{"id":5827,"date":"2023-08-15T03:02:58","date_gmt":"2023-08-15T01:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5827"},"modified":"2023-08-20T18:13:56","modified_gmt":"2023-08-20T16:13:56","slug":"soli-deo-gloria-klaus-sonnleitners-grundlegendes-buch-ueber-augustinus-franz-kropfreiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/08\/15\/soli-deo-gloria-klaus-sonnleitners-grundlegendes-buch-ueber-augustinus-franz-kropfreiter\/","title":{"rendered":"\u201eSoli Deo Gloria\u201c \u2013 Klaus\u00a0Sonnleitners grundlegendes Buch \u00fcber Augustinus Franz Kropfreiter"},"content":{"rendered":"\n<p>Hollitzer Verlag, Wien 2022; ISBN: 978-3-99012-984-5<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Soli_Deo_Gloria.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Soli_Deo_Gloria.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5828\" width=\"488\" height=\"690\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Soli_Deo_Gloria.jpg 708w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Soli_Deo_Gloria-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 488px) 100vw, 488px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n<p><em>Im Hollitzer-Verlag erschien eine umfangreiche Studie samt Werkverzeichnis \u00fcber das kompositorische Schaffen des langj\u00e4hrigen Stiftsorganisten und Regens Chori von St.&nbsp;Florian, Augustinus Franz Kropfreiter (1936\u20132003), verfasst vom amtierenden Stiftsorganisten, Klaus Sonnleitner.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich denkt man als Musikfreund, wenn die Rede auf das Augustiner-Chorherrenstift St.&nbsp;Florian in Ober\u00f6sterreich kommt, zun\u00e4chst an Anton Bruckner, mit dessen Namen das Stift unausl\u00f6schlich verbunden ist. Nun ist Bruckner zwar gewiss der gr\u00f6\u00dfte, aber nicht der einzige bedeutende Komponist, der in St. Florian gewirkt hat. Tats\u00e4chlich steht er in einer langen Reihe hervorragender M\u00e4nner, die das Musikleben im Stift \u00fcber mehrere Jahrhunderte hinweg auf hohem Niveau hielten und bis in unsere Zeit halten. Einige dieser Musiker haben sich, wie Bruckner, auch als Komponisten bet\u00e4tigt. Da w\u00e4re aus der vorbrucknerschen Zeit vor allem der Chorherr Franz Aumann (1728\u20131797) zu nennen, ein beschlagener Kontrapunktiker und einfallsreicher Harmoniker, dessen Messen zum Besten geh\u00f6ren, was Geistliche in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts f\u00fcr den eigenen Bedarf komponiert haben. Ebenso findet sich im fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhundert mit Franz Xaver M\u00fcller (1870\u20131948) ein kompositorisch hochbegabter Priester, der neben Messen und kleineren Chorwerken auch ein Oratorium \u00fcber den Heiligen Augustinus und eine einst\u00fcndige Symphonie geschrieben hat, und dar\u00fcber hinaus der Autor sehr lebendig geschriebener Erinnerungen an Anton Bruckner ist. F\u00fcr Organisten sehr zu empfehlen sind seine beiden Orgelst\u00fccke, <em>In Memoriam Anton Bruckner<\/em> und <em>Praeludium \u201ePassion\u201c<\/em>, die bei Carus in einem Band erschienen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcberragende Figur der j\u00fcngeren St.&nbsp;Florianer Musikgeschichte ist zweifellos Augustinus Franz Kropfreiter, dessen Todestag sich am 26. September 2023 zum 20. Male j\u00e4hrt. Der 1936 geborene Kropfreiter, der 17-j\u00e4hrig ins Stift eintrat und, 1958 zum Laienbruder geworden, dort seit 1960 als Organist, seit 1966 als Regens Chori t\u00e4tig war, hinterlie\u00df von allen in St.&nbsp;Florian wirkenden Komponisten das zahlenm\u00e4\u00dfig umfangreichste und hinsichtlich der Gattungen vielf\u00e4ltigste Gesamtwerk. \u00dcber 500 Kompositionen hat Kropfreiter geschrieben, wobei das Spektrum von kurzen Gelegenheitsst\u00fccken f\u00fcr verschiedene geistliche und weltliche Anl\u00e4sse \u00fcber Kammermusik und Konzerte in unterschiedlichsten Besetzungen, Motetten, Kantaten und Messen bis hin zu Symphonien und oratorischen Werken reicht. \u00dcber die Grenzen \u00d6sterreichs hinaus wurden vor allem seine Orgelwerke bekannt. Die <em>Toccata Francese<\/em> von 1961 d\u00fcrfte zu den meistgespielten Orgelst\u00fccken aus der zweiten H\u00e4lfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts geh\u00f6ren. Dass der weltweit gefragte Organist, wie einst Bruckner, auch ein genialer Improvisator war, belegen mehrere auf CD ver\u00f6ffentlichte Mitschnitte seines Spiels.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Bruckner, den er verehrte, schrieb Kropfreiter seine Werke allein zur Ehre Gottes, \u201eSoli Deo Gloria\u201c, wie er am Schluss seiner Manuskripte stets vermerkte. Stilistisch hat seine Musik allerdings mit Bruckner wenig zu tun. Schon in der durchschnittlichen Ausdehnung seiner Kompositionen zeigt sich dies. Tendenziell sind Kropfreiters St\u00fccke eher knapp gefasst. Die mehrs\u00e4tzigen Werke in Sonatenform dauern oft weniger als 20 Minuten, keine seiner drei Symphonien ist abendf\u00fcllend. Der \u00fcberwiegend kontrapunktisch-lineare Satz l\u00e4sst deutlich die Verwurzelung des Komponisten in der neoklassizistischen und neobarocken Musik des 20.&nbsp;Jahrhunderts zutage treten. Kropfreiter selbst nannte Paul Hindemith, Johann Nepomuk David, Frank Martin und Anton Heiller als \u00e4ltere Kollegen, denen er sich besonders nahe f\u00fchlte. Von avantgardistischen Tendenzen wollte er nichts wissen und bekannte sich zeitlebens zur Tonalit\u00e4t, die er auf originelle, eigenst\u00e4ndige Weise, mit einer Vorliebe f\u00fcr kantige Dissonanzen und irisierende Mixturkl\u00e4nge, zu handhaben verstand. In Kropfreiters Musik wechseln robuste, kernige Charaktere mit nachdenklichen, in der Regel klanglich ausged\u00fcnnten Abschnitten. Ein kauziger Humor ist dem Komponisten gleichfalls nicht fremd, namentlich wenn er, was er in sp\u00e4teren Jahren regelm\u00e4\u00dfig tut, als pers\u00f6nliche Signatur das Lied vom \u201eLieben Augustin\u201c zitiert. Kropfreiters Herkunft von der Orgel zeigt sich \u2013 und hier ber\u00fchrt er sich doch noch mit Bruckner \u2013 in seiner Vorliebe f\u00fcr blockhafte Instrumentation und deutliche Trennung der einzelnen Klanggruppen, die einander in der Art von Orgelregistern gegen\u00fcbergestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre nach dem Tode des Komponisten ver\u00f6ffentlichte die mit ihm gut bekannte Autorin Georgina Szelless im Trauner-Verlag eine Biographie Kropfreiters, die, reich bebildert, \u00fcber Leben und Pers\u00f6nlichkeit des K\u00fcnstlers ausgiebig Auskunft gibt, und der als Probe seines musikalischen Wirkens der Mitschnitt einer Improvisation auf CD beiliegt. Diesem verdienstvollen Werk hat sich im vergangenen Jahr die umfangreiche Studie <em>\u201eSoli Deo Gloria\u201c. Zum Schaffen Augustinus Franz Kropfreiters<\/em> von Klaus Sonnleitner angeschlossen, die im Hollitzer Verlag erschienen ist. Der Autor wurde 2006 Kropfreiters Nachfolger als Stiftsorganist, ist selbst Augustiner-Chorherr und seit 1997 in St.&nbsp;Florian beheimatet. Er hat den Komponisten noch pers\u00f6nlich kennen gelernt und nach seinem Tode seinen musikalischen Nachlass geordnet, d\u00fcrfte mithin mit Kropfreiters Gesamtwerk vertraut sein wie sonst kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonnleitners gut 550 Seiten starkes Buch gliedert sich ungef\u00e4hr zu gleichen Teilen in eine Darstellung des K\u00fcnstlers Kropfreiter und ein sorgf\u00e4ltig kommentiertes Verzeichnis seiner Werke, das zu jeder Komposition (soweit verf\u00fcgbar) die Entstehungsdaten, Urauff\u00fchrung und weitere wichtige Auff\u00fchrungen, Titel und Taktzahl der S\u00e4tze, Aufbewahrungsort des Manuskripts, Ver\u00f6ffentlichungsort und -zeit, sowie \u00c4u\u00dferungen des Komponisten und zeitgen\u00f6ssische Besprechungen mitteilt. Im ersten Teil geht es dem Autor weniger um die Beschreibung einzelner Werke als um eine Gesamtschau auf Augustinus Franz Kropfreiter als sch\u00f6pferischen Menschen und seine Stellung im Musikleben seiner Zeit. Sonnleitner zitiert ausgiebig aus Briefen von und an Kropfreiter und l\u00e4sst so die Pers\u00f6nlichkeit Kropfreiter im Dialog mit ihrer Umwelt lebendig werden. Wir erhalten einen Einblick in die Lebensumst\u00e4nde im Stift St.&nbsp;Florian und in Kropfreiters musikalische Aufgaben, erfahren, welche Geborgenheit dem tief religi\u00f6sen Komponisten das kl\u00f6sterliche Leben bot, aber auch, dass es nicht ganz frei von Konflikten war. So wurde Kropfreiter zwar von Anfang an in seiner Ausbildung vom Stift unterst\u00fctzt, ein Brief seines Pr\u00e4laten Leopold Hager aus dem Jahr 1960 zeugt allerdings davon, dass der junge Organist mit seinen Improvisationen gelegentlich aneckte: Einen \u201eKobold\u201c meinte Hager w\u00e4hrend Kropfreiters Spiel an der Orgel sitzen zu h\u00f6ren. Die Belehrungen des Pr\u00e4laten zeihen sich insgesamt \u00fcber einen Zeitraum von etwa anderthalb Jahrzehnten. Der Mitbruder wird regelm\u00e4\u00dfig ermahnt, seine geistlichen Pflichten nicht zu Gunsten der Musik (und anscheinend h\u00e4ufiger Besuche im Stiftskeller) zu vernachl\u00e4ssigen. Als musikalische und menschliche Vorbilder werden ihm Bruckner und Franz Xaver M\u00fcller empfohlen. Mit den sp\u00e4teren Pr\u00e4laten stand Kropfreiter dann auf deutlich besserem Fu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6chst erhellend sind die \u00c4u\u00dferungen Kropfreiters und zahlreicher Musikerkollegen zur Situation der zeitgen\u00f6ssischen Musik in \u00d6sterreich, die Sonnleitner teils aus Briefen, teils aus Interviews zusammengetragen hat. Kropfreiter erscheint hier als ein zugleich weltoffener und prinzipientreuer Komponist, der nicht m\u00fcde wird, den Wert des soliden kompositionstechnischen Handwerks zu betonen, sich in einer gro\u00dfen Tradition sieht, aber auch \u201e\u00fcber den Tellerrand\u201c hinaus blickt, etwa nach Frankreich; der sich mit neueren Entwicklungen auseinandersetzt, die Zw\u00f6lftonmethode studiert, ohne sie streng f\u00fcr sich zu \u00fcbernehmen, sich jedoch gegen\u00fcber \u201ereinen Zeiterscheinungen, die wie ein Schlager kommen und gehen[, d]ie sogar ein geregeltes Musikstudium gar nicht brauchen[,]\u201c in klare Opposition begibt. Dass Kropfreiter kein Avantgardist werden w\u00fcrde, zeigte sich schon am Anfang seiner Laufbahn, als er bei Helmut Eder studierte. K\u00f6stlich zu lesen ist diesbez\u00fcglich das von G\u00fcnther Firlinger stammende Zeugnis, dass Eder, der gemeint habe, j\u00fcngere Komponisten m\u00fcssten doch eigentlich moderner komponieren als er selbst, Kropfreiter seinen \u00fcbrigen Sch\u00fclern als warnendes Beispiel vor Augen gef\u00fchrt und, wenn ihm eines ihrer Werke zu wenig fortschrittlich erschien, dies mit dem Ausspruch: \u201edieses St\u00fcck kropfreitert\u201c kommentiert habe. St\u00e4rker ins Gewicht f\u00e4llt die Kritik von Thomas Daniel Schlee, der das unvollendete letzte Werk Kropfreiters, die Kantate <em>Canticum Sancti Floriani Martyris<\/em>, zu Ende komponierte (und dabei vorz\u00fcgliche Arbeit geleistet hat). Nach Schlee h\u00e4tte \u201eein Mann von dieser \u00fcberragenden Meisterschaft und Begabung\u201c, anstatt in dem \u201egesch\u00fctzten Raum\u201c von St.\u00a0Florian zu verweilen, \u201ein die Welt hinaus geh\u00f6rt, die er eigentlich immer nur als Gast erlebt hat.\u201c Kropfreiter habe viele seiner besten Werke in relativ jungem Alter geschrieben, hingegen mache sich in sp\u00e4teren Arbeiten der \u201eAspekt der Festgefahrenheit\u201c bemerkbar. Schlee betont aber auch, dass \u201edie Werke allerdings nach wie vor untadelig sind in ihrer Form\u201c, und weiter hei\u00dft es: \u201eSeine Musik macht beim Lesen den Eindruck, dass sie von einem ganz wachen Geist und immer sehr linear geschrieben ist. Auch die harmonische Ausf\u00fchrung [\u2026] ist immer sehr linear. Die Sauberkeit der linearen Organisation seiner Musik ist wunderbar. Das Durchlesen dieser St\u00fccke alle paar Monate empfinde ich f\u00fcr mich als Entschlackung \u2013 einen Stil zu lesen, der so sch\u00f6n linear gef\u00fchrt ist, das hat f\u00fcr mich einen geradezu di\u00e4tischen Wert!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dass Kropfreiter ein sehr genauer, z\u00e4her und selbstkritischer Arbeiter war, erfahren wir aus Sonnleitners Buch. Das Ziel war stets die mit kalligraphischer Sorgfalt ausgef\u00fchrte Reinschrift, der man, wie Abbildungen beweisen, nichts von den M\u00fchen des Arbeitsprozesses ansieht. Mitunter hat der Komponist aber auch fertige Werke einer Revision unterzogen und Takte durch \u00dcberklebungen ersetzt. Aber Sonnleitner widmet sich nicht nur dem handwerklichen Aspekt der kompositorischen Arbeit Kropfreiters, sondern zeigt auch den Weg zu den Quellen der Inspiration. Wir lernen Kropfreiter als Leser kennen, der sich auf der Suche nach guten Textgrundlagen f\u00fcr Vokalwerke mit unterschiedlichsten Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart besch\u00e4ftigt. Doch ebenso hat die bildende Kunst in seinem Leben keine geringe Rolle gespielt, sodass Sonnleitner neben den Textgrundlagen der Kropfreiterschen Musik auch den Bildvorlagen ein eigenes Kapitel widmet. Von besonderem Vorteil ist in diesem Abschnitt des Buches, dass die Kunstwerke, die den Komponisten zu Musikst\u00fccken anregten, auch in Farbabbildungen gezeigt werden. Nat\u00fcrlich kommt Kropfreiter \u00fcber sein Komponieren selbst ausgiebig zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Braucht man noch gesondert zu betonen, dass Klaus Sonnleitners Buch eine hervorragende Arbeit ist, mit der sich nicht nur jeder, der sich speziell f\u00fcr Augustinus Franz Kropfreiter interessiert, besch\u00e4ftigen sollte? Auch als Beitrag zur Musikgeschichte des Stiftes St.&nbsp;Florian ist es von h\u00f6chstem Wert. Gleichfalls wird keiner, der etwas \u00fcber \u00f6sterreichische Musik in der zweiten H\u00e4lfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts wissen will, um dieses Werk herumkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, August 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hollitzer Verlag, Wien 2022; ISBN: 978-3-99012-984-5 Im Hollitzer-Verlag erschien eine umfangreiche Studie samt Werkverzeichnis \u00fcber das kompositorische Schaffen des langj\u00e4hrigen Stiftsorganisten und Regens Chori von St.&nbsp;Florian, Augustinus Franz Kropfreiter (1936\u20132003), verfasst vom amtierenden Stiftsorganisten, Klaus Sonnleitner. 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