{"id":6135,"date":"2024-02-27T00:34:28","date_gmt":"2024-02-26T23:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6135"},"modified":"2024-02-27T00:34:32","modified_gmt":"2024-02-26T23:34:32","slug":"musica-viva-bewegendes-bratschenkonzert-von-gubaidulina-und-eine-ueberzeugende-borboudakis-urauffuehrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/02\/27\/musica-viva-bewegendes-bratschenkonzert-von-gubaidulina-und-eine-ueberzeugende-borboudakis-urauffuehrung\/","title":{"rendered":"Musica viva: Bewegendes Bratschenkonzert von Gubaidulina und eine \u00fcberzeugende Borboudakis-Urauff\u00fchrung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Neben drei neuen Werken \u2013 <\/em>\u201eMali svitac\u201c <em>und<\/em> \u201e\u010cvor\u201c <em>von<\/em> Milica Djordjevi\u0107 <em>sowie <\/em>\u201esparks, waves and horizons\u201c <em>von <\/em>Minas Borboudakis <em>als Urauff\u00fchrung<\/em> <em>\u2013 spielte das<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>unter der Leitung von<\/em> Duncan Ward <em>am 23.&nbsp;Februar 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal noch<\/em> Charles Ives\u2018 <em>Klassiker<\/em> \u201eCentral Park in the Dark\u201c. <em>Als eigentliches Hauptwerk erwies sich allerdings <\/em>Sofia Gubaidulinas Konzert f\u00fcr Viola und Orchester <em>mit dem \u00fcberragenden Solisten<\/em> Lawrence Power.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6136\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/musica-viva-23.2.24-Lawrence-Power-BRSO-Duncan-Ward-\u00a9Astrid-Ackermann-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Lawrence Power spielt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Duncan Ward, Photo \u00a9 Astrid Ackermann\/BR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wohl um das 150. Geburtsjahr \u2013 2024 gibt es noch weit mehr Jubil\u00e4en als Bruckner und Sch\u00f6nberg \u2013 des Vaters der amerikanischen Neuen Musik zu feiern, hatte man an den Anfang des <em>musica viva<\/em> Konzerts letzten Freitag <em>Charles Ives\u2018<\/em> (1874\u20121954) Klassiker <em>Central Park in the Dark<\/em> von 1906 gesetzt: immer noch erstaunlich aktuell mit seiner Collage von zun\u00e4chst Naturlauten (Streicher), die nach und nach von menschlichen Kl\u00e4ngen \u00fcberlagert werden. Schon hierbei zeigte der junge britische Dirigent <em>Duncan Ward, <\/em>dass er einen komplexen Apparat \u2013 mit Fernorchester \u2013 absolut im Griff halten und klanglich subtil steuern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte die aus Serbien stammende Komponistin Milica Djordjevi\u0107 (*1984) vor 1\u00bd Jahren den Rezensenten noch mit <em>Mit o ptici <\/em>\u00fcberzeugen k\u00f6nnen, war die Wirkung der beiden jeweils unter 6-min\u00fctigen nun dargebotenen St\u00fccke eher blass. <em>Mali svitac, \u017eestoko ozaren i prestravljen nesno\u0161ljivom lepotom<\/em> [Kleines Gl\u00fchw\u00fcrmchen, grell beleuchtet und erschrocken von unertr\u00e4glicher Sch\u00f6nheit], 2023 f\u00fcr die Berliner Philharmoniker komponiert, bezieht sich neben Naturerfahrungen der Kindheit auch wieder auf Dichtung Miroslav Anti\u0107s. Die Streicher sind hochdifferenziert geteilt, flirrend bis ins Ger\u00e4uschhafte; Schlagzeug, Kontrafagott etc. machen unten Dampf. Leider wurde es dann ganz schnell langweilig; \u00fcber die Bedeutung der chromatischen, offenkundigen Mahler-Allusion im Blech [Trauermarsch der 5. Symphonie, Zif. 18] h\u00e4tte man gerne mehr erfahren. Farbigkeit und Dichte t\u00e4uschten nicht dar\u00fcber hinweg, dass mangels Zeit f\u00fcr zwingende Entwicklung \u2013 maximal 5 Minuten waren hier Vorgabe \u2013 vieles arg gewollt erschien: trotzdem starker Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl durch einen schmerzlichen Krankenhausaufenthalt gepr\u00e4gt, ist Djordjevi\u0107s <em>Knoten <\/em>[<em>\u010cvor<\/em>] bei vielen Zuh\u00f6rern \u00fcberhaupt nicht geplatzt. Das streicherlose Ensemble erzeugt von Beginn an unentwegt vor allem Schalldruck: lautes Gerappel in Klavier und Schlagwerk. Das sollte sicher absichtsvoll nervig sein, gewisserma\u00dfen zeitlichen Stillstand symbolisieren; eine existentielle Bedrohung wurde dadurch jedoch keinesfalls erfahrbar \u2013 schwach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz andere Dimensionen er\u00f6ffnete der schon lange in M\u00fcnchen t\u00e4tige kretische Komponist <em>Minas Borboudakis <\/em>(*1974) in seinem 26-min\u00fctigen St\u00fcck <em>sparks, waves and horizons. <\/em>Mit nur 3-facher Bl\u00e4serbesetzung, aber gewaltigem Schlagzeugapparat wurde hier die Figur der Welle formgebend. Plumpen Naturalismus vermeidet der ehemalige Sch\u00fcler u.&nbsp;a. Wilfried Hillers dabei konsequent. Im Orchester h\u00f6rte man sehr vielschichtige Kl\u00e4nge: spektral gepr\u00e4gte Klangfl\u00e4chen neben distinkten Einzelereignissen und sehr individuellen Instrumentationsideen an den H\u00f6hepunkten. Sch\u00f6ne, klare Effekte \u2013 besonders im Klavier und melodischem Schlagwerk \u2013, nie zu viel gleichzeitig, sogar mal tonale Akkorde im Blech, vermittelten teils echte Dramatik. Dort, wo die Musik quasi \u201esteht\u201c, wurde es leider auch wieder ziemlich uninteressant \u2013 eher Flaute statt Funken. Das mit komplexen Mitteln \u2013 Loops, Polyrhythmik, \u201eMorphing\u201c \u2013 bewirkte Auf und Ab schien letztlich doch recht vorhersehbar. Duncan Ward pinselte dies anfangs ziemlich trocken und steif, fast so eckig wie Stop-Motion-Animationen \u00e0 la Ray Harryhausen, zeigte mit der linken Hand nur wenig. Vieles lief bei ihm \u00fcber Grimassen \u2013 was indes erstaunlich pr\u00e4zise funktionierte. Daf\u00fcr h\u00f6rte er genau hin und reagierte extrem vorausschauend und umsichtig \u2013 das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> spielte erneut hochengagiert und in Top-Form. Insgesamt zweifellos eine gelungene Urauff\u00fchrung, die entsprechend honoriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Abends war allerdings dann ganz klar das \u00fcber eine halbe Stunde w\u00e4hrende <em>Bratschenkonzert<\/em> (1996) von Altmeisterin <em>Sofia Gubaidulina<\/em> (*1931), sensationell vorgetragen vom Briten <em>Lawrence Power<\/em>, der von Beginn an nicht nur mit enormer Klangf\u00fclle, sondern zudem mit einem schon akustisch ungew\u00f6hnlich tragf\u00e4higen Instrument aufwarten konnte. Gubaidulina hat den Solopart 2015 gr\u00fcndlich revidiert; vieles ist nun nochmals differenzierter, teils zugleich roher als in der Fassung f\u00fcr Yuri Bashmet. Power \u2013 der in der anstrengenden Partie viele Soli zu gestalten hat \u2013 agierte sowohl sensibel als auch \u00e4u\u00dferst kratzb\u00fcrstig, oft unz\u00e4hmbar wie ein Wespennest, wo es die Partitur fordert. Solist und Orchester finden in diesem Werk kaum das Miteinander \u2013 zwei Welten stehen sich unvereinbar gegen\u00fcber, h\u00f6chstens mal vermittelt durch ein um einen Halbton tiefer gestimmtes Streichquartett innerhalb des Ensembles. Und wie unheimlich wirkten hier die nach einem Drittel zum Einsatz kommenden Wagner-Tuben, gerade im Unisono! Derartige musikalische Zeichen klappen emotional halt punktgenau. Ward dirigierte nun weitaus elastischer als zuvor. Das zutiefst beeindruckende Konzert lag offensichtlich allen Beteiligten \u2013 am Schluss nicht enden wollender Applaus, jedoch keine Zugabe. Was soll man solchen G\u00e4nsehaut-Momenten auch noch hinzuf\u00fcgen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 25. <\/strong><strong>Februar <\/strong><strong>2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben drei neuen Werken \u2013 \u201eMali svitac\u201c und \u201e\u010cvor\u201c von Milica Djordjevi\u0107 sowie \u201esparks, waves and horizons\u201c von Minas Borboudakis als Urauff\u00fchrung \u2013 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Duncan Ward am 23.&nbsp;Februar 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal noch Charles Ives\u2018 Klassiker \u201eCentral Park in the Dark\u201c. Als eigentliches Hauptwerk erwies sich &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/02\/27\/musica-viva-bewegendes-bratschenkonzert-von-gubaidulina-und-eine-ueberzeugende-borboudakis-urauffuehrung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Musica viva: Bewegendes Bratschenkonzert von Gubaidulina und eine \u00fcberzeugende Borboudakis-Urauff\u00fchrung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[1747,4878,728,2442,771,4877,507,2202,2589,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6135"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6135"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6137,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6135\/revisions\/6137"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}