{"id":593,"date":"2016-03-11T16:29:23","date_gmt":"2016-03-11T15:29:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=593"},"modified":"2016-03-11T16:30:47","modified_gmt":"2016-03-11T15:30:47","slug":"eine-referenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/11\/eine-referenz\/","title":{"rendered":"Eine Referenz &#8211; Zum dritten Male"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Claudio Monteverdi: Vespero della Beata Vergine<br \/>\nSir John Eliot Gardiner, Leitung<br \/>\nThe Monteverdi Choir<br \/>\nThe English Baroque Soloists<br \/>\nLes Pages du Centre de Musique Baroque de Versailles (Ltg. Olivier Schneebeli)<br \/>\nDVD und Blue-ray 105 Min., 2014<br \/>\n\u00a9 ALPHA Classics\/Outhere Music 2015<br \/>\nALPHA 705<br \/>\nEAN\u00a0 3\u00a0 760014\u00a0 197055<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Koch1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-594\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-594 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Koch1-212x300.jpg\" alt=\"Koch1\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Koch1-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Koch1.jpg 581w\" sizes=\"(max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn ein \u201eHochkar\u00e4ter\u201c auf dem Gebiet der Alten Musik wie Sir John Eliot Gardiner ein solch bedeutendes Werk des Seicento wie Monteverdis Marienvesper zum dritten Mal einspielt, dann ist das so, wie wenn Nikolaus Harnoncourt zum dritten Mal Bachs Matth\u00e4us-Passion vorlegt oder Herbert von Karajan Beethovens Sinfonien-Zyklus zum vierten Mal (es gibt nat\u00fcrlich noch viele andere Beispiele). Daf\u00fcr muss (sollte) es gewichtige Gr\u00fcnde geben, und die Erwartungen d\u00fcrfen hoch sein zu Recht. Dazu darf man au\u00dferdem noch wissen, dass nach eigenem Zeugnis Monteverdi Gardiners \u201efavorite composer\u201c ist, und dass mit Gardiners Auff\u00fchrung der Marienvesper vor 50 Jahren am King\u2019s College in Cambridge sozusagen \u201ealles begann\u201c. Damals, noch als Student der Arabistik und Medi\u00e4vistik, begann Gardiner seine Karriere als Musikhistoriker und Praktiker f\u00fcr Alte Musik wie wir ihn heute kennen. Und aus dieser\u00a0 seiner ersten Produktion heraus gr\u00fcndete er auch seinen deshalb so genannten Monteverdi Choir. Genaueres dazu, auch zum Komponisten, seiner Marienvesper und den einschl\u00e4gigen auff\u00fchrungspraktischen Fragen kann man dem \u00fcberaus informativen und auch unterhaltsam zu lesenden Booklet-Text zu dieser neuesten Einspielung entnehmen, offenbar einer Niederschrift von Gardiners Einf\u00fchrungsvortrag 2014 anl\u00e4sslich der Jubil\u00e4umsauff\u00fchrung der Marienvesper, am gleichen Ort und auf den Tag genau nach f\u00fcnfzig Jahren. Wer noch mehr aus erster Hand erfahren will, der sehe sich auf YouTube das 20-min\u00fctige Video \u201eJ.E. Gardiner talks about Monteverdi: Marien Vesper 1610\u201c an, hochgeladen 2013, aber offenbar zu seiner zweiten Einspielung von 1989 geh\u00f6rend, dem Live-Mitschnitt eines Konzerts im Markus-Dom, seit 2003 auch als DVD optisch zug\u00e4nglich (seine erste Einspielung, noch aus der Vinyl-\u00c4ra, stammt von 1974).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vorliegende Aufnahme nun muss kurz nach besagter Jubil\u00e4umsauff\u00fchrung entstanden sein, aber nicht in Cambridge, auch nicht in San Marco, sondern in der wunderbaren hochbarocken Schlosskapelle von Versailles, vielen bekannt als Auff\u00fchrungsort gro\u00dfer Werke aus Renaissance und Barock durch Spezialisten wie Ton Koopman, Paul McCreesh, Herv\u00e9 Niquet, William Christie oder Paul Van Nevel, um nur einige zu nennen. Alpha hat ins Digipack gleich zwei Scheiben gelegt: eine DVD und das Gleiche auch nochmal als Blue-ray Disc. Bez\u00fcglich der rein musikalischen G\u00fcte bleibt die Aufnahme von 1989 immer noch frisch und konkurrenzf\u00e4hig, nicht aber hinsichtlich der akustischen und optischen Qualit\u00e4t. Hier hat Gardiner h\u00f6chst \u00fcberzeugend seine Auffassung dar\u00fcber demonstriert, wie man Auge und Ohr mit barockem Auftrumpfen von Pracht und Prunk \u00fcberw\u00e4ltigen kann. Offenbar wurde die Live-Auff\u00fchrung der Vesper zur \u201eOriginal-Tageszeit\u201c gemacht, sodass man gut zusehen kann, wie die letzten Sonnenstrahlen des Sp\u00e4tnachmittags allm\u00e4hlich abgel\u00f6st werden vom Chiaroscuro des blau werdenden Lichts von Drau\u00dfen und dem Gold der beleuchteten Alt\u00e4re. Langsam navigieren dazu die Kameras \u00fcber Marmor, korinthische S\u00e4ulen und die herrlichen Fresken in den Deckengew\u00f6lben, nach Voltaire alles \u201eein erstaunlicher Firlefanz\u201c. Der Topos vom \u201estrahlenden D-Dur des Anfangsakkords\u201c ist hier kein leerer Gemeinplatz, und wenn die Echo-Solisten im \u201eAudi Coelum\u201c von der gegen\u00fcberliegenden Empore zu h\u00f6ren sind, dann glauben wir, dass Monteverdi, der damals mit allen ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Kompositions- und Instrumentierungsmitteln \u201eEindruck schinden wollte\u201c (so Gardiner), sicher auch von Techniken wie Surround Sound ( DTS-HD\u00a0 5.1) gerne Gebrauch gemacht h\u00e4tte. Ein Vorteil der Blue-ray Disc ist hier, dass man \u201ein Echtzeit\u201c zwischen 5.1 und 2.0 hin- und herschalten und so den Klang experimentierend vergleichen kann: Einmal h\u00f6rt man die Ch\u00f6re nahe und unmittelbar, das andere Mal den Echo-Chor in entfernter diffuser Akustik, was daf\u00fcr aber sehr \u201esph\u00e4risch\u201c aber eben auch \u201eecht\u201c klingt, so, als s\u00e4\u00dfe man als Zuh\u00f6rer im Kirchenschiff. Darum verstehe ich den Amazon-Rezensenten nicht wegen seines Punktabzugs ob vermeintlicher \u201eakustischer Schw\u00e4chen\u201c (\u201eman w\u00e4hnt sich im Raum irgendwo zwischen Stehpult und den Celli \u2026\u201c). Lediglich den im Begleitheft besonders hervorgehobenen \u201eBinaural Sound\u201c (eine mit modernen Simulationsprozessoren weitergef\u00fchrte Technik der fr\u00fcheren Kunstkopf-Stereophonie) konnte ich mit meinen primitiven I-Phone-Headphones nicht so richtig w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es werden aber nicht nur sch\u00f6ner Bombast und Firlefanz geboten: Gerade in seinen zwischen die liturgisch origin\u00e4ren Teile der Vesper eingestreuten monodisch und solistisch besetzten Concerti zu Texten aus dem Hohen Lied, von Gardiner als \u201eMonteverdis Joker\u201c bezeichnet, verstehen er und die Musiker, auch das Herz zu r\u00fchren mit subtilerer Sch\u00f6nheit. Leider weder im Booklet noch beim Abspann konnte ich herausfinden, wer von den Solisten nun welche Solopassagen gesungen hat \u2013 das war bei der Aufnahme von 1989 besser dokumentiert, ist aber nicht entscheidend f\u00fcr die Bewertung \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders hervorheben m\u00f6chte ich noch die drei hervorragenden Zinkenisten. Etwas Besseres in dieser Kunst habe ich bisher noch nicht geh\u00f6rt. Sie tragen ganz wesentlich zu diesem festlichen Sound bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen, dass Sir Eliot Gardiner\u00a0 hier eine neue Referenz-Einspielung gelungen ist, zum Kauf auch denjenigen zu empfehlen, die bereits seine San-Marco-Aufnahme besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Hans von Koch, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudio Monteverdi: Vespero della Beata Vergine Sir John Eliot Gardiner, Leitung The Monteverdi Choir The English Baroque Soloists Les Pages du Centre de Musique Baroque de Versailles (Ltg. 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