{"id":5909,"date":"2023-10-10T17:26:43","date_gmt":"2023-10-10T15:26:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5909"},"modified":"2023-10-10T17:26:47","modified_gmt":"2023-10-10T15:26:47","slug":"die-ersten-blueten-der-musik-fuer-solocello-im-20-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/10\/10\/die-ersten-blueten-der-musik-fuer-solocello-im-20-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Die ersten Bl\u00fcten der Musik f\u00fcr Solocello im 20.\u00a0Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p>Wergo, WER 7409 2, EAN: 4 010228 740929<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Soldanella.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Soldanella.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5910\" width=\"469\" height=\"465\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Soldanella.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Soldanella-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Soldanella-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf seiner neuen Solo-CD erforscht Julius Berger die Anf\u00e4nge der Sololiteratur f\u00fcr Violoncello zu Beginn des 20.&nbsp;Jahrhunderts, fast zwei Jahrhunderte nach Bachs epochalen Suiten. Neben Max Regers Suite d-moll op.&nbsp;131<\/em><em>c<\/em><em> Nr.&nbsp;2 hat Berger hierf\u00fcr die Passacaglia aus der Solosonate von Donald Francis Tovey sowie \u2013 als Weltersteinspielungen \u2013 zwei Solowerke von Adolf Busch sowie die Suite Nr.&nbsp;2 h-moll von Walter Courvoisier ausgew\u00e4hlt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Johann Sebastian Bachs Suiten f\u00fcr Solocello Anfang des 20.&nbsp;Jahrhunderts durch Pablo Casals aus einem veritablen Dornr\u00f6schenschlaf erweckt werden mussten, d\u00fcrfte vielen Musikliebhabern gel\u00e4ufig sein. In der Tat spielte man sie im 19.&nbsp;Jahrhundert wenn \u00fcberhaupt, dann h\u00f6chstens mit zus\u00e4tzlicher Klavierbegleitung, wovon \u00fcbrigens eine historische Aufnahme der Sarabande aus der Suite Nr.&nbsp;6 durch Julius Klengel ein ebenso sp\u00e4tes wie in mancher Hinsicht skurriles Zeugnis ablegt. Diese Skepsis gegen\u00fcber Musik f\u00fcr solistisches Violoncello (und \u00fcberhaupt solistische Melodieinstrumente) und ebenso ihre allm\u00e4hlich einsetzende Renaissance zu Beginn des 20.&nbsp;Jahrhunderts l\u00e4sst sich dabei ebenso deutlich anhand der Literatur f\u00fcr Solocello nachvollziehen. In der Tat gibt es nach einer Reihe von Werken aus der Zeit des Barock eine lange Pause in etwa zwischen 1750 und 1900, in der nahezu \u00fcberhaupt keine Solowerke entstanden, abgesehen von einigen Beitr\u00e4gen komponierender Cellisten, besonders bekannt etwa die Capricen von Alfredo Piatti.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1915 \u00e4ndert sich das Bild allm\u00e4hlich, und gemeinhin werden Kod\u00e1lys gro\u00dfartige Solosonate sowie Max Regers <em>Drei Suiten op.&nbsp;131c<\/em> als die Werke genannt, mit denen die moderne Literatur f\u00fcr solistisches Violoncello beginnt, die also am Beginn einer Renaissance stehen, die bis zum heutigen Tag eine enorme Vielfalt an neuer Literatur hervorgebracht hat. Dieser Scheidepunkt ist es, der Julius Berger auf seinem neuen Album interessiert, und der ihn gleichzeitig dazu animiert hat, die Situation genauer unter die Lupe zu nehmen \u2013 und so weitere Solost\u00fccke aus jenen Jahren zum Vorschein gebracht hat abseits der bekannten Namen, unter anderem in Form von drei Ersteinspielungen. Es gab also nicht nur Kod\u00e1ly und Reger, sondern auch Donald Francis Tovey, Adolf Busch und Walter Courvoisier, die seinerzeit Musik f\u00fcr Solocello schrieben. F\u00fcr dieses Wiederaufkeimen einer \u00fcber Jahrhunderte vernachl\u00e4ssigten Gattung hat Berger das sch\u00f6ne Bild der ersten Blumen auf den Bergen seiner Allg\u00e4uer Heimat zu Beginn des Fr\u00fchlings gefunden, der Soldanellen (oder Alpengl\u00f6ckchen); daher der Titel des Albums.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beginn steht mit Regers <em>Suite Nr.&nbsp;2 d-moll<\/em>, wie alle drei Suiten um die Jahreswende 1914\/15 entstanden, ein Klassiker. Berger pr\u00e4sentiert in seinem ausf\u00fchrlichen und von gro\u00dfem Enthusiasmus getragenen Begleittext eine Reihe von Gedanken und Thesen rund um dieses Werk. Man muss gar nicht notwendigerweise allen davon vollumf\u00e4nglich zustimmen, um seine Ausf\u00fchrungen als eine ungemein anregende Lekt\u00fcre zu empfinden und Einblicke in seine intensive Besch\u00e4ftigung mit dieser Musik zu erhalten, die zu einer sehr pers\u00f6nlichen und charaktervollen Lesart der Suite gef\u00fchrt haben. Berger begreift sie als die \u201eschmerzensreiche\u201c in Regers Triptychon, unter anderem mit Bez\u00fcgen zu Bachs Choral <em>Wenn ich einmal soll scheiden<\/em>, und dieser Ansatz ist bereits im Pr\u00e4ludium exzellent nachvollziehbar. Berger nimmt den Satz relativ rasch, \u00fcbrigens durchaus in Einklang mit Regers Metronomangabe (Viertel=54, was bei einem Largo mit Notenwerten bis hin zu Zweiunddrei\u00dfigsteln nicht eben langsam ist), und das Resultat ist weniger ein breit str\u00f6mender langsamer Satz als vielmehr ein konfliktreicher, ausgesprochen expressiver, ja teils agitiert deklamierender (vgl. die bereits erw\u00e4hnten Zweiunddrei\u00dfigstel im Mittelteil) Monolog. Man beachte in diesem Kontext unter anderem Bergers relativ kurze, teil fast staccatohafte Artikulation in Takten 6 bis 8, die exemplarisch f\u00fcr das Momentum, den dramatisch-passionierten Vorw\u00e4rtsdrang seiner Interpretation stehen mag.<\/p>\n\n\n\n<p>In Regers viers\u00e4tziger Suite findet sich an dritter Stelle ein zweites Largo, und es ist interessant zu beobachten, wie Berger in seinem bewegteren Mittelteil den expressiven Duktus des Pr\u00e4ludiums wieder aufgreift, andererseits aber den Kontrast zu den breit ausgesungenen, weiten B\u00f6gen der Eckteile vorz\u00fcglich herausarbeitet. Hier wei\u00df Berger die innige, tief empfundene Gesangslinie exzellent zu realisieren, die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge dabei stets im Blick. Bei der Wiederkehr des Anfangsteils spielt Berger offenbar weite Teile auf der D-Saite, was der Musik einen entr\u00fcckten, sanft ged\u00e4mpften Charakter verleiht. Bergers grunds\u00e4tzliches Verst\u00e4ndnis der Suite zeigt sich aber auch in den beiden schnellen S\u00e4tzen: so ist die Gavotte an zweiter Stelle bei ihm ein sehr wohl helleres, aber nicht leichtf\u00fc\u00dfiges Intermezzo, stets von einer gewissen Schwerbl\u00fctigkeit gepr\u00e4gt, die nat\u00fcrlich im etwas verlangsamten, von Berger dezidiert auch verhalten, z\u00f6gernd begriffenen Mittelteil besonders zum Tragen kommt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die finale Gigue: Berger l\u00e4sst sich hier eher Zeit, eilt nicht, sondern nimmt sich sogar im Gegenteil immer wieder Momente des Innehaltens heraus, baut ein gewisses Ma\u00df an Rubato auch in diesem Vivace-Finale ein, arbeitet die Harmonik und die dramatischen H\u00f6hepunkte klar heraus. Etwas \u00fcberrascht war ich zun\u00e4chst dar\u00fcber, dass er den Schluss etwas verhaltener nimmt als m\u00f6glich w\u00e4re (immerhin Fortissimo al fine), aber tats\u00e4chlich kommt die \u201eschmerzensreiche\u201c Note dieser Musik so ausgezeichnet zur Geltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Donald Francis Tovey (1875\u20131940), der gro\u00dfe britische Musikgelehrte, war \u2013 wie in den letzten Dekaden durch eine Reihe von CD-Einspielungen allm\u00e4hlich wieder ins Bewusstsein gerufen wird \u2013 auch ein exzellenter Komponist, der ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schmales, aber sehr dezidiert die Auseinandersetzung mit der gro\u00dfen Form und der Tradition suchendes \u0152uvre hinterlassen hat. Anfang der 1910er Jahre besch\u00e4ftigte er sich intensiv mit Musik f\u00fcr solistische Streichinstrumente und publizierte 1913 jeweils eine Sonate f\u00fcr Solovioline und Solocello. Aus der letzteren, der <em>Sonate f\u00fcr Violoncello solo D-Dur op.&nbsp;30<\/em>, hat Berger den Schlusssatz, eine gro\u00dfartige, monumentale, an Bach (und nat\u00fcrlich speziell der Chaconne aus der Partita d-moll BWV&nbsp;1004) geschulte Passacaglia ausgew\u00e4hlt, die bei Berger allein bereits 20 Minuten in Anspruch nimmt. Die Ausdrucksspanne dieser Musik ist enorm, unter anderem mit einem teils geradezu dramatischen Mittelteil in Moll, einer veritablen Apotheose und schlie\u00dflich einem wie befreit wirkenden finalen Allegro. Faszinierend dabei ganz besonders die klug disponierten H\u00f6hepunkte, die sorgf\u00e4ltig \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume aufgebauten Steigerungen \u2013 man beachte etwa die stetig zunehmende Bewegung \u00fcber die ersten Minuten hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt mindestens zwei Einspielungen der gesamten Sonate. Interessiert man sich f\u00fcr Toveys Schaffen insgesamt, ist die recht solide, aber im Vergleich doch etwas blasse Einspielung von Alice Neary bei Toccata von nat\u00fcrlichem Interesse. Die (mutma\u00dfliche) Ersteinspielung der Sonate hat indes um die Jahrtausendwende herum die amerikanische Cellistin Nancy Green vorgenommen. Green nimmt die Passacaglia ein gutes St\u00fcck z\u00fcgiger als Berger und kommt auf eine Spieldauer von 14 Minuten (bei neun gek\u00fcrzten Takten direkt vor dem Moll-Mittelteil). Sie betont dabei eher den Vorw\u00e4rtsdrang, die Dynamik der Musik, w\u00e4hrend Bergers Lesart \u00fcber weite Strecken meditativer, vielleicht sogar ein wenig archaisch wirkt und die gro\u00dfe, weitr\u00e4umige Architektur des St\u00fccks in den Vordergrund stellt. Dass beide Varianten sich als ausgesprochen valide Ans\u00e4tze erweisen, spricht f\u00fcr die Qualit\u00e4ten und den Facettenreichtum von Toveys Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Solowerken von Adolf Busch (1891\u20131952) betritt Julius Berger g\u00e4nzlich neues Terrain, denn bislang lagen von diesen Kompositionen keine Einspielungen vor. Busch war nat\u00fcrlich vor allem einer der ber\u00fchmtesten Geiger der ersten H\u00e4lfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts, hat aber auch sein Leben lang komponiert. V\u00f6llig vergessen war sein Schaffen zwar nie, aber eine besonders gro\u00dfe Rolle haben seine Werke auf Tontr\u00e4ger lange Zeit nicht gespielt. In j\u00fcngerer Zeit ist speziell seine Kammermusik, die sicherlich einen der Schwerpunkte seines Schaffens darstellt, ein wenig st\u00e4rker in den Fokus ger\u00fcckt. Busch war mit Max Reger befreundet, und so ganz m\u00f6chte ich Bergers Aussage, diese Freundschaft habe zu keiner Verwandtschaft der Kompositionsstile gef\u00fchrt, nicht folgen \u2013 es gibt schon eine ganze Reihe von Werken Buschs, die recht deutlich an Reger gemahnen. Was allerdings sehr wohl zutrifft, ist, dass Buschs kompakt gehaltene <em>Suite op.&nbsp;8a<\/em>, um 1914 und damit zeitgleich oder sogar vor Regers Suiten entstanden, sich \u00fcberraschend deutlich von diesen unterscheidet, unter anderem deshalb, weil die Bezugnahme auf das Vorbild Bachs in Buschs Suite zwar auch vorhanden ist, aber weniger deutlich erscheint als in den \u00fcbrigen Werken auf dieser CD.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon das Pr\u00e4ludium l\u00e4sst aufhorchen, eine sich chromatisch windende, dunkel-vergr\u00fcbelt gehaltene Fantasie, die eigentlich erst mit den letzten Takten g-moll als Grundtonart best\u00e4tigt (nicht umsonst tr\u00e4gt die Suite, obwohl um G zentriert, keine Tonartenbezeichnung). Sehr originell, widerborstig und bockspr\u00fcngig das kurze Scherzo an zweiter Stelle. Mit den beiden letzten S\u00e4tzen, Romanze und Tarantelle, hellt sich der Charakter des Werks auf, wird freundlicher, obwohl selbst die abschlie\u00dfende Tarantelle, nun in G-Dur, nicht unbedingt von Leichtigkeit gepr\u00e4gt ist: vielmehr dominiert auch hier eine gewisse Erdenschwere, sind es die Kanten, die dieser Musik ihr ganz eigenes Profil geben, von Julius Berger mit Nachdruck und viel Sinn f\u00fcr diese spezifische Atmosph\u00e4rik in Szene gesetzt. Einige Jahre sp\u00e4ter, 1922 n\u00e4mlich, lie\u00df Busch seiner Suite noch ein <em>Pr\u00e4ludium und Fuge d-moll op.&nbsp;8b<\/em> folgen, ein Diptychon, das sich nun wesentlich expliziter auf die Tradition Bachs bezieht. Im eher ruhig gehaltenen Pr\u00e4ludium erweist sich Berger einmal mehr als souver\u00e4ner Gestalter mit sorgf\u00e4ltig durchdachter Artikulation; in der Fuge \u00fcberrascht erst einmal seine erstaunlich gem\u00e4\u00dfigte Tempowahl angesichts eines Allegro energico, doch wo das Fugenthema m.&nbsp;E. zu einem rascheren Puls einladen w\u00fcrde, wird dies durch einige Sechzehntelpassagen wenig sp\u00e4ter wieder relativiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vermutlich am wenigsten bekannte Komponist, der auf dieser CD vertreten ist, ist der geb\u00fcrtige Schweizer Walter Courvoisier (1875\u20131931), der zun\u00e4chst Medizin studierte und als Arzt praktizierte, bevor er sich doch f\u00fcr die Musik entschied und in M\u00fcnchen u.&nbsp;a. Sch\u00fcler von Ludwig Thuille wurde. Nur wenig sp\u00e4ter wurde er selbst ein gefragter Kompositionslehrer an der M\u00fcnchener Akademie der Tonkunst. Courvoisiers \u0152uvre ist eher \u00fcberschaubar und konzentriert sich insbesondere auf Vokalmusik (Lieder, Chorwerke sowie drei Opern); im Bereich der Instrumentalmusik besch\u00e4ftigte er sich vor allem mit Variationswerken f\u00fcr Klavier und Solosuiten f\u00fcr Streicher. Seine sechs Suiten f\u00fcr Violine solo op. 31 hat der Geiger Hansheinz Schneeberger auf CD eingespielt. Zeitgleich mit diesen Suiten komponierte Courvoisier 1921 auch zwei Suiten f\u00fcr Violoncello solo, die jedoch unver\u00f6ffentlicht blieben; vermutlich war auch hier ein Zyklus von sechs Suiten geplant, der jedoch nicht realisiert wurde. Die zun\u00e4chst vorgesehene Opuszahl 32 hat Courvoisier sp\u00e4ter seiner Oper <em>Der S\u00fcnde Zauberei<\/em> zugeteilt. Erst 2021 hat Florian Schuck die beiden Suiten herausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Julius Berger hat sich auf diesem Album f\u00fcr die <em>Suite Nr.&nbsp;2 in h-moll<\/em> entschieden. Courvoisier bezieht sich hier bereits in der Satzfolge deutlich auf Bachs Vorbild: zwar steht am Beginn kein Pr\u00e4ludium, sondern eine Introduction, aber die Abfolge der \u00fcbrigen S\u00e4tze folgt genau der Struktur der Bach\u2019schen Suiten, mit dem einzigen Unterschied, dass es gewisserma\u00dfen zwei \u201ef\u00fcnfte S\u00e4tze\u201c (im Sinne Bachs) gibt, n\u00e4mlich sowohl Bourr\u00e9e als auch Menuett. Dabei ist die Introduction eher eine Art dramatisch akzentuiertes Vorspiel als ein Pr\u00e4ludium \u00e0 la Bach (mit attacca-\u00dcbergang zur nachfolgenden Allemande), in der Bour\u00e9e gibt es (anders als bei Bach) kein Trio bzw. eine Bourr\u00e9e&nbsp;II, und w\u00e4hrend ansonsten alle S\u00e4tze (analog zu Bach) in h-moll gehalten sind, steht das Menuett&nbsp;(I) in D-Dur \u2013 insofern fallen diese S\u00e4tze also auch sonst ganz leicht aus dem Rahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch kombiniert Courvoisier deutlich erkennbar Elemente, Formeln und Referenzen an die Musik Bachs mit Mitteln der (nachromantischen) Tonsprache des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, etwa in Sachen Rhythmik, Harmonik und Modulationen oder gelegentlicher Verwendung von Pizzicato; die spieltechnischen Anforderungen liegen eher im Rahmen der sp\u00e4teren Bach-Suiten. Anders als Bach gibt Courvoisier umfassende Anweisungen zur Dynamik, ganz wie bei Bach sind die Angaben zur Artikulation dagegen sehr sparsam, sodass sich f\u00fcr den Interpret hier zahlreiche Freir\u00e4ume ergeben, so zum Beispiel in der Allemande mit ihren weitgehend kontinuierlichen Sechzehntelbewegungen. Ein eigenes Profil haben alle sieben S\u00e4tze, kleine Charakterst\u00fccke etwa die Courante (eine Art Scherzo im 9\/8-Takt) oder die abschlie\u00dfende, regelrecht trotzig daherkommende Gigue. Besonders melodi\u00f6s gehalten sind Bourr\u00e9e und Menuett, Herzst\u00fcck der Suite die tief empfundene Sarabande, die meditative Versenkung, ja ein gewisses Ma\u00df an Zeitlosigkeit ausstrahlt. All dies erf\u00e4hrt durch Berger eine sprechende, klangvolle, durchdachte Darbietung; in Bourr\u00e9e und Menuett etwa k\u00f6nnte man teils eine etwas breitere Artikulation w\u00e4hlen, aber dies f\u00e4llt letztlich unter die besagten Freir\u00e4ume, die Courvoisier dem Cellisten mit auf den Weg gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnt sei auch, dass Julius Berger sich f\u00fcr dieses Album f\u00fcr Darmseiten und eine Frequenz von 432&nbsp;Hz entschieden hat, was den Einspielungen ein warmes, rundes, volles Timbre verleiht. Eine zus\u00e4tzliche Erw\u00e4hnung verdient auch noch einmal sein exzellenter, pers\u00f6nlich gef\u00e4rbter und inspirierender Begleittext (\u00fcbrigens stammt auch das Foto auf dem Cover der CD von Berger, wie auch ein kleines Gedicht als Geleit). Ob Toveys Sonate wirklich das erste Solowerk nach Bach war, scheint mir ein wenig in einer Grauzone zu liegen, selbst wenn man Solowerke komponierender Cellisten (wie Klengels Opus&nbsp;43, vielleicht auch noch die 1901 erschienenen Pr\u00e4ludien und Fugen des Monegassen Louis Abbiate) ausklammert. Weitgehend zeitgleich mit Toveys Sonate ist z.&nbsp;B. offenbar die Solosuite des (wie \u00fcbrigens auch Tovey) von Casals hochgesch\u00e4tzten Em\u00e1nuel Mo\u00f3r entstanden \u2013 dies also ebenfalls eine \u201eSoldanelle\u201c. Ein weiterer Name, den man in diesem Zusammenhang wohl a priori \u00fcberhaupt nicht vermuten w\u00fcrde, ist Jean Sibelius, der bereits um 1887 einen gut zehnmin\u00fctigen Zyklus von Variationen \u00fcber ein eigenes Thema f\u00fcr Solocello komponiert hat, faktisch noch zu seinen Juvenilia z\u00e4hlend.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahren sind aus naheliegenden Gr\u00fcnden zahlreiche (und oft genug hochklassige) Alben f\u00fcr Soloinstrumente und speziell auch Solocello erschienen. Aus dieser Vielzahl sticht Berger \u201eSoldanella\u201c nichtsdestotrotz noch einmal heraus. Ein Grund hierf\u00fcr ist die gestalterische Souver\u00e4nit\u00e4t dieser Einspielungen, vor allem aber ist es der Mut, den Berger hier aufbringt, der Pioniergeist, mit dem er sich f\u00fcr hoch interessante Musik einsetzt, die eben nicht auf Effekt setzt, die nicht popul\u00e4r sein will, sondern sich durch ihre gro\u00dfe Ernsthaftigkeit auszeichnet. Es sind expressive, durchdachte, vielleicht nicht immer bequeme, aber in ihrem Bekenntnis zu k\u00fcnstlerischer Gr\u00f6\u00dfe umso fesselndere Kompositionen, die auf diesen fast 80 Minuten Musik versammelt sind. Hierin liegt der ganz besondere Reiz dieses gro\u00dfartigen Albums.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Oktober 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wergo, WER 7409 2, EAN: 4 010228 740929 Auf seiner neuen Solo-CD erforscht Julius Berger die Anf\u00e4nge der Sololiteratur f\u00fcr Violoncello zu Beginn des 20.&nbsp;Jahrhunderts, fast zwei Jahrhunderte nach Bachs epochalen Suiten. 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