{"id":6050,"date":"2024-01-01T10:07:00","date_gmt":"2024-01-01T09:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6050"},"modified":"2024-01-08T14:15:24","modified_gmt":"2024-01-08T13:15:24","slug":"eugen-engels-grete-minde-wiederentdeckung-der-oper-eines-unentdeckten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/01\/01\/eugen-engels-grete-minde-wiederentdeckung-der-oper-eines-unentdeckten\/","title":{"rendered":"Eugen Engels \u201eGrete\u00a0Minde\u201c: Wiederentdeckung der Oper eines Unentdeckten"},"content":{"rendered":"\n<p>Orfeo C260352; EAN: 4 011790 260228<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6051\" width=\"489\" height=\"489\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Engels-Grete-Minde-cover-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 489px) 100vw, 489px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Fast 90 Jahre nach ihrer Fertigstellung war die Urauff\u00fchrung von <\/em>Eugen Engels<em> (1875<\/em><em>\u2013<\/em><em>1943) Oper <\/em>\u201eGrete Minde\u201c<em> im Februar 2022 am Theater Magdeburg unter Leitung von Generalmusikdirektorin <\/em>Anna Skryleva<em> schon eine kleine Sensation, die auch \u00fcberregional hohe Beachtung fand. Ein erstaunliches Beispiel f\u00fcr bislang im Verborgenen schlummerndes Opernschaffen; hier eines der \u00d6ffentlichkeit bis dato v\u00f6llig unbekannten deutsch-j\u00fcdischen Hobbykomponisten, der 1943 von den Nazis ermordet wurde, dessen einziges B\u00fchnenwerk jedoch als Partitur \u00fcberlebte, die erst von der Enkelin ihres Sch\u00f6pfers ans Licht gebracht worden war. Der Live-Mitschnitt der Premiere auf Orfeo ist zumindest eine h\u00f6renswerte Rarit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ganz zu Unrecht wurde bei der Wiederentdeckung und Urauff\u00fchrung von <em>Eugen Engels \u201eGrete Minde\u201c<\/em> hinterfragt, ob angesichts der Unmengen an Opern, die es bislang nie auf eine B\u00fchne geschafft haben, nicht allein das pers\u00f6nliche Schicksal des Komponisten die entscheidende Rolle gespielt haben d\u00fcrfte. Eugen Engel \u2013 geboren 1875 im masurischen Teil des damaligen Ostpreu\u00dfens, sp\u00e4ter hauptberuflich Kaufmann in Berlin \u2013 war als engagierter deutsch-j\u00fcdischer Bildungsb\u00fcrger insbesondere der Musik zugewandt. Privat hatte er Kompositionsunterricht bei Otto Ehlers genommen, war aber anscheinend weitgehend Autodidakt. Nach 1905 wurden zwar einige Werke von Laienmusikern aufgef\u00fchrt \u2013 eine abendf\u00fcllende Oper war allerdings schon ein anderes Unterfangen. Dass Engels Wahl des Stoffes hier ausgerechnet auf Theodor Fontanes Novelle \u201eGrete Minde\u201c fiel, der ein historisches Ereignis zugrunde liegt, erscheint zun\u00e4chst merkw\u00fcrdig, da die typische, distanzierte und lakonische Sprache des Dichters wenig Opernhaftes bietet. Engels Librettist Hans Bodenstedt \u2013 der sp\u00e4ter als \u00fcberzeugtes NSDAP-Mitglied der Nazi-Propaganda zuarbeitete und nach dem 2. Weltkrieg Karriere beim NWDR machte \u2013 verfasste den Operntext bereits 1914, und der Komponist arbeitete somit bald 20 Jahre an seinem Projekt. Nach der Vollendung 1933 war nat\u00fcrlich an eine Auff\u00fchrung in Deutschland nicht mehr zu denken, und auch die Korrespondenz mit Bruno Walter, Leo Blech und Edwin Fischer ebnete keine neuen Wege au\u00dferhalb der Heimat. W\u00e4hrend Engels Tochter Eva 1935 nach Amsterdam floh und 1941 in die USA gelangte, wurde Eugens geplante Ausreise \u00fcber Kuba im letzten Moment vereitelt: Sein Schicksal endete 1943 in der Mordmaschinerie des Vernichtungslagers Sobibor.<\/p>\n\n\n\n<p>Eva Lowen versuchte kurz, den Namen ihres Vaters bekannt zu machen, aber erst Eugens Enkel besch\u00e4ftigten sich ab 2006 intensiver mit dessen kompositorischen Hinterlassenschaften. Der Weg bis zur Urauff\u00fchrung von \u201eGrete Minde\u201c in Magdeburg ist einigen gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden geschuldet, haupts\u00e4chlich der Tatsache, dass die neue Generalmusikdirektorin, die Russin <em>Anna Skryleva<\/em>, von dem St\u00fcck absolut \u00fcberzeugt war. Das Theater scheute dann keine Kosten und M\u00fchen, das Werk auf die B\u00fchne zu bringen. Einige Qualit\u00e4ten von Engels Arbeit werden sofort deutlich: Zun\u00e4chst einmal funktioniert \u2013 unerl\u00e4sslich f\u00fcr eine Oper \u2013 das richtige Timing. Bodenstedt hat die Handlung klug gerafft, behielt die in Fontanes Fassung enthaltenen \u201eVolkslieder\u201c bei, und bietet in den Szenen gelungene, essenzielle Psychogramme der Protagonisten. Die Geschichte der Margarete von Minden, die durch Fontane stark abgewandelt wird, soll hier nicht dargestellt werden. Engels Musik, inspiriert einerseits durch Werke wie Wagners <em>Meistersinger<\/em> oder Leoncavallos Verismo in <em>I Pagliacci<\/em>, andererseits durchaus noch von Carl Maria von Weber, wechselt geschickt zwischen Massenszenen, die oft heiter und gezielt volkst\u00fcmlich wirken, und recht bewegenden Auseinandersetzungen der Hauptfiguren. Musikalisch erstaunt vor allem Engels versierte Instrumentation, die zumeist Richard Strauss, Humperdinck \u2013 mit dem der Komponist in Kontakt stand \u2013 und Schreker als Vorbildern folgt, teils (Glockenspiel etc.) Korngold-nah klingt. Skryleva hat das Orchester leicht ausged\u00fcnnt \u2013 etwa vier statt sechs H\u00f6rner \u2013, erreicht so ein hohes Ma\u00df an Durchsichtigkeit und erm\u00f6glicht ihrem S\u00e4ngerensemble immer ad\u00e4quates Durchkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollte Engel hier eine Art sp\u00e4tromantische \u201eVolksoper\u201c schreiben? Die daf\u00fcr aufgewandten Mittel erscheinen eher naiv und sind Anfang der 1930er schon klar aus der Zeit gefallen. Trotzdem gelingt, die stets unterschwellig vorhandenen Religionskonflikte kurz vor dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg durchg\u00e4ngig zu thematisieren. Wirklich ber\u00fchren dann etliche Dialog-Momente, so der Tod von Gretes Partner Valtin oder die Zuspitzungen im dritten Akt. Etwas \u00fcbernommen hat sich der Komponist leider in der rein dramaturgisch durchaus zwingenden Schlussszene. Wenn Grete Tangerm\u00fcnde abfackelt und mit ihrem Sohn schlie\u00dflich im brennenden Kirchturm als eine Art Fanal zu Tode kommt \u2013 die historische Figur endete auf dem Scheiterhaufen \u2013, will die Musik dann trotz erkennbarer R\u00fcckgriffe auf Wagners \u201eFeuerzauber\u201c der <em>Walk\u00fcre<\/em> nicht so recht z\u00fcnden. Sowas beherrschten etwa Schreker oder Strauss doch um Klassen besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leistungen der Magdeburgischen Philharmonie und des Chores sind fast makellos. Skryleva schafft es, die heterogenen Momente dieser leicht querst\u00e4ndigen Oper unter einen Hut zu bringen. Bei der S\u00e4ngerriege zeigen sich die Damen den m\u00e4nnlichen Protagonisten deutlich \u00fcberlegen, allen voran die gro\u00dfartige <em>Raffaela Lintl<\/em> in der Titelrolle: emotional mitrei\u00dfend, dabei immer mit klanglich ausgewogener Sopranglut. Auf gleicherma\u00dfen hohem Niveau bewegt sich <em>Kristi Anna Isene<\/em> als Trud. Von den Herren begeistern allenfalls <em>Marko Panteli\u0107<\/em> als Gerdt sowie <em>Benjamin Lee<\/em> als Hanswurst, wo hingegen <em>Zolt\u00e1n Ny\u00e1ri<\/em> (Valtin) ziemlich blass agiert. Bei den kleineren Rollen h\u00f6rt man teils nicht deutlich genug akzentuiertes Deutsch \u2013 sei\u2019s drum.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Live-Mitschnitt \u2013 eine Co-Produktion mit Deutschlandradio Kultur \u2013 ist aufnahmetechnisch ohne Tadel, mit den \u00fcblichen Einschr\u00e4nkungen einer B\u00fchnenaufnahme. Nur h\u00e4tte man f\u00fcr eine CD-Ver\u00f6ffentlichung auf gute f\u00fcnf Minuten (!) Schlussapplaus gerne verzichten k\u00f6nnen. Die Booklet-Infos der Dramaturgin Ulrike Schr\u00f6der sind ausf\u00fchrlich, das Libretto ist komplett abgedruckt. Was bleibt? Z\u00fcndende Melodien oder gar Ohrw\u00fcrmer hat \u201eGrete Minde\u201c nicht zu bieten; die Dramatik h\u00e4lt sich in Grenzen. Bruno Walter lobte zwar Eugen Engels solides Handwerk, vermisste dabei jedoch jegliche Individualit\u00e4t. Dem darf man zustimmen, muss dabei aber anerkennen, dass diese Oper zumindest funktioniert \u2013 wenn die Beteiligten mit so viel Herz an die Sache herangehen wie in Magdeburg. Einmal mehr reift die Erkenntnis, wie gro\u00df doch die Zahl ungehobener, h\u00f6renswerter Opernsch\u00e4tze tats\u00e4chlich sein mag. Auf CD eine willkommene Rarit\u00e4t \u2013 die es schon in die Vierteljahresliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik schaffte \u2013, muss sich die Repertoiref\u00e4higkeit dieser Entdeckung erst noch erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Dezember 2023]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orfeo C260352; EAN: 4 011790 260228 Fast 90 Jahre nach ihrer Fertigstellung war die Urauff\u00fchrung von Eugen Engels (1875\u20131943) Oper \u201eGrete Minde\u201c im Februar 2022 am Theater Magdeburg unter Leitung von Generalmusikdirektorin Anna Skryleva schon eine kleine Sensation, die auch \u00fcberregional hohe Beachtung fand. Ein erstaunliches Beispiel f\u00fcr bislang im Verborgenen schlummerndes Opernschaffen; hier eines &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/01\/01\/eugen-engels-grete-minde-wiederentdeckung-der-oper-eines-unentdeckten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Eugen Engels \u201eGrete\u00a0Minde\u201c: Wiederentdeckung der Oper eines Unentdeckten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[4842,4847,4843,4848,4845,4849,1050,4846,4844,4850],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6050"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6050"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6071,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6050\/revisions\/6071"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}