{"id":6200,"date":"2024-03-19T10:11:00","date_gmt":"2024-03-19T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6200"},"modified":"2024-03-18T20:48:27","modified_gmt":"2024-03-18T19:48:27","slug":"boris-giltburgs-formidabler-rachmaninow","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/19\/boris-giltburgs-formidabler-rachmaninow\/","title":{"rendered":"Boris Giltburgs formidabler Rachmaninow"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.574528, EAN: 7 47313 45287 3<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Giltburg-Rachmaninow-1-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Giltburg-Rachmaninow-1-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6201\" width=\"560\" height=\"560\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Giltburg-Rachmaninow-1-4.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Giltburg-Rachmaninow-1-4-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Giltburg-Rachmaninow-1-4-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Mit den Klavierkonzerten Nr.&nbsp;1 und 4 und der Rhapsodie \u00fcber ein Thema von Paganini vervollst\u00e4ndigt der russischen Pianist Boris Giltburg seine Einspielungen der Werke f\u00fcr Klavier und Orchester von Sergej Rachmaninow. Begleitet wird er von den Br\u00fcsseler Philharmonikern unter der Leitung von Vassily Sinaisky.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Boris Giltburg kann mittlerweile getrost als eines der Aush\u00e4ngeschilder des Labels Naxos gelten, und neben \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 Beethoven liegt ein besonderer Schwerpunkt seines Interesses auf der Musik Rachmaninows. Mit der vorliegenden Neuerscheinung (des vergangenen Jubil\u00e4umsjahres 2023) komplettiert er seine Einspielung von Rachmaninows Werken f\u00fcr Klavier und Orchester, wobei im Vergleich zu den bereits vor Jahren erschienenen mittleren Konzerten Orchester und Dirigent gewechselt haben und ihm nunmehr mit Vassily Sinaisky ein veritabler Altmeister der russischen Dirigentenschule zur Seite steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fokus stehen diesmal also die im Vergleich zu den Konzerten Nr.&nbsp;2 und 3 sicherlich ein gutes St\u00fcck unpopul\u00e4reren Klavierkonzerte Rachmaninows, was nat\u00fcrlich sehr stark in Relation zu betrachten ist \u2013 immerhin sind auch diese Werke um ein Vielfaches besser in Einspielungen dokumentiert als unz\u00e4hlige andere Konzerte weniger prominenter Komponisten. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen sicherlich zu einem nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil in einem Rachmaninow-Bild, das wesentlich auf den romantischen Schmelz seiner mittleren Schaffensperiode ausgerichtet ist, von dem beide Werke unzweifelhaft weniger enthalten. Dass sie aber aus anderen Gr\u00fcnden ihre ganz eigenen Reize haben und in vielerlei Hinsicht nicht weniger lohnenswert sind, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man nat\u00fcrlich im <em>Klavierkonzert Nr.&nbsp;1 fis-moll op.&nbsp;1<\/em>, entstanden 1890\/91 und 1917 grundlegend revidiert, noch relativ direkt allerlei Einfl\u00fcsse ausmachen wie Tschaikowski (gleich in der Eingangsfanfare oder im lyrischen Mittelsatz) oder die nationalrussische Schule, und damit, dass der Beginn etwas an Schumanns Klavierkonzert erinnert, ist Rachmaninow bekanntlich nicht allein (in der Tat orientiert sich die Urfassung deutlich an Griegs Konzert). Bei alledem handelt es sich aber \u2013 erst recht in der Revision \u2013 um ein durch und durch lohnenswertes, selbstst\u00e4ndiges und inspiriertes Werk, dessen finaler Wirbel (in der revidierten Fassung) \u00fcbrigens nicht als Apotheose einer \u201egro\u00dfen Melodie\u201c konzipiert ist, sondern stellenweise fast etwas Robust-T\u00e4nzerisches an sich hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Schumann ist bis zu einem gewissen Grade auch der Referenzpunkt f\u00fcr die Momente des Innehaltens, des zart-poetischen Z\u00f6gerns, die f\u00fcr den ersten Satz des Konzerts (neben der gleich auf den ersten Blick auffallenden gro\u00dfen Geste) charakteristisch sind, und es sind gerade diese Stellen, an denen die Qualit\u00e4ten von Giltburgs Spiel ganz besonders zur Geltung kommen. Giltburg ist ja jemand, dessen Spiel sich durch ausgesprochene Kultiviertheit, sehr sorgf\u00e4ltige Artikulation, feine Lyrik und beseelte Emotionalit\u00e4t auszeichnet, ein Meister des Rubatos und der wohldurchdachten, wunderbar austarierten \u00dcberg\u00e4nge. Davon zeugt in exemplarischer Weise auch der erste Einsatz des Klaviers im zweiten Satz, dessen Atmosph\u00e4rik des Suchens, des zarten Sich-Vortastens Giltburg perfekt zu realisieren versteht. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das kaprizi\u00f6se Hauptthema des Finales.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst in den forciertesten Passagen, so etwa in der gro\u00dfen Kadenz im ersten Satz, l\u00e4sst sich Giltburg Raum f\u00fcr Differenzierungen, setzt niemals nur auf Klangf\u00fclle. So lobenswert dies grunds\u00e4tzlich ist: hier und da w\u00e4re es sicher m\u00f6glich, die Grandezza, das Pathos, das diese Musik zweifelsohne besitzt, bedingungsloser auszuspielen. Insgesamt aber ist dies von Seiten Giltburgs eine ausgesprochen hochklassige Einspielung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Album beschlie\u00dft Rachmaninows <em>Klavierkonzert Nr.&nbsp;4 g-moll op.&nbsp;40<\/em>, 1926 fertiggestellt, hier aber (wie zumeist) in der revidierten Fassung aus dem Jahre 1941 eingespielt. Die Rezeption dieses Werks ist von Anfang an kompliziert gewesen, inklusive verheerender Kritiken der amerikanischen Presse nach seiner Urauff\u00fchrung. Was dieses Werk auszeichnet, ist seine herbe, distanzierte Lyrik, oft auch Nervosit\u00e4t, eine gewisse Lakonie, die stellenweise geradezu br\u00fcsk anmuten kann. Rachmaninow rezipiert hier diverse Einfl\u00fcsse der Musik j\u00fcngerer Kollegen; darauf, dass manche Passagen auch durch Jazz inspiriert sind, wird gerne hingewiesen (und dieser Punkt manchmal vielleicht etwas \u00fcberstrapaziert), aber manche Aspekte der im Vergleich zu fr\u00fcheren Werken deutlich aufgerauten Orchestrierung weisen auch zum Beispiel auf Prokofjew hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestoweniger findet man aber auch in diesem Werk die f\u00fcr Rachmaninow typischen Kantilenen, nur dass sie nun isolierter wirken, Episode bleiben, in Frage gestellt werden. So bleibt selbst die Apotheose gegen Ende des Finales nicht ohne Zwischent\u00f6ne, und der Schluss ist sicher kein uneingeschr\u00e4nkter Triumph, sondern besitzt auch eine gewisse trockene, n\u00fcchterne, vielleicht ein St\u00fcck weit groteske Note. Wenn man so will, ist dies ein Rachmaninow in einer neuen, fremden Umgebung, und begreift man das Konzert auf diese Weise, erscheint es umso faszinierender und das Brodeln mal unter, mal \u00fcber der Oberfl\u00e4che, das gerade in den Ecks\u00e4tzen stets pr\u00e4sent ist, umso aufregender \u2013 ein Werk, das seinen Geschwistern tats\u00e4chlich in keiner Weise nachsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Giltburg legt erneut eine exzellente, fein differenzierte, eher zur\u00fcckgenommene, zur Introspektion neigende Lesart dieser Musik vor, die nicht nur lokal stattfindet, sondern die gro\u00dfen Linien und die Dramaturgie des Werks nachvollzieht. Sein Spiel ist von einer gro\u00dfen Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Nat\u00fcrlichkeit gepr\u00e4gt, nichts klingt gewollt oder inszeniert. Im dritten Satz w\u00e4hlt er ein eher verhaltenes, obwohl nicht explizit langsames Tempo, zu beobachten schon gleich zu Beginn, den er wiederum mit einem gewissen Z\u00f6gern begreift; hier w\u00e4re stellenweise (speziell im Orchester) mehr Sch\u00e4rfe und mehr Dynamik m\u00f6glich, obwohl die f\u00fcr diese Musik so charakteristische Ambivalenz sehr gut eingefangen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Br\u00fcsseler Philharmonikern und Sinaisky hat Giltburg sehr kompetente Mitstreiter an seiner Seite, sodass sich auch der Orchesterpart auf hohem Niveau bewegt \u2013 allerdings mit einer Einschr\u00e4nkung: es muss wohl an der Tontechnik liegen, dass das Orchester an manchen Stellen schlicht nicht pr\u00e4sent genug ist. Dies betrifft Dialoge mit dem Klavier oder thematische Einw\u00fcrfe wie etwa die Melodielinie in den Bratschen bei Ziffer 30 im 2.&nbsp;Satz des Konzerts Nr.&nbsp;1, den Seufzer im Horn kurz vor Ende dieses Satzes (bei Ziffer 37) oder die Celli beim 2.&nbsp;Thema im 1.&nbsp;Satz des Konzerts Nr.&nbsp;4, aber auch farbliche Nuancen wie die trillerartigen Horngesten wiederum in diesem Satz (kurz nach Ziffer 22). Generell sind es besonders die tiefen Lagen, die st\u00e4rker vernehmbar sein m\u00fcssten, so etwa die gelegentlichen Tubasoli im Konzert Nr.&nbsp;4, die nun einmal ihren Teil zu der ganz speziellen Aura dieses Werks beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den beiden Werken steht \u2013 minuti\u00f6s in Tracks aufgeteilt \u2013 die 1934 entstandene <em>Rhapsodie \u00fcber ein Thema von Paganini op.&nbsp;43<\/em>, die noch charakteristischer f\u00fcr Rachmaninows Sp\u00e4tstil ist als das (ein wenig als Werk des \u00dcbergangs zu begreifende) Vierte Klavierkonzert, aber aufgrund ihrer effektvollen Dramatik (inklusive reichlicher Verwendung des \u201eDies irae\u201c), ihrer gr\u00f6\u00dferen Extravertiertheit und auch des schwelgerischen Melos gerade der Variation Nr.&nbsp;18 (das aber tats\u00e4chlich durch Umkehrung direkt aus Paganinis Capricenthema entsteht) deutlich gr\u00f6\u00dfere Popularit\u00e4t genie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Giltburg bleibt sich auch hier treu und lotet gerade auch die Variationen, in denen die Musik inneh\u00e4lt, wie etwa noch relativ zu Beginn die Variation Nr.&nbsp;6, mit der ihm eigenen Kunst des pianistischen \u201eSinnierens\u201c aus. Wenigstens am Anfang erscheint das Orchester hier pr\u00e4senter, obwohl manche Passagen mehr Differenzierung, mehr orchestrale Sch\u00e4rfe vertragen k\u00f6nnten \u2013 man beachte etwa das letzte \u201eDies irae\u201c kurz vor dem (dann doch wieder mit trockener Geste etwas relativiertem) A-Dur-Triumph, das eher breit als packend ger\u00e4t. Insgesamt eine Lesart, der das Besessene, das diesem Werk innewohnt, etwas abgeht, allerdings auf hohem Niveau und teilweise wohl auch bewusst, zumal Giltburg selbst dem Werk insbesondere auch eine unterhaltsame, vielleicht sogar humorvolle Note zuspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zwar zu bedauern, dass Naxos mittlerweile offenbar weitgehend dazu \u00fcbergegangen ist, lediglich englische Begleittexte anzubieten; inhaltlich aber ist der Text, den Boris Giltburg f\u00fcr diese Produktion selbst verfasst hat, vorz\u00fcglich: eine sehr sorgf\u00e4ltige, detaillierte, umfassend informierende, von gro\u00dfer Begeisterung f\u00fcr diese Musik getragene und durchaus pers\u00f6nlich gehaltene Einf\u00fchrung in diese Werke. So f\u00e4llt das Fazit insgesamt ausgesprochen positiv aus: Giltburg hat hier eine Einspielung vorgelegt, an die man sehr hohe Ma\u00dfst\u00e4be anlegen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, M\u00e4rz 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.574528, EAN: 7 47313 45287 3 Mit den Klavierkonzerten Nr.&nbsp;1 und 4 und der Rhapsodie \u00fcber ein Thema von Paganini vervollst\u00e4ndigt der russischen Pianist Boris Giltburg seine Einspielungen der Werke f\u00fcr Klavier und Orchester von Sergej Rachmaninow. Begleitet wird er von den Br\u00fcsseler Philharmonikern unter der Leitung von Vassily Sinaisky. 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