{"id":5948,"date":"2023-11-10T03:12:24","date_gmt":"2023-11-10T02:12:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5948"},"modified":"2024-08-07T12:36:34","modified_gmt":"2024-08-07T10:36:34","slug":"friedrich-kiel-ein-jubilaeumsband-zum-200-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/10\/friedrich-kiel-ein-jubilaeumsband-zum-200-geburtstag\/","title":{"rendered":"Friedrich Kiel: ein Jubil\u00e4umsband zum 200.\u00a0Geburtstag"},"content":{"rendered":"\n<p>K\u00f6nigshausen&nbsp;&amp;&nbsp;Neumann, W\u00fcrzburg 2022; ISBN: 978-3-8260-7414-1<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Friedrich-Kiel-Forschungen-V.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Friedrich-Kiel-Forschungen-V.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5949\" width=\"477\" height=\"722\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Friedrich-Kiel-Forschungen-V.jpg 661w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Friedrich-Kiel-Forschungen-V-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Herausgegeben von Anja Ganschow und Hartmut Wecker ist im Verlag K\u00f6nigshausen&nbsp;&amp;&nbsp;Neumann der f\u00fcnfte Band der Friedrich-Kiel-Forschungen erschienen. Neun Autoren kommen zu verschiedenen Themen rund um Friedrich Kiel (1821\u20131885) und sein Schaffen zu Wort.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Sachen Friedrich Kiel gibt es noch einige Desiderate, namentlich was CD-Einspielungen betrifft. So sucht man beispielsweise vergeblich nach seinem wichtigsten Klavierwerk, den einst von Hans von B\u00fclow emphatisch rezensierten und oft gespielten f-Moll-Variationen op.\u00a017, angesichts deren Johannes Brahms 1861 angemerkt hatte \u2013 etwas grollend, da Kiel ihm knapp zuvorgekommen war: \u201eWas sind nun meine H\u00e4ndel-Variationen anderes als dieses St\u00fcck?!\u201c (Eine sehr gute alte Rundfunkaufnahme von Friedrich Wilhelm Schnurr findet sich auf Youtube.) Auch mehrere Kammermusikwerke warten immer noch auf ihre erste Aufnahme, so seine s\u00e4mtlichen vier Violinsonaten und drei seiner sieben Klaviertrios, unter denen <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/28\/wilhelm-altmann-ein-leben-fuer-die-kammermusik\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/28\/wilhelm-altmann-ein-leben-fuer-die-kammermusik\/\">Wilhelm Altmann<\/a>, der ein gro\u00dfer Verehrer Kiels war, in seinem <em>Handbuch f\u00fcr Klaviertriospieler<\/em> das Vierte in cis-Moll (op.\u00a033) besonders hervorhebt. Aber die schmerzlichsten L\u00fccken klaffen doch in der Diskographie der geistlichen Werke, denn auf diesem Gebiet hat Kiel, der gro\u00dfe Kontrapunktiker, sein Bestes geleistet. Von der <em>Missa solemnis<\/em> c-Moll op.\u00a040, die ich, g\u00e4be es die Brucknerschen Messen nicht, als das hervorragendste Werk seiner Art aus dem mittleren 19.\u00a0Jahrhundert bezeichnen w\u00fcrde, haben wir immerhin eine Aufnahme \u2013 aber in \u00fcbertrefflicher Qualit\u00e4t. Das ist auch der Fall beim <em>Christus<\/em> op.\u00a060, einem der meistaufgef\u00fchrten Oratorien seiner Zeit, das seinem Autor den Ruf einbrachte, ein \u201emoderner Bach\u201c zu sein. Kiel hat den Text des Requiems zweimal vertont. Von seiner zweiten Vertonung (As-Dur op.\u00a080) wurde bislang von den Plattenproduktionen keine Notiz genommen. Von der ersten (f-Moll op.\u00a020), die einst seinen Ruhm begr\u00fcndete, liegt eine Einspielung des Klavierauszugs [!] vor, die eine Aufnahme des symphonisch angelegten St\u00fcckes nat\u00fcrlich nicht ersetzen kann. Also: Hier k\u00f6nnen sich t\u00fcchtige Musiker, die mit Zuneigung und Einsicht zu Werke gehen, noch viel Ehre erwerben. Wer traut sich?<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechterweise muss man anmerken, dass es in den letzten vier Jahrzehnten eine kleine Kiel-Renaissance gab, die sich in einer doch recht stattlichen Anzahl an Einspielungen niedergeschlagen hat. Auch die Musikwissenschaft hat sich seitdem mit Kiel intensiver besch\u00e4ftigt. So l\u00e4sst sich heute sagen, dass er unter denjenigen Komponisten des 19.&nbsp;Jahrhunderts, die lange \u201evergessen\u201c waren und seit Ende des 20.&nbsp;Jahrhunderts wieder ins Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit gelangten, mittlerweile zu den gut erforschten geh\u00f6rt. Dies ist nicht zuletzt der 1979 gegr\u00fcndeten Friedrich-Kiel-Gesellschaft zu verdanken, die zwischen 1993 und 2006 f\u00fcnf B\u00e4nde <em>Friedrich-Kiel-Studien<\/em> und von 2008 bis 2013 vier B\u00e4nde <em>Friedrich-Kiel-Forschungen<\/em> herausgebracht hat. Eine gro\u00dfe Gesamtmonographie, die den heutigen Wissensstand \u00fcber Leben und Werk des 1821 im westf\u00e4lischen Puderbach geborenen, seit 1842 in Berlin wirkenden Komponisten zusammenfasst, steht zwar noch aus, doch wer sich \u00fcber Kiel informieren m\u00f6chte, wird aus besagten B\u00e4nden mit Informationen gut versorgt: Sie enthalten zeitgen\u00f6ssische Dokumente (v.&nbsp;a. Briefe), Forschungen zur Biographie, Werkbetrachtungen und Essays zur Stellung Kiels in der Musikgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das runde Jubil\u00e4um des Komponisten im Jahr 2021 wurde von der Friedrich Kiel-Gesellschaft zum Anlass genommen, einen weiteren, den f\u00fcnften Band <em>Friedrich-Kiel-Forschungen<\/em> herauszubringen. Dieser, ausdr\u00fccklich als <em>Jubil\u00e4umsband zum 200.&nbsp;Geburtstag<\/em> gekennzeichnet, erschien 2022 im Studiopunkt Verlag, der bereits die fr\u00fcheren B\u00e4nde der Reihe ver\u00f6ffentlicht hat, mittlerweile allerdings zum Verlag K\u00f6nigshausen&nbsp;&amp;&nbsp;Neumann geh\u00f6rt. Als Herausgeber zeichnen die Sopranistin Anja Ganschow, Vorsitzende der Gesellschaft, und der Musikwissenschaftler Hartmut Wecker verantwortlich, die ebenso Beitr\u00e4ge zum Buch beigesteuert haben wie der Mitherausgeber der ersten vier B\u00e4nde, Dietmar Schenk, Leiter des Archivs der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin. Anja Ganschows Text ist ein Gedenkartikel zu Ehren von Peter Pfeil (1938\u20132018), Gr\u00fcndungsmitglied und bis zu seinem Tod 1. Schriftf\u00fchrer der Kiel-Gesellschaft, der gemeinsam mit Dietmar Schenk die bisher vorgelegten B\u00e4nde der <em>Kiel-Forschungen<\/em> herausgegeben hat. \u00dcber 50 Jahre lang hat Pfeil sich der Erforschung von Kiels Leben und der Verbreitung seiner Kompositionen gewidmet und die moderne Kiel-Bewegung dadurch erst richtig in Gang gebracht. Ein umfangreicher Dokumentenbestand \u00fcber Kiel und seine Sch\u00fcler, den Pfeil im Laufe mehrerer Jahrzehnte zusammengetragen hatte, wurde 2005 dem Archiv der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin als Depositum \u00fcbergeben. \u00dcber die fruchtbare Zusammenarbeit, die die Kiel-Gesellschaft seitdem mit dem Archiv verbindet, berichtet Dietmar Schenk in seinem Buchbeitrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Kiels Bedeutung als wichtigster Kompositionslehrer Preu\u00dfens an der K\u00f6niglichen Musikhochschule in Berlin hat dazu gef\u00fchrt, dass seine Anf\u00e4nge im Wittgensteiner Land in der biographischen Forschung eher unterrepr\u00e4sentiert sind. Umso willkommener muss man deshalb Hildegard Schultes Aufsatz \u00fcber \u201eMusik im F\u00fcrstenhaus Sayn-Wittgenstein-Berleburg\u201c hei\u00dfen, der ein Bild von jener Welt vermittelt, in der Kiel als Jugendlicher entscheidende Pr\u00e4gungen erfuhr. Der ungew\u00f6hnliche Umstand, dass der erste Musiklehrer des sp\u00e4teren Komponisten niemand anders gewesen ist als Prinz Carl zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg h\u00f6chstselbst, der Bruder des damaligen F\u00fcrsten, erscheint keineswegs mehr verwunderlich, hat man erfahren, wie intensiv die Musikpflege an diesem kleinen F\u00fcrstenhof, der 1806 seine Territorialherrschaft eingeb\u00fc\u00dft hatte, \u00fcber Generationen hinweg betrieben wurde. In Berleburg begn\u00fcgten sich die F\u00fcrsten nicht damit, eine Hofkapelle zu unterhalten, sondern betrieben aktiv Musik. Die Mitglieder der f\u00fcrstlichen Familie spielten selbst im Orchester mit, einige brachten es als Instrumentalisten zu virtuosem K\u00f6nnen oder verfassten eigene Kompositionen \u2013 der Druck eines Liedes von Friedrich zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1837\u20131915) ist im Band vollst\u00e4ndig wiedergegeben. Bis ins fr\u00fche 20.&nbsp;Jahrhundert hinein war Berleburg somit ein wichtiges Musikzentrum des westf\u00e4lischen Raumes, dessen Geschichte durchaus verdient, genauer erforscht zu werden. Die Anmerkung der Autorin, dass die Musikbibliothek im Schloss dringender wissenschaftlicher Aufarbeitung bedarf, sollte man ernst nehmen!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Haino Rindlers Text \u201eFriedrich Kiel \u2013 zwischen Tradition und Moderne\u201c wird ausf\u00fchrlich von Kiels Zeit am Berleburger Hof berichtet, ebenso von seinen Lehrjahren in Berlin bei Siegfried Dehn. Anschlie\u00dfend stellt der Autor Kiel als \u201emodernen P\u00e4dagogen\u201c vor, der seinen Unterricht traditionsbewusst auf Bach und H\u00e4ndel, Mozart und Beethoven gr\u00fcndete, aber weder der antiquierten Auffassung einiger seiner Berliner Akademie-Kollegen anhing, die Instrumentalmusik sei eine Verfallserscheinung, noch offen gegen Wagner und Liszt opponierte. Auch der \u201eau\u00dfergew\u00f6hnliche Komponist\u201c Kiel wird gew\u00fcrdigt, wobei ein Chorsatz aus seinem Oratorium <em>Christus<\/em> n\u00e4her besprochen wird. Leider sind die Noten dem Aufsatz nicht beigegeben, obwohl auf S.&nbsp;30 ausdr\u00fccklich von einem \u201eangehefteten Klavierauszug\u201c die Rede ist. An dieser Stelle merkt man, dass es sich bei dem Text um eine offenbar nicht ganz gr\u00fcndliche \u00dcberarbeitung einer \u00e4lteren Seminararbeit handelt. Leider sind auch im Text mehrere Ungenauigkeiten zu beanstanden. So wird Kiel in der Kapitel\u00fcberschrift auf S.&nbsp;31 zum \u201eHofkapellmeister zu Berleburg\u201c, obwohl man aus dem folgenden Text erf\u00e4hrt, dass er dort nur Konzertmeister war. Sein Sch\u00fcler Ignacy Jan Paderewski wird als \u201epolnischer Staatspr\u00e4sident im Exil\u201c (S.&nbsp;39) bezeichnet \u2013 tats\u00e4chlich war er 1919 im neugegr\u00fcndeten polnischen Staat Ministerpr\u00e4sident, 1940 im Exil Vorsitzender des Nationalen Rates der Republik Polen. Ganz misslungen ist Rindler die Charakterisierung Felix Draesekes auf S.&nbsp;41, den er als Beispiel f\u00fcr einen \u201eins Ma\u00dflose\u201c greifenden, auf \u201eAktion und Sensation\u201c setzenden Komponisten anf\u00fchrt, als \u201epopul\u00e4ren\u201c Vertreter einer Mode, von der sich Kiel als ein \u201eKomponist der leisen T\u00f6ne\u201c abhebe. Dazu ist zu sagen: Draeseke war, bei aller ihm entgegengebrachten Achtung und Wertsch\u00e4tzung, nie ein popul\u00e4rer Komponist, der es seinerzeit in der Publikumsgunst etwa mit Bruch, Raff, Rubinstein, geschweige denn mit Wagner oder Brahms aufnehmen konnte. Der fr\u00fche <em>Germania-Marsch<\/em>, den Rindler ganz richtig als Skandalst\u00fcck erw\u00e4hnt, mag in der Wahl der Mittel tats\u00e4chlich ma\u00dflos sein, aber gerade deswegen fiel er durch und wurde nicht popul\u00e4r. Von dieser Art Musik kam Draeseke bald ab und lie\u00df es, namentlich in seiner Kammermusik, an leisen T\u00f6nen nicht fehlen. Sei<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/17\/das-christus-mysterium-von-felix-draeseke\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/17\/das-christus-mysterium-von-felix-draeseke\/\">n <em>Christus-Mysterium<\/em><\/a> als weiteres Beispiel musikalischer Ma\u00dflosigkeit anzuf\u00fchren ist absurd! Das Werk ist, anders als Rindler meint, nie dazu gedacht gewesen, als f\u00fcnfst\u00fcndiger \u201eMarathon\u201c an einem Abend aufgef\u00fchrt zu werden, und auch nie dergestalt erklungen! Es handelt sich um einen vierteiligen Oratorienzyklus, der auf drei Abende verteilt wird, was dann jeweils Konzerte von anderthalb bis zwei Stunden Dauer ergibt. Rindlers Arbeit stammt urspr\u00fcnglich aus dem Jahr 1998. Man kann verstehen, dass der Autor damals als Student zu solch falschen Annahmen kam, nicht aber, dass er sie nach all diesen Jahren unkorrigiert stehen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich n\u00e4her mit Kiels <em>Christus<\/em>, seinem umfangreichstem Werk, besch\u00e4ftigt, f\u00fcr den werden Jonas Pfohls Anmerkungen zum Textbuch dieses Oratoriums sehr n\u00fctzlich sein. Vor einigen Jahren hat Daniel Ortu\u00f1o-St\u00fchring in seinem Buch <em>Musik als Bekenntnis. Christus-Oratorien im 19.&nbsp;Jahrhundert<\/em> das Werk ausf\u00fchrlich betrachtet und dabei namentlich seine dramatische Konzeption untersucht. Pfohls Aufsatz vertieft diese Thematik und geht dem von Kiel nach Worten der Heiligen Schrift selbst zusammengestellten Text erstmals Vers f\u00fcr Vers auf den Grund. Das Oratorium beginnt mit dem Einzug Christi in Jerusalem und schlie\u00dft mit der Auferstehung, ist also \u00fcber weite Strecken ein Passionsoratorium, ohne freilich ganz in diese Kategorie zu passen. Im Gegensatz zu Vertonungen fr\u00fcherer Epochen verzichtet Kiel auf die Rolle des Evangelisten und gestaltet den Text in dialogisch-szenischer Form. Da die Evangelien dazu unterschiedlich viel Material hergeben, kombiniert Kiel verschiedene Texte, formuliert indirekte Rede zu direkter Rede um und f\u00fcgt gelegentlich passende Verse aus dem Alten Testament ein. Wie Pfohl darlegt, stie\u00df dieses Vorgehen in der Kreuzigungsszene an seine Grenzen, sodass Kiel zum Abschluss dieses Abschnitts ein einziges Mal zu nicht-biblischen Versen griff und ein (von ihm selbst?) leicht umformuliertes Gedicht Johann Samuel Dieterichs als Choralbearbeitung auf die Melodie von \u201eWer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten\u201c vertonte. Das gesamte Libretto findet sich dem Aufsatz als Anhang beigegeben, wobei jeder einzelne Vers mit einer Quellenangabe versehen ist. Ein Versehen auf S.&nbsp;81 muss korrigiert werden: Nur der erste Vers auf dieser Seite (Mt 27,5) wird vom \u201eVolk\u201c gesungen, ab dem zweiten Vers (Jes 53,7) singt bis zum Ende der Szene \u201eeine Stimme\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Isabell Tentler f\u00fchrt uns nach Leipzig, dem Wirkungsort des Chordirigenten Carl Riedel (1827\u20131888). Riedel leitete seit 1855 den Riedel-Verein, der unter den damals drei gro\u00dfen Leipziger Ch\u00f6ren der bedeutendste war, was die Pflege zeitgen\u00f6ssischer Musik betraf. F\u00fcr Friedrich Kiel waren Riedel und sein Chor die wichtigsten Interpreten seiner Werke in der traditionsreichen Musikstadt, denn im Gewandhaus, das unter Ferdinand David, Julius Rietz und Carl Reinecke ein sehr konservatives Repertoire pflegte, kamen Kompositionen Kiels kaum zur Auff\u00fchrung. Die gro\u00dfe Ausnahme ist die Leipziger Erstauff\u00fchrung des Requiems op.&nbsp;20 als Gedenkkonzert zum Todestag Felix Mendelssohn Bartholdys 1862, der sich sp\u00e4ter nur noch Darbietungen zweier Kammermusikwerke im Rahmen von Tonk\u00fcnstlerversammlungen des Allgemeinen Deutschen Musikvereins anschlossen. Durch den Riedel-Verein wurde dagegen zwischen 1867 und 1886 im Durchschnitt etwa alle zwei Jahre Musik von Kiel in Leipzig zur Auff\u00fchrung gebracht, darunter zweimal die <em>Missa solemnis<\/em> und dreimal der <em>Christus<\/em>, stets in der Thomaskirche. Riedel beschr\u00e4nkte sich dabei nicht auf Chorwerke, sondern spielte auch als Zwischenspiel in einem Chorkonzert eine Kielsche Orgelfantasie. Zum Ged\u00e4chtnis des Komponisten brachte er 1886 neben Teilen beider Requiem-Vertonungen die Cellosonate und das Erste Klavierquartett Kiels zu Geh\u00f6r. Aus Tentlers Darstellung lernt man Riedel als einen Musiker kennen, der sein bestes tut, um einem von ihm gesch\u00e4tzten zeitgen\u00f6ssischen Komponisten zu m\u00f6glichst guten Auff\u00fchrungen zu verhelfen: 1873 organisiert er f\u00fcr den <em>Christus<\/em> die neuesten Maschinenpauken der Firma Hoffmann, zehn Jahre sp\u00e4ter, im Vorfeld einer weiteren Auff\u00fchrung des Oratoriums, schreibt er Thomaskantor Wilhelm Rust mehrere (im Anhang vollst\u00e4ndig wiedergegebene) Briefe und erreicht, dass dieser ihm zur Verst\u00e4rkung der Sopran- und Altstimmen mehrere Thomaner zur Verf\u00fcgung stellt. Es verwundert angesichts dieses Einsatzes nicht, dass Riedel f\u00fcr Kiel auch privat zum Freund wurde. Leider haben seine Nachfolger in der Leitung des bis 1950 existierenden Vereins seine Kiel-Pflege nicht fortgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag Susanne B\u00fcchners \u00fcber \u201eDie Musikalien Friedrich Kiels in der Library of Congress (Washington, DC)\u201c gibt nicht nur ein vollst\u00e4ndiges Verzeichnis des ziemlich umfangreichen Bestandes an Kiel-Noten in der gr\u00f6\u00dften Nationalbibliothek der USA (mehr als die H\u00e4lfte seiner gedruckten und zwei ungedruckte Werke), sondern informiert auch dar\u00fcber, wie diese Sammlung im Laufe der Zeit durch Schenkungen und Ank\u00e4ufe zusammengetragen wurde. Im Anhang finden sich Kurzbiographien der einzelnen Personen, aus deren Besitz die Musikalien nach Washington gelangten \u2013 interessante, anregende Skizzen zum europ\u00e4isch-amerikanischen Kulturtransfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Friedrich-Kiel-Gesellschaft widmet sich nicht nur ihrem Namensgeber. Auch seine zahlreichen Sch\u00fcler finden bei ihr Beachtung und werden erforscht. So ist in dem Band auch ein Portrait eines Kiel-Sch\u00fclers zu finden. Der Organist Peter Brusius, der die Ver\u00f6ffentlichung seines Textes leider nicht mehr erlebte, stellt den 1847 im schweizerischen Schliers geborenen Komponisten Theophil Forchhammer vor. Forchhammer wirkte als Organist zun\u00e4chst in der Schweiz, dann in Wismar, Quedlinburg und zuletzt, von 1885 bis 1918, am Magdeburger Dom. Er starb 1923. Heute sind von ihm noch 287 Kompositionen bekannt, doch war der Umfang seines Schaffens bedeutend gr\u00f6\u00dfer: Der Musikwissenschaftler Peter Schmidt, der 1937 eine Dissertation \u00fcber Forchhammer schrieb, hatte noch Einsicht in eine mehrb\u00e4ndige Sammlung, die rund 1800 Choralvorspiele umfasste \u2013 die reiche Ernte eines sch\u00f6pferisch erf\u00fcllten Organistenlebens. Im Zweiten Weltkrieg wurden diese B\u00e4nde nach Sta\u00dffurt ausgelagert, konnten aber bislang nicht wiedergefunden werden. Forchhammer arbeitete wiederholt mit dem von ihm sehr gesch\u00e4tzten Orgelbauer Ernst R\u00f6ver zusammen, dessen Wirken Brusius gleichfalls w\u00fcrdigt. Leider haben auch mehrere Instrumente R\u00f6vers den Krieg nicht \u00fcberstanden, darunter Forchhammers eigene Dienstorgel in Magdeburg, die 1945 bei einem Fliegerangriff zerst\u00f6rt wurde. Forchhammer war offenbar ein sehr bescheidener Mensch, der sich um die Verbreitung seiner Werke wenig gek\u00fcmmert zu haben scheint. So ist nur ein kleiner Bruchteil davon ver\u00f6ffentlicht worden, darunter zwei Orgelsonaten. Ein Oratorium <em>K\u00f6nigin Luise<\/em> und eine chorsymphonische Vertonung des 130.&nbsp;Psalms blieben Manuskript. Ausgehend von den wenigen Eindr\u00fccken, die mir bislang von Forchhammers Kompositionsstil zuteil geworden sind, kann ich jedenfalls sagen, dass er seinem Lehrer Kiel alle Ehre gemacht hat und es verdiente, mehr beachtet zu werden. Seine Chor\u00e4le und Chors\u00e4tze stecken voller feiner Wendungen in der Stimmf\u00fchrung, die die diatonisch fest gegr\u00fcndete Harmonik stets abwechslungsreich halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor Anja Ganschow mit der bereits erw\u00e4hnten W\u00fcrdigung Peter Pfeils das letzte Wort hat, versucht sich Hartmut Wecker zum 200. Geburtstag Friedrich Kiels an einer Standortbestimmung. Er beschreibt das Ansehen, das Kiel zu Lebzeiten genoss, und belegt es mit einschl\u00e4gigen Zitaten. Die Antwort auf die Frage, warum Kiels Musik bald nach seinem Tode vernachl\u00e4ssigt wurde, findet er teilweise im Charakter der Werke, denen Exaltiertheit fremd ist, was sie in der Nachbarschaft eines Liszt oder Wagner manchem Zeitgenossen spr\u00f6de erscheinen lie\u00df, teilweise aber auch in der zur\u00fcckhaltenden Pers\u00f6nlichkeit des Komponisten selbst, der es, obwohl sein einziger \u00f6ffentlicher Auftritt als Pianist erfolgreich verlief, ablehnte als Interpret in eigener Sache t\u00e4tig zu sein, und auch au\u00dferhalb seines beruflichen Umfelds kaum Kontakte zu Kollegen pflegte. \u201eVon einer umfassenden R\u00fcckkehr Kiels in das zeitgen\u00f6ssische Musikleben kann noch nicht die Rede sein, aber es gibt hoffnungsvolle Ans\u00e4tze\u201c, schlie\u00dft Wecker. Der vorliegende Band, der aus Weckers Feder auch ein kurzes Curriculum Vitae Friedrich Kiels enth\u00e4lt, sodass sich Leser, die mit der Biographie des Komponisten weniger vertraut sind, einen schnellen \u00dcberblick verschaffen k\u00f6nnen, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. M\u00f6ge er dazu beitragen, das Interesse an Kiel zu steigern, auf dass man sich bald \u00fcber weitere Auff\u00fchrungen und Aufnahmen seiner meisterhaften Musik freuen kann!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, November 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nigshausen&nbsp;&amp;&nbsp;Neumann, W\u00fcrzburg 2022; ISBN: 978-3-8260-7414-1 Herausgegeben von Anja Ganschow und Hartmut Wecker ist im Verlag K\u00f6nigshausen&nbsp;&amp;&nbsp;Neumann der f\u00fcnfte Band der Friedrich-Kiel-Forschungen erschienen. Neun Autoren kommen zu verschiedenen Themen rund um Friedrich Kiel (1821\u20131885) und sein Schaffen zu Wort. 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