{"id":6127,"date":"2024-02-25T00:04:09","date_gmt":"2024-02-24T23:04:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6127"},"modified":"2024-02-25T00:41:04","modified_gmt":"2024-02-24T23:41:04","slug":"hans-winterbergs-4-klavierkonzert-in-baden-bei-wien-uraufgefuehrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/02\/25\/hans-winterbergs-4-klavierkonzert-in-baden-bei-wien-uraufgefuehrt\/","title":{"rendered":"Hans Winterbergs 4.\u00a0Klavierkonzert in Baden bei Wien uraufgef\u00fchrt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 21. Februar 2024 fand im Congress Center Baden bei Wien die Urauff\u00fchrung des <\/em>4.&nbsp;Klavierkonzerts<em> von <\/em>Hans Winterberg<em> statt \u2013 52 Jahre nach seiner Entstehung. Die<\/em> Beethoven Philharmonie <em>spielte unter der Leitung von<\/em> Thomas R\u00f6sner. <em>Solist war<\/em> Jonathan Powell, <em>der anschlie\u00dfend noch<\/em> Schuberts \u201eWanderer-Fantasie\u201c <em>in der Lisztschen Bearbeitung f\u00fcr Klavier und Orchester darbot. Im zweiten Teil des Konzerts erklang<\/em> Beethovens 5.&nbsp;Symphonie c-Moll op. 67.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6128\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger-1024x684.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger-768x513.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger-1536x1027.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Beethoven-Philharmonie-Powell-Roesner-\u00a9Willi-Pleschberger.jpg 1616w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Jonathan Powell und Thomas R\u00f6sner mit der Beethoven Philharmonie. Photo \u00a9 Willi Pleschberger<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt schon gro\u00dfer Mut dazu, wenn ein relativ kleines Orchester \u2013 das sich jeweils nur projektbezogen mit wenigen Proben trifft \u2013 au\u00dferhalb der gro\u00dfen Musikzentren recht komplexe, moderne Musik zur Urauff\u00fchrung bringt und dies dann in einem Abo-Programm unterzubringen versteht. Der Titel <em>Schicksal <\/em>f\u00fcr das Konzert letzten Mittwoch im Congress Center von Baden bei Wien bezog sich somit klug nicht nur auf Beethovens <em>F\u00fcnfte, <\/em>die ja seit jeher mit diesem Begriff in Verbindung steht, sondern ebenso auf den komplizierten und ungew\u00f6hnlichen Weg des deutschsprachigen, j\u00fcdischen Prager Komponisten <em>Hans Winterberg<\/em> (1901\u20131991), der in seiner zweiten Lebensh\u00e4lfte in Bayern wirkte. Dessen Musik wird gerade zu Recht wiederentdeckt und erst jetzt wissenschaftlich ediert und verlegt. Die ersten 3 Klavierkonzerte waren in Winterbergs M\u00fcnchner Zeit aufgef\u00fchrt worden, die Premiere des knappen 4.&nbsp;Konzerts von 1972 \u2013 da war der Komponist quasi schon \u201ein Rente\u201c und schnell in Vergessenheit geraten \u2013 konnte mit Unterst\u00fctzung des Wiener <em>Exilarte<\/em> Zentrums an der MDW und des Verlags Boosey&nbsp;&amp;&nbsp;Hawkes nun in Baden stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der britische Pianist <em>Jonathan Powell<\/em> \u2013 der als Musikwissenschaftler \u00fcber die Skrjabin-Nachfolge promovierte und derzeit alle Klavierkonzerte sowie das gesamte Solo-Klavierwerk Winterbergs herausgibt \u2013 ist nicht nur in den Augen des Rezensenten einer der faszinierendsten Klaviervirtuosen weltweit, zugleich ein Sp\u00e4tberufener, freilich mit ungew\u00f6hnlichem Erfahrungsschatz und geradezu \u00fcbermenschlichen pianistischen F\u00e4higkeiten. Er hat bereits Winterbergs 1.\u00a0Klavierkonzert neu auf CD eingespielt (siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/22\/ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/07\/22\/ersteinspielung-dreier-orchesterwerke-hans-winterbergs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">unsere Besprechung<\/a>) und verband letzten November die 3.\u00a0Klaviersonate des Komponisten in <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/22\/famoser-klavierabend-zu-ehren-hans-winterbergs-in-bad-toelz\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/11\/22\/famoser-klavierabend-zu-ehren-hans-winterbergs-in-bad-toelz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Konzerten in Bad T\u00f6lz<\/a> und kurz darauf in Wien mit Werken, die Winterbergs kulturelle Wurzeln verdeutlichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das nur knapp 11-min\u00fctige, eins\u00e4tzige 4.&nbsp;Klavierkonzert erf\u00fcllt nach nur einmaligem H\u00f6ren vielleicht nicht ganz die Erwartungen an ein vollwertiges Werk mit dieser Gattungsbezeichnung, f\u00e4llt aber in eine Entstehungszeit, wo solche tradierten Titel ziemlich aus der Mode gekommen waren. Winterberg wollte offenkundig dezidiert an die Geschichte des \u201eechten\u201c Konzerts ankn\u00fcpfen. Das zeigt sich gerade in der Faktur des Klaviersatzes, die z.&nbsp;B. mit Verlagerungen von Figurationen \u00fcber mehrere Oktaven durchaus an Liszt oder Bart\u00f3k erinnert und in Punkto Gel\u00e4ufigkeit dem Pianisten einiges abverlangt \u2013 f\u00fcr Powell nat\u00fcrlich kein Problem. Dennoch ist das Klavier hier nur <em>primus inter pares<\/em>, komplett eingebettet in ein oft dichtes Geflecht polyrhythmischer Muster, die freilich nie wirklich atonal werden. Dies und die blockhafte Behandlung gr\u00f6berer, dabei vielschichtiger Texturen gewisserma\u00dfen als stehende \u201eKlangfl\u00e4chen\u201c, jedoch immer mit engagiertem Innenleben, weisen dann vielmehr in Richtung des sp\u00e4ten Ligeti (Klavierkonzert!), w\u00e4ren aber auch ein Gegenentwurf zu den St\u00fccken Morton Feldmans der 1980er, wo musikalisches \u201eGewebe\u201c sich nur minimal ver\u00e4ndert. Winterberg kann Steigerungen konzis komponieren: In der zweiten H\u00e4lfte entwickelt sich so ein martialischer, brutaler Abschnitt. Das Faszinierendste ist hier Winterbergs v\u00f6llig eigenst\u00e4ndige Orchestrierung und die \u00fcberaus gekonnte, stetige R\u00fcckentwicklung aus dramatischem Geschehen wieder in ruhiges Fahrwasser, zum Schluss mit fast tonalen Ankl\u00e4ngen. <em>Thomas R\u00f6sner<\/em> und seine empathisch mitgehende <em>Beethoven Philharmonie <\/em>bringen die Details dieses anspruchsvollen St\u00fcckes sehr plastisch und klanglich differenziert zur Geltung \u2013 eine ganz vorz\u00fcgliche Leistung! Das Publikum nimmt das \u201eneue\u201c St\u00fcck sehr achtsam und positiv auf, ist anscheinend lediglich \u00fcberrascht von dessen K\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Franz Liszt<\/em> hat sich sehr fr\u00fch f\u00fcr Schuberts Werke eingesetzt und durch zahlreiche Bearbeitungen ma\u00dfgeblich zu deren Verbreitung beigetragen. Dass der Jahrhundertvirtuose dessen <em>Wanderer-Fantasie<\/em> sogar vereinfacht habe, zumindest deren Klaviersatz \u00f6konomischer und effektiver umarbeitete, stimmt allenfalls f\u00fcr die Solo-Bearbeitung S.&nbsp;565a (1868), keinesfalls f\u00fcr die Fassung f\u00fcr Klavier &amp; Orchester S.&nbsp;366 von 1851, die als zweiter Programmpunkt erklingt. Nat\u00fcrlich wusste Liszt, dass der Klavierpart noch mehr \u201eDampf\u201c braucht, um gegen ein Orchester anzukommen. Das wird dann stellenweise horrend schwierig \u2013 eben echter Liszt. Strukturell h\u00e4lt er sich weitgehend an Schuberts Vorbild \u2013 aber im ersten Satz gibt es etwa eine kleine, zus\u00e4tzliche Kadenz mit typisch Lisztschen Figurationen, und auch sonst erscheinen recht effektvolle Eingriffe. Der Orchesterklang wird oft mit neuen Bewegungsmustern intensiviert, wodurch das St\u00fcck mehr den Charakter einer symphonischen Dichtung bekommt. Powell bew\u00e4ltigt seinen Part souver\u00e4n; das Zusammenspiel mit dem Orchester erweist sich leider alles andere als \u201e\u00fcberprobt\u201c: Die Dynamik ist schon innerhalb des Orchesters nicht sauber abgestuft, insbesondere die Trompeten decken den Pianisten stets gnadenlos zu. Die Kommunikation zwischen Powell und R\u00f6sner am heiklen Ende des Adagio-Abschnitts, wo sich der Pianist durch eine Orgie von 64tel-Noten k\u00e4mpfen muss, ist unzureichend. Dennoch gibt es danach den verdienten Beifall vor allem f\u00fcr den Solisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Kopfsatz von Beethovens <em>Schicksalssymphonie<\/em> nimmt R\u00f6sner sehr flott und unnachgiebig, obwohl das Grundtempo anfangs nicht ganz klar ist. Eine heute \u00fcbliche Strenge, die die strukturell beeindruckende Konsistenz des St\u00fccks hervorhebt, anstatt das \u201eTa-ta-ta-taaa\u201c emotional k\u00fcnstlich aufzupumpen. Vieles erinnert den Rezensenten hier an die Lesart etwa von Teodor Currentzis, auch das ein wenig zu schnelle Tempo im <em>Andante con moto<\/em>: Das Fanfarenmotiv ben\u00f6tigt sp\u00e4ter im Blech doch eher mehr Raum, ohne deshalb gleich in falsches Pathos zu verfallen. Das Scherzo gelingt grandios, ist nicht \u00fcberhetzt; Celli und B\u00e4sse im quasi Trio-Abschnitt agieren gro\u00dfartig. Nur der \u00dcbergang zum triumphalen Finale k\u00f6nnte unheimlicher daherkommen, hei\u00dft: noch leiser. Generell ist hier alles sehr gr\u00fcndlich erarbeitet, Phrasierung und Dynamik \u00fcberzeugen. Das Finale als reiner Triumphmarsch wirkt eigentlich vor allem immer zu lang. Currentzis versuchte hier den Kunstgriff, es in heitere Volksfest-Stimmung umschlagen zu lassen. Auch die Scherzo-Reminiszenz erscheint dann bedrohlicher, die Temposteigerung auf mehr als das Doppelte logischer. Hier bewegt sich R\u00f6sner zwar in vertrauten Konventionen, aber bringt sein Orchester zu einer koh\u00e4renten und packenden Darbietung, die angesichts der begrenzten Probenm\u00f6glichkeiten absolute Hochachtung verdient. Das Publikum ist eh nach dem Beethoven erwartungsgem\u00e4\u00df vollends begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 23. <\/strong><strong>Februar <\/strong><strong>2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. Februar 2024 fand im Congress Center Baden bei Wien die Urauff\u00fchrung des 4.&nbsp;Klavierkonzerts von Hans Winterberg statt \u2013 52 Jahre nach seiner Entstehung. Die Beethoven Philharmonie spielte unter der Leitung von Thomas R\u00f6sner. Solist war Jonathan Powell, der anschlie\u00dfend noch Schuberts \u201eWanderer-Fantasie\u201c in der Lisztschen Bearbeitung f\u00fcr Klavier und Orchester darbot. 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