{"id":6269,"date":"2024-04-12T00:19:20","date_gmt":"2024-04-11T22:19:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6269"},"modified":"2024-04-14T10:12:37","modified_gmt":"2024-04-14T08:12:37","slug":"henzes-floss-der-medusa-mit-cornelius-meister-geht-unter-die-haut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/12\/henzes-floss-der-medusa-mit-cornelius-meister-geht-unter-die-haut\/","title":{"rendered":"Henzes \u201eFlo\u00df der Medusa\u201c mit Cornelius Meister geht unter die Haut"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio C5482; EAN: 8 4522105482 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6270\" width=\"475\" height=\"475\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Henze-Medusa-Meister-Capriccio.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 475px) 100vw, 475px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Capriccio hat eine weitere Auff\u00fchrung von <\/em>Hans Werner Henzes<em> <\/em>(1926-2012) <em>Oratorium <\/em>\u201eDas Flo\u00df der Medusa\u201c<em> ver\u00f6ffentlicht \u2013 diesmal live. Unter der Leitung von <\/em>Cornelius Meister <em>spielen und<\/em> <em>singen das <\/em>ORF Radio-Symphonieorchester Wien<em>, der <\/em>Arnold Schoenberg Chor <em>sowie die<\/em> Wiener S\u00e4ngerknaben. <em>Die Solisten sind:<\/em> Sarah Wegener <em>(La Mort)<\/em>, Dietrich Henschel <em>(Jean-Charles)<\/em> und Sven-Erich Bechtolf <em>(Sprecher\/Charon)<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem es um Henzes Oratorium <em>Das Flo\u00df der Medusa<\/em>, dessen geplante Urauff\u00fchrung Ende 1968 durch einen Polizeieinsatz vereitelt wurde und so den vielleicht gr\u00f6\u00dften Konzertskandal der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte verursachte, lange still war, sorgte wohl die Fl\u00fcchtlingskrise im Mittelmeer in den letzten Jahren f\u00fcr eine gewisse Renaissance dieses echten Meisterwerks \u2013 bis hin zu szenischen Realisationen (Amsterdam, Berlin). Ende 2019 hatte SWR Classic eine Aufnahme aus der Elbphilharmonie (vom 15.\u201317.\u00a011.\u00a02017) mit dem k\u00fcrzlich verstorbenen Dirigenten <em>Peter E\u00f6tv\u00f6s <\/em>herausgebracht \u2013 <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/03\/10\/henzes-skandal-oratorium-aktueller-denn-je\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/03\/10\/henzes-skandal-oratorium-aktueller-denn-je\/\" target=\"_blank\">siehe unsere Kritik<\/a> mit ein paar n\u00e4heren Infos zum Werk. Nun gibt es eine weitere \u2013 nur zwei Wochen \u00e4ltere (!) \u2013 Einspielung, diesmal live aus dem Wiener Konzerthaus. Capriccio h\u00e4tte mit dieser Ver\u00f6ffentlichung allerdings nicht sechs Jahre warten m\u00fcssen: Die Auff\u00fchrung mit dem <em>ORF\u00a0Radio-Symphonieorchester Wien<\/em> unter Leitung von <em>Cornelius Meister <\/em>liegt auf demselben Niveau wie die des SWR Symphonieorchesters. Das fordert geradezu zum direkten Vergleich heraus. Die Erstaufnahme auf Deutsche Grammophon \u2013 der Mitschnitt der Generalprobe von 1968, dirigiert vom Komponisten \u2013 f\u00e4llt nach Meinung des Rezensenten eigentlich in allen Belangen schw\u00e4cher aus, bleibt als historisch ganz ungew\u00f6hnliches Dokument aber weiterhin interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Akustik der Elbphilharmonie \u2013 sicher nicht jedermanns Sache \u2013 kommt E\u00f6tv\u00f6s\u2018 Streben vor allem nach Durchsichtigkeit dieses riesig besetzten Oratoriums gut entgegen, was aufnahmetechnisch entsprechend eingefangen wurde. Das Wiener Konzerthaus hat bei etwas mehr Hall \u2013 wohl nicht zuletzt deswegen braucht Cornelius Meister auch ca. 4\u00bd Minuten l\u00e4nger \u2013 gleichzeitig mehr W\u00e4rme. Dies kommt gerade den Ch\u00f6ren der Lebenden<em> <\/em>zugute \u2013 die anfangs nur von Bl\u00e4sern begleitet werden. Sp\u00e4ter wechseln sie ja \u2013 bis auf die dann solistisch agierenden 14 \u00dcberlebenden \u2013 ins von den Streichern dominierte Reich der Toten. Eine erstaunliche Transparenz wird jedoch gleichfalls in Wien erreicht. Die Dynamik \u00fcber alles scheint dabei hier gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Meister zielt ganz bewusst auf Drama \u2013 das gelingt \u00fcber weite Strecken. Die Bemerkung Christoph Bechers im ansonsten ordentlichen Booklet zum unmittelbaren Schluss des Werks, dass Meister sich hier daf\u00fcr entschied, die <em>urspr\u00fcngliche Version <\/em>sogar zu verst\u00e4rken, ist allerdings schlicht falsch: Tats\u00e4chlich l\u00e4sst der Dirigent \u2013 ebenso wie E\u00f6tv\u00f6s \u2013 nach Charons abschlie\u00dfenden Worten <em>&#8222;Die \u00dcberlebenden aber kehrten in die Welt zur\u00fcck<\/em>[\u2026]<em>, fiebernd, sie umzust\u00fcrzen&#8220; <\/em>im Orchester Henzes Revision von 1990 spielen, wo der Schlagzeug-Rhythmus des <em>\u201eHo-Ho-Ho-Tschi-Minh\u201c-<\/em>Protestrufs melodisch eindringlich umw\u00f6lkt wird, letzteren zus\u00e4tzlich noch vom Chor verbatim skandieren. Das steht so in keiner Partitur, sondern reflektiert anscheinend nur die Situation, dass Henze sich seinerzeit als Reaktion auf die gar nicht erst begonnene Urauff\u00fchrung zusammen mit einigen Studenten auf dem Podium eben dazu hinrei\u00dfen lie\u00df. Musikalisch widerspr\u00fcchlich: Die urspr\u00fcngliche Fassung enth\u00e4lt zwar <em>nur <\/em>besagten, reinen Schlagzeug-Rhythmus, wirkt jedoch insbesondere durch die \u2013 auch nicht notierte \u2013 Beschleunigung in Henzes eigener Einspielung brandgef\u00e4hrlich, wohingegen die revidierte Fassung fast als vision\u00e4re Apotheose aufgefasst werden k\u00f6nnte. Beides zugleich ist eher Murks.<\/p>\n\n\n\n<p>Waren schon die Leistungen der Ch\u00f6re in der SWR-Aufnahme grandios, legen in der Wiener Auff\u00fchrung der <em>Arnold Schoenberg Chor<\/em> \u2013 unter der erprobten Einstudierung <em>Erwin Ortners<\/em> \u2013 und die <em>Wiener S\u00e4ngerknaben<\/em> noch eins drauf. Pr\u00e4zision und Ausdrucksst\u00e4rke gehen hier derart Hand in Hand, dass man nur and\u00e4chtig staunen kann. Die Qualit\u00e4ten der Orchester lassen sich hingegen nicht gegeneinander ausspielen, beide Male absolut \u00fcberzeugend. Meister wagt es allerdings, viele Details ganz unverfroren naturalistisch zu verstehen: Oft h\u00f6rt man bei seiner Darbietung etwa wirklich Kl\u00e4nge, die unmittelbar das Meer assoziieren usw. Also auch hier noch Hans Werner Henze auf den Spuren Richard Strauss\u2018? Diesen Vergleich hat der Komponist bekanntlich verabscheut\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeachtet, wie die Rolle des Sprechers\/Charons (<em>Sven-Eric Bechtolf<\/em>) live eingepegelt gewesen sein mag: In der Aufnahme ger\u00e4t sie mir jedenfalls k\u00fcnstlich viel zu sehr in den Vordergrund. Bechtolf ist abgesehen davon o.&nbsp;k., kommt aber nicht wirklich an Peter Stein heran. <em>Sarah Wegener<\/em> als <em>La Mort <\/em>singt stimmlich ausgezeichnet, erscheint allerdings emotional blasser als Camilla Nylund. Daf\u00fcr begeistert <em>Dietrich Henschel <\/em>in allen Belangen: W\u00e4rme, ergreifende Textausdeutung und intonatorische Treffsicherheit machen ihn zum bisher besten <em>Jean-Charles <\/em>auf Tontr\u00e4gern. Dagegen wirkt Peter Sch\u00f6ne \u00fcber Strecken fast zu artifiziell.<\/p>\n\n\n\n<p>Muss man also eine der 2017er Aufnahmen klar vorziehen? Nein \u2013 aber Konkurrenz belebt nun hoffentlich auch f\u00fcr Henzes aufr\u00fcttelndes Oratorium das Gesch\u00e4ft. Mehr Dramatik, leichter Vorsprung f\u00fcr die Wiener Ch\u00f6re und ein herausragender Dietrich Henschel bei Meister; mehr Analytik, stellenweise knackigere Tempi und ein beeindruckender Peter Stein bei E\u00f6tv\u00f6s. Unter die Haut geht das in beiden F\u00e4llen und macht Cornelius Meisters Einspielung zumindest zu einer hochwertigen Alternative und unbedingt empfehlenswert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergleichsaufnahmen: <\/strong>Camilla Nylund, Peter Sch\u00f6ne, Peter Stein, SWR Vokalensemble, WDR Rundfunkchor, Freiburger Domsingknaben, SWR Symphonieorchester, Peter E\u00f6tv\u00f6s (SWR Classic SWR19082CD, 2017); Edda Moser, Dietrich Fischer-Dieskau, Charles Regnier, RIAS-Kammerchor, Chor &amp; Orchester des NDR, Hans Werner Henze (Deutsche Grammophon 449 871-2, 1968)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 7. April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio C5482; EAN: 8 4522105482 7 Capriccio hat eine weitere Auff\u00fchrung von Hans Werner Henzes (1926-2012) Oratorium \u201eDas Flo\u00df der Medusa\u201c ver\u00f6ffentlicht \u2013 diesmal live. 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