{"id":6210,"date":"2024-03-24T22:11:23","date_gmt":"2024-03-24T21:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6210"},"modified":"2024-03-26T17:06:08","modified_gmt":"2024-03-26T16:06:08","slug":"feine-und-weise-mathematik-der-toene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/24\/feine-und-weise-mathematik-der-toene\/","title":{"rendered":"Feine und weise Mathematik der T\u00f6ne &#8211; Andrea Vivanet spielt Jan Pieterszoon Sweelinck"},"content":{"rendered":"\n<p>Piano Classics, PCL10280; EAN: 5 029365 102803<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6220\" width=\"487\" height=\"487\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Sweelinck-Vivanet-1.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 487px) 100vw, 487px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der italienische Pianist Andrea Vivanet hat eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Aufnahme von Werken f\u00fcr Tasteninstrumente von Jan Pieterszoon Sweelinck vorgelegt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Flut der neu eingespielten CD\u2019s nimmt nicht ab. Wozu dienen sie? Kommerziell sind sie l\u00e4ngst bedeutungslos, auch Einnahmen aus diversen Streaming-Plattformen, deren Namen hier zu nennen sich aus Gr\u00fcnden des Respekts vor der W\u00fcrde des K\u00fcnstlertums vieler ernsthafter Musikerinnen und Musiker verbietet, sind ebenfalls marginal. Es wird wohl Geld damit verdient, aber dieses landet nicht bei den Aus\u00fcbenden, deren Kunst auf diese Weise irgendwie h\u00f6rbar gemacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Junge, alte, bekannte, unbekannte K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, stehen einfach unter dem Druck, geh\u00f6rt zu werden, soll ihre Existenz kein Selbstzweck sein, mehr als <em>l&#8217;art pour l&#8217;art<\/em> (als wenn genau das nicht schon etwas w\u00e4re). Der oft aus gutem Grunde klarsichtig-n\u00f6rgelnde Dirigent Sergiu Celibidache hat sehr richtig den zunehmenden Tod der Musik aufgrund der Kommerzialisierung durch die damals noch so genannte Plattenindustrie kommen sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Lassen wir die technischen Aspekte au\u00dfer Acht &#8211; dass keine Aufnahme so klingt wie ein Konzert in einem wirklichen Konzertsaal, wei\u00df nun schon jedermann, und dass die Gewohnheit, den Klang aus dem Smartphone als normal zu akzeptieren, auch normal geworden ist. Die kommerzielle Aufnahmeindustrie ist noch machtvoll t\u00e4tig, Aufnahmen sind aber kein Selbstzweck mehr, sondern auf einem gewissen Niveau ein Paketbaustein, um eine Karriere zu f\u00f6rdern oder zu best\u00e4tigen, z.B. wird ein Symphonien-Zyklus aufgenommen, um damit das Interesse an einer Tournee mit diesem Programm zu f\u00f6rdern, und umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufnahmen sind also irgendwie virtuell in dem Sinne, dass sie keine Tats\u00e4chlichkeiten, keinen Sinn als Dokumente haben, sondern Teil eines kommerziellen Zwecks sind. Das geht in Ordnung, denn das Gesch\u00e4ft muss laufen, daran gibt es rein gar nichts auszusetzen. Die klassische Musik ist auf diesem Niveau schon zu einer Popkultur geworden, was ganz in Ordnung geht, wenn man diese Popkultur nicht mit der Musik selber verwechselt. Sie, die Popkultur, ist nicht die Spitze eines Eisbergs, dessen gr\u00f6\u00dfere H\u00e4lfte im Meer verborgen schwebt, sie ist mehr eine wolkenhafte Erscheinung, die sich von einer nie enden wollenden Kreativit\u00e4t von Komponistinnen und Komponisten und Musikerinnen und Musikern und von ihrem nie versiegenden sch\u00f6pferischen Reichtum l\u00e4ngst abgekoppelt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die viel beschworene Krise dieser Musik scheint daher auch eher eine Krise der Musikindustrie zu sein, als eine Krise der klassischen Musik und der in ihr lebenden und ausge\u00fcbten Kreativit\u00e4t selber. Eine Diskussion hier\u00fcber spielt an diesem Platz jedoch keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es hat, und darauf l\u00e4uft dieser kleine Text hinaus, die Flut der eigenspielten CD\u2019s, oder \u201eAlben\u201c, noch einen anderen, gar nicht kommerziellen Effekt: die meist dem sogenannten breiten Publikum unbekannten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler finden Unentdecktes, denken musikalisch-kuratorisch und werden im besten Fall mit ihrer vorangegangenen geistigen Besch\u00e4ftigung mit den eingespielten Werken doch wahrgenommen \u2013 und geh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann erscheint, trotz der erw\u00e4hnten Kassandrarufe, in Einzelf\u00e4llen eine \u00dcberraschung in Form einer positiven, ja zutiefst gute Seite der Aufnahmeflut: Sorgfalt ist am Werk, Respekt vor dem Werk, vor der humanen Dimension der k\u00fcnstlerischen Arbeit, womit Musik wieder im besten Sinne zum Selbstzweck, n\u00e4mlich eine <em>l&#8217;art pour la humanit\u00e9<\/em> wird. Aufnahmen werden dann nicht eingespielt, produziert, sondern als Ergebnis einer wirklichen Besch\u00e4ftigung mit der Materie, von der sie handeln, tats\u00e4chlich <em>v o r g e l e g t<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen solchen gl\u00fcckliche Fall haben wir hier mit der vom italienischen Pianisten Andrea Vivanet erschienenen Aufnahme von Werken f\u00fcr Tasteninstrumente von Jan Pieterszoon Sweelinck, der von 1562 bis 1621 lebte und Zeit seines Lebens Organist in der Oude Kerk in Amsterdam war. Die hier zu h\u00f6renden Werke wurden von Sweelinck selber nie ver\u00f6ffentlicht und \u00fcberlebten die Zeitl\u00e4ufte nur durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde, wie dem aufschlussreichen Booklet von Florian Schuck zu entnehmen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Komponisten nicht kennt, hat hier eine wunderbare Gelegenheit, ihn kennenzulernen und dabei auch, im Vorbeigehen sozusagen, eine sympathische Freundschaft mit dem Kontrapunkt einzugehen und diesen als Klarheit, die zu Sch\u00f6nheit f\u00fchrt, zu erleben. Toccaten und Variationen legen Zeugnis ab daf\u00fcr, wie aus einer geheimnisvollen, feinen und weisen Mathematik der T\u00f6ne Musik wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Andrea Vivanet l\u00e4sst uns in seiner Aufnahme h\u00f6ren, wie zeitlos Musik ist, die dieser seltsamen Mathematik entspringt, die ja keine Mathematik ist, sondern einfach nur vor lauter Klarheit unm\u00f6glich zu fassen und mit keinem Wort zu definieren. Schon die ersten erklingenden T\u00f6ne zeigen uns die musikalische und instrumentale Beherrschung, die aus dem wirklichen Verst\u00e4ndnis des Pianistischen und eines kontrapunktischen Tonsatzes entspringt. Vivanet verwirklicht auf das Sch\u00f6nste die Klarheit, Einfachheit und die nat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser feinen Partituren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine bestimmte Form des Purismus mag gerne stirnrunzelnd bem\u00e4ngeln, dass der bemerkenswerte Pianist keine historischen Tasteninstrumente gew\u00e4hlt hat, um uns diese Musik n\u00e4herzubringen, doch verhallt diese Beschwerde in einer anderen, ebenfalls strengen Form des Purismus, n\u00e4mlich jener, die stirngl\u00e4ttend Wert darauf legt, dass ein Tonsatz wie vom Komponisten erdacht, geh\u00f6rt und niedergeschrieben, wieder in allen Parametern in der Auff\u00fchrung neu entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der moderne Fl\u00fcgel, den Andrea Vivanet hier w\u00e4hlt, scheint dabei f\u00fcr die feinen Sweelinck\u2019schen Wahrheiten denn auch unter seinen Fingern gerade das perfekte Instrument zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, M\u00e4rz 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piano Classics, PCL10280; EAN: 5 029365 102803 Der italienische Pianist Andrea Vivanet hat eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Aufnahme von Werken f\u00fcr Tasteninstrumente von Jan Pieterszoon Sweelinck vorgelegt. Die Flut der neu eingespielten CD\u2019s nimmt nicht ab. Wozu dienen sie? 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