{"id":6311,"date":"2024-04-23T10:40:00","date_gmt":"2024-04-23T08:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6311"},"modified":"2024-04-23T03:41:39","modified_gmt":"2024-04-23T01:41:39","slug":"helmut-hofmanns-abschiedskonzert-mit-schuberts-winterreise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/23\/helmut-hofmanns-abschiedskonzert-mit-schuberts-winterreise\/","title":{"rendered":"Helmut Hofmanns Abschiedskonzert mit Schuberts \u201eWinterreise\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit Helmut Hofmann hat sich ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Musiker vom Konzertpodium verabschiedet. Ein w\u00fcrdigerer Beschluss seiner Pianistenlaufbahn als jene Auff\u00fchrung der <em>Winterreise<\/em> im Saal der Musikschule von St.&nbsp;Andr\u00e4-W\u00f6rdern, die Hofmann gemeinsam mit dem Bariton G\u00fcnter Haumer am 13.&nbsp;April 2024 ins Werk setzte, lie\u00dfe sich schwerlich denken, kam doch mit Franz Schubert derjenige Komponist zu Wort, dessen Schaffen seit einem Vierteljahrhundert im Zentrum der musikwissenschaftlichen Arbeit Hofmanns steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 1934 geborene Helmut Hofmann ist ein Mann mit vielen Talenten und Interessen. An der Wiener Musikakademie von einer Reihe bedeutender Lehrer \u2013 darunter Alfred Uhl, Otto Schulhof, Erwin Ratz und Josef Mertin \u2013 umfassend ausgebildet, entschied er sich nicht f\u00fcr die Musik als Brotberuf, sondern wurde Jurist und arbeitete im Bankenwesen. Auch war er lange Jahre als Sportfunktion\u00e4r in der Wiener Leichtathletik t\u00e4tig. Als Pianist gab er Konzerte in seiner \u00f6sterreichischen Heimat, au\u00dferdem in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Italien. 2001 erschien sein Buch <em>Franz Schubert: Das Zeitma\u00df in seinem Klavierwerk<\/em> in der Edition Text+Kritik als Band 114 der Reihe Musik-Konzepte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich in St.&nbsp;Andr\u00e4-W\u00f6rdern \u2013 einige Kilometer donauaufw\u00e4rts von Wien \u2013 eingefunden hatte, konnte sich nicht nur davon \u00fcberzeugen, wie tief Hofmann in Schuberts Liedschaffen eingedrungen ist, sondern auch, mit welchem Feingef\u00fchl er die Rolle des Begleiters ausf\u00fcllt. G\u00fcnter Hauners kraftvolle, lyrische Baritonstimme stand durchweg im Zentrum des Geschehens. Nie hatte man das Gef\u00fchl, der Pianist nehme sich gegen\u00fcber seinem S\u00e4nger mehr als eine begleitende Funktion heraus. Hofmann versteht es, pr\u00e4sent zu bleiben, ohne zu forcieren. Er bildet immer \u201enur\u201c den Hintergrund f\u00fcr den Gesang, aber in diesem Hintergrund ist, ohne sich aufzudr\u00e4ngen, alles da, was zu h\u00f6ren sein muss. Wie sch\u00f6n bewahrheitet sich in dieser Wiedergabe Donald Toveys auf Schubert gem\u00fcnztes Wort, dass ein guter Kontrapunktiker einer ist, der gute B\u00e4sse schreibt! Die Dialoge des Klaviers mit der Singstimme kommen ebenso trefflich zur Geltung wie die Dialoge innerhalb des Klaviersatzes. Auch wie Hofmann den Anschlag variiert, mu\u00df man loben. So gelingen ihm nicht nur starke Kontraste wie im Fr\u00fchlingstraum oder zwischen den beiden vorletzten Liedern <em>Mut<\/em> (sehr hart) und <em>Die Nebensonnen<\/em> (sanft, aber v\u00f6llig unsentimental), sondern auch Darstellungen seltsamer Mischzust\u00e4nde, wie sie der Dichter Wilhelm M\u00fcller durch die Gegen\u00fcberstellung fl\u00fcssigen und gefrorenen Wassers andeutet. In <em>Gefrorene Tr\u00e4nen<\/em> und <em>Auf dem Flusse<\/em> meint man tats\u00e4chlich, inneren Erstarrungsprozessen zuzuh\u00f6ren. Die Musik klingt hier kantig, widerspenstig, und verliert doch nicht einen Rest von Leichtigkeit, der sie weiter flie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Feinsinnig und mit echter Hingabe f\u00fchren Haumer und Hofmann durch die Abgr\u00fcnde dieses d\u00fcstersten Werkes der Liedliteratur. Nach Verklingen der letzten T\u00f6ne des <em>Leiermanns<\/em> verriet ein Moment der Stille deutlich die Ergriffenheit der Zuh\u00f6rer, bevor sie den K\u00fcnstlern ihren verdienten Applaus zu Teil werden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Helmut Hofmann sich nun vom Konzertpodium zur\u00fcckzieht, so w\u00fcnscht man ihm umso mehr ein gutes Vorankommen bei seinen wissenschaftlichen Forschungen. Eine gro\u00df angelegte Studie \u00fcber die Interpretation der Schubertschen Instrumentalmusik, Frucht 20-j\u00e4hriger Arbeit, steht, wie man dem Programmheft des Liederabends entnimmt, kurz vor ihrer Vollendung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Helmut Hofmann hat sich ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Musiker vom Konzertpodium verabschiedet. 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