{"id":5966,"date":"2023-11-22T19:48:59","date_gmt":"2023-11-22T18:48:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=5966"},"modified":"2024-04-08T15:42:33","modified_gmt":"2024-04-08T13:42:33","slug":"famoser-klavierabend-zu-ehren-hans-winterbergs-in-bad-toelz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/22\/famoser-klavierabend-zu-ehren-hans-winterbergs-in-bad-toelz\/","title":{"rendered":"Famoser Klavierabend zu Ehren Hans Winterbergs in Bad T\u00f6lz"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 19. 11. 2023 brillierte der britische Pianist Jonathan Powell mit einem Klavierabend zu Ehren des in Bad T\u00f6lz begrabenen Komponisten Hans Winterberg im dortigen Kurhaus. Nach einer hochrangig besetzten, vom BR-Redakteur Bernhard Neuhoff klug geleiteten Podiumsdiskussion \u00fcber den verschlungenen Lebensweg Winterbergs und die vielschichtigen Wurzeln seiner Musik spielte Powell St\u00fccke von Komponisten, die &#8211; bis auf Arnold Sch\u00f6nberg &#8211; alle in der sp\u00e4teren Tschechoslowakei geboren wurden, und deren Bedeutung ebenfalls erst nach und nach ad\u00e4quat gew\u00fcrdigt wird: Alois H\u00e1ba, Josef Suk, V\u00edt\u011bzslava Kapr\u00e1lov\u00e1, Egon Kornauth, Viktor Ullmann und Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek, bevor der Abend dann mit Winterbergs beeindruckender 3. Klaviersonate schloss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"517\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser-1024x517.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5967\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser-1024x517.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser-300x152.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser-768x388.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser-1536x776.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jonathan-Powell-Kurhaus-Bad-Toelz-19.11.23-Foto-Martin-Blaumeiser.jpg 1900w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Jonathan Powell im Kurhaus Bad T\u00f6lz \u00a9 Martin Blaumeiser<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das durch ungl\u00fcckliche \u2013 wenn nicht befremdliche \u2013 Umst\u00e4nde in Vergessenheit geratene Werk des deutschsprachigen Prager Juden <em>Hans Winterberg<\/em> (1901\u20131991), der Theresienstadt \u00fcberlebte, nichtsdestotrotz 1947 nach Bayern zog, wird erst seit wenigen Jahren durch das <em>Exilarte Zentrum<\/em> an der Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst, Wien in Zusammenarbeit u.a. mit <em>Boosey &amp; Hawkes<\/em> \u2013 die nun erstmals Musik des Komponisten verlegen \u2013 erforscht und der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht. Gleichzeitig gab es in letzter Zeit einige neue Aufnahmen, u.a. mit Liedern sowie Klavier- und Kammermusik. Die erste CD mit \u2013 neu produzierten \u2013 Orchesterwerken wurde hier k\u00fcrzlich<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/22\/ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/22\/ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> ausf\u00fchrlich besprochen<\/a>. Wer mehr zu Person und Werk sucht, findet die grundlegenden Infos auf der <a href=\"https:\/\/forbiddenmusic.org\/2021\/05\/27\/the-winterberg-puzzles-darker-and-lighter-shades\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/forbiddenmusic.org\/2021\/05\/27\/the-winterberg-puzzles-darker-and-lighter-shades\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Seite von <em><u>Dr. Michael Haas<\/u><\/em><\/a>, der dem interessierten Publikum als Produzent der legend\u00e4ren Decca-Serie <em>Entartete Musik <\/em>bekannt sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sonntag, 19. November 2023 fand zu Ehren Winterbergs, der ab den 1970ern einige Jahre in Bad T\u00f6lz lebte und auch dort begraben liegt, im Kurhaus der Stadt ein denkw\u00fcrdiger Klavierabend statt, der mit einer prominent besetzten Podiumsdiskussion begann: Nach sehr engagierten Gru\u00dfworten des 3. B\u00fcrgermeisters, <em>Dr. Christof Botzenhardt<\/em>, sowie des Enkels Winterbergs, <em>Peter Kreitmeier<\/em>, besch\u00e4ftigten sich \u2013 unter der umsichtigen und hervorragend getimten Moderation <em>Bernhard Neuhoffs<\/em> von BR Klassik \u2013 Michael Haas (nun Senior Researcher bei Exilarte), <em>Frank Harders-Wuthenow<\/em> (Boosey &amp; Hawkes), <em>Lubomir Spurny<\/em> (Masaryk-Universit\u00e4t Brno) sowie der Prager Journalist <em>Petr Brod<\/em> mit dem verschlungenen Lebensweg und der nicht ganz unkomplizierten Verwurzelung des Komponisten im vielschichtigen Prager Musikleben nach Gr\u00fcndung der Tschechoslowakei. Winterberg gilt nicht nur dem britischen Pianisten <em>Jonathan Powell <\/em>als \u201emissing link\u201c zwischen Mahler, Jan\u00e1\u010dek und der Neuen Wiener Schule. Ab den 1960ern hat der Komponist sogar seine ganz pers\u00f6nliche Antwort auf den Nachkriegs-Serialismus gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im eigentlichen Klavierproramm hatte Powell mit Bedacht Musik gew\u00e4hlt, die die zuvor beleuchteten unterschiedlichen Wurzeln \u2013 bis zur\u00fcck in die \u201ek.u.k.\u201c \u00c4ra \u2013 h\u00f6rbar machen. Der Pianist startete mit dem f\u00fcr 1918 \u00fcberraschend tonalen <em>Intermezzo<\/em> op. 2, Nr. 2 (f-Moll) des sp\u00e4teren Viertelton-Revolution\u00e4rs <em>Alois Hab\u00e1 <\/em>(1893\u20131973), das klanglich \u2013 obwohl weit weniger dicht \u2013 an die Sonate Alban Bergs erinnert. Es folgten vier kurze Genrest\u00fccke von <em>Josef Suk<\/em> (1874\u20131935) \u2013 aus den Zyklen <em>Vom M\u00fctterlein <\/em>op. 28, <em>Wiegenlieder<\/em> op. 33, <em>Erlebtes und Ertr\u00e4umtes<\/em> op. 30 und <em>Episoden<\/em> (1923). Suk, Sch\u00fcler \u2013 und sp\u00e4terer Schwiegersohn \u2013 Dvo\u0159\u00e1ks, machte vor allem durch gro\u00dfe, in ihrer Orchestrierungskunst Richard Strauss in nichts nachstehende Orchesterwerke Furore, besonders mit der Urauff\u00fchrung von <em>Zran\u00ed<\/em> nur zwei Tage nach Gr\u00fcndung der Tschechoslowakischen Republik. Schon an diesen Kleinoden sp\u00fcrten die Zuh\u00f6rer \u2013 man h\u00e4tte sich da durchaus ein paar mehr gew\u00fcnscht \u2013 Powells klangliche Delikatesse, sein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Harmonik und die empathische Charakterisierungskunst bis ins kleinste motivische Detail. Aus dem interessanten Diskant des Bechstein-Fl\u00fcgels im Kurhaus kitzelte er wunderbare Farben heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>April-Pr\u00e4ludien <\/em>der viel zu jung verstorbenen kompositorischen Fr\u00fchbegabung <em>V\u00edt\u011bzslava Kapr\u00e1lov\u00e1<\/em> (1915\u20131940) entstanden noch 1937 in ihrer Heimat, kurz bevor sie nach Paris zu Martin\u016f ging. Pianistisch schon elaboriert \u2013 etwa die Ostinati des ersten St\u00fccks oder die Prokofieff-N\u00e4he des vierten \u2013, \u00fcberzeugte die ergreifende Schlichtheit des dritten Pr\u00e9ludes jedoch am meisten. Powell zeigte hier schon mal seine Krallen und stellte mit seiner Darbietung s\u00e4mtliche mir bekannten Tontr\u00e4geraufnahmen in den Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der 13-min\u00fctigen <em>Fantasie<\/em> op. 10 des aus Olm\u00fctz geb\u00fcrtigen, \u00f6sterreichischen Komponisten <em>Egon Kornauth<\/em> (1891\u20131959) erlebte das Publikum dann ein Klavierfest ganz anderen Kalibers. Was der Sch\u00fcler des ber\u00fchmten, ganz in der Brahms-Nachfolge stehenden Robert Fuchs hier 1913 an pianistischer Kraftmeierei einerseits, klanglichem Feinsinn und dramaturgischem \u00dcberblick andererseits verlangt, kann nur ein echter Virtuose so unter einen Hut bringen, dass der musikalische Gehalt \u2013 quasi Richard Strauss zum Quadrat \u2013 den \u00e4u\u00dferlichen Aufwand vergessen macht. Dazu muss man wissen, dass Jonathan Powell 2020 den <em>Preis der deutschen Schallplattenkritik <\/em>f\u00fcr ein musikalisches Monstrum, die gut 8-st\u00fcndige <em>Sequentia Cyclica<\/em> des britischen Exzentrikers <em>Kaikhosru Sorabji<\/em> erhalten hat:<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/08\/kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/08\/kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling\/\" target=\"_blank\"> hier mein Bericht \u00fcber die Auff\u00fchrung beim Heidelberger Fr\u00fchling 2022<\/a> \u2013 eine fast \u00fcbermenschliche Leistung. Am Sonntag gelang Kornauths St\u00fcck jedoch selbst Powell nochmals st\u00e4rker als auf seiner eigenen CD-Einspielung \u2013 emotional hinrei\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Viktor Ullmann<\/em> (1898\u20131944) \u00fcberlebte Theresienstadt nicht, wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht und sofort ermordet. Von seinen sieben bedeutenden Klaviersonaten ist die letzte zu Recht die ber\u00fchmteste. Wie weit Ullmanns klare Stilistik und kompositorische K\u00f6nnerschaft schon bei der 1. Sonate (1936) war, bewies Powell nachdr\u00fccklich. Ullmanns immer enormer Tiefgang wurde nicht nur im langsamen II. Satz (In memoriam Gustav Mahler) deutlich, sondern gleicherma\u00dfen in den vertrackten Ecks\u00e4tzen. <em>Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks<\/em> (1854\u20131928) ganz sp\u00e4ter, leicht kryptischer <em>Erinnerung <\/em>schloss der Pianist unmittelbar <em>Arnold Sch\u00f6nbergs<\/em> (1874\u20131951) ber\u00fchmte aphoristische, atonale, aber eben noch nicht zw\u00f6lft\u00f6nige <em>Sechs kleinen Klavierst\u00fccke op. 19 <\/em>von 1911 an; wahrscheinlich die einzigen Werke, die Teilen des Publikums schon vor dem Konzert bekannt gewesen sein d\u00fcrften. Hier konzentrierte sich Powell v\u00f6llig darauf, Spannung und Emotion rein durch Klang zu erzeugen, wobei das <em>Martellato<\/em> am Ende des vierten St\u00fccks nicht hart genug erschien. Beim letzten \u2013 ebenfalls eingedenk Mahlers Tod \u2013 h\u00e4tte man eine Stecknadel fallen h\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als kr\u00f6nenden Abschluss dann eine der ersten Darbietungen von Hans Winterbergs dritter Klaviersonate von 1947, kurz vor seiner Immigration nach Bayern entstanden. Powell ediert f\u00fcr Boosey auch die vier Sonaten wie die ebenfalls vier Klavierkonzerte des Komponisten. Kein Wunder, dass er diese Musik anscheinend ohne jede M\u00fche bew\u00e4ltigt. Die bewegte, auf mechanistischer, ein wenig monochrom wirkender quasi Ostinato-Grundierung aufgebaute Entwicklung im knappen 1. Satz erinnerte den Rezensenten merkw\u00fcrdigerweise sofort an ein viel neueres St\u00fcck: Detlev Glanerts <em>Marmormeer<\/em> (aus den <em>Vier Fantasien<\/em> op. 15 von 1987) \u2013 wie fremdes Leben auf nicht-organischer Grundlage. Viel leichter fasslich danach das konturierte, farbige <em>Molto adagio<\/em>, dabei expressiv d\u00fcster wie Bergs <em>Wozzeck<\/em> \u2013 geb\u00e4ndigte Trauer; vielleicht \u00fcber den Verlust von Heimat? Faszinierend am Ende das rasante, tonaler wirkende, glockige Finale, beschwingt aber stellenweise wie mit schweren Fesseln beladen. Trotz der Konkurrenz einiger gro\u00dfer Namen zuvor konnte sich Winterbergs St\u00fcck in diesem h\u00f6chst anspruchsvollen Programm gut behaupten. Man darf sich schon auf die baldigen Urauff\u00fchrungen des 4. Klavierkonzerts und weiterer Werke Hans Winterbergs durch Jonathan Powell freuen. Wie Dr. Botzenhardt meinte: \u201eAm besten werden wir ihm gerecht, wenn wir uns mit seiner Musik besch\u00e4ftigen\u201c. Das Publikum zeigte sich jetzt schon begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 21.11. 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. 11. 2023 brillierte der britische Pianist Jonathan Powell mit einem Klavierabend zu Ehren des in Bad T\u00f6lz begrabenen Komponisten Hans Winterberg im dortigen Kurhaus. 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