{"id":5837,"date":"2023-08-27T05:14:56","date_gmt":"2023-08-27T03:14:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5837"},"modified":"2023-08-30T17:25:18","modified_gmt":"2023-08-30T15:25:18","slug":"brucknertage-st-florian-frueher-bruckner-und-spaeter-kropfreiter-in-mustergueltigen-auffuehrungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/08\/27\/brucknertage-st-florian-frueher-bruckner-und-spaeter-kropfreiter-in-mustergueltigen-auffuehrungen\/","title":{"rendered":"Brucknertage St.\u00a0Florian: fr\u00fcher Bruckner und sp\u00e4ter Kropfreiter in musterg\u00fcltigen Auff\u00fchrungen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Rahmen der Brucknertage dirigierte R\u00e9my Ballot in der Basilika des Stiftes St.&nbsp;Florian das Altomonte-Orchester und die St.&nbsp;Florianer Chorakademie in Auff\u00fchrungen des 146.&nbsp;Psalms und der Symphonie d-Moll, der \u201eAnnullierten\u201c. Das Ballot-Quartett und Martin N\u00f6bauer, Klavier, spielten auf Schloss Tillysburg Bruckners Streichquartett, das Streichquartett Nr.&nbsp;3 von Augustinus Franz Kropfreiter und das Klavierquintett von C\u00e9sar Franck. Die Auff\u00fchrung der Ersten Symphonie Bruckners von den Brucknertagen 2022 ist bei Gramola auf CD erschienen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5839\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230819_141137-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Stift St. Florian<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Viel Gutes gibt es aus St.&nbsp;Florian von den diesj\u00e4hrigen Brucknertagen zu berichten. Da w\u00e4re zun\u00e4chst die Meldung, dass eine weitere Folge von R\u00e9my Ballots Bruckner-Zyklus auf CD herausgekommen ist: Mit der Auff\u00fchrung der Ersten Symphonie durch das Altomonte-Orchester St.&nbsp;Florian, <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/25\/der-kecke-besen-in-vollendung-remy-ballot-altomonte-orchester-hard-chor-brucknertage-st-florian\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/08\/25\/der-kecke-besen-in-vollendung-remy-ballot-altomonte-orchester-hard-chor-brucknertage-st-florian\/\">von der auf diesen Seiten vor einem Jahr berichtet wurde<\/a>, liegen nun bei Gramola alle nummerierten Symphonien Bruckners unter Ballots Leitung vor. Zwar gibt Gramola als offizielles Ver\u00f6ffentlichungsdatum den 13.&nbsp;Oktober 2023 an, doch kann man die Neuerscheinung bereits im St.&nbsp;Florianer Stiftsladen erwerben:<\/p>\n\n\n\n<p>Gramola 99283; EAN: 9 003643<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Ballot-Bruckner-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Ballot-Bruckner-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5838\" width=\"462\" height=\"415\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Ballot-Bruckner-1.jpg 700w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Ballot-Bruckner-1-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Meinen Kommentar von 2022 zusammenfassend, m\u00f6chte ich an dieser Stelle nur betonen, dass diese Aufnahme der Wiener Fassung Ma\u00dfst\u00e4be hinsichtlich der Darstellung des organischen Zusammenhangs setzt und sie deshalb jedem empfehlen, der sich f\u00fcr Bruckners Erste interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Programm der beiden diesj\u00e4hrigen Symphoniekonzerte am 18. und 19.&nbsp;August standen die annullierte d-Moll-Symphonie von 1869 (f\u00e4lschlich \u201eNullte\u201c genannt) und der 146.&nbsp;Psalm f\u00fcr Soloquartett, Chor und Orchester, ein bislang viel zu wenig beachtetes Meisterst\u00fcck aus Bruckners \u201evorsymphonischer\u201c Zeit, das entweder am Ende der St.&nbsp;Florianer oder zu Beginn der Linzer Jahre, h\u00f6chstwahrscheinlich vor 1858 entstanden ist. Erneut dirigierte R\u00e9my Ballot das Altomonte-Orchester St.&nbsp;Florian. Als Chor stand diesmal die St.&nbsp;Florianer Chorakademie zur Verf\u00fcgung (Einstudierung durch Edgar Wolf und Martin Zeller). Die Soli sangen, wie bereits 2022, Regina Riel (Sopran), Gerda Lischka (Alt), Markus Miesenberger (Tenor) und Michael Wagner (Bass).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auff\u00fchrung der Symphonie war eine Premiere, denn zum ersten Mal wurde aus der kritischen Neuausgabe des Werkes gespielt, die der amerikanische Musikwissenschaftler und Kontrabassist David Chapman im Rahmen der Neuen Anton Bruckner Gesamtausgabe vorgelegt hat. Chapman selbst hielt im Rahmen eines Symposiums einen Einf\u00fchrungsvortrag zur Quellenlage des Werkes und ging, wie auch Christa Br\u00fcstle und Markus Neuwirth in ihren Beitr\u00e4gen, der Frage nach der korrekten chronologischen Einordnung in Bruckners Schaffen nach. Bekanntlich halten sich bis in die heutige Zeit Ger\u00fcchte, die auf falschen Annahmen aus der Fr\u00fchzeit der Bruckner-Forschung beruhen, nach denen das Werk vor der Ersten Symphonie entstanden und 1869 lediglich einer Revision unterzogen worden sei. Die Referenten widerlegten diese Annahme schl\u00fcssig und zeigten, dass Bruckner die Symphonie wenige Jahre lang als seine Nr.&nbsp;2 betrachtete, sie aber sp\u00e4testens zur\u00fcckzog, als er die heute als Zweite gez\u00e4hlte Symphonie vollendet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>(Auf dem Symposium fiel \u00fcbrigens einmal wieder das von Carl Dahlhaus in einer h\u00f6chst ungl\u00fccklichen Stunde gepr\u00e4gte Wort von der \u201etoten Zeit der Symphonie\u201c, die sich zwischen Schumanns Dritter [1850] und Brahmsens Erster [1876] erstreckt habe, mithin also auch alle Symphonien Bruckners bis einschlie\u00dflich der F\u00fcnften umfasse. Zwar distanzierten sich die Symposiumsteilnehmer von diesem Begriff, doch feierte er im Programmheft der Symphoniekonzerte nicht nur fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd, die angebliche &#8222;tote Zeit&#8220; wurde gar noch ausgedehnt. Man las dort n\u00e4mlich: \u201eBekanntlich ist die Kompositionsgattung der Symphonie nach dem &#8218;Koloss&#8216; der IX. Beethoven in den Hintergrund verdr\u00e4ngt. Lediglich Brahms [dessen Erste Symphonie ein Jahr nach Bruckners F\u00fcnfter fertig wurde], Schuman [sic!, gemeint ist nat\u00fcrlich nicht William] und Mendelssohn widmen sich ihr.\u201c Was h\u00e4tte Dahlhaus angesichts einer solch lustigen Zusammenfassung seiner Idee wohl gesagt?)<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich hat die Streichung aus dem offiziellen Werkbestand der Rezeption der d-Moll-Symphonie nicht gut getan. Zwar wurde sie seit ihrer Urauff\u00fchrung unter Franz Moi\u00dfl 1924 in Klosterneuburg und der Erstver\u00f6ffentlichung der Partitur durch Joseph Venantius von W\u00f6ss regelm\u00e4\u00dfig gespielt und seit den 50er Jahren dann auch f\u00fcr die Platte aufgenommen, die Literatur neigt jedoch dazu, in dem Werk Fehler und Schw\u00e4chen zu finden. Das fing bei Rudolf Louis und Alfred Orel an, die die \u201eAnnullierte\u201c f\u00fcr ganz misslungen hielten und ihr gar Bruckners Studiensymphonie in f-Moll vorzogen. Auch die F\u00fcrsprecher der d-Moll-Symphonie schr\u00e4nken ihr Lob oft ein, sind sich aber untereinander nicht einig, welche S\u00e4tze sie besser, welche schlechter finden sollen. So lie\u00df Moi\u00dfl einige Monate vor der eigentlichen Premiere bereits das Scherzo und das Finale \u00f6ffentlich spielen, weil er meinte, diese seien den ersten beiden S\u00e4tzen deutlich \u00fcberlegen und w\u00fcrden f\u00fcr einen besseren ersten Eindruck sorgen. Robert Haas, der Leiter der ersten Gesamtausgabe meinte dagegen, dass es wom\u00f6glich die Unausgegorenheit des letzten Satzes gewesen sei, die Bruckner davon habe absehen lassen, mit dem Werk an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen. Robert Simpson, der gro\u00dfe Symphoniker, dem wir das wertvolle Buch <em>The Essence of Bruckner<\/em> verdanken, hebt in ebendiesem Buch den ersten Satz als meisterliches St\u00fcck ohne Fehl und Tadel hervor und nennt die \u00fcbrigen S\u00e4tze weniger bedeutend, aber h\u00f6renswert. Er hat dann an zahlreichen Einf\u00e4llen auch aus diesen S\u00e4tzen sichtlich seine Freude. F\u00fcr den ihn wenig \u00fcberzeugenden Mittelteil des Andantes macht er Bruckners Freund Moritz von Mayfeld verantwortlich, dessen Ratschlag sich der Komponist hier angeblich gebeugt habe. Als Beispiel f\u00fcr eine besonders positive Sicht auf die d-Moll-Symphonie sei der schlesische Fugenmeister Gerhard Strecke genannt, welcher in seiner Autobiographie (in dem bei Laumann erschienenen Band <em>Zeitgen\u00f6ssische Schlesische Komponisten<\/em>) schreibt, Bruckner w\u00e4re vielleicht noch bedeutender, h\u00e4tte er \u201edie kontrapunktische Linie aus der Nullten, der I. und der V.&nbsp;Sinfonie konsequent verfolgt\u201c \u2013 das mit Fugati reichlich gespickte Finale der \u201eAnnullierten\u201c d\u00fcrfte die Hauptursache dieses Lobes sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Was tut man angesichts so vieler verschiedener Meinungen? Man h\u00f6rt ihnen zu, macht sich aber von der Sache ein eigenes Bild! Dazu boten die Konzerte in der Stiftsbasilika eine Gelegenheit, die man nicht anders denn als optimal bezeichnen kann. Den \u00f6rtlichen Bedingungen wurde hier mit echter k\u00fcnstlerischer Umsicht Trotz geboten, denn ein idealer Raum f\u00fcr Orchesterauff\u00fchrungen ist diese Kirchenhalle nicht. Gute Konzerte m\u00fcssen ihr abgerungen werden. Man hat mit einem langen Nachhall zu rechnen, der best\u00e4ndig droht, die Konturen des Erklingenden zu verwischen; dabei f\u00fcllt der Klang die Kirche kaum einmal recht aus und wirkt dadurch tendenziell mager. Wahrlich, dieser Raum fordert die Musiker und bestraft jeden Fehler! Anders gesagt: Er wirkt erzieherisch \u2013 man muss nur die Winke verstehen! Richtig genutzt, wird diese Kirche zu einer Brutst\u00e4tte orchestraler Vortragskultur. Da der Hall jeder hastigen, gehetzten Auff\u00fchrung sofort den Untergang bereitet, lernt man hier, sich Zeit zu lassen und dem Klang nachzusp\u00fcren. Dem Verschwimmen kann man nur durch klare Artikulation und sichere Phrasierung gegensteuern, wozu genaue Kenntnis der harmonischen Verh\u00e4ltnisse, der kontrapunktischen Strukturen und der Entwicklung des musikalischen Verlaufs n\u00f6tig ist. Solche Deutlichkeit in der Darstellung wird dann auch helfen, die Musik durchs ganze Kirchenschiff zu den H\u00f6rern zu geleiten. Je polyphoner die Musik ist, desto kultivierter muss sie vorgetragen werden. Jede Leichtsinnigkeit r\u00e4cht sich hier.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5847\" width=\"437\" height=\"582\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230816_105145-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 437px) 100vw, 437px\" \/><\/a><figcaption>R\u00e9my Ballot probt mit dem Altomonte-Orchester in der Stiftsbasilika<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Es war nun interessant zu sehen, wie R\u00e9my Ballot mit den klanglichen Gegebenheiten umging. Der Verfasser dieser Zeilen hatte zwei Tage vor dem ersten der beiden Symphoniekonzerte die Gelegenheit, einer Probe zuzuh\u00f6ren, bei der der Dirigent mit dem Orchester die Ecks\u00e4tze der Symphonie durchging. Der Kopfsatz, der in der Auff\u00fchrung sp\u00e4ter rund 18 Minuten dauerte, wurde zu Probenbeginn bis zum Repriseneintritt einmal durchgespielt, danach widmete man sich anderthalb Stunden lang jedem einzelnen Abschnitt des Satzes, um die Feinheiten abzustimmen. Ballot lie\u00df dabei das Orchester gruppenweise Linie gegen Linie spielen und setzte den Gesamtklang aus den einzelnen Stimmen zusammen. So wurde das Gef\u00fchl der Musiker f\u00fcr die Rolle ihrer jeweiligen Stimme im Zusammenhang des Ganzen best\u00e4ndig gest\u00e4rkt, namentlich wenn sich ein melodischer Faden von einer Stimme zur n\u00e4chsten zieht. Die einzelnen Sektionen h\u00f6rten schlie\u00dflich aufeinander wie die Mitglieder eines Kammerensembles. Indem Ballot ihnen die Struktur des Tonsatzes verdeutlichte, schuf er einen Klang, der sich durch Achtsamkeit auszeichnet: Hauptstimmen treten deutlich als solche hervor, nehmen aber auf Nebenstimmen R\u00fccksicht, sodass diese stets durchklingen, das Bassfundament ist als St\u00fctze des Geschehens durchweg pr\u00e4sent. Beim Aufbau der gro\u00dfen Brucknerschen Steigerungen unterst\u00fctzen sich die Klanggruppen gegenseitig, sie versuchen nicht, einander zu \u00fcbert\u00f6nen, es entsteht mithin auch in den st\u00e4rksten Tutti-Momenten nie der Eindruck von L\u00e4rm. Der Kirchenraum wird durch plastisches Musizieren gef\u00fcllt, nicht durch brutale Lautst\u00e4rke.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rt man dann das Ergebnis dieser Probenarbeit im Zusammenhang, so f\u00e4llt auf, wie sicher der Verlauf der Musik realisiert wird. Ballot wei\u00df in jedem Augenblick, an welcher Stelle der Entwicklung er mit seinen Musikern gerade angelangt ist: wann lokale H\u00f6hepunkte anzusteuern, wann Ruhephasen geboten sind, schlie\u00dflich wie die Hauptklimax eines Satzes als solche darzustellen ist. So erscheint im ersten Satz der d-Moll-Symphonie der choralartige Schlussteil der Exposition deutlich als das Ziel, auf das sich die gesamte vorherige Musik zubewegt hat. Die Durchf\u00fchrung w\u00e4chst ohne Hast aus der Ruhe am Ende der Exposition heraus, und bei aller Kraft, die sich in den gro\u00dfen Crescendi sammelt, die folgen, so bleibt doch immer noch gen\u00fcgend Energie, in der Coda einen Sturm zusammenzubrauen, um ihn in den letzten Takten voll zu entfesseln. Durch solchen formbewussten Vortrag gewann besonders der langsame Satz, den die meisten Kommentatoren am wenigsten g\u00fcnstig beurteilen. Die heikelste Passage ist hier fraglos der Durchf\u00fchrungsteil, der lange an einem knappen rhythmischen Motiv vom Expositionsende festh\u00e4lt und dieses ausgiebig sequenziert. Das kann kurzatmig und m\u00fchsam wirken. Wenn aber die Harmoniefortschreitungen mit so viel Verst\u00e4ndnis und solcher Liebe zum Detail dargestellt werden, wie hier unter Ballots Leitung geschehen, so wei\u00df ich nicht, welche Schw\u00e4che man dem Satz noch nachsagen k\u00f6nnte. Er ist doch ein wunderbares, inspiriertes St\u00fcck Musik! Ausdr\u00fccklich danken muss man Ballot auch daf\u00fcr, dass er die Achteltriolen der Einleitung des Finales im gleichen Tempo hat spielen lassen wie die 3\/4-Takte des Scherzos \u2013 und damit einen satz\u00fcbergreifenden Zusammenhang realisiert hat, der, wie der Gro\u00dfteil der Einspielungen dieser Symphonie beweist, den meisten Dirigenten entgeht. (Bruckner gibt durch das D-Dur zu Beginn des Finales, das wie ein Nachklang des Scherzo-Schlussakkords wirkt, einen weiteren Wink!) Das Finale wurde dann ein Fest f\u00fcr Kontrapunktfreunde, denn man konnte den vielen Engf\u00fchrungen, denen das Hauptthema unterworfen wird, perfekt folgen. Gegen Ende tat Ballot gut daran, die durchf\u00fchrungsartige Sektion in der Reprise des Seitensatzes nicht zu \u00fcberhetzen, sodass die einzelnen Wendungen der rasanten Achtel- und Achteltriolenketten pr\u00e4zise ausmusiziert wurden und die Spannung \u00fcber den ganzen chaotisch-cholerischen Abschnitt hinweg eher noch zunahm. Dies kam der etwas kurz geratenen D-Dur-Periode am Schluss zugute, die hier einmal nicht wie der angeklebte, konventionelle Jubel erschien, als der sie unter weniger begabten H\u00e4nden herauszukommen pflegt, sondern wie der wirkungsvolle Zielpunkt einer symphonischen Entwicklung. Insgesamt betrachtet zeigte sich, dass die Symphonie einen heimlichen Helden hat: den Choral, der in diesem Werk zum ersten Mal im symphonischen Schaffen Bruckners unverh\u00fcllt das Wort ergreift und sich beinahe wie eine Berliozsche Id\u00e9e fixe durch die Symphonie zieht. Den entsprechenden Stellen im ersten, zweiten und vierten Satz wurde mit viel Sinn f\u00fcr die vokale Herkunft dieser Musizierform Rechnung getragen. Das Orchester sang als instrumentaler Chor.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch einen wirklichen Chor wei\u00df Ballot zu starken Leistungen anzuspornen, wie die der Symphonie vorangehende Auff\u00fchrung des 146. Psalms bewies. Die \u00fcberwiegend aus Laien zusammengesetzte St.&nbsp;Florianer Chorakademie leistete sehr t\u00fcchtige Arbeit, namentlich in den als Doppelchor angelegten Abschnitten des Werkes, in welchen die Wechselges\u00e4nge plastisch herauskamen. Der Dirigent achtete sorgsam darauf, dass das Orchester den Chor nirgends \u00fcbert\u00f6nte, und vers\u00e4umte doch nirgends, die Feinheiten der Instrumentation, die auch dieses vor allen selbstst\u00e4ndigen Orchesterwerken Bruckners entstandene St\u00fcck bereits reichlich enth\u00e4lt, zur Geltung zu bringen. Ballots F\u00e4higkeit, mit langem Atem musizieren zu lassen, kam insbesondere der Schlussfuge zugute, einem recht ausgedehnten St\u00fcck \u00fcber ein liedhaft-eing\u00e4ngiges \u201eAlleluja\u201c-Thema, das kaum von Zwischenspielen unterbrochen und kontrapunktischen Kunstst\u00fccken nur ansatzweise unterzogen wird. Die Solostimmen \u00fcberzeugten wieder mit der vom letzten Jahr her bekannten Qualit\u00e4t. Hervorgehoben seien ein dreistimmiger Abschnitt, der Regina Riel (Sopran), Gerda Lischka (Alt) und Markus Miesenberger (Tenor) v\u00f6llig ausgewogen gelang, sowie das kurze Bass-Solo, das Michael Wagner mit majest\u00e4tischer W\u00fcrde vortrug. Allgemein muss man f\u00fcr eine so sch\u00f6ne Auff\u00fchrung dieser im Konzertleben sehr vernachl\u00e4ssigten, l\u00e4ngsten Brucknerschen Psalmvertonung dankbar sein, denn das halbst\u00fcndige Werk ist viel mehr als ein blo\u00dfes historisches Dokument aus Bruckners Fr\u00fchzeit. Es ist eine Meisterleistung eigenen Rechts: Voller markanter Themen und abwechslungsreicher Harmoniefolgen, farbig instrumentiert, handwerklich souver\u00e4n gearbeitet, enth\u00e4lt der Psalm im Keim bereits nahezu alles, was sp\u00e4ter auch f\u00fcr den Symphoniker Bruckner typisch wird. Die instrumentalen Er\u00f6ffnungstakte des langsamen Anfangssatzes erscheinen aus der R\u00fcckschau wie Vorboten sp\u00e4terer Adagios. Der dunkle, wuchtige Klang, mit welchem der junge Komponist das erw\u00e4hnte Bass-Solo untermalt, wird in zahlreichen blechbl\u00e4serdominierten Stellen der Brucknerschen Symphonien seine Nachfolger finden. H\u00f6rt man dieses Werk, so wird klar, dass Richard Wagner, dessen Werke er erst sp\u00e4ter kennen lernte, vor allem insofern f\u00fcr Bruckner ein Vorbild war, als dass er an seinem Beispiel lernen konnte, Mut zu sich selbst zu haben, zu den eigenen k\u00fchnen Einf\u00e4llen zu stehen und sich nicht mit hergebrachten Regeln zu begn\u00fcgen. Nat\u00fcrlich hat Bruckner sich dann von Wagners K\u00fchnheiten auch zu eigenen inspirieren lassen, aber die Grundlage, auf der er unter Wagners Einfluss weiterarbeitete, hatte er selbst gelegt, und der 146. Psalm legt davon beredtes Zeugnis ab.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5840\" width=\"432\" height=\"576\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/20230815_195221-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><\/a><figcaption>Die Grabst\u00e4tte Augustinus Franz Kropfreiters (Bildmitte) befindet sich gegen\u00fcber der Stiftskirche auf dem Friedhof der Stiftsangeh\u00f6rigen. Im Vordergrund ist das Grab des Komponisten, Organisten und Regens Chori Franz Xaver M\u00fcller zu sehen.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Zwei Tage vor dem ersten der chorsymphonischen Konzerte fand am 16.&nbsp;August auf Schloss Tillysburg, das St.&nbsp;Florian gegen\u00fcber auf der anderen Seite des Ipfbachtals liegt, ein Kammerkonzert statt, womit zum ersten Mal im Rahmen der Brucknertage au\u00dferhalb St.&nbsp;Florians musiziert wurde. Das Schloss war eine gl\u00fcckliche Wahl, denn es verf\u00fcgt \u00fcber einen ger\u00e4umigen Konzertsaal mit guter Akustik. In diesem steht ein Fl\u00fcgel der Firma Heitzmann aus dem Jahr 1863, auf welchem mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit bereits Anton Bruckner gespielt hat, der das Schloss regelm\u00e4\u00dfig aufsuchte, um dort Klavierunterricht zu erteilen. Dieser Fl\u00fcgel erklang nun in dem Klavierquintett von C\u00e9sar Franck, dem Bruckner bekanntlich 1869 auf seiner Konzertreise nach Nancy und Paris begegnete, und der \u00fcber Bruckners F\u00e4higkeiten als Orgelimprovisator des Lobes voll war. Diesem Werk gingen zwei Streichquartette voran: das einzige Streichquartett Bruckners, das er 1862 komponierte und (viel zu bescheiden) nie anders denn als blo\u00dfe Studienarbeit betrachtete, und das Dritte Streichquartett von Augustinus Franz Kropfreiter, dem langj\u00e4hrigen St.&nbsp;Florianer Organisten und Regens Chori, dessen 20. Todestag wir im September begehen und der nach Bruckner zweifellos die bedeutendste Pers\u00f6nlichkeit in der Musikgeschichte des Stiftes ist. Es spielte das Ballot Quartett, bestehend aus R\u00e9my Ballot und seiner Ehefrau Iris an den Violinen, Stephanie Kropfreiter, der Gro\u00dfnichte des Komponisten, an der Viola, und J\u00f6rgen Fog am Violoncello. Am historischen Fl\u00fcgel war der junge Pianist Martin N\u00f6bauer zu h\u00f6ren, der im April dieses Jahres den Internationalen Klavierwettbewerb Classic on Danube gewonnen hat. Die Auff\u00fchrungen \u00fcberzeugten durch die gleiche Sorgfalt, durch die sich auch die Orchesterauff\u00fchrungen auszeichneten (Iris Ballot, Stephanie Kropfreiter und J\u00f6rgen Fog spielten unter R\u00e9my Ballots Leitung im Altomonte-Orchester). Jedes Mitglied des Quartetts ist eine hochkultivierte Musikerpers\u00f6nlichkeit, die auf ihre Mitspieler zu h\u00f6ren versteht und gleicherma\u00dfen vermag, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen, zu begleiten und sich in einen Tutti-Klang einzuordnen. Man bekommt von diesem Ensemble keinen manierierten Einheitsklang geboten, wie man ihn von Formationen h\u00f6rt, die sich pauschal entweder auf einen quasi-orchestralen oder auf einen fein ziselierten Vortrag festlegen. Die Spielweise dieses Quartetts orientiert sich an den jeweiligen Gegebenheiten des Tonsatzes, der mit gro\u00dfem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen dargestellt wird. Auch Martin N\u00f6bauer erwies sich im Franck-Quintett als hervorragend begabter Kammermusikspieler, der sich nicht zu Ungunsten der Streicher in den Vordergrund spielt, sondern mit ihnen best\u00e4ndig interagiert, sodass Klavier und Streichquartett hier in sch\u00f6ner Einigkeit zueinander fanden. Was das Programm des Abends betrifft, so sah man nat\u00fcrlich der Auff\u00fchrung des Kropfreiter-Quartetts mit der gr\u00f6\u00dften Neugier entgegen, denn dieses noch recht junge Werk (es entstand 2001 als eine der letzten Arbeiten des Komponisten) liegt bislang in keiner Aufnahme vor und hat noch keine weite Verbreitung gefunden. Verdient h\u00e4tte es beides! Augustinus Franz Kropfreiter war zweifellos ein K\u00fcnstler von ausgesprochener Eigenart. Er liebte starke Kontraste und kontrapunktische Strukturen, sodass es nicht Wunder nimmt, dass das Dritte Quartett allen vier Instrumenten lohnende Aufgaben bietet. Die Harmonik ist mit scharfen Dissonanzen reichlich gew\u00fcrzt, dennoch steht alles auf solidem tonalem Fundament. Die vier S\u00e4tze sind knapp gefasst, das ganze Werk dauert nur ungef\u00e4hr eine Viertelstunde. An der Spitze steht ein zwischen langsamen und raschen Tempi mehrfach wechselnder Satz, wobei die raschen Abschnitte fugiert gestaltet sind. Der langsame Satz beginnt mit einem Bratschensolo, findet dann zu dichter Polyphonie und endet mit einem Trio der drei Oberstimmen, dem sich erst im letzten Ton das Violoncello wieder hinzugesellt. Das Scherzo zeigt Kropfreiters humoristische Begabung: Im Verlauf des Satzes beschleicht den H\u00f6rer immer st\u00e4rker das Gef\u00fchl, dass sich in dieser Musik ein bestimmtes Lied versteckt. Dann ist es soweit: Der \u201eLiebe Augustin\u201c erscheint einen kurzen Moment lang nahezu notengetreu und verschwindet umgehend wieder in den raschen Figurationen. Kropfreiter hat sich, durch das Lied selbstironisch auf seinen eigenen Namen anspielend, oft Scherze dieser Art erlaubt. Das Quartett schlie\u00dft mit einem lebhaften, ruppigen Finale. Das Ballot-Quartett wird bald ein weiteres Streichquartett Kropfreiters zur Auff\u00fchrung bringen. Eine intensivere Pflege dieser Musik w\u00e4re in der Tat sehr zu w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, August 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Brucknertage dirigierte R\u00e9my Ballot in der Basilika des Stiftes St.&nbsp;Florian das Altomonte-Orchester und die St.&nbsp;Florianer Chorakademie in Auff\u00fchrungen des 146.&nbsp;Psalms und der Symphonie d-Moll, der \u201eAnnullierten\u201c. Das Ballot-Quartett und Martin N\u00f6bauer, Klavier, spielten auf Schloss Tillysburg Bruckners Streichquartett, das Streichquartett Nr.&nbsp;3 von Augustinus Franz Kropfreiter und das Klavierquintett von C\u00e9sar Franck. 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