{"id":6161,"date":"2024-03-14T17:34:54","date_gmt":"2024-03-14T16:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6161"},"modified":"2024-03-14T17:34:59","modified_gmt":"2024-03-14T16:34:59","slug":"musik-entfaltet-endlich-wieder-ihren-sinn-beth-levin-mit-der-erstauffuehrung-von-heinz-tiessens-opus-21-nach-ueber-100-jahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/14\/musik-entfaltet-endlich-wieder-ihren-sinn-beth-levin-mit-der-erstauffuehrung-von-heinz-tiessens-opus-21-nach-ueber-100-jahren\/","title":{"rendered":"Musik entfaltet endlich wieder ihren Sinn: Beth\u00a0Levin mit der Erstauff\u00fchrung von Heinz Tiessens Opus 21 nach \u00fcber 100 Jahren"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 12. M\u00e4rz 2024 spielte Beth Levin in der Schwartz&#8217;schen Villa in Berlin Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate a-moll KV\u00a0310, die lange verschollenen Klavierst\u00fccke op. 21 von Heinz Tiessen und Franz Schuberts Klaviersonate G-Dur D\u00a0894 (op.\u00a078).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe (=bedeutende) Dinge k\u00f6nnen im kleinen Rahmen geschehen, ganz so, wie fortw\u00e4hrend kleine (=unbedeutende) Dinge im gro\u00dfen Rahmen ausgerichtet werden. Und das, wie alles andere auch, sagen wir nicht, wie der smarte Gesinnungsdemagoge Hebestreit, \u201eunter uns\u201c, sondern ganz grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alle. Es braucht den Mut zur unabh\u00e4ngigen Entscheidung, und nur, wer hier riskiert, kann das Unerwartete entfesseln.<\/p>\n\n\n\n<p>So geschehen am Abend des 12. M\u00e4rz im Salon der Schwartz\u2019schen Villa in Berlin-Steglitz. Die l\u00e4ngst legend\u00e4re US-amerikanische Pianistin Beth Levin, die freilich unter dem Radar der etablierten Konzerth\u00e4user segelt, da sie eine allzu singul\u00e4re Individualit\u00e4t verk\u00f6rpert, begann ihre kleine Tournee durch die deutschsprachigen Lande mit einem so eigent\u00fcmlichen wie \u2013 rein musikalisch, nicht feuilletonistisch plakativ \u2013 schl\u00fcssigen Programm, das so viele Menschen anlockte, dass der wahrscheinlich selbst \u00fcberraschte Veranstalter \u2013 das Kulturamt Steglitz-Zehlendorf \u2013 \u201efull house\u201c vermelden durfte. Beth Levin spielte drei gewichtige Werke, zwei davon absolutes Kernrepertoire der Szene, eines absolut unbekannt: Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate in a-moll KV&nbsp;310 (seine dramatischste, dunkelste Sonate) von 1778 zu Beginn, Franz Schuberts viertletzte Klaviersonate in G-Dur D&nbsp;894 (op.&nbsp;78 von 1826) mit ihren drei Pianissimo-Schl\u00fcssen zum Schluss. Dazwischen: die f\u00fcnf Klavierst\u00fccke op.&nbsp;21, komponiert sp\u00e4testens 1915, von Heinz Tiessen (1887\u20131971). Zu letzterem Werk gab es einleitend eine aufschlussreiche Einf\u00fchrung, aus welcher hervorging, welch seltsames Schicksal dieses Werk erfuhr. Die f\u00fcnf St\u00fccke wurden 1915 von Eduard Erdmann (1896\u20131958), dem ersten ganz gro\u00dfen Sch\u00fcler Tiessens und herausragenden deutsch-baltischen Pianisten und Komponisten des 20.&nbsp;Jahrhunderts, uraufgef\u00fchrt und in der Folge noch mehrfach gespielt. Dann jedoch sind diese f\u00fcnf St\u00fccke entweder verloren gegangen oder Tiessen hat sie \u2013 als Gesamtheit h\u00f6chst gelungener Einzelst\u00fccke maximal unwahrscheinlich \u2013 zur\u00fcckgezogen; und Tiessen hat die so entstandene L\u00fccke in seinem Werkverzeichnis sp\u00e4ter geschlossen, indem er die Opuszahl 21 an die Orchestration eines Rondos vergab. Mehr als ein Jahrhundert war es still geworden um das Werk, das auch in der einschl\u00e4gigen Literatur keinerlei Erw\u00e4hnung mehr fand, bis vor vielleicht drei Jahren der Privatgelehrte, Musikforscher und Herausgeber Tobias Br\u00f6ker aus dem idyllisch entlegenen Botnang bei Stuttgart ein Tiessen-Konvolut aus dem Nachlass der einst ber\u00fchmten Sopranistin Maria Schulz-Birch ersteigerte und v\u00f6llig \u00fcberrascht das Autograph des verschollenen Werkes in H\u00e4nden hielt. Wie dies sein so g\u00e4nzlich unkonventioneller wie altruistischer Brauch seit Beginn seiner verlegerischen T\u00e4tigkeit ist, setzte Br\u00f6ker die Noten im MuseScore-Programm und stellte sie auf seiner im Sinne des Wortes wundervollen Website zum kostenlosen Download ins Netz. So also gelangte Beth Levin, die es stets liebte, avanciert Unbekanntes und bew\u00e4hrt Bekanntes in lebendigem Kontrast miteinander zu pr\u00e4sentieren, an diese Noten und machte sie \u2013 wie nun in Berlin zu h\u00f6ren \u2013 sich ganz zu eigen. Sie spielte am 12.&nbsp;M\u00e4rz die erste Auff\u00fchrung seit mehr als hundert Jahren, also die Premiere der neuen Epoche, von der noch kaum einer ahnt, wohin sie die Menschheit f\u00fchren wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcr den Leser wichtigste Nachricht ist, dass Beth Levins Berliner Mozart-Tiessen-Schubert-Programm im kommenden Jahr auch auf CD erscheinen soll (bei Aldil\u00e0 Records). Und daher darf ich mich ganz legitim bei der Beschreibung der so komplexen wie erlebnism\u00e4\u00dfig unmittelbar zug\u00e4nglichen, unbedingt eigenartigen Musik auf\u2019s Minimum beschr\u00e4nken. Tiessens Musik der 1910er Jahre steht \u2013 \u00e4hnlich wie die des befreundeten, so fr\u00fch im Krieg gefallenen Rudi Stephan \u2013 zwischen nachromantischer Tradition und expressionistischer Moderne, spiegelt einerseits die d\u00fcsterer Imagination anheimgestellte Aufbruchsstimmung ins unbekannte Land der dissonanzfreudigen freien Tonalit\u00e4t mit ihrer linear-kontrapunktischen Kraft (bei Tiessen auf der faszinierenden Basis einer unglaublich virtuosen Beherrschung des harmonischen Raums, wo selbst in entferntesten Bereichen nie der bewusste Zusammenhang verloren geht), andererseits die subtile Formbalance der gro\u00dfen Meister seit Beginn der abendl\u00e4ndischen Polyphonie \u2013 ein gro\u00dfer Komponist, den nur die nicht verstanden bzw. verstehen, die sehr eingeschr\u00e4nkten \u00dcberzeugungen dessen auf den Leim gegangen sind, was die zwanghaft verkn\u00fcpfende Idee von einseitig wahrgenommenem Fortschritt (sogenannte Atonalit\u00e4t) und damit verbundener, scheinbarerer Signifikanz betrifft. Das wird, je weiter die Zeit voranschreitet und Verschollenes, Verdr\u00e4ngtes ans Licht kommt, immer peinlicher und enttarnt sich zusehends als der eigentliche Anachronismus einer momentan in rasantem Untergang befindlichen Epoche vermeintlicher \u00e4sthetischer Gewissheiten, die in Wirklichkeit nur das pr\u00e4tenti\u00f6se Nachgeplapper von nassforschen Autorit\u00e4ten mit entlarvend geringer Halbwertszeit sind (Leser ratet, wen ich meine!).<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Beth Levins hat Tiessens Musik zwischen zeitgleichem Sch\u00f6nberg und etwas fr\u00fcherem Strauss, zwischen Skriabin\/Busoni und Berg\/Bart\u00f3k in zugleich atemberaubend expressiver, lyrisch verinnerlichter, orchestral gewaltiger, gesanglich hypnotischer Weise dargeboten und das Publikum in einen geradezu verzauberten Zustand transformiert. Auch ist sie eine erstaunliche Meisterin architektonisch schl\u00fcssiger Gestaltung, was man bei der explosiven Spontaneit\u00e4t ihrer Gestaltung vielleicht gar nicht erwarten w\u00fcrde. In der Schwartz\u2019schen Villa wurde an diesem Abend wahrhaft Musikgeschichte geschrieben, indem endlich in vollendeter Darbietung zu seinem Recht kommt, was man aus Unkenntnis und Bequemlichkeit so lange marginalisiert hatte. Und dies in des l\u00e4ngst verschiedenen Komponisten unmittelbarer Nachbarschaft, hatte der in K\u00f6nigsberg geborene doch im benachbarten Zehlendorf gewirkt, wo der \u00fcberragende Dirigent Sergiu Celibidache im II. gro\u00dfen Krieg zu seinen Kompositionssch\u00fclern z\u00e4hlte (von Tiessens Lehre sollte auch die von Celibidache begr\u00fcndete, disziplin\u00fcbergreifend bahnbrechende ph\u00e4nomenologische Methode der Musik ihren Ausgang nehmen).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Tiessen Mozart, ein individuell hinrei\u00dfender symphonischer Kraftstrom herrlich entschiedener Ausdifferenziertheit, den Tagesmoden so fernstehend wie den \u201aalten Z\u00f6pfen\u2018. Gro\u00dfartig, als w\u00e4re es zum ersten Mal. Und ebenso Schubert, der sich so logisch und suggestiv z\u00fcndend entfalten durfte, so unvergleichlich frisch und zeitlos, dass man sich m\u00f6glicherweise hinterher fragen mochte, was denn dieser ganze Bl\u00f6dsinn mit den etablierten Auff\u00fchrungstraditionen \u00fcberhaupt soll. Beth Levin hat sie alle \u00fcber den Haufen gesto\u00dfen, au\u00dfer Kraft gesetzt, indem sie mit singul\u00e4rer Nat\u00fcrlichkeit, Intensit\u00e4t, Bewusstheit und Kunst unmittelbar zum sch\u00f6pferischen Kern einer Musik vorgedrungen ist, die heute oft gewaltsam entstellt wird, nachdem man sie lange viel zu wenig gew\u00fcrdigt hatte. Und sie hat alle Anwesenden auf eine Reise mitgenommen, die treffend als unvergesslich bezeichnet werden kann. So beginnt Musik wieder, ihren Sinn zu erf\u00fcllen, und nicht f\u00fcr Ideologien missbraucht zu werden, wie dies in Deutschland vor allem seit dem Dritten Reich der Fall war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Sara Blatt, 14. M\u00e4rz 2024]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung der Redaktion: Tobias Br\u00f6kers Edition der Klavierst\u00fccke op. 21 von Heinz Tiessen findet sich <a href=\"https:\/\/www.tobias-broeker.de\/newpagee5206256\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.tobias-broeker.de\/newpagee5206256\">auf dieser Seite<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 12. M\u00e4rz 2024 spielte Beth Levin in der Schwartz&#8217;schen Villa in Berlin Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate a-moll KV\u00a0310, die lange verschollenen Klavierst\u00fccke op. 21 von Heinz Tiessen und Franz Schuberts Klaviersonate G-Dur D\u00a0894 (op.\u00a078). 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