{"id":5873,"date":"2023-09-18T00:14:20","date_gmt":"2023-09-17T22:14:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5873"},"modified":"2023-09-18T00:18:11","modified_gmt":"2023-09-17T22:18:11","slug":"musik-in-bern-2-ein-humoristischer-abend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/18\/musik-in-bern-2-ein-humoristischer-abend\/","title":{"rendered":"Musik in Bern 2: Ein\u00a0humoristischer\u00a0Abend"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Trag\u00f6die folgt bei den alten Griechen das Satyrspiel. Ganz \u00e4hnlich erging es dem Verfasser bei seinem Aufenthalt in Bern, denn er bekam die Gelegenheit, einen Tag nach der Auff\u00fchrung des Raffschen <em>Samson<\/em>, am 9.&nbsp;September 2023, im Konzertsaal des Berner Casinos einen musikalischen Abend besonderer Art zu besuchen. Die Schweizer Bundesstadt stand ganz im Zeichen des Musikfestivals Bern, dessen vielgestaltiges Programm ernstes und heiteres, klassisches und modernes vereinte. \u201eIm Orchester Graben\u201c war die unter der Regie von Tom Ryser zustande gekommene Veranstaltung betitelt, die das beliebte Schweizer Komiker-Duo Ursus&nbsp;&amp;&nbsp;Nadeschkin (Ursus Wehrli und Nadja Sieger) gemeinsam mit der Camerata Schweiz unter der Leitung ihrer Ersten Gastdirigentin Graziella Contratto, der Produzentin der Raff-Auff\u00fchrung und -Einspielung, auf die B\u00fchne brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar ahnt man schon zu Beginn, wenn Ursus und Nadeschkin sich auf dem Podium einen Platz suchen, aber die St\u00fchle immer wieder den hinzukommenden Orchestermitgliedern \u00fcberlassen m\u00fcssen, dass man hier kein gew\u00f6hnliches klassisches Konzert erlebt, doch scheint mit dem Auftritt der Dirigentin genau ein solches anzufangen. Es gibt Beethovens F\u00fcnfte. Der erste Satz erklingt, rasant, streng, unerbittlich, ganz so wie Graziella Contratto sich im Folgenden auch selbst verh\u00e4lt. Denn da Ursus und Nadeschkin es wagen, bereits nach dem ersten Satz zu klatschen, werden sie von der Kapellmeisterin zurechtgewiesen: Das tue man nicht, die Symphonie sei zerrissen worden! Sie gibt das Zeichen zum zweiten Satz, doch weit kommt da Orchester nicht. Nur zu berechtigt ist der in quirligem Schwyzerd\u00fctsch vorgebrachte Einwand der Kom\u00f6dianten, warum denn mit dem zweiten Satz fortgefahren werde, da doch die Einheit des Werkes verloren gegangen sei. In dem folgenden Wortwechsel stellt sich heraus: Ursus und Nadeschkin sind heute hier als Botschafter der Musik, um den Graben zuzusch\u00fctten zwischen \u201edenen mit Konservatorium\u201c auf dem Podium und \u201edenen ohne Konservatorium\u201c im Parkett. Nachdem die Dirigentin emp\u00f6rt das Podium verlassen hat, geht es zu wie beim Zauberlehrling: Ursus greift zum Taktstock, das Orchester f\u00e4ngt wieder an zu spielen, allerdings schrecklich falsch. In dem Momant aber, als Graziella Contratto wieder ans Pult kommt und den Taktstock wieder in ihre Hand nimmt, stimmt sofort wieder alles. Anschlie\u00dfend werden Ursus und Nadeschkin von Contratto gepr\u00fcft, was sie \u00fcber Beethoven, aber auch allgemein \u00fcber Musikgeschichte und Musiktheorie wissen, doch die Fachtermini der Sonatenhauptsatzform haben sie nur ungen\u00fcgend gelernt. Danach kann das Publikum zeigen, wie \u201edie ohne Konservatorium\u201c ihren Beethoven beherrschen. Nadeschkin dirigiert, das Publikum singt die Anfangstakte der F\u00fcnften, aber schon einige Takte sp\u00e4ter stellt sich Unsicherheit ein. Contratto will zeigen, wie man es besser macht, tats\u00e4chlich singen die Leute sofort mit mehr Kraft, aber auch hier verliert sich der Gesang nach wenigen Takten. Nun demonstriert die Dirigentin, was \u201edie mit Konservatorium\u201c alles k\u00f6nnen, und l\u00e4sst ihr Orchester souver\u00e4n Takte von Rachmaninow und Tschaikowskij in der Kopfsatz der F\u00fcnften einf\u00fcgen. Die Musiker gehen nach einer gewissen Zeit in die ihnen vertraglich zustehende Pause. Contratto bleibt allein zur\u00fcck. Ursus und Nadeschkin kommen mit ihr ins Gespr\u00e4ch, wobei sich herausstellt, dass sie nur die strenge Chefin ist, wenn sie vor dem Orchester steht.<\/p>\n\n\n\n<p>So beginnt der zweite Teil vers\u00f6hnlicher: Das Publikum wird aus der Pause von Kl\u00e4ngen eines Kinderkeyboards in den Saal zur\u00fcckgelockt: Contratto wechselt zwischen Disco-Musik, Mozarts <em>Alla turca<\/em>, Beethovens <em>F\u00fcr Elise <\/em>und Bachs d-Moll-Toccata, Ursus und Nadeschkin kommen hinzu, ale drei spielen und singen Falco (<em>Amadeus<\/em>), dann Abba (<em>Money, Money, Money<\/em>), zu welchen T\u00f6nen das Orchester freudig auf die B\u00fchne st\u00fcrzt. Man beginnt wendet sich dann wieder Beethovens F\u00fcnfter zu, doch nun alles andere als streng: Der Erste Satz (bzw. nur die Exposition) wird verjazzt, in Dur gespielt, r\u00fcckw\u00e4rts gespielt (sodass ein unbefriedigender Dominanschluss stehen bleibt). Dann kommen Ursus und Nadeschkin auf die Idee, die Noten zu vertauschen: So erh\u00e4lt der erste Hornist die Paukenstimme und soll zum Vergleich spielen, was er selbst und was die Pauke in den ersten vier Takten des Werkes zu spielen hat. Man stellt fest: Es klingt genau gleich! Also wird von allen Orchestermitgliedern das Notenmaterial eingesammelt und anders wieder ausgeteilt. Contratto dirigiert unter Protest. Es klingt schief, so schief, dass w\u00e4hrend des Spiels (!) die Musiker ihre Noten untereinander zur\u00fccktauschen, bis jeder wieder die richtige Stimme vor sich hat. Man wird noch rechtzeitig fertig, um den Schluss des Satzes korrekt wiederzugeben. Zu guter Letzt singen Ursus und Nadeschkin die ganze Exposition des Satzes virtuos vor (der Text besteht aus den Namen der jeweils erklingenden Instrumente) und werden daraufhin von Contratto als Botschafter der Musik anerkannt. Als Zugabe gibt es Beethovens F\u00fcnfte, wie Beethoven sie selbst geh\u00f6rt hat&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit endete in gesch\u00e4ftiger Stille ein h\u00f6chst vergn\u00fcglicher Abend! Und gewiss wird der eine oder andere Besucher Beethovens F\u00fcnfte nun mit anderen Ohren h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, September 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Trag\u00f6die folgt bei den alten Griechen das Satyrspiel. Ganz \u00e4hnlich erging es dem Verfasser bei seinem Aufenthalt in Bern, denn er bekam die Gelegenheit, einen Tag nach der Auff\u00fchrung des Raffschen Samson, am 9.&nbsp;September 2023, im Konzertsaal des Berner Casinos einen musikalischen Abend besonderer Art zu besuchen. 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