{"id":5871,"date":"2023-09-17T23:59:00","date_gmt":"2023-09-17T21:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5871"},"modified":"2023-09-18T02:35:43","modified_gmt":"2023-09-18T00:35:43","slug":"musik-in-bern-1-die-schweizerische-erstauffuehrung-von-joachim-raffs-samson","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/17\/musik-in-bern-1-die-schweizerische-erstauffuehrung-von-joachim-raffs-samson\/","title":{"rendered":"Musik in Bern 1: Die\u00a0schweizerische Erstauff\u00fchrung von Joachim Raffs \u201eSamson\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Durch eine Verkettung ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde zu Lebzeiten seines Autors nicht auf die B\u00fchne gelangt, entpuppte sich Joachim Raffs Musikdrama <em>Samson<\/em> bei seiner Urauff\u00fchrung, die mit 165 Jahren Versp\u00e4tung im September 2022 im Deutschen Nationaltheater Weimar stattfand (wir <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/09\/12\/raffs-samson-in-weimar-uraufgefuehrt\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/09\/12\/raffs-samson-in-weimar-uraufgefuehrt\/\">berichteten<\/a>), als ein Werk, das mit Fug und Recht eine der bedeutendsten Opernsch\u00f6pfungen des mittleren 19.\u00a0Jahrhunderts genannt werden kann. Ziemlich genau ein Jahr nach dieser Premiere kam es nun erstmals zu einer Auff\u00fchrung in der Schweiz, dem \u201eMutterland\u201c des Komponisten. (Der 1822 in Lachen, Kanton Schwyz, als Sohn eines W\u00fcrttembergers und einer Schweizerin geborene und aufgewachsene Raff unterschied zwischen der Schweiz als seinem \u201eMutterland\u201c und W\u00fcrttemberg, dessen Staatsangeh\u00f6riger er lebenslang blieb, als seinem \u201eVaterland\u201c.) Zeitgleich zum Musikfestival Bern, aber nicht als Teil desselben, erklang der <em>Samson<\/em> konzertant als Extrakonzert der B\u00fchnen Bern am 8.\u00a0September 2023 im Berner Stadttheater. Das Berner Symphonieorchester und der Chor der B\u00fchnen Bern (einstudiert von Zsolt Czetner) spielten und sangen unter dem Dirigat von Philippe Bach. In den einzelnen Rollen waren zu h\u00f6ren: Magnus Vigilius (Samson), Olena Tokar (Delilah), Christian Immler (Oberpriester), Michael Weinius (Micha), Robin Adams (Abimelech), Mirjam F\u00e4ssler (Oberpriesterin), Christian Valle (Seran von Askalon), Bareon Hong (Gef\u00e4ngnisw\u00e4chter) und Katharina Willi (Frau aus dem Volke). Der Abend wurde von Res Marty, Ehrenpr\u00e4sident der Joachim-Raff-Gesellschaft, und Severin Kolb, Leiter des Joachim-Raff-Archivs in Lachen, mit einer ausf\u00fchrlichen Konzerteinf\u00fchrung eingeleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits die Bezeichnung \u201eMusikdrama\u201c verr\u00e4t, dass der Komponist, der sp\u00e4ter vor allem als Symphoniker und Verfasser von Klavier- und Kammermusik ber\u00fchmt wurde, in dieser, seiner zweiten Oper bewusst an die Errungenschaften Richard Wagners ankn\u00fcpfte. Raff hatte als Assistent Franz Liszts in Weimar die von diesem geleitete Urauff\u00fchrung des <em>Lohengrin<\/em> erlebt und unmittelbar unter jenem Eindruck mit der Arbeit am <em>Samson<\/em> begonnen, den er ganz in der Art Wagners auch selbst dichtete. Heraus kam ein Werk von echter dramatischer Kraft, dessen Szenen dichterisch wie musikalisch meisterlich aneinander gef\u00fcgt sind und das mit seiner psychologisch vielschichtigen Charakterisierung der Hauptfiguren unmittelbar fesselt. Raff denkt offensichtlich nicht in Nummern, sondern in ganzen Akten, in welchen Arien, Ensembles, Ch\u00f6re eine Funktion als Teile eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen einnehmen, aber keine in sich geschlossenen St\u00fccke mehr sind. Eine zus\u00e4tzliche Verklammerung wird durch wiederkehrende Themen und Motive erreicht, die allerdings auf die einzelnen Akte beschr\u00e4nkt bleiben und noch keine eigentlichen Leitmotive im Sinne des sp\u00e4teren Wagner sind. Stilistisch lehnt sich das Werk, das einmal wieder von Raffs au\u00dferordentlicher Begabung als Instrumentationsk\u00fcnstler zeugt, durchaus nicht sklavisch an Wagner an. Bei aller Wertsch\u00e4tzung war Raff ein zu eigener Kopf, als dass er sich einem bestimmten Vorbild ganz verschrieben h\u00e4tte. Bezeichnenderweise ver\u00f6ffentlichte er w\u00e4hrend der Arbeit am <em>Samson<\/em> ein Buch mit dem Titel <em>Die Wagnerfrage<\/em>, in welchem er sich an einer kritischen Sichtung des von Wagner Erstrebten und Erreichten versuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Lie\u00df sich von der Weimarer Auff\u00fchrung bereits sagen, dass es sich um eine musikalisch hochwertige Darbietung handelte (die nur leider durch die unw\u00fcrdige Inszenierung mit ihren vielen st\u00f6renden Nebenger\u00e4uschen Schaden nahm), so bot sich in Bern ein noch deutlich erfreulicherer Eindruck, denn die Leistung der Weimarer wurde von den Bernern in jeder Hinsicht \u00fcbertroffen. Es war, um es kurz vorweg zu nehmen, ein musikalischer Abend beinahe ohne alle Abstriche und Eintr\u00fcbungen. Mit Philippe Bach war ein Dirigent f\u00fcr die Unternehmung gewonnen worden, der es versteht, Orchester wie Chor mit deutlicher, funktionaler Zeichengebung, mit wachem Sinn f\u00fcr die Entwicklung der Musik im Gro\u00dfen wie f\u00fcr die klanglichen Feinheiten der einzelnen Momente zu H\u00f6chstleistungen zu f\u00fchren. Was das Gesangsensemble betrifft, so kann man nur konstatieren, dass bei der Besetzung eine gl\u00fcckliche Hand zu Werke ging: Nicht nur f\u00fcr die Hauptpersonen, sondern selbst f\u00fcr Nebenrollen, die nur in einem einzigen Akt kurze Auftritte haben, hat man kraftvolle, frische Stimmen gefunden, angesichts derer man sich schlichtweg \u00fcber jeden neuen Auftritt einer Figur, jede neue Figurenkonstellation freut. Besonders loben muss man die Textverst\u00e4ndlichkeit aller S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger \u2013 dies umso mehr, da es sich um ein internationales Ensemble handelte, dessen Mitglieder mehrheitlich aus nicht-deutschsprachigen L\u00e4ndern stammen. So konnte man sich nicht nur an der Sch\u00f6nheit der Stimmen erfreuen, sondern auch der Handlung folgen, ohne dass Hilfsmittel wie Textbuch oder Untertitel (was es beides nicht gab) n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren. Das Zusammenspiel der Hauptfiguren lebte von der begnadeten Charakterisierungskunst ihrer Darsteller. Magnus Vigilius, Olena Tokar und Robin Adams zeigten Samson, Delilah und den K\u00f6nig Abimelech (der bei Raff Delilahs Vater ist) als runde Charaktere mit St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, die, hin- und hergerissen von den komplizierten Situationen, in die sie durch politische und pers\u00f6nliche Konstellationen hineingeraten sind \u2013 man beachte, dass die Beziehung zwischen Samson und Delilah in diesem St\u00fcck eine echte, von beiderseitiger Zuneigung getragene Liebe ist \u2013, schwere Entscheidungen treffen m\u00fcssen. Diesen Figuren, die eine Entwicklung durchmachen \u2013 Samson und Delilah gelingt die Selbst\u00fcberwindung, Abimelech scheitert an der Staatsr\u00e4son \u2013, stehen in Form des Kriegers Micha und des Oberpriesters die beharrlichen, unvers\u00f6hnlichen Elemente gegen\u00fcber, die durch Michael Weinius und Christian Immler eine nicht minder treffliche Verk\u00f6rperung erfuhren. Angesichts dieser Leistungen fiel gar nicht ins Gewicht, dass man auf das B\u00fchnenspiel verzichten musste. Die handelnden Figuren standen dem Verfasser dieser Zeilen derartig pr\u00e4gnant vor dem inneren Auge, dass er nur wenig Phantasie brauchte, sich die B\u00fchnenbilder, Kost\u00fcme und Aktionen hinzuzudenken. Au\u00dferdem ist es im Zweifelsfall besser, gar keine Inszenierung zu haben als wenn mit dem St\u00fcck solcher Unfug getrieben wird, wie bei der Weimarer Auff\u00fchrung geschehen. Dennoch m\u00f6chte ich an dieser Stelle andere Theater ausdr\u00fccklich dazu ermutigen, den <em>Samson<\/em> szenisch umzusetzten, aber bitte gut!<\/p>\n\n\n\n<p>Man merkte den Ausf\u00fchrenden an, dass ihrem Auftritt neun Tage intensiver Arbeit vorangegangen waren: Die Premiere markierte den Abschluss eines von der Dirigentin Graziella Contratto initiierten Aufnahmeprojekts f\u00fcr die CD-Produktion Schweizer Fonogramm. Angesichts der Tatsache, dass die Einspielung den ganzen <em>Samson<\/em> umfassen wird, l\u00e4sst sich auch der einzige Wermutstropfen verschmerzen, dass die Auff\u00fchrung keine vollst\u00e4ndige war: Aus gewerkschaftlichen Gr\u00fcnden, wie es hie\u00df, war die Oper um etwa eine halbe Stunde auf eine L\u00e4nge von drei Stunden (die Pause nicht eingerechnet) gek\u00fcrzt worden. Dass das Berner Stadttheater das Opfer brachte, eigens wegen dieser Produktion seinen Betrieb f\u00fcr \u00fcber eine Woche zu unterbrechen, verdient nichtsdestoweniger Anerkennung und Lob! Die Aufnahme wird, einer Mitteilung im Programmheft zufolge, als 3-CD-Packung um die Weihnachtszeit 2023 herauskommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch eine Verkettung ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde zu Lebzeiten seines Autors nicht auf die B\u00fchne gelangt, entpuppte sich Joachim Raffs Musikdrama Samson bei seiner Urauff\u00fchrung, die mit 165 Jahren Versp\u00e4tung im September 2022 im Deutschen Nationaltheater Weimar stattfand (wir berichteten), als ein Werk, das mit Fug und Recht eine der bedeutendsten Opernsch\u00f6pfungen des mittleren 19.\u00a0Jahrhunderts genannt werden &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/17\/musik-in-bern-1-die-schweizerische-erstauffuehrung-von-joachim-raffs-samson\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Musik in Bern 1: Die\u00a0schweizerische Erstauff\u00fchrung von Joachim Raffs \u201eSamson\u201c<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4732,4742,4744,4740,4743,4731,4735,4746,4454,4738,4737,4728,4733,4736,4729,4730,4739,4734,4745,4741,4747],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5871"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5871"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5871\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5877,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5871\/revisions\/5877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5871"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5871"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5871"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}