{"id":5956,"date":"2023-11-13T10:31:00","date_gmt":"2023-11-13T09:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5956"},"modified":"2023-11-14T14:35:33","modified_gmt":"2023-11-14T13:35:33","slug":"gelungene-urauffuehrung-von-johannes-kalitzke-und-ein-bemerkenswertes-orchesterwerk-luc-ferraris","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/13\/gelungene-urauffuehrung-von-johannes-kalitzke-und-ein-bemerkenswertes-orchesterwerk-luc-ferraris\/","title":{"rendered":"Gelungene Urauff\u00fchrung von Johannes Kalitzke und ein bemerkenswertes Orchesterwerk Luc Ferraris"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das zweite Saisonkonzert der<\/em> musica viva <em>mit dem<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> fand am Freitag, 10.&nbsp;November 2023, wieder im \u00fcblichen Herkulessaal statt. <\/em>Johannes Kalitzke<em> dirigierte neben einer eigenen Urauff\u00fchrung <\/em>(\u201eZeitkapsel\u201c)<em> noch <\/em>Lisa Streichs\u201eJubelhemd\u201c <em>und <\/em>Luc Ferraris \u201eHistoire du Plaisir et de la D\u00e9solation\u201c. <em>Die Solisten in Streichs Komposition waren<\/em> Marco Blaauw <em>(Trompete)<\/em>, Dirk Rothbrust <em>(Schlagzeug)<\/em>, Maria Stange <em>(Harfe) und<\/em> Axel Porath <em>(Viola)<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Dirigent seit vielen Jahren regelm\u00e4\u00dfiger Gast bei der <em>musica viva<\/em>, leitete <em>Johannes Kalitzke<\/em> (*1959) im Konzert am 10.&nbsp;11. 2023 das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> zun\u00e4chst bei der Urauff\u00fchrung einer eigenen Komposition mit dem Titel <em>Zeitkapsel. <\/em>Das 25-min\u00fctige St\u00fcck hat \u00e4u\u00dferlich die Form eines Totentanzes, besteht aus mehreren, recht klar getrennten \u201eS\u00e4tzen\u201c, die durch eine Art <em>Concertino <\/em>\u2013 hier sechs Fagotte und zwei Saxophone mit herrlich dunklem Klang \u2013 wie im Concerto Grosso zusammengehalten werden. Stilisierte, dysfunktionalisierte Tanzrhythmen im Orchester wurden durch elektronisch zugespielte Samples erg\u00e4nzt \u2013 entsprechend den pers\u00f6nlichen Fundst\u00fccken (<em>Zeitkapseln<\/em>), die Erbauer in alten Gem\u00e4uern oder eigene Vorfahren etwa auf Dachb\u00f6den hinterlassen haben; darunter so divergente Kl\u00e4nge wie Flammenwerfer oder am Schluss die \u00e4lteste Tonaufnahme auf Wachspapier von 1860: das Kinderlied <em>Au Claire de la Lune. <\/em>Dass diese durchg\u00e4ngigen elektronischen Einsprengsel \u2013 die erkennen lassen, dass Kalitzke u.&nbsp;a. Sch\u00fcler von York H\u00f6ller war \u2013 nicht wie Fremdk\u00f6rper, sondern als echte Erweiterungen des Orchesterklangs wirkten, war nicht zuletzt der exzellenten, unaufdringlichen Klangregie von <em>Sebastian Schottke<\/em> zu verdanken. Kalitzke dirigierte wie gewohnt stets pr\u00e4zise, glasklar, engagiert, suggestiv und ohne M\u00e4tzchen, h\u00f6rte den Musikern genau zu und griff zuvorkommend ein, wenn n\u00f6tig. Seine wirkungsvolle, sehr virtuose Musik \u2013 am Ende spooky \u2013 kam auch beim Publikum gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwedischst\u00e4mmige, aber vor allem im deutschsprachigen Raum ausgebildete <em>Lisa Streich <\/em>(Jahrgang 1985) wurde bereits mit Preisen \u00fcberh\u00e4uft \u2013 u.\u00a0a. dem Ernst von Siemens F\u00f6rderpreis (2017) \u2013 und nennt ihr St\u00fcck <em>Jubelhemd <\/em>(2021) ausdr\u00fccklich <em>Concerto Grosso<\/em>. Die ungew\u00f6hnliche Instrumentenkombination des Concertinos \u2013 Trompete, Schlagzeug, Harfe und Viola \u2013 sollte wohl als Projektion des recht gro\u00dfen, enorm farbig gesetzten Orchesters auf kammermusikalische Ebene fungieren. Dabei wird die f\u00fcr die Komponistin leicht zwanghafte Vorgabe einer <em>jubilierenden <\/em>Musik \u2013 ein Auftrag schwedischer Orchester inmitten der Pandemie \u2013 derart konterkariert, dass sich die Solisten trotz h\u00f6chster virtuoser Anforderungen \u2013 besonders hervorzuheben der Trompeter <em>Marco Blaauw <\/em>\u2013 nicht wirklich entfalten k\u00f6nnen. Jubelgesten, von Ankl\u00e4ngen an Bach-Trompete bis zu U-Musik \u2013 \u201eMutantenstadl\u201c mit Zitaten von Offenbach oder Johann Strauss \u2013 werden im Keim erstickt. Streichs regelm\u00e4\u00dfig genutzte, detonierte, aus der tonalen (Chor-)musik stammenden Akkorde, wirkten hingegen erstaunlich fein und sch\u00f6n \u2013 und regten die Zuh\u00f6rer offensichtlich \u00e4hnlich an wie die ber\u00fchmte Madeleine in Prousts <em>Recherche.<\/em> Die vielen tollen Ans\u00e4tze in dieser sensiblen Musik wurden leider dadurch zunichte gemacht, dass der monorhythmische Beginn nie wirklich verlassen wird, bis auf einen hilflosen Ausbruchsversuch mit merkw\u00fcrdiger Kirmesmusik kurz vor Schluss. Insgesamt erhielt die doch \u00fcber Strecken ziemlich fade Komposition dann auch lediglich freundlichen Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Pariser Luc Ferrari (1929\u20132005) d\u00fcrfte man vor allem mit <em>musique concr\u00e8te<\/em> in Form von Tonbandkompositionen in Verbindung bringen. Abgesehen von seinem rein instrumentalen Fr\u00fchwerk \u2013 als Pianist war er z.&nbsp;B. noch Sch\u00fcler des ber\u00fchmten Alfred Cortot \u2013 sind St\u00fccke ohne Tonb\u00e4nder oder Elektronik eine Seltenheit, <em>Histoire du Plaisir et de la D\u00e9solation<\/em> (1982 uraufgef\u00fchrt) somit ein echtes Unikum. Die 35-min\u00fctige, gewaltig besetzte Komposition besteht aus drei attacca aufeinanderfolgenden S\u00e4tzen mit klar unterscheidbarem Material. Grundidee dabei ist laut Kalitzke die sogenannte <em>Bandschleife<\/em>. Obwohl hier also st\u00e4ndig Repetitionsmuster werkelten und der kurze erste Satz \u00fcber gleichm\u00e4\u00dfigen Fundamentalb\u00e4ssen des Schlagzeugs \u2013 fast wie ein Auftritt Godzillas \u2013 h\u00f6llische Kl\u00e4nge entwickelte, wurde das St\u00fcck nie langweilig. Ferraris Musik, opulent und voller Lebensenergie, besch\u00e4ftigte sich allerdings, offenkundig gepr\u00e4gt vom franz\u00f6sischen Existenzialismus, sehr ernsthaft mit dem Gegensatz von Lust und Verzweiflung \u2013 letztlich wie Kalitzkes Totentanz mit Verg\u00e4nglichkeit. Im zweiten Abschnitt dominierten hellere Farben, teils mit Becken-Grundierung und man wurde eingeschobener, bestimmten Frauen gewidmeter Zitate gewahr. Die <em>D\u00e9solation<\/em> des langen dritten Satzes manifestierte sich u.&nbsp;a. mit dem x-maligen Ansetzen einer a-Moll Kadenz, auf deren Aufl\u00f6sung man jedoch vergeblich wartete. Ein eindrucksvolles St\u00fcck, bei dem Kalitzke auch effektiv die Langstrecken-Dynamik des einmal mehr gro\u00dfartig aufgelegten BRSO f\u00fchrte und den Herkulessaal in einen wahren Klangrausch versetzte, der dann mit langanhaltendem Applaus bedacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, November 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das zweite Saisonkonzert der musica viva mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks fand am Freitag, 10.&nbsp;November 2023, wieder im \u00fcblichen Herkulessaal statt. Johannes Kalitzke dirigierte neben einer eigenen Urauff\u00fchrung (\u201eZeitkapsel\u201c) noch Lisa Streichs\u201eJubelhemd\u201c und Luc Ferraris \u201eHistoire du Plaisir et de la D\u00e9solation\u201c. Die Solisten in Streichs Komposition waren Marco Blaauw (Trompete), Dirk Rothbrust (Schlagzeug), &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/13\/gelungene-urauffuehrung-von-johannes-kalitzke-und-ein-bemerkenswertes-orchesterwerk-luc-ferraris\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Gelungene Urauff\u00fchrung von Johannes Kalitzke und ein bemerkenswertes Orchesterwerk Luc Ferraris<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4791,2661,728,2001,1981,1180,4789,4790,507,2202,4792,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5956"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5960,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5956\/revisions\/5960"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}