{"id":5903,"date":"2023-10-06T03:03:10","date_gmt":"2023-10-06T01:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5903"},"modified":"2023-10-06T03:03:14","modified_gmt":"2023-10-06T01:03:14","slug":"joachim-raffs-samson-in-bern-ein-interview-mit-graziella-contratto-und-philippe-bach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/10\/06\/joachim-raffs-samson-in-bern-ein-interview-mit-graziella-contratto-und-philippe-bach\/","title":{"rendered":"Joachim Raffs \u201eSamson\u201c in Bern \u2013 ein Interview mit Graziella Contratto und Philippe Bach"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5904\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230908_115155-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Stadttheater Bern<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am 8. September 2023 kam Joachim Raffs Oper <\/em>Samson<em>, die ein Jahr zuvor mit gro\u00dfer Versp\u00e4tung im Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgef\u00fchrt worden war, zum ersten Mal in der Schweiz zur Auff\u00fchrung. Das Werk erklang konzertant unter der Leitung von Philippe Bach im Stadttheater Bern, die Berner Symphoniker begleiteten ein hochkar\u00e4tiges internationales Gesangsensemble (zur Besprechung <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/17\/musik-in-bern-1-die-schweizerische-erstauffuehrung-von-joachim-raffs-samson\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/09\/17\/musik-in-bern-1-die-schweizerische-erstauffuehrung-von-joachim-raffs-samson\/\">siehe hier<\/a>). Die Auff\u00fchrung bildete den Endpunkt eines neunt\u00e4gigen Aufnahmeprojekts f\u00fcr das Label Schweizer Fonogramm, produziert von Graziella Contratto. Im Anschluss an die Auff\u00fchrung f\u00fchrte The New Listener mit Graziella Contratto und Philippe Bach das folgende Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sind Sie beide auf Joachim Raff gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Ich stamme aus der gleichen Gegend wie Joachim Raff. Ich bin im Kanton Schwyz aufgewachsen und kenne den Ehrenpr\u00e4sidenten der Joachim Gesellschaft, Res Marty, schon seit vielen Jahren. Meine erste Begegnung mit Raff hatte ich, als ich erfuhr, dass in Lachen in dem Haus, das heute am Ort seines Geburtshauses steht, ein Museum f\u00fcr ihn eingerichtet wurde. Ich habe sp\u00e4ter auch zwei, drei Werke von ihm dirigiert. Aber erst vor zwei oder drei Jahren ist mir zu Ohren gekommen, dass es die Oper <em>Samson<\/em> gibt \u2013 eine tragische Oper unter Raffs starkem Eindruck von Wagners <em>Lohengrin<\/em> und dessen Z\u00fcrcher Schriften, die seit ihrer Entstehung \u00fcber 170 Jahre in einer Schublade warten musste, bis sie letztes Jahr in Weimar in der Regie von Calixto Bieito uraufgef\u00fchrt worden war. Und da dachte ich: Das m\u00fcssen wir als Weltersteinspielung machen! 2017 hatte ich gemeinsam mit meinem Mann Fr\u00e9d\u00e9ric Angleraux ein Label gegr\u00fcndet, Schweizer Fonogramm, das schon in den ersten Jahren vergessen gegangene Schweizer Kompositionen mit hochkar\u00e4tigen Studioaufnahmen releasen durfte. Als unbekannte Schweizer romantische Oper war der <em>Samson<\/em> f\u00fcr uns daher ideal. Dazu brauchten wir nat\u00fcrlich auch ein Orchester, einen Chor, gute Solisten und Solistinnen, einen hervorragenden Kapellmeister und vor allem einen Ort, wo das Ganze als Schweizer Erstauff\u00fchrung aufgef\u00fchrt und als Studioproduktion aufgenommen werden konnte. Von den Finanzen spreche ich dann weiter unten\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Es ist eigentlich traurig, aber ich als Schweizer habe Raff erst in Th\u00fcringen kennengelernt, als GMD in Meiningen. In einem Gespr\u00e4ch mit Professor Wolfram Huschke von der Musikhochschule Weimar kamen wir darauf, dass man f\u00fcr Raff etwas machen m\u00fcsste: Er sei doch Schweizer und wirkte in Th\u00fcringen. So habe ich ihn kennengelernt. Ja, es ist traurig, dass Raff bei uns so unbekannt ist, aber mit dem Jubil\u00e4umsjahr 2022 gab es f\u00fcr ihn zum Gl\u00fcck einen wichtigen \u201ePush\u201c, der ihn in der Schweiz auf die musikalische Landkarte gebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei\u00dft, die Schweizer wurden durch das Jubil\u00e4um erst richtig wachger\u00fcttelt, was die Bedeutung von Raff betrifft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ein bisschen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> \u2026nicht genug! Wir haben in der Schweiz ein wenig das Problem mit dem eigenen musikalischen Kulturerbe, weil es eben nicht so wahnsinnig viel gibt vor dem 20.&nbsp;Jahrhundert. Man darf nicht vergessen, dass die Schweiz damals kulturell betrachtet eigentlich ein unterentwickeltes Land war, abgesehen von gewissen Industriezentren wie Z\u00fcrich und Genf oder Basel. Die Schweizer galten w\u00e4hrend vielen Jahrhunderten als ein Bauernvolk, naturaffin, aber eben nicht als Ausgeburt der Raffinesse\u2026.. Viele ausl\u00e4ndische Komponisten waren hier im Exil ( wie z.&nbsp;B. Richard Wagner), machten Bergtouren (wie Mendelssohn) oder befanden sich auf der Durchreise mit einem Besuch eines reichen Bekannten, und haben dann hier etwas komponiert, wie Brahms, der am Thunersee sein Doppelkonzert geschrieben hat. Wir hatten einfach weniger eigene Komponisten. In Genf, in der franz\u00f6sischen Schweiz gab es schon einige, aber sie sind nicht sehr bekannt geworden, Josef Lauber etwa, geboren 1864. Er hat dasselbe Problem, obwohl er eine wichtige Pers\u00f6nlichkeit war, z.&nbsp;B. bei der Gr\u00fcndung des Schweizerischen Tonk\u00fcnstler-Vereins. Ich glaube, deswegen sind die Schweizer nicht gewohnt, dass aus dem 19 Jahrhundert tats\u00e4chlich Trouvaillen da sind: Musik von Schweizern komponiert, zwei, drei Komponistinnen sind auch darunter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ich glaube, bei Raff kommt auch noch die Sache hinzu, dass er sehr jung ausgewandert ist: die ersten rund 20 Jahre in der Schweiz \u2013 danach in Deutschland. Er musste ja fast fliehen, hatte finanzielle Probleme. Und dann war er weg. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum viele gar nicht wissen, dass Raff ein Schweizer Komponist ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Dann war er ja auch Direktor des Frankfurter Hochschen Konservatoriums, seine Hauptwirkungsorte liegen in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie hatten schon das tragische Sujet erw\u00e4hnt. Was, meinen Sie, gab f\u00fcr Raff den Ausschlag, sich f\u00fcr den Samson-Stoff zu entscheiden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Das habe ich mir auch \u00fcberlegt. Er hat ja den Lohengrin als Assistent in Weimar bei der Urauff\u00fchrung miterlebt, und ich habe ein bisschen den Eindruck \u2013 das ist nat\u00fcrlich eine k\u00fcchenpsychologische Analyse \u2013, Raff war auf der einen Seite fasziniert von Wagner, auf der anderen Seite wollte er sagen: \u201eIch kann das auch!\u201c Er hat gesehen, wie Wagner sich gerade jetzt auf diese mittelalterliche oder sp\u00e4ter deutsch-nordische Sagenwelt eingeschossen hat, und daher kann ich nachvollziehen, dass er \u2013 als Urschwyzer \u2013 auf einen alttestamentarischen Text zur\u00fcckgriff. Er ist nicht nach Norden gegangen, sondern in die Vergangenheit zur\u00fcck, ins alttestamentarische Kriegsgeschehen, mitten hinein in die K\u00e4mpfe zwischen Israeliten und Philistern. Er hat sich dieses Thema vorgenommen, hat sich in vielen Studien damit befasst, wollte dar\u00fcber sogar doktorieren. Man sieht das auch in der Partitur: Die Regieanweisungen sind extrem detailliert. Auch der gesungene Text des von ihm selbst verfassten Librettos versucht, Biblisches mit Individuellem und Politischem zu vermengen, das ist alles sehr akribisch ausgearbeitet, z.&nbsp;B. in den Namensw\u00f6rtern oder in den geographischen Angaben. Er hat viel recherchiert. Das war kein oberfl\u00e4chliches Zusammenbasteln. Es ist eine Mischung zwischen Drama, alttestamentarischen Sagen, Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ich glaube schon, dass das ein Gl\u00fcck f\u00fcr ihn war, dass er dabei sein konnte, als Liszt den <em>Lohengrin<\/em> uraufgef\u00fchrt hat. Er hat Wagner nicht kopiert \u2013 dazu ist Raff in seiner Tonsprache zu eigen \u2013 aber er wurde ganz klar von Wagner inspiriert. Sehen Sie sich das Orchester an: Es hat genau die gleiche Gr\u00f6\u00dfe wie beim <em>Lohengrin<\/em>, die Instrumente sind identisch. Was mir auch auff\u00e4llt, ist der sehr solistische Einsatz der Blechbl\u00e4ser, gerade in der Begleitung von Rezitativen \u2013 Wagner war im Lohengrin der Erste, der das gemacht hat, das gab es vorher in der Opernliteratur kaum. Und das hat Raff beim Samson dann auch gemacht. Beethoven wurde auch inspiriert durch Mozart, Schubert durch Beethoven und so weiter. Junge K\u00fcnstler suchen sich immer Vorbilder und wollen dem nachstreben. Raff hat das wirklich gro\u00dfartig gemacht, in seiner eigenen Sprache und seinen eigenen Ideen, aber er wurde zu dieser Oper ganz klar von Wagner inspiriert. Auch \u00fcbernimmt er von Wagner die Motivtechnik\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> \u2026wenn auch weniger konsequent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach: <\/strong>Aber es leuchtet doch immer auf, etwa in dem Dialog zwischen Vater und Tochter. Da gibt es ein kurzes Motiv, nur einen Takt lang, aber es kommt immer wieder. Und dabei \u00e4ndert sich so schnell die Farbe der Musik!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bemerkenswert ist ja auch, wie Raff seine Szenen aufbaut, im ersten Akt etwa die Anrufungen der G\u00f6ttin durch den Chor mit den sich steigernden Solo-Partien dazwischen, bis dann die Kriegsszenerie hereinbricht!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Darin hat er sich von der Grand Op\u00e9ra Meyerbeers anregen lassen. Diese Dramaturgie ist offenbar franz\u00f6sisch inspiriert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ich glaube, das war wirklich eine goldene Zeit, als er in Weimar war! Er hat sehr viel miterlebt \u2013 Liszt war ja so offen \u2013 und es war sicher ph\u00e4nomenal f\u00fcr ihn, als junger Mensch dort zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Aber es war schon hart, dass dann <em>Samson et Dalila<\/em> von Saint-Sa\u00ebns ausgerechnet in Weimar zur Urauff\u00fchrung kam, nachdem sein eigener Samson aufgrund von Theaterintrigen gegen Liszt, sp\u00e4ter wegen des \u00fcberraschenden Todes des eigentlich von Samson begeisterten Ludwig Schnorr von Carolsfeld definitiv nicht zur Urauff\u00fchrung kommen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In welchem Verh\u00e4ltnis sehen Sie die beiden Samson-Opern von Raff und Saint-Sa\u00ebns?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Saint-Sa\u00ebns hat das Orientalische gekannt: Er war mit dem musikalischen Flair, dem Eros und dem damals florierenden Exotismus vertraut, konnte dies aus eigener Reiseerfahrung einbringen. Deswegen ist sein Werk insgesamt etwas parf\u00fcmierter als bei Raff. Abgesehen von ein paar modalen Ans\u00e4tzen ist Raffs Musik relativ europ\u00e4isch. Bei Raff steht ein politisches, psychologisches Thema im Vordergrund, was sich auch in der Musik niederschl\u00e4gt. In <em>Samson et Dalila<\/em> sp\u00fcrt man viel pariserisches Idiom, aber auch ein bisschen kulturellen Tourismus. Auch bei Saint-Sa\u00ebns gibt es unglaublich tolle Musik, gro\u00dfartige Arien, aber diese Musik ist in einem anderen Fluss, bewegt sich in einem anderen kulturellen Setting.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sehen sie den <\/strong><em><strong>Samson<\/strong><\/em><strong> im Gesamtkontext des Raffschen Schaffens?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ich glaube, das ist ein unglaublich zentrales Werk. Wir wissen nicht \u2013 er hat ja nicht sehr viele Opern danach komponiert \u2013, was passiert w\u00e4re, w\u00e4re die Urauff\u00fchrung in Weimar damals zustande gekommen und ein riesiger Erfolg geworden, und er darauf vielleicht noch sehr viele Opernauftr\u00e4ge erhalten h\u00e4tte\u2026 In der Karriere eines Musikers gibt es unglaublich viele Zuf\u00e4lle, und die entscheiden dann, ob es in diese Richtung oder in eine andere Richtung geht. Was w\u00e4re mit Wagner passiert, wenn nicht K\u00f6nig Ludwig gewesen w\u00e4re? Das wei\u00df man nicht. Vielleicht h\u00e4tten wir keinen <em>Ring<\/em>! Und bei Raff ist es eigentlich eine Trag\u00f6die, dass diese Oper nicht viel fr\u00fcher schon gespielt wurde. Vielleicht h\u00e4tte sie ihm viele T\u00fcren ge\u00f6ffnet. Es kam dann anders, und er hat dann sp\u00e4ter mehr im symphonischen Bereich gearbeitet. Ich muss sagen: F\u00fcr mich war das Werk auch ein T\u00fcr\u00f6ffner, mich noch viel mehr mit ihm zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnten Sie sich vorstellen, ein weiteres Opernprojekt zu realisieren? Es ist ja noch genau eine Oper von Raff nicht aufgef\u00fchrt: <\/strong><em><strong>Die Parole<\/strong><\/em><strong>. W\u00e4re das eine Option f\u00fcr Sie, mit diesem St\u00fcck weiter zu machen, das offenbar einen ganz anderen Raff zeigen soll?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Was man einfach wissen muss: Das ganze <em>Samson<\/em>-Projekt, also Aufnahme und Erstauff\u00fchrung, steht am Ende eines zweij\u00e4hrigen Vorbereitungsprozesses. Es brauchte dazu sehr viel Ressourcen, Zeit und Geld. Es war nicht Teil eines normalen Saisonprogramms \u2013 dann w\u00e4re es viel einfacher gewesen. Weimar konnte letztes Jahr seine Auff\u00fchrung als Er\u00f6ffnungsprogramm der Saison ansetzen. Wir haben das hier au\u00dferhalb der Saison mit dem Berner Symphonieorchester zusammen gestemmt. So etwas ist sehr aufwendig, in jeder Hinsicht. Es musste eine F\u00f6rderstruktur gefunden werden, die das Ganze finanziell unterst\u00fctzt. Wir fanden zum Gl\u00fcck Unterst\u00fctzung und Partnerschaften: von der Raff-Gesellschaft Lachen, von verschiedenen \u00f6ffentlichen Instanzen, zum Beispiel dem Kanton Schwyz, der Herkunftsgegend. Hinzu kamen private F\u00f6rderstiftungen, ein Crowdfunding und M\u00e4zene und M\u00e4zeninnen, die sich anstecken lie\u00dfen vom Samson-Fieber. Uns ist aber auch aufgefallen, dass es in der Schweiz auf Bundesebene selber ein gewisses Umdenken braucht, um Tontr\u00e4geraufnahmen unter Studiobedingungen als eigene Kulturleistung anzuerkennen. Das ist n\u00e4mlich noch nicht so sehr der Fall, mindestens nicht, was die historische Schweizer Musik betrifft. Die zeitgen\u00f6ssische Musik wird schon sehr unterst\u00fctzt. Das ist auch richtig und wichtig! Aber die historische Musik, die eigentlich fast noch sensationeller ist, weil man sie noch gar nicht kennt und gar nicht wei\u00df, was es alles gibt\u2026 Das steckt noch ein bisschen in den Kinderschuhen, glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Man muss einfach auch sagen: Solche Studio-Aufnahmen von Opern gibt es eigentlich heute gar nicht mehr, das kann niemand mehr bezahlen. Aber das ist sehr schade, denn es sind doch wichtige Zeitdokumente, auf die man eben auch noch in 100 Jahren, so hoffe ich, zur\u00fcckgreift. Es gibt doch Referenzaufnahmen, sagen wir: den <em>Rosenkavalier<\/em> unter Carlos Kleiber. Solche Sachen gibt es leider heute kaum mehr, da man heute immer Live-Mitschnitte auf CD oder DVD bringt. Aber ich finde es unglaublich wichtig f\u00fcr die Geschichte, dass man solche Studioaufnahmen mit der wirklich besten Qualit\u00e4t eben f\u00fcr die Ewigkeit aufnimmt. Aber wie Graziella gesagt hat: Es ist ein Kraftakt, so etwas zu stemmen! Wir hatten auch das Gl\u00fcck, dass uns das Stadttheater von B\u00fchnen Bern neun Tage zur Verf\u00fcgung stand. Welcher Opernintendant w\u00fcrde ein Opernhaus f\u00fcr neun Tage schlie\u00dfen! Sie konnten in der Zeit keine Auff\u00fchrungen spielen. Dass wir an diesem Ort die Aufnahmen machen konnten, ist ein Gl\u00fccksfall. Das muss man wirklich sagen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche M\u00f6glichkeiten bietet ein solches Vorgehen verglichen mit einer szenischen Auff\u00fchrung, die mitgeschnitten wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Man hat nat\u00fcrlich eine viel h\u00f6here musikalische Qualit\u00e4t. Jeder Musiker bringt Spitzenleistungen und gibt sein Bestes. Jeder weiss: Das ist f\u00fcr die Ewigkeit. Das Niveau ist unglaublich, das erreicht man selten, fast nie in einer Opernauff\u00fchrung! Und eine konzertante Auff\u00fchrung f\u00fcr mich etwas unglaublich Sch\u00f6nes. Alle konnten sich wirklich auf die Musik konzentrieren und hatten das St\u00fcck im Blut, da wir zehn Tage so intensiv gearbeitet haben. Das hat man selten. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt dieses St\u00fcck auf die B\u00fchne, das ist klar: Es braucht Inszenierungen, verschiedene Inszenierungen! Ich glaube, das St\u00fcck l\u00e4sst auch viel zu, man kann viel damit machen. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn das St\u00fcck jetzt gespielt w\u00fcrde in verschiedenen Inszenierungen. Aber rein f\u00fcr die musikalische Qualit\u00e4t ist eine Unternehmung, wie wir sie hier durchf\u00fchren konnten, etwas vom Besten was es gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das hei\u00dft, die B\u00fchnen Bern haben durch die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung des Theaters einen ganz wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass man \u00fcberhaupt diese Aufnahme ins Werk sitzen konnte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Nat\u00fcrlich! Und wir haben noch ein sogenanntes Konzertzimmer einbauen lassen. Sie haben diese Konzertmuschel auf der B\u00fchne gesehen. Sie musste extra eingerichtet werden, was einen Tag lang gedauert hat. 20 Arbeiter sind mit drei Sattelschleppern hergekommen und haben sie aufgestellt: oben die Segel, auf der Seite Stellw\u00e4nde und so weiter. Es war ein unglaubliches Abenteuer, aber auch toll, denn jetzt haben wir wirklich etwas Wichtiges zusammen geleistet, damit Raff auch als Opernkomponist wahrgenommen werden kann, und zwar weltweit. Man sagt immer, Live-Aufnahmen haben einen \u201eSpirit\u201c aus dem Moment, es ist so emotional. Aber Emotion bedeutet auch manchmal Ungenauigkeit, Spontaneit\u00e4t statt Reflexion. Es k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch ungewollt Dinge passieren. Mich pers\u00f6nlich \u00e4rgert es dann, wenn so etwas f\u00fcr immer und ewig einfach aufgenommen ist und dann immer wieder geh\u00f6rt werden kann, und jeder merkt: Da gab es ein Problem, dort eine Unsch\u00e4rfe, intonatorisch gibt es etwas zu bekritteln usw. Dann verzichte ich lieber auf den Live-Moment und setze lieber auf eine ausgekl\u00fcgelte, gut gef\u00fchrte Studioaufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Herr aus dem Publikum hat zu mir gestern den Satz gesagt, Raff sei eigentlich das bedeutendste \u201eMissing-Link\u201c des 19. Jahrhunderts, weil er gewisserma\u00dfen wie in einem Kreis zwischen seinen ganzen ber\u00fchmter gewordenen Kollegen steht und jedem von ihnen die Hand reicht. Sehen Sie das \u00e4hnlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graziella Contratto:<\/strong> Das ist sehr sch\u00f6n gesagt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Philippe Bach:<\/strong> Ja, Raff war gewisserma\u00dfen bei beiden, bei den Neudeutschen um Liszt wie bei der anderen Linie von Mendelssohn, und hat versucht, auf seine Weise zu verbinden. Er hat eben nicht gesagt: \u201eNur das ist gut, und das ist schlecht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herzlichen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Norbert Florian Schuck, 9. September 2023]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zur weiteren Information:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltersteinspielung der Oper <em>Samson <\/em>von Joachim Raff erscheint voraussichtlich im kommenden Dezember als 3-CD-Box bei\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.schweizerfonogramm.com\/\" target=\"_blank\">www.schweizerfonogramm.com<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Philippe Bach leitet das Berner Symphonieorchester und den Chor der B\u00fchnen Bern, als Solisten wirken mit:<\/p>\n\n\n\n<p>SAMSON \u2013 Magnus Vigilius<\/p>\n\n\n\n<p>DELILAH \u2013 Olena Tokar<\/p>\n\n\n\n<p>ABIMELECH \u2013 Robin Adams<\/p>\n\n\n\n<p>OBERPRIESTER \u2013 Christian Immler<\/p>\n\n\n\n<p>MICHA \u2013 Michael Weinius<\/p>\n\n\n\n<p>Die k\u00fcnstlerische Aufnahmeleitung wurde ebenso wie das Editing und das Mastering \u00fcbernommen von Fr\u00e9d\u00e9ric Angleraux, Studio&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.adcsound.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.adcsound.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. 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