{"id":6015,"date":"2023-12-22T23:24:00","date_gmt":"2023-12-22T22:24:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6015"},"modified":"2023-12-23T07:26:25","modified_gmt":"2023-12-23T06:26:25","slug":"hoffnung-versprechen-gewissheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/12\/22\/hoffnung-versprechen-gewissheit\/","title":{"rendered":"Hoffnung, Versprechen,  Gewissheit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 15. und 17.&nbsp;Dezember 2023 spielte das Tonk\u00fcnstler-Orchester Nieder\u00f6sterreich unter der Leitung von John Storg\u00e5rds im Gro\u00dfen Musikvereinssaal Wien die <\/em>Midnight Sun Variations<em> der finnischen Komponistin Outi Tarkiainen, Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op.&nbsp;61 und Carl Nielsens Symphonie Nr.&nbsp;5 op.&nbsp;50. Als Violinsolist war Augustin Hadelich zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt ist voll mit hervorragenden Geigerinnen und Geigern, Virtuosen, die keine technische Schwierigkeiten kennen; Beherrscher ihres Instruments, wie es sie in dieser Zahl vielleicht noch nie gegeben hat. Jedoch gibt es in der absoluten Spitze, wo die technische Meisterschaft bereits allein im Dienst der Kunst steht, nur ganz wenige, die ein Werk nicht nur brillant darstellen k\u00f6nnen, sondern wirklich etwas zu sagen haben, hinter das Werk zur\u00fccktreten und ihr Instrument als K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler beherrschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kategorie geh\u00f6rt Augustin Hadelich, der in diesen Tagen, begleitet vom Nieder\u00f6sterreichischen Tonk\u00fcnstlerorchester, in Wien mit dem Violinkonzert von Ludwig van Beethoven zu h\u00f6ren war \u2013 nach wie vor und f\u00fcr alle Zeiten das Konzert, mit dem man entweder den Olymp besteigt oder an ihm scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein ph\u00e4nomenales Spiel berechtigt zu jener seltenen Hoffnung, einmal wieder einen absoluten Geiger h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, jemanden, der sich musikalisch und k\u00fcnstlerisch jenseits des Instrumentalen bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast war es also perfekt, doch fehlte die letzte und absolute Eindeutigkeit der Meisterschaft. Dies war zun\u00e4chst, unabh\u00e4ngig vom Solisten, der Temponahme im ersten Satz geschuldet, und zwar nicht als Problem des musikalischen Pulses, sondern in seiner Organisation als Metrum: der Dirigent John Storg\u00e5rds konnte oder wollte sich nicht entscheiden, ob er vier oder zwei schlagen sollte, vielmehr bevorzugte er es, sich frei dem jeweiligen musikalischen Augenblick anzupassen, die Kontinuit\u00e4t des Metrums damit einer gewissen instinktiven Willk\u00fcr \u00fcberlassend. Das entspricht eventuell einer modernen Ansicht des Dirigierens, ist im Ergebnis jedoch eine der M\u00f6glichkeiten, an der perfekten Balance eines Werkes wie dem Violinkonzert von Beethoven zu scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Details, die Zeit gebraucht h\u00e4tten, um ihre vollkommene Sch\u00f6nheit zu entfalten, wie zum Beispiel der Pianissimo-Wendepunkt beim Einsatz der Trompeten am Ende der Durchf\u00fchrung, fielen diesem metrischen M\u00e4andern zum Opfer. Hier muss leider auch bemerkt werden, dass dies, neben der typischen Routine und mutma\u00dflich mangelnden Probenzeit, die f\u00fcr ein Solokonzert grunds\u00e4tzlich im Normalbetrieb vorgesehen ist, dazu f\u00fchrte, dass die ansonsten hervorragenden Tonk\u00fcnstler ausgerechnet bei Beethoven ihr wirkliches Potenzial klanglicher und musikalischer Differenziertheit nicht entfalten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Satz entbehrte dann in einer sch\u00f6nen Linearit\u00e4t leider des harmonischen In-die-Tiefe-H\u00f6rens und wurde so bereits am Beginn der Tiefe und einzigartigen Wirkung der fr\u00fchen Erweiterung der harmonischen Perspektive beraubt, als es von G-Dur mit einem ganz kurzen Anklang von e-moll direkt auf den vermeintlichen Ruhepunkt auf Fis-Dur geht \u2013 weiter entfernt und scheinbar der Schwerkraft enthoben geht es kaum. Es ist dies ein Moment, dessen heute noch erh\u00f6r- und erlebbaren Radikalit\u00e4t des seelischen Ausdrucks in dieser Auff\u00fchrung nicht stattfand und dadurch nach nichts und wieder nichts klang: flach und ziellos, wie es eben passiert, wenn man nur auf die Melodie h\u00f6rt. Das innige Spiel des Solisten konnte das fehlende innere Momentum nicht mehr ausgleichen, die weiteren T\u00f6ne und Kl\u00e4nge wurden nur noch sch\u00f6n aneinandergereiht anstatt zu einem Ganzen vereint.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem vollkommenen Gelingen des letzten Satzes stand dann ein etwas zu rasches Tempo im Wege, so dass die aus der erforderlichen inneren Ruhe entstehende Farbigkeit und Lebendigkeit des 6\/8-Takts der geigerischen Brillanz geopfert wurde, was unter anderem dazu f\u00fchrte, dass die entwaffnend sch\u00f6ne Dialogstelle zwischen Fagotten und Solovioline zu vordergr\u00fcndig geriet und in ihrer Sensibilit\u00e4t nicht funktioniert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem h\u00f6renswert, teilweise begl\u00fcckend, nur eben mit der leisen Einschr\u00e4nkung, dass Solist, Dirigent und Orchester letztlich im k\u00fcnstlerischen Konjunktiv blieben, letztere aufgrund von Routine und Augenblickswillk\u00fcr; ersterer, k\u00fcnstlerisch auf diese Weise von letzteren unmerklich gebremst. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn alle in allem nur latent erscheinende Ungeh\u00f6rtheiten und Unbedachtsamkeiten summierten sich in ihrer Wirkung, so dass das Publikum f\u00fcr jetzt nur die Gewissheit eines gro\u00dfen Versprechens h\u00f6ren konnte, das nicht deutlich genug betont werden kann: Augustin Hadelich ist in der Tat als ein wunderbarer, technisch \u00fcberw\u00e4ltigend makelloser Geiger eine wirklich gro\u00dfe Hoffnung auf eine Form von k\u00fcnstlerischer Reife, wie man ihr nur selten, und in der j\u00fcngeren Vergangenheit kaum, begegnet. Sein Wachsen wird sich fortsetzen und noch wunderbare Fr\u00fcchte tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Konzertnachmittag wurde ansonsten eingerahmt von zwei in Wien selten zu h\u00f6renden Werken, er\u00f6ffnet von den \u201eMidnight Sun Variations\u201c von Outi Tarkiainen, uraufgef\u00fcrt 2019, sowie der 5. Symphonie von Carl Nielsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk von Outi Tarkianen besticht durch klare Formgebung und sehr differenzierte und klarer Instrumentation. Es will nicht, was es nicht kann, und kann oder will auch nicht den Einfluss des finnischen \u00dcbervaters Jean Sibelius verleugnen, man k\u00f6nnte sogar sagen, dass die Komponistin im Sinne der Tonmalerei und pastoralen Adaption der fernen nordischen Welten ihm Reverenz erweisend eine legitime Nachfolgerin des Meisters ist. Und schon Ravel empfahl einst einem jungen Komponisten, sich in der Imitation eines Vorbilds zu \u00fcben, da nur in der unbewussten Abweichung vom Original zu h\u00f6ren sei, ob der junge Komponist etwas zu sagen habe. Dies ist bei Tarkianen zweifellos der Fall, womit zu hoffen ist, dass es auch in Wien m\u00f6glich sein wird, die weitere vielversprechende Entwicklung dieser Komponistin mitverfolgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kraft- und effektvolle 5. Symphonie von Carl Nielsen entfaltete nach der Pause ein eindr\u00fcckliches Psychogramm einer Zerissenheit zwischen ebenfalls pastoraler Stimmung und einer traumatisierenden St\u00f6rung dieses Idylls. Auffallend ist, wie Nielsen einige motivische Details bis zur Redundanz repetiert, es im Ganzen jedoch im ersten Satz trotzdem schafft, zu einer geschlossenen Form zu finden. Der zweite Satz bleibt leider hinter dieser Geschlossenheit zur\u00fcck und hinterl\u00e4sst die Frage, ob er der Form entbehrt, oder, was wahrscheinlicher ist, ob die Auff\u00fchrenden nur nicht in der Lage waren, diese entstehen zu lassen. Nielsen konnte hier, jedenfalls nach diesem H\u00f6reindruck, nicht an den gro\u00dfen Wurf seiner 4. Symphonie ankn\u00fcpfen, sondern unterwirft sich hier unter Inkaufnahme der Gefahr, dieses Werk der Zeitlosigkeit zu entziehen, einer \u00c4sthetik, die nicht immer die seine zu sein scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dirigent John Storg\u00e5rds war nun aber in seinem Element und brachte das hier furios aufspielende Nieder\u00f6sterreichische Tonk\u00fcnstlerorchester zur orchestralen Exzellenz. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, Dezember 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. und 17.&nbsp;Dezember 2023 spielte das Tonk\u00fcnstler-Orchester Nieder\u00f6sterreich unter der Leitung von John Storg\u00e5rds im Gro\u00dfen Musikvereinssaal Wien die Midnight Sun Variations der finnischen Komponistin Outi Tarkiainen, Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op.&nbsp;61 und Carl Nielsens Symphonie Nr.&nbsp;5 op.&nbsp;50. Als Violinsolist war Augustin Hadelich zu h\u00f6ren. 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