{"id":5884,"date":"2023-09-23T17:53:00","date_gmt":"2023-09-23T15:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5884"},"modified":"2024-04-10T09:00:57","modified_gmt":"2024-04-10T07:00:57","slug":"drei-neue-klaviersonaten-von-roberto-sierra-gewoehnungsbeduerftig-mikrofoniert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/23\/drei-neue-klaviersonaten-von-roberto-sierra-gewoehnungsbeduerftig-mikrofoniert\/","title":{"rendered":"Drei neue Klaviersonaten von Roberto Sierra \u2013 gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig mikrofoniert"},"content":{"rendered":"\n<p>IBS IBS122022; EAN: 8 436597 700399<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5885\" width=\"494\" height=\"494\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Sierra-Sonaten-1-3-Ovalles-IBS-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 494px) 100vw, 494px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der venezolanische Pianist <\/em>Alfredo Ovalles<em> hat in Granada die ersten drei Werke eines \u2013 schon jetzt bereits deutlich umf\u00e4nglicheren \u2013 Sonatenzyklus des puerto-ricanischen Komponisten und Ligeti-Sch\u00fclers <\/em>Roberto Sierra<em> (*1953) eingespielt. Dazu erklingen noch die \u2013 ebenfalls neuen \u2013 <\/em>Piezas \u00edntimas<em> sowie die <\/em>Aphorisms<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Namen <em>Roberto Sierra<\/em> st\u00f6\u00dft unweigerlich, wer sich mit der Musik Gy\u00f6rgy Ligetis besch\u00e4ftigt. Dieser erw\u00e4hnte seinen puerto-ricanischen Sch\u00fcler (von 1979 bis 1982) immer als \u00dcberbringer einer Langspielplatten-Rarit\u00e4t aus den 1970ern mit der erstaunlich komplexen Vokalpolyphonie der zentralafrikanischen Aka-St\u00e4mme: zusammen mit der mittelalterlichen <em>ars subtilior<\/em> und fraktaler Geometrie die Initialz\u00fcndung f\u00fcr Ligetis weitere Entwicklung (Et\u00fcden, Klavierkonzert usw.). Ab Mitte der 1980er Jahre hat sich Sierra aber als Komponist selbst einen Namen gemacht und ist seit 1992 Professor an der angesehenen <em>Cornell University<\/em> in den USA. Obwohl durchaus Ankn\u00fcpfungspunkte an charakteristische Techniken Ligetis nachweisbar sind \u2013 etwa die elaborierten \u00dcberlagerungen quasi selbst\u00e4hnlicher rhythmischer Patterns \u2013, ging Sierra immer eigene Wege, die insbesondere auf lateinamerikanische oder iberische Wurzeln \u2013 nicht zuletzt des Barock \u2013 zur\u00fcckgehen. Die oft traditionell anmutenden Titel wie Symphonie (davon gibt es bislang sechs), Sonate etc. haben Kritiker ihm un\u00fcberlegt und teils pejorativ das Etikett <em>postmodern<\/em> oder gar \u201eneoromantisch\u201c anheften lassen. Dabei wird unterschlagen, dass Sierra die scheinbar alten Formen durchaus neuartig mit Leben zu f\u00fcllen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>In den ganz neuen Klaviersonaten \u2013 die Folge wurde erst 2020 begonnen und umfasst mittlerweile bereits 15 Werke; laut Sierra ohne eine bestimmte Zielvorgabe \u2013 versucht der Komponist den <em>\u201ehegemonialen Charakter\u201c <\/em>der Vorbilder aus der Wiener Klassik gezielt zu durchbrechen. Hierbei ist allerdings weniger Dekonstruktion im Spiel als vielmehr Nutzung neuer Beziehungen zwischen Struktur und klanglichem \u201eInhalt\u201c. Da Sierra nicht Tonalit\u00e4t als Basis der Sonatenform nutzt, dienen oft vielf\u00e4ltige rhythmische Elemente, gerade auch aus volkst\u00fcmlicher Popularmusik (Salsa, Tango, Joropo, Fandango&nbsp;\u2026), symmetrische Skalen und musikalische Gesten als konstituierend. Die erste Sonate \u2013 wie die zweite viers\u00e4tzig \u2013 spr\u00fcht nur so von s\u00fcdamerikanischen Rhythmen. Die knappere zweite Sonate kombiniert im Finale einen Milit\u00e4rmarsch mit einem <em>Pasodoble<\/em>, w\u00e4hrend die dreis\u00e4tzige dritte Sonate sich vor allem an Modellen andalusischer Musik orientiert, etwa dem <em>Fandango<\/em> im Kopfsatz oder typischen Melodiefloskeln im Finale. Trotzdem \u00fcberf\u00fchrt der Komponist mit alldem geschickt die erwartete Erz\u00e4hlstruktur von echten Sonaten in <em>\u201eheutige Alltagsrealit\u00e4t\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Sierra ebenso gewandt im Umgang mit kleinen \u2013 sprich: kurzen \u2013 Formen ist, deren Material ja unmittelbar ins Schwarze treffen muss, beweisen die beiden Zyklen der <em>Piezas \u00edntimas <\/em>von 2017 \u2013 8 St\u00fccke mit einer Durchschnittsdauer von 1\u20132 Minuten und, bis aufs Extrem konzentriert, die <em>Aphorisms <\/em>von 2020: Diese 28 Fragmente ben\u00f6tigen gerade mal 12 Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das spanische Label IBS bleibt im Booklet \u2013 mit pers\u00f6nlichen Einf\u00fchrungen des Komponisten und des Pianisten \u2013 der Tradition treu, kein Wort \u00fcber seine Interpreten zu verlieren. Auf der <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ggd\/ovalles_alfredo\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ggd\/ovalles_alfredo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Seite der Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien<\/a> erf\u00e4hrt man, dass der Venezolaner Alfredo Ovalles (Jahrgang 1986) nach Studien in Caracas und den Vereinigten Staaten schlie\u00dflich den Weg nach Wien, seiner neuen Wahlheimat, gefunden hat. Er gilt als leidenschaftlicher Spezialist f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik und steht seit Jahren mit Roberto Sierra in pers\u00f6nlichem Kontakt. Mit rhythmischer Pr\u00e4zision und immer sp\u00fcrbarer, lateinamerikanischer Verve agiert der Pianist sowohl bei dessen Sonaten als auch Miniaturen souver\u00e4n, bringt die doch recht komplizierten Strukturen zum Leuchten. Seine manuelle Virtuosit\u00e4t und die F\u00e4higkeit, den Gestus kleinster Partikel musikalisch sofort auf den Punkt zu bringen, k\u00f6nnen ebenfalls \u00fcberzeugen. Die dieser Musik innewohnenden, h\u00e4ufig schroffen Gegens\u00e4tze \u00fcbertreibt er jedoch, verwechselt bisweilen wilde Akzentuierungen mit klanglicher Barbarei. Im Dynamikbereich von <em>forte <\/em>aufw\u00e4rts erscheint sein Spiel zu undifferenziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird durch eine in den Ohren des Rezensenten katastrophale Mikrofonierung sogar noch \u00fcberzeichnet: Selten habe ich bei einer klassischen Soloklavier-Produktion ein in den B\u00e4ssen derartig wummeriges Klangbild geh\u00f6rt; so als ob st\u00e4ndig die \u201eLoudness\u201c-Taste gedr\u00fcckt bliebe. Insgesamt ist alles zu hoch ausgesteuert, stellenweise an der Grenze zum Clipping, was nach wenigen Minuten mehr als nervt. Jeder Akzent wird so zum Nadelstich \u2013 und dass dies keineswegs nur dem zugegebenerma\u00dfen etwas harten Anschlag von Herrn Ovalles geschuldet ist, zeigen z.&nbsp;B. die zahlreichen Glissandi im vierten der <em>Piezas \u00edntimas <\/em>[Track 08]. So scharf kann ein Steinway dabei gar nicht klingen. Trotzdem darf man sich fragen, ob das vom Interpreten nicht ausdr\u00fccklich so gewollt ist. Bei Jazz sind solch direkte Mikrofonierungen nicht un\u00fcblich \u2013 man denke an manche Soloalben von Keith Jarrett oder Chick Corea. Au\u00dferdem hat sich Ovalles intensiv mit der Musik u.&nbsp;a. George Crumbs besch\u00e4ftigt, der beim Klavier gerne bereits live vorzugsweise pr\u00e4parierte Saiten elektronisch verst\u00e4rken lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dies freilich ganz anders ginge, zeigt die nur ein halbes Jahr \u00e4ltere Produktion von Sierras Klavieret\u00fcden mit dem Pianisten Matthew Bengtson: Gleiches Label, gleicher Aufnahmeort mit demselben Team (!), lediglich ein anderer Fl\u00fcgel (Shigeru Kawai): akustisch tadellos (s.\u00a0u.). So versaut bei den Sonaten eine fragw\u00fcrdige Tontechnik sehr respektable Erstaufnahmen des weiterhin hochinteressant zu werdenden Klavierzyklus&#8216; eines gro\u00dfartigen Komponisten, der immer wieder mit zeitgem\u00e4\u00dfen Ideen im Kleid bekannter Formen zu begeistern wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erw\u00e4hnte Aufnahme: <\/strong>Sierra: Estudios r\u00edtmicos y sonoros, Piezas l\u00edricas, Album for the Young \u2013 Matthew Bengtson (IBS 72022, 2021)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, September 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>IBS IBS122022; EAN: 8 436597 700399 Der venezolanische Pianist Alfredo Ovalles hat in Granada die ersten drei Werke eines \u2013 schon jetzt bereits deutlich umf\u00e4nglicheren \u2013 Sonatenzyklus des puerto-ricanischen Komponisten und Ligeti-Sch\u00fclers Roberto Sierra (*1953) eingespielt. Dazu erklingen noch die \u2013 ebenfalls neuen \u2013 Piezas \u00edntimas sowie die Aphorisms. 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