{"id":6091,"date":"2024-02-01T14:14:37","date_gmt":"2024-02-01T13:14:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6091"},"modified":"2024-02-02T23:29:28","modified_gmt":"2024-02-02T22:29:28","slug":"simon-rattle-praesentiert-beim-konzert-mit-dem-bljo-ein-jahrhunderttalent-tsotne-zedginidze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/02\/01\/simon-rattle-praesentiert-beim-konzert-mit-dem-bljo-ein-jahrhunderttalent-tsotne-zedginidze\/","title":{"rendered":"Simon Rattle pr\u00e4sentiert  mit dem BLJO ein Jahrhunderttalent: Tsotne Zedginidze"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Sonntag, 28. Januar 2024, dirigierte <\/em>Sir Simon Rattle<em> im M\u00fcnchner Herkulessaal das <\/em>Bayerische Landesjugendorchester<em>. Bei dieser Gelegenheit wurde die Patenschaft zwischen dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem BLJO, die bereits seit rund 20 Jahren besteht, offiziell besiegelt. Auf dem Programm standen <\/em>Paul Hindemiths \u201eRagtime (wohltemperiert)\u201c<em>, <\/em>Gustav Mahlers 1.&nbsp;Symphonie<em> und <\/em>Arnold Sch\u00f6nbergs Klavierkonzert op.&nbsp;42<em> \u2013 gespielt vom gerade mal 14-j\u00e4hrigen georgischen Pianisten <\/em>Tsotne Zedginidze<em>, f\u00fcr dessen unglaubliche Leistung und Musikalit\u00e4t kein Superlativ zu hoch gegriffen scheint.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6092\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/BLJO-Rattle-Tsotne-Zedginidze-c-BR-Astrid-Ackermann.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Das Bayerische Landesjugendorchester begleitet unter Sir Simon Rattle den 14-j\u00e4hrigen Pianisten Tsotne Zedginidze  \u00a9 BR-Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Sir Simon Rattle<\/em> ist bekannt daf\u00fcr, sich f\u00fcr Jugendarbeit besonders einzusetzen. So verwunderte es nicht, dass es ihm offenkundig gro\u00dfe Freude bereitete, nach wenigen, umso intensiveren Proben mit den zwischen 13 und 20 Jahren jungen Musikern des <em>Bayerischen Landesjugendorchesters<\/em> ein derart h\u00f6rens- und sehenswertes, h\u00f6chst anspruchsvolles Programm im ausverkauften Herkulessaal zu pr\u00e4sentieren. Vor den musikalischen Darbietungen wurde die langj\u00e4hrige Patenschaft zwischen dem BLJO und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in einer feierlichen Zeremonie nun offiziell als Teil der bundesweiten Initiative <em>Tutti pro <\/em>besiegelt. Einzelheiten dar\u00fcber konnte man bereits der Tagespresse entnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Paul Hindemiths<\/em> gerade mal 3\u00bd-min\u00fctiger <em>Ragtime (wohltemperiert) <\/em>geh\u00f6rt ohne Frage zu den Werken des gerne humorvollen Meisters, in denen er Musikgeschichte gen\u00fcsslich aufs Korn nimmt \u2013 hier die c-Moll Fuge aus Bachs <em>Wohltemperiertem Klavier<\/em>, Teil&nbsp;I. Der aus dem Thema entwickelte Ragtime \u2013 oder vielmehr das, was man sich 1921 in Deutschland darunter vorstellte \u2013 wird so schnell zu einem brachialen Marsch. Durch die riesige Orchesterbesetzung kann das ganz sch\u00f6n penetrant wirken \u2013 vielleicht soll es das ja. Ob dies dann allein deshalb tats\u00e4chlich in die Kategorie \u201emusikalischer Spa\u00df\u201c geh\u00f6rt, sei mal dahingestellt. Immerhin k\u00f6nnte das St\u00fcck Helmut Lachenmann zu seinem <em>Marche fatale<\/em> inspiriert haben. F\u00fcr das BLJO dient diese wenig differenzierte Randale so eher zum Aufw\u00e4rmen. Egal \u2013 denn was danach kommt, erweist sich als eine echte Sensation.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein die Tatsache, dass ein gerade erst 14-J\u00e4hriger sich ausgerechnet das zw\u00f6lft\u00f6nige, allgemein als sperrig geltende Klavierkonzert <em>Arnold Sch\u00f6nbergs<\/em> von 1942 vornimmt, d\u00fcrfte ohne Vorbild sein. Der georgische Pianist <em>Tsotne Zedginidze,<\/em> der ebenfalls schon seit seinem sechsten Lebensjahr komponiert, spielt zwar das St\u00fcck auch nicht auswendig \u2013 das tat selbst Alfred Brendel nie. Mit welch ungeheurem Verst\u00e4ndnis der junge Mann dann nicht nur strukturell, sondern vor allem emotional die Tiefen dieses immer noch untersch\u00e4tzten Klavierkonzerts durchdringt und seine Sch\u00f6nheiten zutage f\u00f6rdert, ist allerdings kaum angemessen zu beschreiben. Vergleicht man diese Auff\u00fchrung mit der letzten M\u00fcnchner Darbietung von Kirill Gerstein mit dem BRSO unter Fran\u00e7ois-Xavier Roth \u2013 der Rezensent sah sich seinerzeit zu einem wahren <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/08\/drei-klassiker-der-moderne-jenseits-der-abos-gerstein-roth-strawinsky-debussy-schoenberg\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/11\/08\/drei-klassiker-der-moderne-jenseits-der-abos-gerstein-roth-strawinsky-debussy-schoenberg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Verriss <\/a>gen\u00f6tigt \u2013, zeigt Zedginidze genau all das, was bei Gerstein schmerzlich vermisst wurde: klangliche Sensibilit\u00e4t bis ins kleinste Detail des an Noten nicht gerade armen Klaviersatzes \u2013 das f\u00e4ngt schon beim gro\u00dfartig gestalteten Thema an. Vor allem aber eine derart vorausschauende, poetische Darstellung der dem Werk innewohnenden Teleologie, die man nach anf\u00e4nglicher Unbeschwertheit mit <em>per aspera ad astra<\/em> beschreiben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die graduelle Entwicklung vom desolaten Adagio-Abschnitt bis zum hoffnungsvollen, puren Optimismus ausstrahlenden Schluss des Giocoso habe ich noch nie emotional derart \u00fcberzeugend geh\u00f6rt. Und Zedginidze traut sich selbst bei diesem St\u00fcck sogar, manche Stellen quasi gegen den Strich zu b\u00fcrsten. Betrachtet man \u2013 nur als ein Beispiel \u2013 den Beginn der relativ kurzen, \u00fcberhaupt nicht auf \u00e4u\u00dferliche Virtuosit\u00e4t angelegten Kadenz am Ende des Adagios: zweimal Akkordtremoli mit Fermaten, jeweils gefolgt von nerv\u00f6sen, gegenl\u00e4ufigen 32stel-Figuren, \u00fcber die Sch\u00f6nberg \u201e<em>(presto)<\/em>\u201c schreibt. Die klingen normalerweise so, als ob ein traumatisierter Irrer an den W\u00e4nden seiner Gummizelle kratzt. Zedginidze spielt die Tremoli \u00fcberirdisch zart, ignoriert bei den nachfolgenden Figuren das Presto, interpretiert sie als Vorboten wiederaufkeimenden Lebensmuts \u2013 eine keineswegs abwegige, interessante Lesart.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Pianisten wird gesagt, er verf\u00fcge \u00fcber absurd gute Blattspielf\u00e4higkeiten. Das f\u00fchrt bei ihm jedoch keinesfalls zu oberfl\u00e4chlichem Dar\u00fcberhinwegspielen, sondern \u2013 ganz im Gegenteil \u2013 zu noch genauerem Hinterfragen des Notentexts. W\u00e4hrend des ganzen Konzerts werfen sich Pianist und Dirigent pr\u00e4zise die B\u00e4lle zu, h\u00f6ren genauestens aufeinander. Oft muss Rattle die Dynamik im Orchester ungewohnt stark zur\u00fccknehmen. An einigen Stellen fehlt dem recht knabenhaft wirkenden Ausnahmetalent schlicht noch die Kraft, sich mit dem Orchesterklang im Fortissimo-Bereich messen zu k\u00f6nnen \u2013 und so geraten die wenigen Spitzen, an denen es im Sch\u00f6nberg-Konzert wirklich mal unangenehm hart klingen soll, etwas blass. Gerade dort \u00fcbertrieb Gerstein freilich grotesk; insgesamt tut dem St\u00fcck Zedginidzes Betonung dessen lyrischer Qualit\u00e4ten sehr gut. Das Orchester begreift die Bedeutung von Sch\u00f6nbergs Reihentechnik, die immer mit thematischen \u201eGestalten\u201c verbunden ist, glasklar und es passieren allenfalls ein paar Kleinigkeiten: Das k\u00f6nnen Profis kaum besser. Nach dieser ph\u00e4nomenalen Auff\u00fchrung kann man eigentlich nur noch Tr\u00e4nen der Begeisterung in den Augen haben. Bei der Zugabe \u2013 Debussys erstem Prelude aus Band&nbsp;I <em>\u2026Danseuses de Delphes <\/em>\u2013 merkt man sofort an der souver\u00e4nen L\u00f6sung des nicht-trivialen Pedalisierungsproblems, \u00fcber welch ungeheures Potential Tsotne Zedginidze schon heute verf\u00fcgt. Rattle lie\u00df sich gar zu folgender Bemerkung hinrei\u00dfen: \u201eWir sind privilegiert, mit Tsotne zur gleichen Zeit auf diesem Planeten zu sein. Es ist ein historischer Moment.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Teilen des Publikums st\u00f6\u00dft die Musik der Zweiten Wiener Schule jedoch nach wie vor auf Unverst\u00e4ndnis. Da hat es <em>Gustav Mahlers<\/em> 1.&nbsp;Symphonie zweifellos leichter. Erstaunlich, wie ein Jugendorchester dieses spieltechnisch enorm schwere, dabei agogisch sich st\u00e4ndig von einem Extrem ins andere bewegende St\u00fcck bew\u00e4ltigt. Das \u00fcber 100 Mitspieler starke Ensemble wird zus\u00e4tzlich noch durch zehn Streicher des BRSO unterst\u00fctzt. Vor allem ist es hier n\u00f6tig, dem Dirigenten exakt zu folgen und absolut zu vertrauen. Simon Rattle ist bei Mahler in M\u00fcnchen offensichtlich momentan im Flow. Wie er diese Energie auf die jungen Musiker \u00fcbertr\u00e4gt und klanglich nun ungemein differenziert zum Leben erweckt, macht schon beim Zuschauen Freude. Von den zahlreichen Soloeins\u00e4tzen \u2013 bis hin zum \u201eFernorchester\u201c \u2013 gelingt eigentlich alles. Rattle \u2013 auswendig dirigierend \u2013 zeigt dabei noch deutlich mehr an als bei seinen Profis: ein hartes St\u00fcck Arbeit. Dass die Gruppen ebenso gespannt wie ein Flitzebogen reagieren, zeigt sich u.&nbsp;a. an der ber\u00fchmten Bratschenstelle, die gegen Schluss des Finales nochmal einen gro\u00dfen Wendepunkt einleitet. Nach dem triumphalen Ende der Symphonie sind alle \u2013 Beteiligte wie Zuh\u00f6rer \u2013 zu Recht gl\u00fccklich. Solch einen fantastischen Abend erlebt man selten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 30. Januar 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag, 28. Januar 2024, dirigierte Sir Simon Rattle im M\u00fcnchner Herkulessaal das Bayerische Landesjugendorchester. Bei dieser Gelegenheit wurde die Patenschaft zwischen dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem BLJO, die bereits seit rund 20 Jahren besteht, offiziell besiegelt. 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