{"id":5896,"date":"2023-10-04T10:00:00","date_gmt":"2023-10-04T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5896"},"modified":"2023-10-16T09:51:53","modified_gmt":"2023-10-16T07:51:53","slug":"konsequent-durchdachte-mahler-6-mit-simon-rattle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/10\/04\/konsequent-durchdachte-mahler-6-mit-simon-rattle\/","title":{"rendered":"Konsequent durchdachte Mahler 6 mit Simon Rattle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nach seinem offiziellen Einstand als neuer Chefdirigent des <\/em>Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks<em> mit Haydns <\/em>Sch\u00f6pfung<em> hatten sich die Musiker unter <\/em>Sir Simon Rattle<em> f\u00fcr die zweite Konzertreihe (28., 29.&nbsp;&amp; 30.&nbsp;September 2023) in der Isarphilharmonie<\/em> Gustav Mahlers Symphonie Nr.&nbsp;6 a-Moll <em>vorgenommen. Dazu gab es noch \u2013 als gemeinsames Auftragswerk vom BRSO, dem Orchestre de Paris und dem San Francisco Symphony Orchestra \u2013 das Orchesterst\u00fcck<\/em> \u00bbLatest\u00ab <em>der inzwischen 97-j\u00e4hrigen franz\u00f6sischen Komponistin<\/em> Betsy Jolas.<em> Der Rezensent besuchte die zweite Auff\u00fchrung am Freitag, 29.&nbsp;9.&nbsp;2023.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5897\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/BRSO-Rattle-Mahler-6-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Sir Simon Rattle und das BRSO in Mahlers Symphonie Nr. 6 (Foto vom 28.9.23), \u00a9 BR\/ Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Statement: Gleich zu Beginn einer \u201enormalen\u201c Abo-Reihe \u2013 und nicht etwa in der <em>musica viva<\/em> \u2013 die deutsche Erstauff\u00fchrung eines 2021 entstandenen Auftragswerks einer Komponistin (!) zu bringen, macht deutlich, dass <em>Sir Simon Rattle <\/em>die Zeichen der Zeit erkannt hat und sie programmatisch umzusetzen gedenkt. Die Franz\u00f6sin <em>Betsy Jolas<\/em> (*1926) wurde nach ersten Studien in den USA w\u00e4hrend der Flucht vor den Nazis dann \u2013 wieder in Paris \u2013 Sch\u00fclerin u.\u00a0a. von Darius Milhaud und Olivier Messiaen, sp\u00e4ter quasi dessen Nachfolgerin am Conservatoire. L\u00e4ngst hochdekoriert, bereits 1953 auch als junge Dirigentin, ist die Komponistin in Deutschland trotzdem allenfalls einem kleinen Kreis engagierter Pianisten bekannt gewesen, insbesondere wegen ihrer h\u00f6chst individuellen Auseinandersetzung mit dem Serialismus \u2013 eindrucksvoll im Klavierwerk <em>\u201eB for Sonata\u201c <\/em>(1973). Ihr knapp 14-min\u00fctiges Orchesterst\u00fcck <em>Latest <\/em>zeigt erneut, dass Komponieren f\u00fcr die nach wie vor temperamentvolle Pariserin immer gleichzeitig eine Einbeziehung der Musikgeschichte zumindest des gesamten 20. Jahrhunderts bedeutet. Anfangs evozieren feine Schlagzeugeffekte zauberhafte, an Anton Webern gemahnende Melodiefragmente in den Streichern \u2013 klanglich zersplitterter Serialismus. Und obwohl strukturell erkennbar an Sch\u00f6nberg angekn\u00fcpft wird, erleben die Zuh\u00f6rer ein atmosph\u00e4risch dichtes Spiel auch mit R\u00e4umlichkeit und wirklich faszinierende Instrumentationskunst, in der ein Geist der Freiheit anstatt formaler Strenge regiert. Den abschlie\u00dfenden Ausruf \u00ab\u00d4\u00bb aller Orchestermusiker nimmt das Publikum vergn\u00fcglich wohl als \u201eWas? Schon zu Ende?\u201c wahr \u2013 mehr als nur freundlicher Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p>Mahlers Sechste Symphonie tr\u00e4gt nicht umsonst den Beinamen <em>Tragische<\/em>: Simon Rattle versteht es jedoch gleicherma\u00dfen, positive und hoffnungsvolle Elemente \u00fcberzeugend ins rechte Licht zu r\u00fccken. Er dirigiert das Riesenwerk auswendig, ist all seinen Musikern stets v\u00f6llig zugewandt. Bereits an der Tatsache, dass er dem<em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> ungew\u00f6hnlich deutlich vorausdirigiert, erkennt man, welch enormes Vertrauensverh\u00e4ltnis hier schon jetzt herrscht. Und Rattle zeigt bei diesem Werk einfach alles, geht emotional sichtbar mit. Wer dabei freilich totalen Exhibitionismus \u00e0 la Leonard Bernstein erwartet, liegt v\u00f6llig daneben. Der Dirigent betont die gerade bei der <em>Sechsten <\/em>vorhandene Kontinuit\u00e4t klassischer symphonischer Traditionen, die bei der Viers\u00e4tzigkeit anf\u00e4ngt und bei Strukturelementen der einzelnen S\u00e4tze l\u00e4ngst nicht aufh\u00f6rt. Rattle hatte k\u00fcrzlich in einem Interview bemerkt, dass er gerne innerhalb einer Auff\u00fchrungsreihe mal unterschiedliche Tempi ausprobiert und Spontaneit\u00e4t durchaus Raum geben mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sp\u00fcrt man bereits bei der Wiederholung der Exposition des Kopfsatzes, die keineswegs ein Abziehbild des ersten Durchgangs ist, stellenweise eine Spur ruhiger genommen wird. Der dominierende Marsch \u2013 insgesamt weicher als bei anderen Interpreten \u2013 wirkt streng, energisch, aber noch nicht wirklich bedrohlich. Nicht nur beim Seitenthema gelingt Rattle eine schl\u00fcssige Agogik, im Piano reichen minimale Gesten aus. Die traumwandlerische Naturepisode mit den fernen Kuhglocken m\u00fcndet schlie\u00dflich in einen ber\u00fcckenden Erl\u00f6sungsmoment der Solo-Violine. In der architektonisch klar modellierten Durchf\u00fchrung integriert Rattle spezielle \u201emahlerische\u201c Klangfarben, ohne sie hervorzuheben; die Steigerung vor der Reprise bleibt eher unaufdringlich. Hingegen lassen die sp\u00e4ter vorhandenen, fast bitonalen Reibungen \u2013 das harmonische Verst\u00e4ndnis aller Musiker ist herausragend \u2013 sofort aufhorchen, die Tragik wird dennoch lediglich angedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das von Rattle an zweite Stelle gesetzte <em>Andante <\/em>\u2013 hierbei folgt er Mahlers eigenen Auff\u00fchrungen, nicht dem Erstdruck \u2013 demonstriert selbstbewusste Sch\u00f6nheit, mehr vorst\u00e4dtische Nachtszenerie denn Hinterweltler-Idylle. Schon das Englischhorn-Solo ist innig, ohne jede Tr\u00e4gheit; Rattles Tempi bleiben \u00fcber den ganzen Satz \u00e4u\u00dferst fl\u00fcssig. Das bewusste Vermeiden jeglicher Schwelgerei erweist sich dann im Verlauf doch als etwas glattpoliert, der Streicher-Zusammenbruch ger\u00e4t so k\u00fcnstlich. Wenn Mahlers Melodielinien gro\u00dfe Intervalle beinhalten, fehlt die typische Stimmung des <em>fin de si\u00e8cle<\/em>, was manche Zuh\u00f6rer ver\u00e4rgern d\u00fcrfte, dem Rezensenten allerdings so ausdr\u00fccklich gef\u00e4llt. Mit der rhythmischen Unerbittlichkeit des ersten Satzes kippt dann im Scherzo \u2013 Rattle schlie\u00dft danach das gewaltige, gut halbst\u00fcndige Finale zudem quasi attacca an \u2013 die Stimmung an der richtigen Stelle. Das Tempo ist wiederum flott, die Situation ernst von Beginn, und die zwischendurch aufblitzenden, z\u00e4rtlicheren Momente k\u00f6nnen sich nicht mehr durchsetzen. Alles wird schlie\u00dflich zu einer Fratze im Zerrspiegel, wobei v\u00f6llig offenbleibt, wohin das f\u00fchren soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon das Anfangsmotiv des Finales wirkt wie ein schneidender Schmerz aus einem nebul\u00f6sen Albtraum heraus. Der in der Symphonie auff\u00e4llig genutzte Wechsel zwischen Dur und Moll wird nun zum zentralen Element. Schon der erste Bl\u00e4serchoral erklingt stumpf; es bleibt ungem\u00fctlich. Rattles \u00dcbersicht zeigt sich besonders in einem erstaunlich geschickten Tempoaufbau: Die selbst w\u00e4hrend dieses \u2013 nicht nur verbatim durch die beiden ber\u00fchmten Holzhammerschl\u00e4ge demonstrierten \u2013 niederschmetternden \u00dcberlebenskampfs weiterhin vorhandenen \u201ePositiv\u201c-Abschnitte kommen her\u00fcber wie im Flow. Umso erschreckender dann die immer gewaltt\u00e4tigeren Abbr\u00fcche. Man muss sich klarmachen, dass der zweite Hammerschlag (von urspr\u00fcnglich dreien) gerade mal ungef\u00e4hr in der Satzmitte erscheint. Dahinter liegt also noch eine gewaltige Strecke, deren Aufbau zwingend zu gestalten eine echte Herausforderung ist. Trotz des mehrfachen, fast unertr\u00e4glichen Aufb\u00e4umens schafft Rattle dazu mit seinem Orchester ein immer durchsichtiges Klangbild: Gegen die akustischen Unzul\u00e4nglichkeiten der Isarphilharmonie helfen kleinere Retuschen wie die Verwendung von bis zu vier Beckenpaaren. Die Empathie, mit der hier musiziert wird, bleibt absolut mitrei\u00dfend. Die tr\u00fcgerische Beruhigung vor dem Schluss f\u00fchrt zu einem letzten Fortissimo-Ausbruch \u2013 wie eine mitleidlose Exekution. Nach einer zu Recht hochgelobten Darbietung der <em>Neunten<\/em> vor knapp zwei Jahren demonstriert Simon Rattle ein weiteres Mal, dass Gustav Mahler mit dem BRSO momentan kaum zu \u00fcbertreffen ist: nicht enden wollende Begeisterung mit standing ovations im Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 1. Oktober 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach seinem offiziellen Einstand als neuer Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks mit Haydns Sch\u00f6pfung hatten sich die Musiker unter Sir Simon Rattle f\u00fcr die zweite Konzertreihe (28., 29.&nbsp;&amp; 30.&nbsp;September 2023) in der Isarphilharmonie Gustav Mahlers Symphonie Nr.&nbsp;6 a-Moll vorgenommen. 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