{"id":6226,"date":"2024-03-29T23:59:00","date_gmt":"2024-03-29T22:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6226"},"modified":"2024-04-09T00:10:38","modified_gmt":"2024-04-08T22:10:38","slug":"der-fromme-revolutionaer-in-wien-eine-ausstellung-zum-200-geburtstag-anton-bruckners","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/29\/der-fromme-revolutionaer-in-wien-eine-ausstellung-zum-200-geburtstag-anton-bruckners\/","title":{"rendered":"\u201eDer fromme Revolution\u00e4r\u201c in Wien \u2013 eine Ausstellung zum 200.\u00a0Geburtstag Anton Bruckners"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6227\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20240320_112817-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>\u00d6sterreichische Nationalbibliothek, Wien, Josephsplatz. \u00dcber dem Eingang in der Mitte ist das Transparent zur Ausstellung &#8222;<em>Der fromme Revolution\u00e4r<\/em>&#8220; zu erkennen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am 20. M\u00e4rz 2024 er\u00f6ffnete die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek in Wien ihre Ausstellung <\/em>Der fromme Revolution\u00e4r<em> \u00fcber Leben und Werk Anton Bruckners.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch vermache die Originalmauscripte meiner nachbezeichneten Compositionen: der Symphonien, bisher acht an der Zahl \u2013 die 9te wird, so Gott will, bald vollendet werden, \u2013 der 3 gro\u00dfen Messen, des Quintettes, des Tedeum&#8217;s, des 150. Psalm&#8217;s und des Chorwerkes Helgoland \u2013 der kais. und k\u00f6n. Hofbibliothek in Wien und ersuche die k.&nbsp;u.&nbsp;k. Direction der genannten Stelle, f\u00fcr die Aufbewahrung dieser Manuscripte g\u00fctigst Sorge zu tragen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten hatte Anton Bruckner in seinem Testament noch selbst den Grundstock zu einer Sammlung gelegt, die heute weltweit den gr\u00f6\u00dften Bestand an Dokumenten zu Leben und Schaffen des Komponisten darstellt und somit f\u00fcr die Bruckner-Forschung unerl\u00e4sslich ist. Urspr\u00fcnglich nur als Aufbewahrungsort der Autographen seiner Hauptwerke vorgesehen, vergr\u00f6\u00dferte die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek w\u00e4hrend der \u00fcber zw\u00f6lf Jahrzehnte nach Bruckners Tod ihre Sammlung um viele weitere Bruckneriana. Im Laufe der Zeit fanden so neben weiteren Kompositionshandschriften auch Briefe, Aufzeichnungen und andere pers\u00f6nliche Papiere Bruckners, Photographien, Konzertprogramme und k\u00fcnstlerische Rezeptionsdokumente (wie die bekannten Karikaturen Otto B\u00f6hlers) den Weg in die Nationalbibliothek.<\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich der 200. Wiederkehr von Bruckners Geburtstag im Jahr 2024 kann seit dem 21.&nbsp;M\u00e4rz noch bis zum 25.&nbsp;Januar 2025 im Prunksaal des Bibliotheksgeb\u00e4udes am Josephsplatz die von Thomas Leibnitz, Pr\u00e4sident der Internationalen Bruckner-Gesellschaft, und Andrea Harrandt, Herausgeberin der Briefe Bruckners, kuratierte Ausstellung <em>Der fromme Revolution\u00e4r<\/em> besichtigt werden, die einen repr\u00e4sentativen \u00dcberblick \u00fcber die Bruckner-Sammlung der Nationalbibliothek verschafft, aber auch Gegenst\u00e4nde aus anderen Wiener Sammlungen sowie aus Privatbesitz zeigt. Erstmals finden sich dabei s\u00e4mtliche Manuskripte der Symphonien Bruckners gemeinsam der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Die Partituren sind an charakteristischen Stellen aufgeschlagen, an denen Bruckners Arbeitsprozess deutlich wird. So zeigen Aufzeichnungen am Rande einer Seite aus der Achten Symphonie, wie der Komponist sich selbst Rechenschaft \u00fcber jede einzelne Stimmf\u00fchrung eines bestimmten Taktes ablegt. Man sieht die Spuren des Abrasierens verworfener Noten und die \u00dcberklebungen von Stellen, an denen keine weiteren Rasuren m\u00f6glich waren. Das Adagio der Siebten Symphonie ist an jener ber\u00fchmten Stelle aufgeschlagen, an welcher Bruckner auf Anraten Arthur Nikischs und der Br\u00fcder Schalk Stimmen f\u00fcr Becken, Triangel und Pauken einklebte, um den H\u00f6hepunkt des Satzes zu markieren. Die mit Bleistift nachtr\u00e4glich auf dem Papierstreifen angebrachte Notiz \u201egilt nicht\u201c hat die Philologen bis heute nicht losgelassen. Ihr Urheber konnte nie bestimmt werden. Ja, es sieht sogar danach aus, dass die beiden W\u00f6rter von zwei unterschiedlichen Schreibern stammen. Eine f\u00fcr Bruckners Entwicklung zum unabh\u00e4ngigen K\u00fcnstler besonders wichtige Notenhandschrift wird in dieser Ausstellung zum ersten Mal \u00fcberhaupt \u00f6ffentlich gezeigt: das sogenannte Kitzler-Studienbuch, das den Unterricht in freier Komposition dokumentiert, den Bruckner von dem Linzer Theaterkapellmeister Otto Kitzler zwischen 1861 und 1863 erhielt. Es enth\u00e4lt u.&nbsp;a. die vollst\u00e4ndige Partitur des Streichquartetts in c-Moll. Bei der Aufl\u00f6sung von Bruckners Wohnung in die H\u00e4nde Joseph Schalks gelangt, befand es sich lange Zeit im Besitz von dessen Nachkommen und wurde 2013 von der Nationalbibliothek erworben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur die Partituren Bruckners sind sehenswert. Auch an interessanten Zeugnissen seines Lebens fehlt es nicht. So finden wir etwa seinen Taufschein, sein Ehrendoktordiplom und die Verleihungsurkunde des Franz-Joseph-Ordens, einen Taschenkalender mit Bruckners t\u00e4glichen Gebetsnotizen, Bruckners Reisepass, ausgestellt anl\u00e4sslich seiner Urlaubsreise in die Schweiz (\u201eBesondere Kennzeichen: an der linken Seite des Halses eine Narbe\u201c), Bl\u00e4tter, die Bruckner am Grabe Richard Wagners in Bayreuth aufgelesen hat, ein Passphoto von 1880, das der Komponist anscheinend besonders sch\u00e4tzte, da er es nachweislich zahlreichen Briefen an von ihm verehrte junge Frauen beilegte, und einen Brief Bruckners an Hans von Wolzogen aus dem Jahre 1885, durch welchen die Forschung definitiv belegen konnte, dass die Urauff\u00fchrung der Siebten Symphonie in Leipzig ein gro\u00dfer Erfolg gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die H\u00f6rbeispiele anbetrifft, haben die Veranstalter der Ausstellung eine vorz\u00fcgliche Wahl getroffen und zu R\u00e9my Ballots bei Gramola erschienenem Symphonien-Zyklus gegriffen, der im letzten Jahr durch die Aufnahme der annullierten d-Moll-Symphonie (f\u00e4lschlich \u201eNullte\u201c genannt) im Rahmen der St.&nbsp;Florianer Bruckner-Tage (zur Rezension siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/08\/27\/brucknertage-st-florian-frueher-bruckner-und-spaeter-kropfreiter-in-mustergueltigen-auffuehrungen\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2023\/08\/27\/brucknertage-st-florian-frueher-bruckner-und-spaeter-kropfreiter-in-mustergueltigen-auffuehrungen\/\">hier<\/a>) abgeschlossen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Leibnitz merkte anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung an, dass das Motto der Ausstellung die Gegens\u00e4tze in Bruckners Wesen betont: Bruckner sei beides, sowohl ein frommer Mann, als auch ein Revolution\u00e4r gewesen. War er von den Zeitgenossen vor allem als radikal moderner K\u00fcnstler wahrgenommen worden, so habe das Bruckner-Bild in der Zeit seit seinem Tode sich mehrfach gewandelt, wobei der Fromme und der Revolution\u00e4r als Pole erkennbar blieben. Im fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhundert wurde Bruckner zu einer Gallionsfigur konservativer politischer Kr\u00e4fte, in der Zeit des Nationalsozialismus als deutsches Originalgenie gepriesen, das fr\u00fche Nachkriegs\u00f6sterreich sah in ihm vor allem einen katholischen K\u00fcnstler, wohingegen in den 1970er Jahren die neurotischen Z\u00fcge seiner Pers\u00f6nlichkeit betont wurden. Die Ausstellung <em>Der fromme Revolution\u00e4r<\/em> strebe nicht danach, so Leibnitz, die Reihe dieser Bruckner-Bilder um ein weiteres zu erweitern, sondern Bruckner in der Vielseitigkeit und Widerspr\u00fcchlichkeit seiner Person auf Grundlage des heutigen Forschungsstandes vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Mitteilung von Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Nationalbibliothek, und Andrea Harrandt werden gem\u00e4\u00df geltenden Regeln die Manuskripte nach der Ausstellungser\u00f6ffnung noch drei Monate lang im Original zu sehen sei. Bei mehrb\u00e4ndigen Werken (wie den meisten Symphonie-Handschriften) werden die B\u00e4nde ausgewechselt, ansonsten wird man sich mit Faksimiles behelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die feierliche Er\u00f6ffnungsveranstaltung am Abend des 20.\u00a0M\u00e4rz 2024 bot den anwesenden G\u00e4sten Gro\u00dfartiges  in Ton und Wort. Clemens Hellsberg, Primgeiger im Orchester der Wiener Staatsoper und ehemaliger Vorstand der Wiener Philharmoniker, hielt einen Vortrag, in welchem er, angelehnt an Klaus Heinrich Kohrs&#8216; Buch <em>Anton Bruckner. Angst vor der Unermesslichkeit<\/em>, den Komponisten als einen krisenhaften K\u00fcnstler schilderte, hin- und hergerissen zwischen seinem best\u00e4ndigen Drang zur grenz\u00fcberschreitenden Ausformulierung des Unermesslichen in T\u00f6nen und dem immer st\u00e4rker hervortretenden Gedanken an den Tod \u2013 Grundgegens\u00e4tze seines Denkens, die in der Neunten Symphonie in sch\u00e4rfster Konfrontation aufeinandertreffen und, da das Werk unvollendet blieb, letztlich zu keiner L\u00f6sung finden. Hellsberg nutzte im Laufe seiner Rede die Gelegenheit, mit diversen Legenden \u00fcber Bruckner aufzur\u00e4umen. So wies er ausdr\u00fccklich Hans von B\u00fclows Bezeichnung Bruckners als \u201ehalb ein Gott, halb ein Trottel\u201c, die im Original \u201eHalbgenie + Halbtrottel\u201c lautet, zur\u00fcck, indem er Bruckners vorz\u00fcgliche Leistungen in seinem Bildungsgang als Lehrer betonte. Aber auch einer Verkl\u00e4rung der weniger sympathischen Eigenschaften Bruckners trat er entgegen, war der Komponist doch, wie seine Briefe zeigen, mitunter durchaus zu st\u00f6rrischem Verhalten und ungerechten \u00c4u\u00dferungen f\u00e4hig (etwa gegen das Stift St.\u00a0Florian und die Stadt Linz). Als besonders wichtig darf die Aufkl\u00e4rung \u00fcber ein h\u00e4ufig angef\u00fchrtes, Bruckner aber f\u00e4lschlicherweise zugeschriebenes Zitat bezeichnet werden: \u201eWeil die gegenw\u00e4rtige Weltlage geistig gesehen Schw\u00e4che ist, fl\u00fcchte ich zur St\u00e4rke und schreibe kraftvolle Musik\u201c, soll Bruckner einmal gesagt haben. Tats\u00e4chlich handelt es sich um eine \u00c4u\u00dferung Adalbert Stifters, die dieser am 17.\u00a0Dezember 1860 in einem Brief an Gustav Heckenast niederschrieb und die eigentlich lautet: \u201eWeil die gegenw\u00e4rtige Weltlage Schw\u00e4che ist, fl\u00fcchte ich zur St\u00e4rke und dichte starke Menschen und dies st\u00e4rkt mich selber.\u201c Ein Schriftsteller hat dieses Zitat sp\u00e4ter auf Bruckner umgedichtet, unachtsame Autoren griffen es auf und gaben es als originalen Bruckner wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruckner kam an diesem Abend selbst zu Wort in Form des langsamen Satzes aus dem Streichquartett c-Moll und des Scherzos aus dem Streichquintett F-Dur, gespielt vom Ballot-Quintett (R\u00e9my Ballot und Iris Ballot, Violinen, Stefanie Kropfreiter und Nataliia Kuleba, Bratschen, und Marta Sudraba-G\u00fcrtler, Violoncello). Hinsichtlich der Feinabstufungen in Dynamik und Tempo, der Interaktion der einzelnen Stimmen miteinander, der Phrasierung und der schl\u00fcssigen Darstellung des musikalischen Verlaufs leistete das Ensemble, welches beide Werke bereits in veritablen Referenzeinspielungen vorgelegt hat, Hervorragendes und trug dadurch wesentlich zum Gelingen des Abends bei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, M\u00e4rz 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. 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