{"id":6100,"date":"2024-02-21T03:44:44","date_gmt":"2024-02-21T02:44:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6100"},"modified":"2024-02-21T19:04:15","modified_gmt":"2024-02-21T18:04:15","slug":"ecoles-de-paris-paris-pour-ecole","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/02\/21\/ecoles-de-paris-paris-pour-ecole\/","title":{"rendered":"\u00c9coles de Paris \u2014 Paris pour \u00c9cole"},"content":{"rendered":"\n<p>EDA Records, EDA 048; EAN: 8 403087 10048<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6101\" width=\"497\" height=\"497\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ecoles-de-Paris.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Album <\/em>\u00c9coles de Paris \u2013 Paris pour \u00c9cole<em> vereint Werke vierer Komponisten, die wesentlich vom Paris der 1920er Jahre gepr\u00e4gt worden sind: George Antheil, Jacques Ibert, Simon Laks und Marcel Mihalovici. Es spielen Mitglieder des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Johannes Zurl. Als Solisten sind Adele Bitter (Violoncello) und Holger Groschopp (Klavier) zu h\u00f6ren. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Frank Harders-Wuthenow wirkt seit Jahrzehnten nicht nur im Musikverlagsgesch\u00e4ft, sondern ist auch einer der beschlagensten und kenntnisreichsten Musikforscher weltweit. Hauptfeld seiner Erkundungen ist gleicherma\u00dfen die verfemte wie \u00fcberhaupt die untersch\u00e4tzte und vernachl\u00e4ssigte Musik des 20. Jahrhunderts, wo er ein sehr gutes Gesp\u00fcr hat, wie die Spreu vom Weizen zu trennen ist. Au\u00dferdem hat er eine ausgesprochene Gabe f\u00fcr die dramatisch schl\u00fcssige Zusammenstellung von Programmen, und schon alleine von daher geh\u00f6rt er zu denjenigen, wie weniger Wert auf enzyklop\u00e4dische Vollst\u00e4ndigkeit und \u00dcbersichtlichkeit legen als auf eine k\u00fcnstlerisch anregende Gesamtgestaltung. Also ist es keine \u00dcberraschung, wenn eine CD mit erlesenstem gemischten Programm der klassischen Moderne auf seinem Label EDA Records erscheint \u2013 die \u00fcbrigens mit tollen \u00dcberraschungen aufwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich vorweg: das Album weist einen hervorragend einstimmenden und informierenden, recht umfangreichen Begleittext aus der Feder des Produzenten auf. Es handelt sich allesamt um Komponisten, die im Paris der 1920er Jahre heranreiften und es mitgepr\u00e4gt haben. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnten \u2013 gerade auch von den vielen Migranten \u2013 auch ganz andere dabei sein, wie Alexandre Tansman, Tibor Hars\u00e1nyi, G\u00f6sta Nystroem, Arthur Louri\u00e9, Bohuslav Martinu, Conrad Beck, Filip Lazar, Knud\u00e5ge Riisager oder Uuno Klami, um nur einige wenige zu nennen. Aus dieser immensen Vielfalt sind drei Meister herausgegriffen, mit deren Werk die Welt nur sehr randst\u00e4ndig bis \u00fcberhaupt nicht vertraut ist, die in Kombination mit einem franz\u00f6sischen Meister vorgestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Anfang macht der einzige Franzose, Jacques Ibert \u2013 am besten durch seine Konzerte f\u00fcr Fl\u00f6te und f\u00fcr Saxophon sowie durch seine Bl\u00e4sermusik bekannt \u2013, mit seinem so kurzweiligen wie knapp geformten dreis\u00e4tzigen Konzert f\u00fcr Cello und Bl\u00e4serdezett (doppeltes Holz sowie je ein Horn und eine Trompete) von 1925. Die Musik spr\u00fcht von trocken artikuliertem Witz, weist eine gr\u00f6\u00dfere N\u00e4he zu Strawinsky aus als sp\u00e4tere Werke Iberts und auch jene beinahe trivialen, zum Mitpfeifen einladenden Motive, wie wir sie beispielsweise aus seinen k\u00f6stlichen <em>Trois pi\u00e8ces br\u00e8ves<\/em> f\u00fcr Bl\u00e4serquintett kennen. Alles funkelt, alles blitzt, und Solistin Adele Bitter gewinnt aus der heiklen Aufgabe, mit dem dominant kompakten Klang des Bl\u00e4serensembles zu konzertieren, ein veritables Fest des unvorhersehbaren Dialogs. Nat\u00fcrlich ist das \u201aNeoklassizismus\u2018, mit einer einleitenden Pastorale und einer finalen Gigue, die eine skurrile \u201aRomance\u2018, die sich so gar nicht schwelgerisch gibt, umrahmen. Diese Romance gleicht einer unnahbar flunkernden Dame, mindestens mit Sonnenbrille, aber so was Anz\u00fcgliches darf ich heute vielleicht nicht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf folgt das Hauptwerk, die horrend herausfordernde <em>\u00c9tude en deux parties<\/em> f\u00fcr konzertantes Klavier, Bl\u00e4ser, Celesta und Schlagzeug von 1951. Mihalovici, rum\u00e4nischer Jude und Pariser Weltb\u00fcrger, engster Vertrauter George Enescus und vielleicht sein bedeutendster Nachfolger (ihm hat Enescu die Vollendung seiner sp\u00e4ten <em>Symphonie de Chambre<\/em>, jenes grandios eins\u00e4tzigen Meisterwerks, anvertraut), geht in seiner gereiften Tonsprache selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass die Musiker in der Lage sein m\u00fcssen, eine hohe Komplexit\u00e4t zu entschl\u00fcsseln und zu bew\u00e4ltigen. Es folgt hier auf einen langsamen Satz von mysteri\u00f6s vorbereitendem Charakter in durchbrochener Faktur ein z\u00fcgiger Satz mit jazzigen und rum\u00e4nischen Anteilen, die auf sehr organische und unaufdringliche Weise ins anspruchsvolle Gewebe eingewoben sind. Dies ist absolut keine gef\u00e4llige Musik, man muss die st\u00e4ndig kr\u00e4ftige Dissonanz-W\u00fcrzung schon m\u00f6gen, um Zugang zu finden, wird aber dann sehr reich belohnt. Die Energie wird lange unterschwellig gehalten, bevor sie sich gegen Ende exaltierter manifestieren darf. Zwar ist die Instrumentation sehr abwechslungsreich, wobei Mihalovici es liebt, die Klanggruppen einander opponieren zu lassen, doch ist er vor allem ein symphonischer Architekt, der alles von Anfang an auf den Schluss hin berechnet. Und ein bisschen Mysterium darf ja auch dann noch bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>George Antheil hat mich mit seinem humorvoll draufg\u00e4ngerischen <em>Concerto for Chamber Orchestra<\/em> (f\u00fcr Bl\u00e4seroktett, wie Strawinsky) in einem Satz von 1932 \u00fcberrascht. Nicht das Freche, Frische, Grelle, Schlagkr\u00e4ftige, das ist ja f\u00fcr seine fr\u00fche Musik selbstverst\u00e4ndlich; sondern die gelassene Souver\u00e4nit\u00e4t seiner Provokation! Es ist \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise und treffsicher geschrieben und verdankt nat\u00fcrlich unendlich viel dem neusachlichen Strawinsky. Und zugleich ist es eben ein amerikanischer Strawinsky, so amerikanisch, wie selbst der Gro\u00dfmeister der Cham\u00e4leon-Possen es nie sein sollte. Diese Musik ist unmittelbar verst\u00e4ndlich und hat das Zeug, mit poppiger Direktheit die Zuh\u00f6rer zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das abschlie\u00dfende dreis\u00e4tzige <em>Concerto da camera<\/em> f\u00fcr Klavier, Bl\u00e4ser und Schlagzeug von 1963, geschrieben vom polnischen Juden und KZ-\u00dcberlebenden Simon (Szymon) Laks, ist leicht zug\u00e4nglich, und \u00fcberdies von einer idyllischen Fr\u00f6hlichkeit (also mehr naturhaft als die gro\u00dfst\u00e4dtische Musik Antheils) mit einem ganz wunderbar den Problemen und Forderungen der Welt entr\u00fcckten langsamen Mittelsatz. Das ist musikantische Musik im besten Sinne, f\u00fcr den Klaviersolisten sehr dankbar, gerade auch in der an Bach\u2019sche Inventionen gemahnenden Kontrapunktik (Finale!) \u2013 ein zeitloses Werk, das genau so auch h\u00e4tte drei\u00dfig Jahre fr\u00fcher oder sechzig Jahre sp\u00e4ter (=heute) entstehen k\u00f6nnen. Diesem Schaffen liegt eine autonome Haltung zugrunde, die die Parteifragen der Gegenwart (fortschrittlich oder r\u00fcckst\u00e4ndig und dergleichen) vollkommen transzendiert hat. Es war Laks offensichtlich gleichg\u00fcltig, wie die Fachwelt urteilte, und er hatte Schlimmeres \u00fcberlebt als deren Ignoranz \u2013 und stimmte, als unmittelbar Betroffener, offenkundig nicht Adorno zu, der ja proklamiert hat, nach Auschwitz k\u00f6nne man kein Gedicht (bei Laks: Lied) mehr schreiben. (\u201e\u2026 nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unm\u00f6glich ward, heute Gedichte zu schreiben\u2026\u201c \u2013 viele haben aus diesem dystopischen Giftbecher getrunken.) Denn Laks lebte mehr im Jetzt \u2013 und in sich \u2013 als all jene, die bis heute Vergeltung, Wiedergutmachung oder Verweigerung fordern. Die Auff\u00fchrungen dieser insbesondere hinsichtlich Balance und Rhythmus sehr heiklen Werke sind durchgehend von \u00fcberdurchschnittlich seri\u00f6ser Qualit\u00e4t, und herausragend ist das Klavierspiel Holger Groschopps, der sich gleichzeitig als feiner Kammermusiker und echter Virtuose vorstellt \u2013 also ganz so, wie es die somnambul verschattete, katakombisch klaustrophobische Faktur Mihalovicis unbedingt einfordert und auch der Indian-Summer-Ausgelassenheit des abgekl\u00e4rten Laks entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner feinziselierten Buntheit kann dieses vortrefflich zusammengestellte Album nur empfohlen werden. Strawinskys Bl\u00e4ser-Oktett \u00fcbrigens ist nicht enthalten, wie das Cover suggerieren mag, sondern nur online zu h\u00f6ren \u2013 was aber keine Rolle spielt, denn dieses Werk ist ja schon viel \u00f6fter aufgenommen worden als alle vier anderen Werke dieses Programms zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Februar 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EDA Records, EDA 048; EAN: 8 403087 10048 Das Album \u00c9coles de Paris \u2013 Paris pour \u00c9cole vereint Werke vierer Komponisten, die wesentlich vom Paris der 1920er Jahre gepr\u00e4gt worden sind: George Antheil, Jacques Ibert, Simon Laks und Marcel Mihalovici. Es spielen Mitglieder des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Johannes Zurl. 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