{"id":5880,"date":"2023-09-20T16:24:05","date_gmt":"2023-09-20T14:24:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5880"},"modified":"2023-11-30T10:25:06","modified_gmt":"2023-11-30T09:25:06","slug":"50-jaehriges-jubilaeum-der-ernst-von-siemens-musikstiftung-mit-den-berliner-philharmonikern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/20\/50-jaehriges-jubilaeum-der-ernst-von-siemens-musikstiftung-mit-den-berliner-philharmonikern\/","title":{"rendered":"50-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um der Ernst von Siemens Musikstiftung mit den Berliner Philharmonikern"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Mit dem diesj\u00e4hrigen <\/em>r\u00e4sonanz<em> Stifterkonzert feierte die <\/em>Ernst von Siemens Musikstiftung<em> am 17. September 2023 zugleich ihr 50-j\u00e4hriges Bestehen. Zur Veranstaltung im Rahmen der <\/em>musica viva<em> des BR in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie hatte man keine Geringeren als die <\/em>Berliner Philharmoniker<em> unter ihrem Chefdirigenten <\/em>Kirill Petrenko<em> eingeladen. Zu erleben gab es vier gro\u00dfbesetzte Werke: <\/em>Iannis Xenakis\u2018 \u201eJonchaies\u201c, M\u00e1rton Ill\u00e9s\u2018 \u201eL\u00e9g-sz\u00edn-t\u00e9r\u201c, Karl Amadeus Hartmanns \u201eGesangsszene\u201c (<em>mit dem Bariton <\/em>Christian Gerhaher) <em>und<\/em> Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1gs \u201eStele\u201c<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5881\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Berliner-Philharmoniker-Kirill-Petrenko-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko \u00a9 BR, Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit dem ersten <em>r\u00e4sonanz<\/em> Stifterkonzert 2016 hat man es stets geschafft, in M\u00fcnchen sonst selten zu h\u00f6rende, hochrangige Klangk\u00f6rper einzuladen. Zur Feier ihres 50-j\u00e4hrigen Bestehens lie\u00df sich die <em>Ernst von Siemens Musikstiftung<\/em> nun erst recht nicht lumpen. Da durften dann die k\u00fcrzlich erneut zum weltbesten Orchester gek\u00fcrten <em>Berliner Philharmoniker<\/em> unter <em>Kirill Petrenko<\/em> erstmals in der ausverkauften Isarphilharmonie spielen. Erwartbar, aber angesichts des immens anspruchsvollen Programmes durchaus eine Herausforderung auch an die Zuh\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesetzt waren \u2013 man hatte dies die drei Tage zuvor bereits so in Berlin gespielt \u2013 neben einer Urauff\u00fchrungskomposition wieder aufw\u00e4ndig zu realisierende und daher selten zu h\u00f6rende Werke \u2013 ausdr\u00fcckliches Anliegen der Stifterkonzerte. Die Berliner Philharmoniker beginnen mit <em>Iannis Xenakis<\/em> (1922\u20132001): <em>Jonchaies <\/em>(1977) ist mit in der Partitur explizit geforderten 109 Spielern das gr\u00f6\u00dftbesetzte seiner reinen Orchesterwerke \u2013 und vielleicht sein bestes. Zwar hat Xenakis immer betont, dass er von g\u00e4nzlich au\u00dfermusikalischen \u2013 offenkundig stark durch Mathematik und moderne Architekturprinzipien gepr\u00e4gten \u2013 Ideen ausgeht, gleichzeitig strahlt seine Musik nicht nur eine eindringliche formale Konsistenz aus: Sie wirkt immens k\u00f6rperlich, verf\u00fcgt schon rein klanglich \u00fcber eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann, und erzeugt beim Publikum durchaus Assoziationen, die sich dann emotional entladen k\u00f6nnen. So wird der Rezensent in den ersten zwei Minuten des St\u00fccks unweigerlich sowohl an die Filmmusiken von Hitchcocks <em>Psycho <\/em>(Bernard Herrmann) als auch von Spielbergs <em>Der wei\u00dfe Hai <\/em>(\u201eJaws\u201c, John Williams) erinnert. <em>Jonchaies<\/em> wird \u00fcber Strecken tats\u00e4chlich wirklich sehr laut: V\u00f6llig faszinierend, wie Petrenko, der h\u00f6chst sachlich die konstruktiven Facetten des Werkes modelliert, sogar in einem dreifachen Forte nochmals etwas draufzusetzen vermag; Ergebnis sorgf\u00e4ltigster Probenarbeit. Alles ist sehr differenziert bis ins Detail austariert; lediglich die Paukenbatterien dr\u00f6hnen an ein, zwei Stellen selbst den komplett geteilten, riesigen Streicherapparat weg, was aber den akustischen Unzul\u00e4nglichkeiten des HP8 geschuldet ist. Eine h\u00f6chst beeindruckende, dionysische Klangorgie, die allerdings keine Minute l\u00e4nger sein d\u00fcrfte, in absolut perfekter Darbietung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Auftragswerk f\u00fcr dieses Konzert, <em>L\u00e9g-sz\u00edn-t\u00e9r<\/em>, zu \u00fcbersetzen mit \u201eLuft-Farbe-Raum\u201c, stammt vom Ungarn <em>M\u00e1rton Ill\u00e9s<\/em> (Jahrgang 1975) \u2013 schon 2008 F\u00f6rderpreistr\u00e4ger Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung. Ill\u00e9s verf\u00fcgt \u00fcber ein enormes Instrumentationsgeschick: Das gegen\u00fcber Xenakis etwas kleinere Orchester wird noch konsequenter bis auf den einzelnen Spieler hin ausdifferenziert, mit einem \u2013 heutzutage \u00fcblichen \u2013 dichteren Spektrum vielf\u00e4ltigster Spieltechniken, das im Gegensatz zu anderen Tonsetzern seiner Generation hier zum Gl\u00fcck nie zum Selbstzweck ger\u00e4t. Schon toll, wie manche Klangrezepturen zum fantastischen Vexierspiel oder gar zur Camouflage werden: Sehr helle Kl\u00e4nge ziemlich zu Anfang stammen so etwa nicht von den hohen Streichern oder Bl\u00e4sern, sondern von Akkordeon und mit Kontrabassbogen gestrichenen Zimbeln. Das wirkt immer sehr farbig, und die Dynamik ist ebenso zwingend. Die Streicher etablieren schnell mit kaum h\u00f6rbaren Tupfern quasi ihren \u201eRaum\u201c. Sehr konzentriert und doch \u00fcberraschend, wie sich im zweiten Abschnitt des dreis\u00e4tzigen Werks quasi aus dem Nichts eine gewaltige Steigerung entwickelt. Der dritte Satz imitiert mit rein instrumentalen Mitteln gekonnt elektronische Kl\u00e4nge. Was dieser Musik leider \u2013 zumindest beim ersten H\u00f6ren \u2013 fehlt, ist eine nachvollziehbare Form oder Teleologie. Dennoch erhalten das St\u00fcck und seine Wiedergabe fast ungeteilte Zustimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause verneigt man sich vor dem Begr\u00fcnder der M\u00fcnchner <em>musica viva<\/em>, <em>Karl Amadeus Hartmann<\/em>, mit einer grandiosen Auff\u00fchrung seiner letzten gr\u00f6\u00dferen Komposition, der <em>Gesangsszene <\/em>nach Worten aus <em>Sodom und Gomorrha<\/em> von <em>Jean Giraudoux <\/em>(1963). Der eine erschreckende Weltuntergangsstimmung beschw\u00f6rende Text passte f\u00fcr Hartmann auf die Zeit des Kalten Krieges und erscheint angesichts der derzeitigen Katastrophen aktueller denn je. Der wie immer famose Bariton <em>Christian Gerhaher<\/em> gestaltet die teils gesungene, stellenweise gesprochene Partie mit \u00fcberw\u00e4ltigender Ausdruckskraft. Hartmann l\u00e4sst die Stimme zwar oft dann einsetzen, wenn das Orchester gerade nicht spielt. Gerhaher f\u00fcllt so m\u00fchelos den gro\u00dfen Saal, bleibt mit klarster Diktion und Textverst\u00e4ndlichkeit selbst dann pr\u00e4sent, wenn er gegen das Orchester im Forte beinahe anbr\u00fcllen muss. Dies ist freilich kompositorisch genauestens einkalkuliert, wird auch emotional von Gerhaher exakt richtig dosiert. Wieder gelingt den Berlinern und ihrem Chef eine Glanzleistung: Vom beginnenden Fl\u00f6tensolo \u2013 mit dem sich sp\u00e4ter der Kreis wieder schlie\u00dfen wird \u2013 \u00fcber die zun\u00e4chst z\u00e4rtlich geb\u00e4ndigten, zugleich intensiven Streicherkl\u00e4nge bis zu manch irrsinniger Steigerung wird hier Hartmanns zw\u00f6lft\u00f6nige Polyphonie minuti\u00f6s aufs Sch\u00f6nste realisiert. Der apokalyptische Textschluss <em>(\u201eEs ist ein Ende der Welt! Das Traurigste von allen\u2026\u201c<\/em>) l\u00e4sst das Publikum zun\u00e4chst sprachlos, bis verdient tosender Beifall losbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt noch die 1994 f\u00fcr Claudio Abbado und seine Philharmoniker geschriebene Trauermusik <em>Stele<\/em> des ungarischen Altmeisters f\u00fcr Miniaturen, <em>Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1g<\/em> (*1926), zu bringen, passt zwar in den Kontext, ist jedoch fast schon zu viel des Guten. F\u00fcr Kurt\u00e1gs Verh\u00e4ltnisse war dieses St\u00fcck \u2013 von der Besetzung (u.&nbsp;a. mit Wagnertuben, 2 Klavieren und nat\u00fcrlich dem ungarischen Identifikationsinstrument, dem Cimbalom) wie von der L\u00e4nge her \u2013 immerhin knapp 13 Minuten \u2013 eine ungew\u00f6hnliche Herausforderung. Ganz zum Schluss scheint diese dreis\u00e4tzige <em>symphonie fun\u00e8bre<\/em>, in der sich Minimalistisches zwischendurch erfolglos gegen den Tod aufzub\u00e4umen scheint, mit ihren matten Impulsen \u2013 an die gefrorenen Tr\u00e4nen in Bart\u00f3ks <em>Herzog Blaubarts Burg<\/em> erinnernd \u2013 sogar irgendwie tr\u00f6stlich. Kirill Petrenko erzeugt zuletzt eine geradezu erhabene Stille. Danach nicht enden wollende Ovationen; selbst Orchester und Dirigent begl\u00fcckw\u00fcnschen sich gegenseitig aufs Herzlichste. Wen wundert\u2019s nach diesem anstrengenden Programm vier Tage hintereinander? Den M\u00fcnchnern wird ein begl\u00fcckender Konzertabend sicherlich noch lange in bester Erinnerung bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 18.&nbsp;9.2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem diesj\u00e4hrigen r\u00e4sonanz Stifterkonzert feierte die Ernst von Siemens Musikstiftung am 17. 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