humor sucht man dabei leider vergebens. Dasselbe gilt f\u00fcr den Variationssatz, vor allem erneut f\u00fcr dessen k\u00fcnstlich aufgepumpten Schluss. Insgesamt entt\u00e4uscht in Luisis Darbietungen eine deutlich zu pauschale Dynamik: Die Bl\u00e4ser \u00fcberdecken sehr h\u00e4ufig die Streicher und alles ist \u00fcber Strecken schlicht zu laut. Hier schaffen mehrere Kollegen einen konsequenteren Aufbau der Klangschichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufnahmetechnisch kommt die DG-Ver\u00f6ffentlichung zwar bei Weitem nicht an Oramos klanglich sensationelle drei BIS-SACDs heran, ist trotzdem ordentlich. Nur gibt es grenzwertig viel Hall, wodurch nat\u00fcrlich einige laute und komplexe Stellen etwas matschig und verschwommen ankommen. Der Rezensent fragt sich, ob DG mit der Abmischung von Dolby Atmos\u00ae Produktionen in simples Stereo noch generell Probleme hat: Besonders negativ fiel dies z.\u00a0B. bei Richard Strauss\u2018 Orchesterwerken unter Andris Nelsons auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Luisis Dirigate stellen keinen Fortschritt zur Sch\u00f8nwandt-Aufnahme des DRSO \u2013 mittlerweile in Lizenz bei Naxos erh\u00e4ltlich \u2013 dar: Der Maestro steht des \u00d6fteren der Musik im Wege. Das Orchester setzt selbstverst\u00e4ndlich bravour\u00f6s Luisis Ideen um; die st\u00f6ren allerdings eher, als dass sie bestimmte Aspekte von Nielsens Symphonik klarstellen oder glaubw\u00fcrdig unterstreichen w\u00fcrden. Im DG-Katalog ergibt sich so immerhin ein gewichtiges Upgrade zur ziemlich missratenen Gesamtaufnahme Neeme J\u00e4rvis, die mit ganz hei\u00dfer Nadel gestrickt war \u2013 Turbo ohne Sinn und Verstand. Blomstedts zweiter Zyklus aus San Francisco bildete offensichtlich in seiner durchdachten Profiliertheit den N\u00e4hrboden f\u00fcr aktuellere, sehr gelungene Neueinspielungen. Neben Sch\u00f8nwandt bleiben dies insbesondere die Dacapo-Produktion mit New York Philharmonic unter Alan Gilbert sowie Sakari Oramos aufnahmetechnisch gleicherma\u00dfen absolut konkurrenzloser Zyklus aus Stockholm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong>San Francisco Symphony, Herbert Blomstedt (Decca 460 985-2 &amp; 460 988-2, 1987-89); G\u00f6teborgs Symfoniker, Neeme J\u00e4rvi (DG 00289 477 5514, 1990\u201392); Danish National Symphony Orchestra, Michael Sch\u00f8nwandt (Naxos 8.570737-39 [3 Einzel-CDs], 1999\u20132000); New York Philharmonic, Alan Gilbert (Dacapo 6.200003, 2011\u201314); Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Sakari Oramo (BIS-2028, BIS-2048 &amp; BIS-2128, 2012\u201314) \u2013 [Nr.&nbsp;4] Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan (DG 445-518, 1981)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DG 486 3471 (3CD); EAN: 0028948634712 Der Italiener Fabio Luisi leitet das Danish National Symphony Orchestra seit 2017 und hat nun mit diesem seit jeher eng dem Werk Carl Nielsens verpflichteten Klangk\u00f6rper einen neuen Zyklus von dessen sechs Symphonien auf Deutsche Grammophon eingespielt. 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