{"id":6257,"date":"2024-04-09T02:31:00","date_gmt":"2024-04-09T00:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6257"},"modified":"2024-04-05T02:44:03","modified_gmt":"2024-04-05T00:44:03","slug":"faust-singt-mezzosopran-louise-bertins-oper-fausto-ist-eine-entdeckung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/09\/faust-singt-mezzosopran-louise-bertins-oper-fausto-ist-eine-entdeckung\/","title":{"rendered":"Faust singt Mezzosopran -Louise Bertins Oper \u201eFausto\u201c ist eine Entdeckung"},"content":{"rendered":"\n<p>Bru Zane, BZ 1054; EAN: 8 055776 01014 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto-656x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6258\" width=\"461\" height=\"719\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto-656x1024.jpg 656w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto-768x1198.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto-985x1536.jpg 985w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Cover-Fausto.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Im letzten Jahr brachte das Forschungsteam Palazzetto Bru Zane die Anthologie \u201eCompositrices\u201c heraus \u2013 Werke von 21 franz\u00f6sischen Komponistinnen umfasst die editorische Gro\u00dftat, sie ist nichts weniger als ein Streifzug durch die feminine Musikgeschichte des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Gl\u00fccklicherweise verfolgen die Sp\u00fcrnasen um Alexandre Dratwicki dieses Projekt weiter und sind dabei auf Louise Bertin gesto\u00dfen. Deren Biographie, wenn auch teilweise nur auf Spekulationen beruhend, ist in mancher Hinsicht ungew\u00f6hnlich. Bertin, 1805 geboren, wuchs in einer b\u00fcrgerlichen Familie auf. Die Eltern \u2013 der Vater, Inhaber der angesehenen Zeitung \u201eJournal des d\u00e9bats&#8220;, die Mutter, eine begabte Pianistin \u2013 f\u00f6rderten die k\u00fcnstlerischen Ambitionen der malenden, dichtenden und musizierenden Tochter. Die Autodidaktin, die wegen einer Kinderl\u00e4hmung auf Kr\u00fccken angewiesen war, entschied sich f\u00fcrs Komponieren und nahm Unterricht bei den Lehrkoryph\u00e4en Fran\u00e7ois-Joseph F\u00e9tis und Anton Reicha. Bei letzterem lernte sie Berlioz kennen, mit dem sie sich anfreundete und der ihr als Zeichen der Wertsch\u00e4tzung den Gesangszyklus <em>Les nuits d\u2019\u00e9t\u00e9<\/em> widmete.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Zeit, als Frauen in der Regel Werke f\u00fcr den Hausgebrauch oder kleine Besetzungen kreierten, wagte sich Bertin an gr\u00f6\u00dfere Formate und komponierte immerhin vier Opern. Die letzte jedoch \u2013 <em>La Esmeralda<\/em> nach Victor Hugo \u2013 f\u00fchrte 1837 zum fr\u00fchen Ende ihrer Karriere, bedingt durch Vorw\u00fcrfe, Berlioz habe ihr bei der Partitur geholfen und die Auff\u00fchrung sei nur durch famili\u00e4re Beziehungen zu Stande gekommen. Infolgedessen mied sie bis zu ihrem Tod 1877 die \u00d6ffentlichkeit, publizierte allerdings noch Gedichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gute Kritiken bekam Louise Bertin hingegen f\u00fcr ihren 1831 im Pariser Th\u00e9\u00e2tre-Italien in Starbesetzung uraufgef\u00fchrten <em>Fausto<\/em>. Trotzdem wurde er nach drei Vorstellungen abgesetzt und verstummte: bis ihn der Palazzetto Bru Zane 2023 gleich im\u00a0Dreierpaket wiedererweckte, bei einem Konzert in Paris mit paralleler CD-Einspielung der Urfassung und anschlie\u00dfend szenisch im Aalto-Theater in Essen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fausto <\/em>ist die erste Opernadaption des Goethe-Schauspiels und dass sie von einer Frau komponiert wurde, die auch das franz\u00f6sische, f\u00fcr die Gepflogenheiten des Th\u00e9\u00e2tre-Italien ins Italienische \u00fcbersetzte Libretto verfasste, macht sie zu einer musikgeschichtlichen Besonderheit. Orchestrale Dramatik, romantisches Gef\u00fchl und Buffo-Elemente \u2013 deswegen die Gattungsbezeichnung \u201eSemiseria\u201c \u2013 sind kennzeichnend f\u00fcr Bertins Vertonung. Einfl\u00fcsse bedeutender Vorbilder, etwa von Mozart, Weber und Rossini, verbinden sich mit stilistischer Individualit\u00e4t, wie die Wahl eines Mezzosoprans f\u00fcr die Titelpartie (die Premiere sang allerdings ein Tenor), dem weitgehenden Verzicht auf zeittypische Bravour und dem eigenwilligen Finale: keine pomp\u00f6se Apotheose, sondern nur ein Tam-Tam-Schlag, dann Stille. Der Dirigent Christophe Rousset, der die Rezitative selbst am Klavier begleitet, \u00fcbertr\u00e4gt seine Begeisterung und Versiertheit in historischer Auff\u00fchrungspraxis auf die Originalklangformation Les Talens Lyrique und ein erlesenes Ensemble. Karine Deshayes und Karina Gauvin singen Faust und Margarita mit viel Empfindung und Belcantokultur. In den terzenseligen Duetten harmonieren ihre Stimmen aufs Sch\u00f6nste, nur unterscheiden sie sich vom Timbre her kaum. Den Mephisto gibt Ante Jerkunica mit tiefschwarzem, wendigem Bass. Zu einem Kabinettst\u00fcck ger\u00e4t seine Szene \u00fcber die Vielfalt weiblicher Sch\u00f6nheiten, die an Leporellos Registerarie in <em>Don Giovanni<\/em> erinnert. Einen spektakul\u00e4ren Auftritt legt Nico Darmanin als Valentin hin. In der einzigen explizit virtuosen Rolle brennt der Tenor ein Koloraturenfeuerwerk ab und brilliert mit schneidigen Spitzent\u00f6nen. Eine dicke Empfehlung also f\u00fcr diesen auch in den Nebenrollen treffend besetzten <em>Fausto<\/em>, der \u2013 wie beim Palazzetto \u00fcblich \u2013 in einem informativen und sch\u00f6n illustrierten CD-Buch pr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Karin Coper, April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bru Zane, BZ 1054; EAN: 8 055776 01014 4 Im letzten Jahr brachte das Forschungsteam Palazzetto Bru Zane die Anthologie \u201eCompositrices\u201c heraus \u2013 Werke von 21 franz\u00f6sischen Komponistinnen umfasst die editorische Gro\u00dftat, sie ist nichts weniger als ein Streifzug durch die feminine Musikgeschichte des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. 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