{"id":608,"date":"2016-03-20T16:27:37","date_gmt":"2016-03-20T15:27:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=608"},"modified":"2016-03-23T00:04:54","modified_gmt":"2016-03-22T23:04:54","slug":"tragisch-ausgeloeschter-meister-der-klassischen-moderne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/20\/tragisch-ausgeloeschter-meister-der-klassischen-moderne\/","title":{"rendered":"Tragisch ausgel\u00f6schter Meister der klassischen Moderne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Joachim Mendelson<br \/>\n2. Symphonie (1939), Symphonie de chambre (1938), Quintett f\u00fcr Oboe, Streichtrio und Klavier (1939), Sonate f\u00fcr Violine und Klavier (1937)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Tatjana Blome (Klavier), Fr\u00e9d\u00e9ric Tardy (Oboe), Ulrike Petersen (Violine), Ignacy Miecznikowski (Viola), Claudio Corbach (Cello), Polnisches Rundfunk-Symphonieorchester, J\u00fcrgen Bruns<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">EDA 040<br \/>\nISBN: 840387100401<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/EDA040.jpg\" rel=\"attachment wp-att-609\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-609 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/EDA040-300x300.jpg\" alt=\"EDA040\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/EDA040-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/EDA040-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/EDA040.jpg 406w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder zucken wir gerade als Musiker aufs Neue zusammen, wie unsere nationalsozialistischen Vorg\u00e4nger innerhalb k\u00fcrzester Zeit im Zuge systematischer Zerst\u00f6rung insbesondere die polnische Kultur dem Erdboden gleich gemacht haben. So vieles ist unwiederbringlich verloren! Und jetzt pr\u00e4sentiert das Berliner Label EDA, das seit zwei Jahrzehnten mehr tut f\u00fcr die vergessene polnische Musik als alle anderen zusammen, einen Komponisten, den ich bis dahin \u00fcberhaupt nicht kannte \u2013 einen j\u00fcdisch-polnischen Komponisten, der 1943 im Warschauer Ghetto get\u00f6tet wurde. Joachim Mendelson wurde 1892 in Warschau geboren, schrieb sich urspr\u00fcnglich Mendelssohn und lebte ab 1929 in Paris, bis er 1935 als Dozent f\u00fcr Musiktheorie und Harmonielehre an die Musikakademie seiner Heimatstadt berufen wurde, wo sein Leben wie so viele 1939 in die H\u00e4nde der Deutschen fiel. Der exzellente Booklettext von Initiator Frank Harders-Wuthenow, einem der beschlagensten, engagiertesten und intelligentesten Musikforscher unserer Zeit, bringt alles vor, was die Recherchen \u00fcber Mendelson zu so einer Einf\u00fchrung beitragen konnten, und das ist leider sehr wenig, denn fast alles ist vernichtet worden, darunter s\u00e4mtliche Manuskripte Mendelsons, die bei der Niederbrennung Warschaus 1944 in Flammen aufgingen. Daher kann man es nur als unsch\u00e4tzbaren Gl\u00fccksfall ansehen, dass f\u00fcnf Werke Joachim Mendelsons beim franz\u00f6sischen Verlagshaus Max Eschig im Druck erschienen sind. Sie sind alles, was erhalten ist: ein etwas fr\u00fcher entstandenes Streichquartett sowie die vier auf vorliegender Portrait-CD enthaltenen Kompositionen: eine Sonate f\u00fcr Violine und Klavier (1937), eine Kammersymphonie (1938), und aus dem Jahr 1939 ein Quintett f\u00fcr Oboe, Violine, Viola, Cello und Klavier sowie die Zweite Symphonie. Bei der Datierung handelt es sich jeweils um das Jahr der Ver\u00f6ffentlichung, die Kompositionen d\u00fcrften etwas fr\u00fcher entstanden sein, doch kann man anhand der stilistischen Reifung \u2013 wie Harders treffend konstatiert \u2013 davon ausgehen, dass die Ver\u00f6ffentlichungsreihenfolge einigerma\u00dfen der Entstehungabfolge entspricht. Alle vier Kompositionen sind dreis\u00e4tzig mit der Abfolge schnell-langsam-schnell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in der Violinsonate zeigt Mendelson eine deutlich eigene Handschrift, die nat\u00fcrlich stark von franz\u00f6sischen Vorbildern gepr\u00e4gt ist, jedoch sowohl zum Besten darunter geh\u00f6rt als auch mit einem dezidiert slawischen Einschlag besticht, der gleichwohl viel subtiler vorhanden ist als etwa bei einigen anderen lange in Paris t\u00e4tigen Kollegen wie etwa Martinu. Besonders zeuberhaft ist der langsame Satz, ein \u00e4therisch melismatisches Andante ma non troppo. Die Kammersymphonie bezeugt bereits eine offenkundige Weiterentwicklung, beispielsweise in der organischen Handhabung der w\u00fcrzigen freien Dissonanzen, und auch hier ist es der langsame Mittelsatz, ein vital schwebendes Larghetto, das besonders eigenartig klingt und mit einer unwiderstehlichen Atmosph\u00e4re umf\u00e4ngt. Und man darf staunen, wie herrlich farbenreich und mit welchem Sinn f\u00fcr Balance und Kontraste Mendelson orchestrierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfes Meisterwerk ist das Quintett f\u00fcr die seltene Besetzung von Oboe, Streichtrio und Klavier. Hier haben auch die ohnehin so geistreichen schnellen S\u00e4tze nochmals sichtlich an Substanz gewonnen, und der kontrapunktisch meisterliche Fluss ist staunenerregend in der Leichtigkeit und freien Anmutung, mit welcher die komplexen Kunstst\u00fccke inszeniert werden. Mendelson zeigt sich immer mehr als ein vortrefflicher Meister der Formdramaturgie, und nie wird es neoklassizistisch oberfl\u00e4chlich, nie modisch stilisiert, nie schwerf\u00e4llig tiefgr\u00fcndig. Diese Musik ist durchweg durchflutet von Leben, Charme, hellwachem Geist und Brillanz im Dienste aristokratisch feinsinniger Aussage. Die Zweite Symphonie, wohl sein letztes Werk in Freiheit, kr\u00f6nt sein erhaltenes Schaffen (leider k\u00f6nnen wir sie nicht der Ersten gegen\u00fcberhalten), und ihr Larghetto darf als einer der sch\u00f6nsten S\u00e4tze f\u00fcr Orchester in den letzten Zwischenkriegsjahren gelten. Nun m\u00f6ge diese CD anregen, diese Werke auch im Konzertleben zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einspielungen sind mit gro\u00dfem Engagement und Liebe zur Sache geschehen. Mich st\u00f6ren vor allem zu kurz ausgehaltene T\u00f6ne, vor allem bei beiden Akteuren in der Violinsonate. Im Orchester sind die lauteren Passagen oft vertikal eher unstrukturiert und zumal in den schnellen S\u00e4tzen recht primitiv artikuliert. Lyrische Innigkeiten entsch\u00e4digen andernorts f\u00fcr derlei Einbu\u00dfen. Das Klangbild ist in den Kammermusikwerken ansprechender, da pr\u00e4ziser und ausgewogener, als in den Orchesteraufnahmen. Insgesamt ist das eine CD, die jeder kennen sollte, dem die Musik der klassischen Moderne ein echtes Anliegen ist, und der sich f\u00fcr h\u00f6chstkar\u00e4tige Kammer- und Orchestermusik des 20. Jahrhunderts interessiert.<br \/>\n<strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Mendelson 2. 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