{"id":6197,"date":"2024-03-17T19:00:00","date_gmt":"2024-03-17T18:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6197"},"modified":"2024-03-17T20:57:02","modified_gmt":"2024-03-17T19:57:02","slug":"wirkungsvoller-ades-problematischer-beethoven-simon-rattle-im-herkulessaal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/17\/wirkungsvoller-ades-problematischer-beethoven-simon-rattle-im-herkulessaal\/","title":{"rendered":"Wirkungsvoller Ad\u00e8s, problematischer Beethoven \u2013 Simon Rattle im Herkulessaal"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auch bei den Abo-Konzerten am 14. und 15.&nbsp;M\u00e4rz 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal erlebte das Publikum die Urauff\u00fchrung eines Auftragswerks f\u00fcr das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Thomas Ad\u00e8s\u2018 \u201eAquifer\u201c. <em>Zuvor dirigierte<\/em> Sir Simon Rattle \u201eVorspiel und Liebestod\u201c <em>aus<\/em> Richard Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c, <em>nach der Pause dann<\/em> Beethovens Symphonie Nr.&nbsp;6. <em>Der Rezensent besuchte die Auff\u00fchrung am Donnerstag, 14.&nbsp;3.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6198\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Rattle_Ades_140324-\u00a9-BR-Astrid-Ackermann-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Thomas Ad\u00e9s und Sir Simon Rattle mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks \u00a9 BR\/Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf dem ziemlich engen Podium des Herkulessaals wirkt bereits die volle Orchesterbesetzung einer Wagner-Oper \u2013 in diesem Fall noch nicht mal des <em>Rings<\/em> \u2013 respekteinfl\u00f6\u00dfend, zumal wenn zus\u00e4tzlich schon der ganze Schlagzeugapparat plus Konzertfl\u00fcgel etc. f\u00fcr eine Urauff\u00fchrung bereitstehen. Und der Saal ist augenscheinlich komplett ausverkauft. Beim Programm dieses Abends scheint sich vieles um den Topos \u201eWasser\u201c zu drehen: In Wagners <em>Tristan und Isolde <\/em>spielt ja der komplette erste Aufzug auf dem Meer, und im dritten Akt beherrscht dessen N\u00e4he psychologisch vor allem den ungl\u00fccklichen Helden. In Beethovens <em>Pastorale <\/em>gibt es das anmutige B\u00e4chlein, aber ebenso ein be\u00e4ngstigendes Gewitter, und <em>Aquifer<\/em>, der Titel von <em>Thomas Ad\u00e8s\u2018<\/em> neuem Orchesterwerk, bezeichnet in der Geologie eine Grundwasser f\u00fchrende Gesteinsschicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Simon Rattle<\/em> beginnt beim <em>Vorspiel und Liebestod <\/em>aus Wagners Oper sehr langsam, steigert sukzessive mit der zunehmenden Komplexit\u00e4t der sich ineinander verzahnenden Motivik wohldosiert das Tempo, ist dann am H\u00f6hepunkt des Vorspiels \u2013 da vermisst man leider die zu verhalten gespielten H\u00f6rner, Bassklarinette und Violoncelli als echte Gegenstimme \u2013 angenehm fl\u00fcssig. Zwingend gelingt auch der Aufbau von Isoldes Liebestod, jedoch mit britischem Understatement, das Wagners musikalischen Strukturen vertraut und nicht versucht, diese ohnehin dichte Gef\u00fchlswelt noch k\u00fcnstlich hochzupushen. Das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<\/em> \u00fcberzeugt hier klanglich in jedem Detail, mit der genau richtigen Balance f\u00fcr den Saal.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Thomas Ad\u00e8s<\/em> (Jahrgang 1971) dirigierte im Herkulessaal zuletzt \u2013 Anfang 2020 \u2013 selbst sein Klavierkonzert, l\u00e4ngst ein Erfolgsst\u00fcck trotz einiger Eklektizismen. Sein viertelst\u00fcndiges Auftragswerk f\u00fcrs BRSO \u2013 mit Unterst\u00fctzung der Carnegie Hall und des Wiener Musikvereins \u2013 kn\u00fcpft qualitativ an die besten Orchesterwerke an, die er bislang geschrieben hat. Die Idee des Aquifers wird so vielmehr allgemeines Sinnbild f\u00fcr Werden und Vergehen als nur eine pittoreske Darstellung von flie\u00dfendem Wasser, das mit Widerst\u00e4nden zu k\u00e4mpfen hat. Ad\u00e8s kann hierbei einmal mehr seiner ganz besonderen Begabung gerade f\u00fcr dunkle Klangfarben fr\u00f6nen. Zu Beginn bewegt sich der junge Grundwasserlauf allerdings als quicklebendiger Schwall, mit gl\u00e4nzenden Bl\u00e4ser- und Schlagzeugeinw\u00fcrfen, bevor er \u2013 Streicher auf Blech-Untergrund \u2013 bald ins Stocken ger\u00e4t: ein, zwei Minuten ziemlicher Leerlauf mit eint\u00f6nigen, chromatischen Abw\u00e4rtsbewegungen meist nur innerhalb kleiner Terzen. Ad\u00e8s\u2018 Harmonik bleibt in weitgehend tonalen Rahmen, verzichtet zun\u00e4chst v\u00f6llig auf Mikrointervalle. Sp\u00e4ter \u2013 im Lauf einer grandiosen, wirkungsvollen Steigerung \u2013 erscheinen dann teils unisono bedrohlichere Wendungen in den Streichern, die mittels Glissandi auch mal um einen Viertelton \u201everrutschen\u201c. Die rhythmischen Schichten werkeln daf\u00fcr wie gewohnt komplexer: Erstaunlicherweise erhalten sie dabei f\u00fcr den H\u00f6rer ihren geradezu unwiderstehlich nat\u00fcrlichen Fluss, sind jedoch f\u00fcr den Dirigenten eine enorme Herausforderung, die Sir Simon selbstverst\u00e4ndlich souver\u00e4n meistert. Zuletzt scheint der Wasserlauf \u2013 mit recht traditionell anmutenden Fanfaren im Blech \u2013 seine Freiheit bis ans Tageslicht gefunden zu haben; was passt besser zu frischem Wasser als strahlendes C-Dur? Ganz am Schluss muss der einstige Schlagzeuger Rattle mit einer gro\u00dfen Ratsche (<em>rattle<\/em>) in der Rechten den gewaltigen Strom abwinken \u2013 netter Gag britischen Humors. Sicher kein Werk f\u00fcr die <em>musica viva<\/em>, aber einfach gro\u00dfartig, was vom Publikum ebenfalls begeistert honoriert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Problematischer ger\u00e4t dem BRSO diesmal Beethovens <em>Pastorale. <\/em>Rattle bleibt seinem Konzept, das u.&nbsp;a. auf extrem flexiblen, zugleich immer \u00e4u\u00dferst fl\u00fcssigen Tempi basiert, und welches er seit seinen Aufnahmen mit den Wiener oder den Berliner Philharmonikern konsequent verinnerlicht hat, treu. Leider folgt ihm das Orchester von Beginn an nicht aufmerksam genug. So viel Geklappere, mangelnde Pr\u00e4zision im Zusammenspiel und stellenweise klangliche Mattigkeit bei einer Beethoven-Symphonie habe ich hier lange nicht mehr geh\u00f6rt. Liegt es daran, dass am Abend nach einer sicher anstrengenden Generalprobe leichte Erm\u00fcdungserscheinungen auftreten? Kaum ein \u00dcbergang gelingt perfekt \u2013 gerade im Kopfsatz. Schon beim minimalen Ritardando vor der Fermate im vierten Takt ist man sich uneins. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte Rattle das eigentliche Hauptzeitma\u00df erst im Tutti Takt 37 erreichen; dass er die Musiker zuvor jedoch regelrecht antreiben muss, ist vermutlich so nicht geplant. Dennoch bezaubern durchweg ordentliche Klangfarben; auch die im ersten Satz (Durchf\u00fchrung) mittels Ostinati erzeugten quasi Klangfl\u00e4chen sowie die des \u201eB\u00e4chleins\u201c im <em>Andante molto mosso<\/em> stiften Atmosph\u00e4re und werden nie langweilig. Dort ist die synkopierte Holzbl\u00e4sergrundierung erneut h\u00f6rbar ungenau.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig bei der Sache ist man dann erst im <em>Lustigen Zusammensein der Landleute<\/em>: Besonders stimmig wird es ab dem derberen Mittelteil im Zweier-Takt, und schon der \u00dcbergang zum Gewitter wirkt unheimlich. Das folgende Naturschauspiel ist an Intensit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten, ohne an Klangkultur einzub\u00fc\u00dfen. Dem Finale fehlt es ein wenig an Aufrichtigkeit: Innige Dankbarkeit kann man hier jedenfalls nicht sp\u00fcren. An einigen Stellen nimmt der Dirigent das eigentliche Hauptthema zugunsten des Hirtenmotivs zur\u00fcck \u2013 unklar, warum. Immerhin endet das Ganze zumindest nachdenklich. Der Eindruck dieser Darbietung bleibt f\u00fcr den Rezensenten jedoch zwiesp\u00e4ltig, obwohl sie im Saal wahre Beifallsst\u00fcrme ausl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 16. M\u00e4rz 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch bei den Abo-Konzerten am 14. und 15.&nbsp;M\u00e4rz 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal erlebte das Publikum die Urauff\u00fchrung eines Auftragswerks f\u00fcr das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Thomas Ad\u00e8s\u2018 \u201eAquifer\u201c. Zuvor dirigierte Sir Simon Rattle \u201eVorspiel und Liebestod\u201c aus Richard Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c, nach der Pause dann Beethovens Symphonie Nr.&nbsp;6. 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