{"id":5931,"date":"2023-11-06T01:21:52","date_gmt":"2023-11-06T00:21:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5931"},"modified":"2024-01-17T22:35:28","modified_gmt":"2024-01-17T21:35:28","slug":"evgeny-kissin-und-krzysztof-urbanski-brillieren-mit-rachmaninow-und-schostakowitsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/06\/evgeny-kissin-und-krzysztof-urbanski-brillieren-mit-rachmaninow-und-schostakowitsch\/","title":{"rendered":"Evgeny Kissin und Krzysztof Urba\u0144ski brillieren mit Rachmaninow und Schostakowitsch"},"content":{"rendered":"\n<p>Evgeny Kissin<em> spielte am 2. und 3.&nbsp;November 2023 erstmals in der Isarphilharmonie zusammen mit dem<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> ein Klavierkonzert: <\/em>Rachmaninows Konzert Nr.&nbsp;3 d-Moll op. 30<em>. <\/em>Krzysztof Urba\u0144ski<em> deb\u00fctierte damit beim BRSO und dirigierte nach der Pause <\/em>Schostakowitschs 10.&nbsp;Symphonie e-Moll op.&nbsp;93<em>. Unser Rezensent besuchte das zweite Konzert am Freitag, 3.&nbsp;11. 2023.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5932\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/BRSO-Urbanski-Kissin-s-cBR-Astrid-Ackermann__A5A9202-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption> Photo vom 2.11.2023 &#8211; \u00a9 BR \/ Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <\/em>an gleichem Ort Rachmaninows ber\u00fchmtes drittes Klavierkonzert mit dem Sieger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs 2015, Seong-Jin Cho, unter Leitung von James Gaffigan aufgef\u00fchrt, der kurzfristig f\u00fcr Zubin Mehta eingesprungen war. <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/11\/06\/seong-jin-cho-mit-rach-3-beim-brso\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/11\/06\/seong-jin-cho-mit-rach-3-beim-brso\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der Rezensent zeigte sich von dieser Darbietung wenig begeistert<\/a> und kritisierte insbesondere ein v\u00f6llig unausgegorenes, \u00fcberhetztes Finale und eine generell schwache Leistung des Dirigenten. Beim Konzert am Freitag war dies zum Gl\u00fcck ganz anders: <em>Evgeny Kissin<\/em> hat den ganzen Saal inspiriert, und insbesondere das BRSO lief unter dem Deb\u00fctanten <em>Krzysztof Urba\u0144ski <\/em>zu absoluter H\u00f6chstform auf \u2013 verglichen mit letztem November nicht wiederzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema des Kopfsatzes wird von Kissin vom Tempo her bewusst zur\u00fcckgenommen, sofort \u00e4u\u00dferst gesanglich und elegisch, im Gegensatz zum quasi neutralen Beginn der meisten Interpreten \u2013 einschlie\u00dflich des Komponisten selbst; direkt beim zweiten Auftreten zieht der Apparat dann m\u00e4chtig an, genau der Partitur folgend. Gleicherma\u00dfen verf\u00e4hrt Kissin mit den Parallelstellen, wo das Hauptthema schlicht im Oktavabstand erscheint, also zu Beginn der Durchf\u00fchrung und in der Coda \u2013 gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, jedoch konsequent. Was dann \u00fcber fast 50 Minuten geschieht, ist eine echte Offenbarung: Der Pianist gibt noch der kleinsten Begleitfigur motivische Bedeutung, alles erh\u00e4lt Linie und Tiefe. Rachmaninows ma\u00dflose Virtuosit\u00e4t steht keinen Augenblick im Vordergrund, nicht einmal in der gewaltigen Kadenz, die nur zwischen zwei Aggregatzust\u00e4nden zu vermitteln scheint: der Dramatik zuvor und den folgenden, fast schwebenden Dialogen mit den fantastischen Holzbl\u00e4sern inklusive Horn. Kissins Anschlag bleibt immer sch\u00f6n, differenziert und ausdrucksstark, auch wenn er mal beherzt mit fundamentalen B\u00e4ssen zupacken muss. Von seiner legend\u00e4ren, traumwandlerischen Sicherheit hat er nichts verloren, kontrolliert und gestaltet den Klavierklang dieses Gipfelwerks der Konzertliteratur subtil wie kaum jemand sonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Urba\u0144ski ist schon technisch eine Augenweide: Die linke Hand formt unentwegt die Feindynamik, zeigt jeden Akzent, jedes Pizzicato \u2013 alles atmet ganz nat\u00fcrlich. Sehr konzentriert geht er auf Kissins ausgefeilte, flexible und oft schwierig zu verfolgende Agogik ein; nur kurz vor Schluss des Finales klappert es f\u00fcr einen Moment. Daf\u00fcr deckt das Orchester an diesem Abend den Pianisten wirklich niemals zu und geht doch emotional total mit \u2013 die H\u00f6hepunkte kommen auf den Punkt. Den Bl\u00e4sern gelingen traumhaft sch\u00f6ne Passagen, rhythmisch ist alles hochpr\u00e4zise, ohne jede Unruhe. Die Streicher spielen ungemein samtig, mit der f\u00fcr Rachmaninow angemessenen, fast dekadenten Zartheit und W\u00e4rme. Wie im Vorjahr \u00fcberzeugt gerade der zweite Satz, aber selbst die kompositorisch weniger starken Einf\u00e4lle im Finale \u2013 diesmal im genau richtigen Tempo \u2013 werden nun sinnvoll in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang eingebettet, ebenso der flirrende, jedoch keinesfalls \u00fcberdrehte <em>Scherzando<\/em>-Abschnitt oder die wehm\u00fctige Reminiszenz des Hauptthemas. So zerf\u00e4llt keiner der S\u00e4tze ins Episodische. Kissin beseelt und \u00fcberh\u00f6ht diese romantische Welt, ohne in Kitsch zu verfallen \u2013 reine Poesie. Der Applaus nach dieser musikalischen Gro\u00dftat ist riesig und wird durch vier vermeintlich leichte, unwiderstehlich gespielte Zugaben \u2013 Chopin und Brahms \u2013 vom Pianisten auf bald 25 Minuten ausgedehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man schon beim BRSO deb\u00fctiert, dann richtig: Der mit seinen 41 Jahren immer noch jugendlich, fast spitzb\u00fcbisch wirkende <em>Krzysztof Urba\u0144ski<\/em> wagt sich gleich an <em>Schostakowitschs 10.&nbsp;Symphonie<\/em> und dirigiert das lange St\u00fcck souver\u00e4n auswendig. Die Symphonie geh\u00f6rt seit 40 Jahren zum Standardrepertoire des BRSO, stand noch in einem der letzten Konzerte Mariss Jansons\u2018 auf dem Programm. F\u00fcr dieses St\u00fcck \u2013 das unmittelbar nach Stalins Tod 1953 entstand und sowohl eine Auseinandersetzung mit dessen Barbarei als auch der Symphonik Tschaikowskys darstellt \u2013 bedarf es also gro\u00dfer \u00dcberzeugungskraft. Den hohen Erwartungen wird Urba\u0144ski in jeder Hinsicht gerecht. Wie oben bemerkt, verf\u00fcgt der polnische Dirigent, der bereits die bedeutendsten Klangk\u00f6rper geleitet hat und k\u00fcrzlich zum Chef des Berner Sinfonieorchesters berufen wurde, \u00fcber erstaunliches Handwerk. Dies bringt er hier auf erfrischend lockere Art zur Geltung. Selten klar modelliert er s\u00e4mtliche Details und beh\u00e4lt dabei die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge im Auge, besonders im sehr langen Kopfsatz. Der blutige Rausch des kurzen <em>Allegros<\/em> (\u201eStalin-Scherzo\u201c) wird vom Orchester furios in sagenhaftem Tempo vermittelt: pr\u00e4zise, nicht \u00fcbertrieben. Dmitri Schostakowitschs eigenes \u201eIch\u201c, durch die Tonfolge D-S (Es)-C-H repr\u00e4sentiert, im teils wieder an Mahler erinnernden Allegretto zun\u00e4chst noch deformiert, \u00fcbersteht die Wiederkehr des Stalin-Motivs im Finale und gewinnt schlie\u00dflich eindrucksvoll die Oberhand. Die Dramaturgie dieser Entwicklung kann Urba\u0144ski mit \u00dcberblick perfekt auf Orchester wie Publikum \u00fcbertragen. Dieses sp\u00fcrt, dass hier ein Dirigent mit Leidenschaft und K\u00f6nnen musiziert, honoriert auch diese Glanzleistung mit Bravos und langanhaltendem Beifall. Ein durch und durch begl\u00fcckender Abend \u2013 und Herrn Urba\u0144ski darf man bitte noch \u00f6fter einladen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4. November 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evgeny Kissin spielte am 2. und 3.&nbsp;November 2023 erstmals in der Isarphilharmonie zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Klavierkonzert: Rachmaninows Konzert Nr.&nbsp;3 d-Moll op. 30. Krzysztof Urba\u0144ski deb\u00fctierte damit beim BRSO und dirigierte nach der Pause Schostakowitschs 10.&nbsp;Symphonie e-Moll op.&nbsp;93. Unser Rezensent besuchte das zweite Konzert am Freitag, 3.&nbsp;11. 2023. 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