{"id":6294,"date":"2024-04-15T23:56:00","date_gmt":"2024-04-15T21:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6294"},"modified":"2024-04-16T19:26:00","modified_gmt":"2024-04-16T17:26:00","slug":"beglueckender-abend-des-brso-unter-francois-xavier-roth-bei-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/15\/beglueckender-abend-des-brso-unter-francois-xavier-roth-bei-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Begl\u00fcckender Abend des BRSO unter Fran\u00e7ois-Xavier Roth bei der musica\u00a0viva"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6295\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/DSC01762-Severin-Vogl.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Antoine Tamestit und Fran\u00e7ois-Xavier Roth \u00a9 Severin Vogl<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Im Konzert der musica viva am 12.&nbsp;April 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal spielte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>unter<\/em> Fran\u00e7ois-Xavier Roth <em>die Urauff\u00fchrung des<\/em> Bratschenkonzerts <em>von<\/em> Francesco Filidei <em>(Solist:<\/em> Antoine Tamestit<em>),<\/em> \u201eCloudline\u201c <em>der US-Amerikanerin<\/em> Elizabeth Ogonek <em>sowie<\/em> Iannis Xenakis\u2018 <em>unglaublich herausforderndes<\/em> <em>Werk<\/em> \u201eA\u00efs\u201c <em>\u2013 mit dem Bariton<\/em> Georg Nigl <em>und dem Schlagzeuger<\/em> Dirk Rothbrust. <em>Zu Ehren des k\u00fcrzlich verstorbenen Komponisten und Dirigenten<\/em> Peter E\u00f6tv\u00f6s <em>hatte man dessen St\u00fcck<\/em> \u201eSirens\u2019 Song\u201c <em>zus\u00e4tzlich aufs Programm gesetzt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 2024 haben wir innerhalb von nur elf Tagen gleich drei echte Weltstars der Neuen Musik verloren: Aribert Reimann, Maurizio Pollini, und am 24.&nbsp;3. den Ungarn <em>Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/em> (Jahrgang 1944). Der war als Komponist bereits 1980 mit einem Kammermusikwerk bei der <em>musica viva<\/em> vertreten, hat dann ab 1989 regelm\u00e4\u00dfig das <em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <\/em>f\u00fcr dieses Format geleitet und dabei Musiker wie Publikum stets begeistert. 2019 war ein komplettes Programm E\u00f6tv\u00f6s\u2018 eigener Musik gewidmet (<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/07\/fassliche-bildhaftigkeit-und-entwaffnende-ironie\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/07\/fassliche-bildhaftigkeit-und-entwaffnende-ironie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wir berichteten<\/a>). Grund genug, nach einer empathischen W\u00fcrdigung durch <em>Winrich Hopp<\/em> und einer Schweigeminute eines seiner letzten Orchesterwerke \u2013 <em>Sirens\u2018 Song <\/em>von 2020 \u2013 erklingen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon hier sp\u00fcrt man, dass <em>Fran\u00e7ois-Xavier Roth <\/em>und das BRSO einen gro\u00dfen Abend haben. Tats\u00e4chlich ist das St\u00fcck f\u00fcr mittelgro\u00dfes Orchester, in dem der Komponist versucht <em>\u201eh\u00f6rbar zu machen, was Odysseus niemals zu Geh\u00f6r bekommen hat\u201c<\/em> (E\u00f6tv\u00f6s) rhythmisch relativ simpel gestrickt. Harmonisch bilden zun\u00e4chst Quint- und Tritonus-Schichten die Basis f\u00fcr liebreizende, zugleich ungreifbare Glissandi und wunderbare Bl\u00e4ser-Klangmischungen. Sp\u00e4ter kommen \u2013 von den B\u00e4ssen ausgehend \u2013 Quartschichtungen hinzu; da wird\u2019s schon gef\u00e4hrlicher \u2013 und die Bl\u00e4ser mutieren zu <em>\u201eKillerv\u00f6geln mit Frauenk\u00f6pfen\u201c<\/em>. Die Streicher ziehen die Zuh\u00f6rer jedoch nach und nach in den Abgrund \u2013 fast unmerklich, ohne dass es laut w\u00fcrde. In einer kurzen Coda \u2013 quasi Dur \u2013 bleibt nur das sonnendurchflutete, ruhige Meer: h\u00fcbsche, v\u00f6llig nachvollziehbare Musik, die mit ihrer Sch\u00f6nheit auch das Publikum bet\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Filidei <\/em>(*1973), der gerade an einer Oper nach Umberto Ecos <em>Der Name der Rose<\/em> arbeitet, hat die drei S\u00e4tze seines gut halbst\u00fcndigen <em>Konzerts f\u00fcr Viola und Orchester<\/em> so ziemlich mit allen technisch-klanglichen M\u00f6glichkeiten gespickt, die sich f\u00fcr das \u2013 verglichen mit der Violine \u2013 solistisch immer noch etwas unterbelichtete Instrument anbieten. Der lange erste Satz <em>Die G\u00e4rten von Vilnius <\/em>ist eine Umarbeitung von Filideis gleichnamigem Cellokonzert. Hierbei bezieht sich der Komponist ausdr\u00fccklich beispielsweise auf die Tradition von Ottorino Respighis Tondichtungen. Die Verbindung von struktureller Klarheit \u2013 hier u.\u00a0a. symmetrische bzw. \u201ekreisf\u00f6rmige\u201c, fraktale Motivbildungen \u2013 und beeindruckender Instrumentationskunst, etwa der konsequenten Auff\u00e4cherung von Ger\u00e4uschen \u00fcber das totale Klangspektrum, sind wie immer bei ihm v\u00f6llig faszinierend; ebenso, wie er die Solo-Viola dramaturgisch einsetzt. Der Mittelsatz ist rein humoristisch, sozusagen ein einziger, comic-artig vertonter Bratschenwitz. <em>Antoine Tamestit<\/em> muss hier auf \u201emetronomische\u201c Vorgaben der Schlagzeuger Skalen, Flageolets usw. \u201e\u00fcben\u201c \u2013 was nat\u00fcrlich schiefl\u00e4uft. Die halbszenische Solistenpose wird dadurch v\u00f6llig dekonstruiert: zur Posse. Dasselbe geschieht mit dem Material im Orchester, deutlich erkennbar etwa der C-Dur-Schlussfuge von Verdis <em>Falstaff <\/em>entnommen; die Einleitungstakte dazu werden \u2013 mittendrin \u2013 gar w\u00f6rtlich zitiert<em>.<\/em> Aberwitzig ironisch erinnert dieses gut getimte Intermezzo den Rezensenten an den Mittelsatz <em>TSIAJ<\/em> (\u201e<em>T<\/em>his <em>S<\/em>cherzo <em>I<\/em>s <em>A<\/em> <em>J<\/em>oke\u201c) von Charles Ives\u2018 Klaviertrio. Das melancholische Finale \u2013 gegen Schluss erklingen nochmals Fragmente aus den S\u00e4tzen zuvor \u2013 bietet schlie\u00dflich Tamestit die Gelegenheit, auf seiner Stradivari zu singen. Hinrei\u00dfend, wie sich diese erf\u00fcllte Pr\u00e4senz seiner Pers\u00f6nlichkeit auf den fast ausverkauften Herkulessaal \u00fcbertr\u00e4gt: gro\u00dfer Beifall f\u00fcr ein musikalisch vielschichtiges Konzert.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl viel k\u00fcrzer, kann <em>Cloudline <\/em>(2021) der jungen Amerikanerin <em>Elizabeth Ogonek <\/em>(*1989) \u2013 wie Filidei pers\u00f6nlich anwesend \u2013 Publikum wie Rezensent fast noch mehr begeistern. Selten hat man ein derartig nat\u00fcrliches, offenkundiges Gesp\u00fcr erlebt, f\u00fcr Orchester zu schreiben. Einerseits ausgehend von Wolken als Naturph\u00e4nomen, andererseits dem Wunsch \u2013 und f\u00fcr die Urauff\u00fchrung in der gigantischen Londoner Royal Albert Hall absolute Notwendigkeit \u2013, mikrotonale Multiphonics der Klarinetten f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen Klangk\u00f6rper regelrecht zu <em>instrumentieren<\/em>, \u00fcberzeugt dieses Werk auf ganzer Linie \u2013 bis ins Detail sensibelst austariert und im wohlklingenden Ergebnis einfach staunenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im krassen Gegensatz zu solcher \u00c4sthetik steht <em>Iannis Xenakis\u2018<\/em> \u201e<em>A\u00efs\u201c <\/em>(= Hades), ein Auftragswerk f\u00fcr die <em>musica viva<\/em> von 1980 (UA 1981). Diese Auseinandersetzung mit dem Tod verlangt neben dem \u00fcblichen Riesenorchester einen Solo-Schlagzeuger \u2013 vor dem Orchester platziert und ganz vortrefflich: <em>Dirk Rothbrust<\/em>. Hauptprotagonist ist allerdings der Bariton, mit einer Partie, die \u2013 wie eigentlich das gesamte St\u00fcck \u2013 eine bewusste Zumutung darstellt. \u00dcber weite Strecken in h\u00f6chster Lage der Kopfstimme, sp\u00e4ter in unglaublich schnellen Wechseln zwischen extrem tiefer \u2013 nur da hat man eine Chance, Textfragmente zu verstehen \u2013 und wiederum exponierter Falsettlage, muss sich der Solist sichtbar nicht nur gesangstechnisch, sondern ebenso emotional total verausgaben. <em>Georg Nigl <\/em>gelingt das einmal mehr \u00fcberragend. Ob singend, schreiend oder deklamierend: Nigls Gestaltung geht an die Nieren, und er ist wohl der erste S\u00e4nger, der hier nicht wie ein unfreiwilliger Kastrat klingt, sondern von Beginn an dunkelste Ernsthaftigkeit zu transportieren vermag. Die leichte, leider suboptimale, da durch die benutzten Monitore zu sehr in die Breite gezogene Verst\u00e4rkung, ist eher ein notwendiges \u00dcbel. Vor solch einem K\u00fcnstler, der ja mit gleicher Energie einen <em>Eisenstein<\/em> (Fledermaus) gibt, kann man sich nur verneigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das BRSO, von jeher mit einem verbl\u00fcffend guten Zugang zur kompakten Musik Xenakis\u2018, legt diesmal wieder eine echte Glanzleistung hin. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich die Begeisterung f\u00fcr diese alles andere als leichte Kost. Und Roth leitet das gesamte Konzert \u2013 auch er dirigiert ohne Taktstock \u2013 handwerklich pr\u00e4zise, hat zudem die unglaubliche Vielfalt verschiedenster Kl\u00e4nge mit klarer Vorstellung verinnerlicht und sie in den Proben seinen Musikern offensichtlich kongenial sehr nahegebracht. Trotz aller Herausforderungen wirkt er auf dem Podium v\u00f6llig entspannt. In allen vier Werken zeigt das BRSO sich in Bestform, ist wirklich zu 100% souver\u00e4n bei der Sache. Der Saal belohnt Solisten, Dirigent und Orchester schlie\u00dflich mit Bravos und ungewohnt langanhaltendem Applaus. Wie gesagt: ein ganz besonderer Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 13.&nbsp;<\/strong><strong>April <\/strong><strong>2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Konzert der musica viva am 12.&nbsp;April 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Fran\u00e7ois-Xavier Roth die Urauff\u00fchrung des Bratschenkonzerts von Francesco Filidei (Solist: Antoine Tamestit), \u201eCloudline\u201c der US-Amerikanerin Elizabeth Ogonek sowie Iannis Xenakis\u2018 unglaublich herausforderndes Werk \u201eA\u00efs\u201c \u2013 mit dem Bariton Georg Nigl und dem Schlagzeuger Dirk Rothbrust. 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