{"id":5863,"date":"2023-09-05T00:46:00","date_gmt":"2023-09-04T22:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5863"},"modified":"2023-09-05T01:07:06","modified_gmt":"2023-09-04T23:07:06","slug":"grundsolide-und-tiefgruendig-beethovens-klavierkonzerte-nr-3-4-mit-boris-giltburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/05\/grundsolide-und-tiefgruendig-beethovens-klavierkonzerte-nr-3-4-mit-boris-giltburg\/","title":{"rendered":"Grundsolide und tiefgr\u00fcndig: Beethovens Klavierkonzerte Nr. 3 &amp; 4 mit Boris Giltburg"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574152; EAN: 7 47313 41527 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Giltburg-Beethoven-KK3-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Giltburg-Beethoven-KK3-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5864\" width=\"427\" height=\"427\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Giltburg-Beethoven-KK3-4.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Giltburg-Beethoven-KK3-4-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Giltburg-Beethoven-KK3-4-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 427px) 100vw, 427px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nach der aufsehenerregenden Gesamteinspielung s\u00e4mtlicher Beethoven-Sonaten 2020 setzt <\/em>Boris Giltburg<em> mit den Konzerten Nr.&nbsp;3&nbsp;&amp;&nbsp;4 des Bonner Meisters nun auch den Schlussstein zu seinem Konzertzyklus. Es begleitet das <\/em>Royal Liverpool Philharmonic Orchestra<em> unter<\/em> Vasily Petrenko<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wollte man das Spiel des russischst\u00e4mmigen, in Israel aufgewachsenen Starpianisten <em>Boris Giltburg<\/em> charakterisieren, erscheinen sehr schnell Begriffe wie <em>grundsolide<\/em> oder <em>seri\u00f6s<\/em> als zutreffend: geradezu das Gegenteil von <em>spektakul\u00e4r.<\/em> Dann w\u00e4ren jedoch detailliert Qualit\u00e4ten zu nennen, die in dieser Konzentration heutzutage ganz selten zusammentreffen: erstaunliche Tempokonstanz bei gleichzeitig atmender Agogik \u2013 sogar zwingender als beim legend\u00e4ren Swjatoslaw Richter. Dazu durchsichtigster, feiner Anschlag mit einem Schuss <em>jeu perle <\/em>wie bei Gieseking, vor allem jedoch die besondere F\u00e4higkeit, Emotionalit\u00e4t g\u00e4nzlich aus einem tiefen Verst\u00e4ndnis des Komponierten heraus <em>logisch<\/em> zu entwickeln, ohne dabei auch nur einen Funken pers\u00f6nlicher Eitelkeit durchscheinen zu lassen. Das ist so in der Tat meilenweit entfernt von K\u00fcnstlern wie Ivo Pogorelich, Lang Lang, Yuja Wang oder selbst Igor Levit, um nur einige schon wegen ihres eben bereits spektakul\u00e4ren <em>Auftretens<\/em> popul\u00e4re Pianisten zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle der Beethoven-Klavierkonzerte \u2013 kaum ein Werkzyklus d\u00fcrfte durch unz\u00e4hlige Aufnahmen f\u00fcr die H\u00f6rerschaft mittlerweile derart bis ins kleinste Detail erschlossen sein \u2013 l\u00e4sst Giltburgs Herangehensweise diese Meisterwerke trotzdem spannend, beinahe unverbraucht erklingen. Dass Giltburg nicht nur auf dem Podium ein wahrhaftig gestaltender Musiker ist, dazu ein exzellenter P\u00e4dagoge \u2013 man sehe sich nur die genialen Internet-Meisterklassen etwa zu Rachmaninoff an \u2013, sondern ebenso ein bef\u00e4higter Essayist, beweisen seine Booklettexte zu dieser Beethoven-Serie auf Naxos. Die sind mehr als lesenswert \u2013 gerade f\u00fcr Laien, denen hier nie musikalische Fachbegriffe um die Ohren gehauen werden. Mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt, Empathie und tiefen Einblicken in den viele Jahre w\u00e4hrenden Entwicklungsprozess des eigenen k\u00fcnstlerischen Standpunkts gegen\u00fcber dieser Musik, beschreibt der Pianist die St\u00fccke schon sprachlich auf h\u00f6chstem Niveau.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer bei den vorliegenden Konzerten das Essay vor dem Anh\u00f6ren gelesen hat, darf zum Gl\u00fcck attestieren, dass Giltburg dann alles genauso gelingt, wie verbal er\u00f6rtert. Katapultierte sich der K\u00fcnstler 2019 mit den Konzerten Nr.&nbsp;1&nbsp;&amp;&nbsp;2 (Naxos 8.574151) nach Meinung des Rezensenten sofort in den Olymp der allerbesten Einspielungen und \u00fcberzeugte ebenfalls mit dem Es-Dur-Konzert (Nr.&nbsp;5, Naxos 8.574153), durfte man gespannt auf die beiden verbliebenen Werke sein, innerhalb des Zyklus offenkundig die Lieblingsst\u00fccke des Pianisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das c-Moll Konzert wirkt bereits in der Orchestereinleitung niemals dick, die Phrasierung \u2013 bei sich wiederholenden Motiven wird die Dynamik eben beim dritten Mal meist zur\u00fcckgenommen \u2013 ist stets Beethoven-gerecht. Das <em>Royal Liverpool Philharmonic Orchestra<\/em> unter <em>Vasily Petrenko<\/em> agiert wie auf den bisherigen CDs der Reihe als exzellenter Begleiter, freilich mit typisch britischer Routiniertheit, die kaum \u00dcberraschungen bietet. Allerdings entdeckt Petrenko gerade im 3.\u00a0Konzert jeden noch so kleinen motivischen Anklang auch in den Mittelstimmen. Giltburg gestaltet den Solopart im ersten Satz zwar nachdr\u00fccklich bedrohlich, l\u00e4sst der Musik aber immer wieder den n\u00f6tigen Raum zur Entspannung, so dass man staunt, wie sehr sich selbst ein derart d\u00fcsterer Topos doch ganz aus dem Geist der Improvisation vielschichtig zu entwickeln vermag. Im zweiten Satz \u2013 wiederum im exakt richtigen Tempo \u2013 werden die unz\u00e4hligen kleinen Notenwerte zelebriert, ohne den intimen Charakter je zu st\u00f6ren: eine wundersch\u00f6ne Insel der Ruhe. Im Rondo w\u00e4hlt man ein nicht zu schnelles Tempo, bleibt dennoch virtuos und spritzig. Die Presto-Coda wirkt keck, ohne den Rahmen zu sprengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vierte Konzert \u2013 pianistisch ja bekanntlich das anspruchsvollste der f\u00fcnf \u2013 wurde erst im April 2022, also nach der Corona-Krise, aufgenommen. Selten hat man die klanglichen Delikatessen im Klavier derart bewusst, zugleich v\u00f6llig locker geh\u00f6rt: Von f\u00fcr Beethoven ungew\u00f6hnlicher Introvertiertheit im Kopfsatz und einem sagenhaft angstvollen Klagegesang im Andante \u2013 von fast \u00fcberpointiert scharfen, eiskalten Orchestereinw\u00fcrfen unnachgiebig kleingehalten \u2013 wird so der zun\u00e4chst z\u00f6gerliche Beginn des Finales umso glaubhafter, steigert sich erst allm\u00e4hlich zu \u201ereiner Lebensfreude\u201c (Giltburg) \u2013 Beethovens Teleologie in grandioser Umsetzung. Die Kadenzen beider Kopfs\u00e4tze erfasst Giltburg mit faszinierender \u00dcberlegenheit und formaler \u00dcbersicht: Trotz ihrer L\u00e4ngen geraten sie unter seinen H\u00e4nden deshalb auch nicht zu Fremdk\u00f6rpern, vielmehr zu herrlich epischen Klaviererz\u00e4hlungen, die den emotionalen Gehalt des Materials nochmals \u00fcberh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fazioli-Fl\u00fcgel gl\u00e4nzt inmitten der wohl eher kleinen Orchesterbesetzung mit feinen Klangfarben \u2013 und Naxos kann hier einmal mehr aufnahmetechnisch mit den alteingesessenen Labels tadellos mithalten. Keine Referenzeinspielung \u2013 falls bei diesem Repertoire \u00fcberhaupt noch so etwas auszumachen w\u00e4re \u2013, jedoch unbestreitbar Weltklasseniveau mit tief empfundenem, erf\u00fclltem Musizieren, das den Geist Beethovens durchg\u00e4ngig verst\u00e4ndlich macht. Daher auch eine eindeutige Empfehlung an alle, die schon ein paar gute Aufnahmen der Konzerte ihr Eigen nennen: Diese hier macht echt Laune.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, August 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574152; EAN: 7 47313 41527 4 Nach der aufsehenerregenden Gesamteinspielung s\u00e4mtlicher Beethoven-Sonaten 2020 setzt Boris Giltburg mit den Konzerten Nr.&nbsp;3&nbsp;&amp;&nbsp;4 des Bonner Meisters nun auch den Schlussstein zu seinem Konzertzyklus. Es begleitet das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko. 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