{"id":613,"date":"2016-03-22T23:53:47","date_gmt":"2016-03-22T22:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=613"},"modified":"2016-03-22T23:59:43","modified_gmt":"2016-03-22T22:59:43","slug":"nordlichter-am-gitarrenfirmament","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/03\/22\/nordlichter-am-gitarrenfirmament\/","title":{"rendered":"Nordlichter am Gitarrenfirmament"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">SIMAX Classics, PSC1339, Abbey Road Studios; EAN: 7033662013395<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0035.jpg\" rel=\"attachment wp-att-615\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-615\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/0035-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. 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Zu h\u00f6ren sind das Quintett f\u00fcr Gitarre und Streichquartett von 2004, das Gitarren-Trio SEONVEH \u2013 das zudem titelgebend ist \u2013 aus dem Jahre 2011, das Doppelkonzert f\u00fcr Fl\u00f6te, Gitarre und Streichorchester von 1977 sowie die bereits 1966 entstandenen Sechs St\u00fccke f\u00fcr Sechs Saiten. Olsens Mitstreiter sind die Gitarristen Egil Haugland und Nj\u00e5l Vindenes, Gro Sandvik an der Fl\u00f6te, ein Streichquartett bestehend aus Elise B\u00e5tnes, Daniel Dalnoki, Ida Bryhn und Torunn Stavseng sowie das Norwegischen Kammerorchester unter Leitung von Christian Eggen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifelsohne als einer der substanziellsten zeitgen\u00f6ssischen Komponisten ist der Norweger Ketil Hvoslef anzusehen. Der Sohn des \u00fcberragenden norwegischen Symphonikers Harald S\u00e6verud beschreitet seit jeher vollkommen eigene Bahnen und l\u00f6ste sich auch ohne Z\u00f6gern von der Tradition seines Vaters: Nicht eine Symphonie schrieb Hvoslef bisher, daf\u00fcr eine bemerkenswerte Zahl an Solokonzerten f\u00fcr alle m\u00f6glichen Besetzungen, teils auch recht ungewohnt wie f\u00fcr singende S\u00e4ge, f\u00fcr Violine mit Popband, oder f\u00fcr Saxophonquartett. Die Musik von Ketil Hvoslef hat stets einen freien und geradezu improvisatorisch anmutenden Charakter, ist zugleich kraftvoll rau und von enormer Leichtigkeit, und wirkt in h\u00f6chstem Ma\u00dfe spielerisch. Typisch ist die Zelebrierung von markanten Themen, die gleich einem roten Faden immer wieder auftreten und die Form zusammenhalten. So kann trotz der Freiheiten nie von einer zerfallenden oder gar strukturlosen Musik gesprochen werden, alles hat seinen Platz in den St\u00fccken und nichts scheint unn\u00f6tig oder zu viel. Obgleich Hvoslef durchaus nach neuen Zusammenkl\u00e4ngen und energetischen Bahnen sucht und diese tats\u00e4chlich findet, bleibt er instrumental der nat\u00fcrlichen Klangerzeugung verbunden ohne Hinzunahme von reinen Ger\u00e4uscheffekten. In seiner Orchestration weist Ketil Hvoslef durchgehend h\u00f6chstes handwerkliches Geschick auf, kombiniert mit nicht endendem, durchaus auch obsessivem Wagemut. Er fordert die spieltechnischen M\u00f6glichkeiten der Instrumente bis ans Maximum und schafft es, vollkommen neue Wirkungen beim Zusammenspiel der Instrumente hervorzubringen. Ketil Hvoslef ist zeitgleich ein Neuerer, der einen unverwechselbar eigenen Stil geschaffen hat, als auch ein klassischer Musikant in Bezug auf die absolute Priorit\u00e4t der strukturgebenden Grundpfeiler der Musik: Melodie, Harmonie und Rhythmik \u2013 all das ist bei Hvoslef ausgepr\u00e4gt vorzufinden und in ureigener Weise bis an die Grenzen, ja eigentlich gef\u00fchlt \u00fcber diese hinaus, ausgesch\u00f6pft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier Werke bietet die bei SIMAX classics erschienene CD, die in einem Zeitraum von 45 Jahren entstanden. Den Beginn macht das f\u00fcnfs\u00e4tzige Gitarren-Quintett von 2004, in welchem das Zusammenspiel zwischen Zupfinstrument und den Streichern des Quartetts ausgelotet wird. Mal wirken die beiden Pole zusammen und erg\u00e4nzen sich (wie vor allem im dritten Satz), mal spielen sie komplett entgegengesetzte Stimmen (besonders deutlich im zweiten Satz). Auch im eins\u00e4tzigen Doppelkonzert f\u00fcr Fl\u00f6te, Gitarre und Streichorchester von 1977 wird das harmonische Zusammenwirken immer wieder unterminiert und nach neuen Konstellationen des gemeinsamen Spiels geforscht. F\u00fcr Hvoslef stellt dieses Konzert eine imagin\u00e4re Liebesgeschichte zwischen den Instrumenten dar, so beginnt die Gitarre von ihrem ersten Einsatz an, sich der anfangs solistisch spielenden Fl\u00f6te anzun\u00e4hern, bis sie tats\u00e4chlich miteinander zu verschmelzen scheinen \u2013 immer wieder kommentiert und reflektiert vom Streicherapparat. Ganz anders begegnet SEONVEH (2011) der Frage nach dem Zusammenspiel: Viel eher schafft das ebenfalls eins\u00e4tzige Werk \u2013 dessen Titel sich aus den Initialen der drei Widmungstr\u00e4ger (und hier Vortragenden) Stein-Erik-Olsen, Nj\u00e5l Vindenes und Egil Haugland zusammensetzt \u2013 von Anfang an die Illusion eines gro\u00dfen \u201eSuperinstruments\u201c, zu welchem sich die drei sich klangfarblich mischenden Gitarren verschmolzen haben. Zuletzt sind noch sechs Miniaturen f\u00fcr sechs Saiten (also die einer solistisch spielenden Gitarre) aus dem Jahre 1966 zu h\u00f6ren, und auch hier wird das Gef\u00fchl von Mehrstimmigkeit evoziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stein-Erik Olsen entlockt seiner von Daniel Friederich gebauten Gitarre ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Spektrum an Klangfarben und Nuancen der Schattierung. Die spieltechnisch extremen Anforderungen meistert er mit frappierender Lockerheit und unmittelbar sich \u00fcbertragendem Verst\u00e4ndnis des musikalischen Gehalts. Dynamische Feinheiten bringt er \u00fcberzeugend und ungek\u00fcnstelt ans Licht, die stetig wiederkehrenden Motive mei\u00dfelt er mit charakteristischer Kontur heraus. Auch das Zusammenspiel der drei Gitarristen wirkt hier kein bisschen nivellierend, die drei Stimmen mischen sich sofort und fusionieren zu einer hinrei\u00dfend vollendeten Einheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro Sandvik verzaubert auf ihrer Fl\u00f6te mit einem so strahlenden wie hauchigen Ton von m\u00e4chtiger Emotionalit\u00e4t und Tiefe des Ausdrucks. Sie kollaboriert fantastisch mit dem Orchester und Olsen, begehrt teils wie vom Komponisten initiiert gegen diese auf und l\u00e4sst sich dann wieder auf den Ausdruck ihrer Mitstreiter ein. Nicht zuletzt das Orchester unter Eggen und nicht weniger das Streichquartett fesseln durch ihr dichtes und pr\u00e4zise abgestimmtes Spiel, sie \u00fcbert\u00f6nen niemals die dynamisch schw\u00e4chere Gitarre und manifestieren einen vollen Klanggrund sowie in den Soli einen konzis abgestimmten Widerpart. Es wird deutlich, wie stark die intensive Zusammenarbeit aller beteiligten K\u00fcnstler mit dem Komponisten sich auf ein restlos \u00fcberzeugendes, suggestiv in Bann ziehendes Ergebnis auswirkt. Tief ist denn auch das grunds\u00e4tzliche Verst\u00e4ndnis seiner Musik, die alle Beteiligten mehr als nur makellos vortragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll nach all den Lobesworten noch gro\u00df \u00fcber diese einmalige Musik gesagt werden \u2013 sie sollte umgehend ganz einfach geh\u00f6rt werden, und jeder kann sich dem Feuer ihres Genius \u00fcberlassen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SIMAX Classics, PSC1339, Abbey Road Studios; EAN: 7033662013395 Ausschlie\u00dflich Musik von Ketil Hvoslef, dem vielleicht spannendsten und gewiss unverkennbarsten norwegischen Komponisten unserer Zeit, findet sich auf dem neuesten Album des norwegischen Gitarristen Stein-Erik Olsen. 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