{"id":5913,"date":"2023-10-16T15:06:49","date_gmt":"2023-10-16T13:06:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5913"},"modified":"2023-10-16T17:59:01","modified_gmt":"2023-10-16T15:59:01","slug":"simon-rattle-eroeffnet-mit-zuraj-und-berio-die-neue-saison-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/10\/16\/simon-rattle-eroeffnet-mit-zuraj-und-berio-die-neue-saison-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Simon Rattle er\u00f6ffnet mit \u017duraj und Berio die neue Saison der musica viva"},"content":{"rendered":"\n<p>Chor <em>und<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> starteten die neue <\/em>musica viva<em> Saison am Freitag, 13. Oktober 2023, erstmals in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie und unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten <\/em>Sir Simon Rattle<em>. Auf dem Programm standen die Urauff\u00fchrung von <\/em>Automatones <em>des slowenischen Komponisten <\/em>Vito \u017duraj<em> sowie <\/em>Luciano Berios<em> gro\u00dfangelegtes Meisterwerk <\/em>\u201eCoro\u201c<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5914\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/TNL-musica-viva-13.10.2023-Berio-Zuraj-Rattle-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Sir Simon Rattle, Photo \u00a9 Astrid Ackermann\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem sich der vor knapp vier Jahren verstorbene <em>Mariss Jansons<\/em> von den Symphoniekonzerten der <em>musica viva<\/em> erstaunlich zur\u00fcckgehalten hatte, lie\u00df es sich <em>Sir Simon Rattle<\/em> nicht nehmen, auch hierbei die Saison h\u00f6chstpers\u00f6nlich zu er\u00f6ffnen. Damit bekundete er zudem seinen Willen, eine alte Tradition der Chefdirigenten beim Bayerischen Rundfunk weiterzuf\u00fchren und sich f\u00fcr diese in der Neue-Musik-Szene nach wie vor einmalige Veranstaltungsreihe weiterhin ganz besonders zu engagieren. Daf\u00fcr hatte man letzten Freitag \u2013 wohl nicht nur wegen der offenkundigen Unm\u00f6glichkeit, im gewohnten Herkulessaal die von Berios \u201eCoro\u201c geforderte, besondere Sitzordnung zu realisieren \u2013 gewagt, erstmals die Isarphilharmonie zu bespielen. Was die Besucherzahlen betrifft, ging dies voll auf: Der HP8 war zwar nicht ausverkauft, jedoch kam sch\u00e4tzungsweise mehr Publikum als der Herkulessaal \u00fcberhaupt h\u00e4tte fassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem eigentlichen Konzert, um 19:20 Uhr, durften im Foyer 24 Zw\u00f6lftkl\u00e4sslerinnen des M\u00fcnchner <em>Max-Josef-Stifts<\/em> unter der Leitung von <em>Dietmar Wiesner<\/em> ihre kollaborative Komposition <em>Coro 2.0 <\/em>zu Geh\u00f6r bringen, Ergebnis eines u.\u00a0a. von <em>Cathy Milliken<\/em> und <em>Lucie Wohlgenannt<\/em> aufw\u00e4ndig vorbereiteten <em>musica viva-Education<\/em>-Projektes. Hierbei entstand ein knapp 12-min\u00fctiges St\u00fcck, das sich zwar an Methoden und Prozesse von Berios <em>Coro<\/em> anlehnt, etwa ebenso Volksliedmaterialien einbezieht, aber als Musik- und Textcollage ganz eigenst\u00e4ndig erarbeitet wurde. Schade, dass diese ansprechende Darbietung von Teilen des gerade hereinstr\u00f6menden Publikums quasi ignoriert wurde und im Umgebungsl\u00e4rm beinahe unterging. Zeitpunkt und Ort waren somit leider ziemlich unvorteilhaft gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anregung zu <em>Vito \u017durajs<\/em> (*1979) gro\u00dfbesetzter, 25-min\u00fctiger Auftragskomposition <em>Automatones <\/em>findet sich in der aus der griechischen Mythologie weniger bekannten Geschichte \u00fcber von Hephaistos und D\u00e4dalus erschaffene, belebte Metallstatuen von Tieren, Menschen und Monstern, die angeblich sogar f\u00fchlen und denken konnten. Unabh\u00e4ngig davon, wie diese antiken Illusionen im Detail gedacht gewesen sein m\u00f6gen, bedient sich der Slowene \u017duraj geschickt ausgekl\u00fcgeltster Klangillusionen, sowohl aus harmonischer wie rhythmischer Sicht: Melodisch-harmonisch werkelt da etwa die ber\u00fchmte Shepard-Skala, die dem H\u00f6rer eine unendlich auf- oder absteigende Linie vorgaukelt, und gleicherma\u00dfen trifft man auf rhythmische Strukturen, die nur scheinbar immer weiter beschleunigen bzw. ritardieren. Ein passender Vergleich aus der bildenden Kunst w\u00e4ren da Maurits C. Eschers bekannte Grafiken von \u201eunm\u00f6glichen\u201c Geometrien. Dazu kommt eine enorm abwechslungsreiche, zugleich divergente Orchestrierung, selbstbewusst irgendwie zusammengehalten von Klavier, Akkordeon, Horn und Harfe \u2013 letztere durch Skordatur schon verfremdet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u017duraj, der auch Musikinformatik studiert hat, nutzt bei der detaillierten Ausarbeitung seiner komplexen Klangwelten durchaus die Unterst\u00fctzung eigener Computeralgorithmen, gibt aber nie das Heft menschlicher Entscheidung aus der Hand. Schmunzeln durfte man \u00fcber witzige Seitenhiebe in Richtung der derzeit allgegenw\u00e4rtigen Diskussion um k\u00fcnstliche Intelligenz, so in zwei Passagen, wo die Blechbl\u00e4ser nur ihre Mundst\u00fccke benutzten. Rattle und das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> spielten diese instrumental h\u00f6chst virtuose Musik mit Pr\u00e4zision und sichtlichem Vergn\u00fcgen. Freilich wurde hier keine Geschichte wie z.&nbsp;B. in Paul Dukas\u2018 Vertonung von Goethes <em>Zauberlehrling <\/em>erz\u00e4hlt, und die genannten wiedererkennbaren Effekte erm\u00fcdeten auf Dauer, wo substanzielle musikalische Aussagen fehlten. Das Publikum nahm diese Urauff\u00fchrung dann auch eher erheitert zur Kenntnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Von ganz anderem Kaliber erwies sich naturgem\u00e4\u00df <em>Luciano Berios<\/em> (1925\u20132003) <em>Coro<\/em> von 1975\u201377, neben der ber\u00fchmteren <em>Sinfonia <\/em>eines der Hauptwerke des gro\u00dfen Italieners. Das St\u00fcck f\u00fcr 40 S\u00e4nger und 44 Instrumentalisten verlangt eine exakt festgelegte, gemischte Sitzordnung, so dass jedem S\u00e4nger des <em>Chors<\/em> <em>des Bayerischen Rundfunks<\/em> (Einstudierung: <em>Peter Dijkstra<\/em> und <em>Max Hanft<\/em>) ein bestimmtes Instrument zugeordnet ist, und sich diese bereits lokal sehr kommunikativen Paarungen als echte Duos bald bis ins Tutti erweitern. Dies geht also von solistisch t\u00e4tigen Einzelstimmen \u2013 das Riesenwerk beginnt relativ harmlos wie ein schlichtes Kunstlied mit reiner Klavierbegleitung (sensibel und ausdrucksstark: <em>Lukas Maria Kuen<\/em>) \u2013 \u00fcber Ensemblegruppen bis hin zur oft in gewaltigen, tats\u00e4chlich 40-stimmigen Clustern ausbrechenden Klangtotalen, insbesondere bei den immer wieder eingestreuten Zeilen <em>Venid a ver\u2026<\/em> (\u201eKommt zu sehen das Blut auf den Stra\u00dfen\u201c) des chilenischen Dichters Pablo Neruda.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrastierend zur gewaltigen Anklage Nerudas stammen die \u00fcbrigen Texte (<em>\u201edocumenti populari\u201c<\/em>, Berio) aus \u00fcber den gesamten Globus verteilten Volksdichtungen, allerdings \u2013 abgesehen vom Hebr\u00e4ischen \u2013 jeweils in die f\u00fcnf wichtigsten westeurop\u00e4ischen Sprachen \u00fcbersetzt. Diese handeln ganz elementar und mit fast ritueller Kraft von Liebe, Arbeit und Bedrohung. Den rituellen Bezug sch\u00f6pfte Berio nicht zuletzt aus besonderen Techniken musikalischen Zusammenspiels (<em>&#8222;Klangmaschine&#8220;<\/em>) der zentralafrikanischen <em>Banda Linda<\/em> \u2013 und gerade diese bildeten in der Interpretation Simon Rattles den Kitt, der verhinderte, dass das Ganze auch nur f\u00fcr einen Moment ins Episodische zu zerfallen drohte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/02\/neue-musik-zwischen-esoterik-und-transzendenz\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/02\/neue-musik-zwischen-esoterik-und-transzendenz\/\" target=\"_blank\">letzten M\u00fcnchner Auff\u00fchrung von \u201eCoro\u201c<\/a> \u2013 2017 mit dem Music\u00c6terna Choir und dem Mahler Chamber Orchestra \u2013 hatte Teodor Currentzis ganz auf die Schockwirkung gro\u00dfer Gegens\u00e4tze vertraut, wohingegen Rattles Sichtweise erfolgreich versuchte, die unterschiedlichen Ebenen zu verbinden \u2013 f\u00fcr Berio alles Aspekte menschlicher Existenz. Chor \u2013 mit meist hervorragender Textverst\u00e4ndlichkeit \u2013 und Orchester formten dabei ber\u00fchrende, stimmungsvolle Mischkl\u00e4nge, die sich kontinuierlich transformierten. Ebenso agierten die Chorsolisten klangsch\u00f6n, temperamentvoll, aber emotional nie \u00fcberhitzt, und die Tutti-Ausbr\u00fcche gingen umso mehr unter die Haut. Bei Rattle \u2013 der das nun 52-min\u00fctige St\u00fcck deutlich schneller dirigierte als noch 2010 in Berlin \u2013 hatte dann selbst der Schluss (Neruda!) wenig Desolates, eher betroffene Erhabenheit, bei allem Ernst immer noch mit einem Funken Hoffnung. F\u00fcr die fabelhafte Leistung aller Beteiligten gab es verdient langanhaltenden Beifall. Rattles F\u00e4higkeit, wirklich schwieriges Repertoire dem Publikum ohne \u00dcberforderung zu vermitteln, bleibt bewundernswert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks starteten die neue musica viva Saison am Freitag, 13. Oktober 2023, erstmals in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie und unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Auf dem Programm standen die Urauff\u00fchrung von Automatones des slowenischen Komponisten Vito \u017duraj sowie Luciano Berios gro\u00dfangelegtes Meisterwerk \u201eCoro\u201c. 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