{"id":6308,"date":"2024-04-22T23:53:00","date_gmt":"2024-04-22T21:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6308"},"modified":"2024-04-23T22:06:12","modified_gmt":"2024-04-23T20:06:12","slug":"das-brso-feiert-sein-75-jaehriges-bestehen-mit-schoenbergs-gurre-liedern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/22\/das-brso-feiert-sein-75-jaehriges-bestehen-mit-schoenbergs-gurre-liedern\/","title":{"rendered":"Das BRSO feiert sein 75-j\u00e4hriges Bestehen mit Sch\u00f6nbergs \u201eGurre-Liedern\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Mit einem Galakonzert feierte das<\/em> Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> am 19.&nbsp;April in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie sein 75-j\u00e4hriges Bestehen. Wie schon zum 60. Jubil\u00e4um 2009 spielte man zu diesem Anlass <\/em>Arnold Sch\u00f6nbergs <em>(1874<\/em>\u2013<em>1951) <\/em>\u201eGurre-Lieder\u201c<em>, diesmal freilich unter Leitung von <\/em>Sir Simon Rattle<em>. Zum immensen Aufgebot im Orchester gesellten sich dazu noch der <\/em>Chor des Bayerischen Rundfunks<em>, der<\/em> MDR-Rundfunkchor<em> sowie sechs Solisten \u2013 insgesamt ca. 280 Mitwirkende. Unser Rezensent besuchte die zweite Auff\u00fchrung \u2013 nun ein \u201enormales\u201c Abo-Konzert \u2013 am 20. April.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6309\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/BRSO-Rattle-GURRE-GalaK-Schlussapplaus1-20240419-cBR-Astrid-Ackermann.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Applaus f\u00fcr die Mitwirkenden der Auff\u00fchrung vom 19. April 2024 \u00a9&nbsp;BR Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eWie sich die Bilder gleichen\u201c, stellt man zun\u00e4chst verwundert fest, weil das BRSO anl\u00e4sslich seines 75. Geburtstags dasselbe St\u00fcck ausgew\u00e4hlt hat wie bereits zum 60. Jubil\u00e4um \u2013 damals unter der Leitung von Mariss Jansons in der Gasteig-Philharmonie. Doch erstens rechtfertigt dies der anstehende 150. Geburtstag des Komponisten Arnold Sch\u00f6nberg am 13.&nbsp;September \u2013 dieses Jahr h\u00e4ufen sich die runden Klassik-Events, da ist Bruckner nur einer von vielen. Und nat\u00fcrlich ben\u00f6tigt der immense Aufwand f\u00fcr dessen <em>Gurre-Lieder <\/em>eigentlich immer einen besonderen Aufh\u00e4nger, um \u00fcberhaupt eine Auff\u00fchrung zu realisieren. Diese Besprechung soll auch keinen direkten Vergleich von Jansons&#8216; und <em>Sir Simon Rattles<\/em> Darbietungen liefern, obwohl sich ihre Auffassungen von dieser gewaltigen Kantate nicht unerheblich unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur die B\u00fchne \u2013 die f\u00fcr das gigantische Orchesteraufgebot mit beispielsweise 8 Fl\u00f6ten, 7 Klarinetten, 10 H\u00f6rnern usw. sogar vorne noch einen \u201eAnbau\u201c erfordert \u2013 ist an diesem Abend rappelvoll, sondern ebenso der Zuschauerraum: Beide Vorstellungen waren seit Wochen restlos ausverkauft. Und das M\u00fcnchner Abo-Publikum muss man f\u00fcr sein Vertrauen loben, sich 110 Minuten reinen Sch\u00f6nberg anzutun, der hier \u00fcber weite Strecken entgegen sicher mancher Bef\u00fcrchtungen unerfahrenerer H\u00f6rer noch ganz wie Wagner oder Richard Strauss klingt. Der Aufwand, in jeder Instrumentenfamilie quasi \u00fcber den kompletten Tonumfang und entsprechendes Klangvolumen zu verf\u00fcgen, dient im ersten Teil dazu, den \u00fcblichen sp\u00e4tromantischen Mischkl\u00e4ngen \u2013 Musterbeispiel etwa Brahms \u2013 sehr reine Kl\u00e4nge selbst bei komplexeren Akkorden entgegenzusetzen. Durch das dichte, polyphone Stimmengeflecht entstehen so einerseits unglaublich neuartige Klangfl\u00e4chen, andererseits enorm individuelle Mischungen, wie man sie 1900 \u2013 da begann Sch\u00f6nberg bereits mit der Instrumentation \u2013 noch nicht mal von R. Strauss geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade bei den Naturstimmungen evozierenden Klangfl\u00e4chen gleich zu Beginn agiert Rattle an diesem Abend ein wenig tranig, was rhythmischer Klarheit nicht unbedingt f\u00f6rderlich, vielleicht jedoch bewusst so gewollt ist. Dem Rezensenten schien die Aufnahme vom Vortag, die gleich nach dem zweiten Konzert im BR-Fernsehen zu sehen war, im gesamten Ersten Teil der Kantate sp\u00fcrbar fl\u00fcssiger. M\u00f6glicherweise kann der Dirigent durch die ruhigeren Tempi dadurch den S\u00e4ngern \u2013 an zwei aufeinander folgenden Tagen sind solche Partien eine echte <em>tour de force<\/em> \u2013 stellenweise helfen, ihre Stimmen ein wenig zu schonen. So bleibt jedoch ein wichtiger Aspekt dieser Musik, der schon in Alban Bergs umf\u00e4nglicher Analyse zur Sprache kommt, auf der Strecke. Zwar gelingt es Rattle \u00fcber das ganze St\u00fcck, die leitmotivische Bedeutung der zahlreichen Themen ad\u00e4quat mit dem n\u00f6tigen Wiedererkennungswert zu gestalten; dass es sich aber bei den neun Wechselges\u00e4ngen zwischen <em>Waldemar <\/em>(<em>Simon O\u2019Neill<\/em>) und <em>Tove <\/em>(<em>Dorothea R\u00f6schmann<\/em>) formal um echte Lieder handelt, geht schon dadurch etwas verloren, weil Rattle die spezifische Charakteristik der einzelnen Melodien nicht genug herausarbeitet und zu rasch im allgemeinen Stimmengewirr untergehen l\u00e4sst. Dass Sch\u00f6nberg die jeweiligen Hauptmelodien in den Zwischenspielen zudem \u2013 in der Informatik w\u00fcrde man das <em>Morphing<\/em> nennen \u2013 ineinander verwandelt, bleibt unklar. Das wird im \u2013 freilich eindeutig symphonischeren \u2013 <em>Lied der Waldtaube <\/em>(<em>Jamie Barton<\/em>) dann zum Gl\u00fcck viel besser.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00f6schmanns Stimme kann die naturverbundene Jugendlichkeit Toves ber\u00fchrend her\u00fcberbringen, kommt jedoch nur in der H\u00f6he wirklich \u00fcbers Orchester. Ihre empathische Ausdrucksst\u00e4rke ist daf\u00fcr Weltklasse. O\u2019Neill artikuliert klangsch\u00f6n und stilvoll, in tieferer Lage wirkt er ein wenig kn\u00f6delig. Seine Darstellung der sich st\u00e4ndig wandelnden psychischen Befindlichkeiten Waldemars \u00fcberzeugt gleicherma\u00dfen. Gegen das Orchester hat er allerdings \u2013 wie wohl alle Heldenten\u00f6re, die sich an diese Partie herangewagt haben \u2013 oft keine Chance. Er teilt sich seine Kraft gut ein und vermag gerade im zweiten (<em>\u201eHerrgott, wei\u00dft du, was du tatest [?]\u201c<\/em>) und dritten Teil (<em>\u201eDu strenger Richter droben\u201c<\/em>) das Publikum zu Recht zu begeistern \u2013 und: H\u00f6he hat der Mann! Barton verf\u00fcgt \u00fcber eine untadelige Diktion und W\u00e4rme. Auch ihre Stimme erscheint im HP8 bei dieser Mezzo-Paraderolle etwas d\u00fcnn, wird erst ab <em>\u201eDen Sarg sah ich auf des K\u00f6nigs Schultern\u201c <\/em>glaubw\u00fcrdig unheimlich, ger\u00e4t sp\u00e4ter (<em>\u201eWollt ein M\u00f6nch\u2026\u201c<\/em>) zu brustig. Das ginge sicher in anderen S\u00e4len besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesem Riesenwerk wird einmal mehr deutlich, dass der HP8 zwar eine ordentliche Interimsl\u00f6sung ist, jedoch seine Schw\u00e4chen nicht wegzudiskutieren sind. Simon Rattle wird auch an den lauten Stellen niemals knallig, jedoch haben wichtige H\u00f6hepunkte \u2013 namentlich der im Orchester pr\u00e4gnant dargestellte Todessto\u00df f\u00fcr Tove [Ziffer 95] \u2013 zu wenig Durchschlagskraft, einzig der Akustik geschuldet. Und die Eisenketten w\u00e4hrend des M\u00e4nnerchors von <em>Waldemars Mannen<\/em> sind kaum zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause kommen dann zus\u00e4tzlich der <em>Chor des Bayerischen Rundfunks<\/em> und der <em>MDR-Rundfunkchor<\/em> auf die B\u00fchne \u2013 gut 70 Herren und ca. 40 Damen; letztere werden nur im Schlusschor ben\u00f6tigt. Einstudiert von <em>Peter Dijkstra<\/em> liefern insbesondere die Herrench\u00f6re \u2013 in der brutalen \u201eZombie\u201c-Szene <em>\u201eGegr\u00fc\u00dft, o K\u00f6nig\u201c<\/em> sind sie dreigeteilt, also zw\u00f6lfstimmig (!) \u2013 wahre Glanzleistungen ab. Besonderes Lob gilt der wunderbaren, intonatorisch perfekten Realisierung des intrikat schweren Chores <em>\u201eDer Hahn erhebt den Kopf zur Kraht\u201c. <\/em>Die Damen setzen dem Ganzen sp\u00e4ter die Krone auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Bauer<\/em> von <em>Josef Wagner <\/em>ist mir anfangs zu unbeteiligt, dann ab dem lyrischeren Abschnitt <em>\u201eIch schlage drei heilige Kreuze\u201c <\/em>beseelter. Wirklich den Vogel ab (<em>&#8222;Ein seltsamer Vogel ist so&#8217;n Aal&#8220;<\/em>) schie\u00dft bei den Solisten der Charaktertenor <em>Peter Hoare. <\/em>Wie so mancher Fachkollege mit einem speziellen Timbre beg\u00fcnstigt, braucht er bei der scherzom\u00e4\u00dfigen Arie des <em>Klaus-Narr <\/em>nicht gegen das Orchester zu k\u00e4mpfen, das den hierbei kurz aufblitzenden Strauss\u2019schen Humor ebenfalls besonders zu m\u00f6gen scheint \u2013 herrlich. Im letzten Abschnitt \u2013 hier merkt man, dass sich Sch\u00f6nbergs Orchestersprache und sein harmonisches Verst\u00e4ndnis in den zehn Jahren bis zur endg\u00fcltigen Fertigstellung der Gurre-Lieder sp\u00fcrbar gewandelt hat \u2013 ben\u00f6tigt man einen Sprecher mit beinahe prophetischer \u00dcberzeugungskraft: Die hat der fabelhafte <em>Thomas Quasthoff <\/em>bei <em>Des Sommerwindes wilde Jagd <\/em>zweifellos. Absolut faszinierend, wie er \u2013 nicht ganz ohne Ironie, aber die gegen Schluss arg blumige Sprache komplett ernstnehmend \u2013 das vorherige symbolistische Drama in ein selbstverst\u00e4ndliches Naturereignis umzum\u00fcnzen versteht, wo die Sonne f\u00fcr stetige Erneuerung sorgt. Rattle und sein Orchester bl\u00fchen in der zweiten H\u00e4lfte nun v\u00f6llig auf: Die gewaltigen Chorszenen genau wie der viel kammermusikalischer gepr\u00e4gte Schlussteil gelingen \u00fcberaus differenziert und anr\u00fchrend,  werden so den hohen Anspr\u00fcchen von Publikum und Musikern gleicherma\u00dfen gerecht \u2013 grandioser Beifall und schlie\u00dflich Standing Ovations.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 21. April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Galakonzert feierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 19.&nbsp;April in der M\u00fcnchner Isarphilharmonie sein 75-j\u00e4hriges Bestehen. Wie schon zum 60. Jubil\u00e4um 2009 spielte man zu diesem Anlass Arnold Sch\u00f6nbergs (1874\u20131951) \u201eGurre-Lieder\u201c, diesmal freilich unter Leitung von Sir Simon Rattle. 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