{"id":6336,"date":"2024-04-25T00:22:00","date_gmt":"2024-04-24T22:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6336"},"modified":"2024-04-26T15:43:33","modified_gmt":"2024-04-26T13:43:33","slug":"perchtoldsdorf-erkundet-die-musikalische-welt-von-franz-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/25\/perchtoldsdorf-erkundet-die-musikalische-welt-von-franz-schmidt\/","title":{"rendered":"Perchtoldsdorf erkundet die musikalische Welt von Franz Schmidt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Franz Schmidt-Sinfonieorchester spielte am 14.&nbsp;April 2024 in der Pfarrkirche St.&nbsp;Augustin in Perchtoldsdorf unter der Leitung von Anthony Jenner ein Franz Schmidt gewidmetes Programm mit Werken verschiedener Besetzungen. An der Franz-Schmidt-Orgel der Pfarrkirche und am originalen Fl\u00fcgel des Komponisten war Stefan Donner zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"523\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin-1024x523.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6355\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin-1024x523.png 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin-300x153.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin-768x392.png 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin-1536x785.png 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Perchtoldsdorf-St.-Augustin.png 1795w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>St. Augustin, Perchtoldsdorf<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das musikalische \u00d6sterreich hat 2024 einige Gr\u00fcnde zu festlichen Jubil\u00e4umsveranstaltungen, denn ins laufende Jahr fallen die runden Gedenktage gleich mehrerer herausragender \u00f6sterreichischer Komponisten. Am meisten pr\u00e4sent ist dabei Anton Bruckner, dessen Geburtstag sich im September zum 200. Male j\u00e4hren wird. (Siehe dazu auch unseren<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/29\/der-fromme-revolutionaer-in-wien-eine-ausstellung-zum-200-geburtstag-anton-bruckners\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/03\/29\/der-fromme-revolutionaer-in-wien-eine-ausstellung-zum-200-geburtstag-anton-bruckners\/\"> Bericht \u00fcber die Bruckner-Ausstellung der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek<\/a>.) Nicht lange danach steht der 150. Geburtstag Arnold Sch\u00f6nbergs an, und im November der 50. Todestag von Egon Wellesz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein nicht minder wichtiges Jubil\u00e4um ist der 150. Geburtstag Franz Schmidts am 22. Dezember 2024. Der im heutigen Bratislava geborene Komponist der <em>Notre Dame<\/em> und des <em>Buchs mit sieben Siegeln<\/em> lebte von 1888 bis 1926 in Wien, danach in der s\u00fcdwestlich angrenzenden Marktgemeinde Perchtoldsdorf, wo er 1939 gestorben ist. Was das diesj\u00e4hrige Gedenken an den Meister betrifft, so hat der Vorort die Hauptstadt in den Schatten gestellt: Seit Ende Februar wird in Perchtoldsdorf mit einer Konzertreihe an Schmidt erinnert, die sich bis zur Feier seines Geburtstags im Dezember auf insgesamt zw\u00f6lf Veranstaltungen erstrecken wird. Durchgef\u00fchrt werden sie von der Perchtoldsdorfer Franz-Schmidt-Musikschule, die nicht nur durch ihren Namen und die Pflege seiner Werke an den Komponisten erinnert, sondern auch durch ihre Innenausstattung: In den Direktionsr\u00e4umen steht normalerweise neben originalen M\u00f6belst\u00fccken aus Schmidts letzter Wohnung, darunter Schr\u00e4nken, in welchen Partituren, B\u00fccher und andere Gegenst\u00e4nde aus seinem pers\u00f6nlichen Besitz verwahrt werden, auch der B\u00f6sendorfer-Fl\u00fcgel, auf dem der Meister daheim zu Musizieren pflegte. Wer jedoch am 14.&nbsp;April 2024 die Musikschule betrat, fand das Klavier nicht an seiner \u00fcblichen Stelle: Man hatte es in die nahegelegene Pfarrkirche St.&nbsp;Augustin gebracht. In dieser Kirche, die sich burgenartig \u00fcber den Marktplatz der Gemeinde erhebt, ereignete sich am Abend desselben Tages das zweite Konzert des Perchtoldsdorfer Schmidt-Zyklus.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Motto <em>Die musikalische Welt von Franz Schmidt<\/em> pr\u00e4sentierte das Franz Schmidt-Sinfonieorchester unter Leitung des Regenschori der Pfarrkirche, Anthony Jenner, gemeinsam mit dem Organisten und Pianisten Stefan Donner ein Programm, das Schmidts k\u00fcnstlerische Vielseitigkeit verdeutlichte. Das Konzert begann mit einer Hommage des Komponisten an seine ungarischen Wurzeln, den <em>Variationen \u00fcber ein Husarenlied<\/em>. Gespielt wurde nicht das komplette Orchesterwerk, sondern eine Kurzfassung, in welcher, gewiss aus R\u00fccksicht auf das zu einem gro\u00dfen Teil aus Musiksch\u00fclern und Laienmusikern bestehende Orchester, die ausgedehnte langsame Einleitung des Werkes und einige der Variationen fortgelassen wurden. Weiter ging es mit dem gro\u00dfen Orgelkomponisten, von dem Stefan Donner auf der Franz-Schmidt-Orgel der Pfarrkirche zwei St\u00fccke zu Geh\u00f6r brachte: die Toccata C-Dur und das G-Dur-Pr\u00e4ludium aus den <em>Vier kleinen Pr\u00e4ludien und Fugen<\/em>. Der Organist w\u00e4hlte deutlich kontrastierende Registrierungen f\u00fcr die charakterlich sehr verschiedenen St\u00fccke. Klang die Toccata hell, strahlend und durchdringend, so war das ruhige Pr\u00e4ludium in dezente, warme Klangfarben geh\u00fcllt. Loben muss man Donners Tempogestaltung in der Toccata. Er spielte sehr gebunden und w\u00e4hlte ein relativ gemessenes Zeitma\u00df, das es ihm erm\u00f6glichte, die harmonischen Ereignisse, die sich in der gleichm\u00e4\u00dfig str\u00f6menden Sechzehntelbewegung des St\u00fcckes verbergen, ad\u00e4quat zur Geltung zu bringen. Eine gro\u00dfartige Auff\u00fchrung!<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Programms stand ein heiteres Gelegenheitswerk, mit dem Schmidt all jenen einen Haken schl\u00e4gt, die ihn allein auf den tiefgr\u00fcndigen Harmoniker, strengen Kontrapunktiker und schwerbl\u00fctigen Introvertierten festnageln wollen: Vermutlich in den sp\u00e4ten 1900er Jahren w\u00e4hrend eines Ferienaufenthalts f\u00fcr das Familienensemble seines Freundes Alexander Wunderer entstanden, zeigt die <em>Tullnerbacher Blasmusik<\/em> den K\u00fcnstler von einer unbeschwerten, volkst\u00fcmlichen Seite. Grundlage dieses kleinen dreis\u00e4tzigen Werkes sind \u00f6sterreichische Heimatmelodien. Schmidt hat aus ihnen ein Lied, einen L\u00e4ndler und einen Marsch zusammengestellt und effektvoll f\u00fcr Bl\u00e4ser und Schlagzeug gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Amad\u00e9 Mozarts Rondo f\u00fcr Klavier und Orchester A-Dur KV&nbsp;386 war der Grund f\u00fcr die \u00dcberf\u00fchrung des Schmidtschen B\u00f6sendorfer-Fl\u00fcgels in die St.&nbsp;Augustinskirche. Diese lange Zeit nur in fragmentarischer Gestalt bekannte Komposition Mozarts wurde 1936 von Alfred Einstein rekonstruiert und herausgegeben. Franz Schmidt war der Pianist, der das Werk am 12.&nbsp;Februar 1936 gemeinsam mit den Wiener Symphonikern unter Oswald Kabasta erstmals wieder an die \u00d6ffentlichkeit brachte. Die Auff\u00fchrung wurde von Radio Wien mitgeschnitten und bis nach Amerika \u00fcbertragen. In Perchtoldsdorf kam es also auf Schmidts eigenem B\u00f6sendorfer zu Geh\u00f6r, gespielt von Stefan Donner, der allerdings an der Orgel mehr in seinem Element zu sein scheint als am Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beschluss war Donner wieder an der Orgel zu h\u00f6ren, als er gemeinsam mit dem Orchester Schmidts gewaltige, halbst\u00fcndige Chaconne cis-Moll auff\u00fchrte. Das Werk liegt vom Komponisten selbst in zwei Fassungen vor: als Orgelst\u00fcck und als nach d-Moll transponiertes Orchesterwerk. Dirigent Anthony Jenner hatte anl\u00e4sslich des Konzerts beide Versionen miteinander kombiniert, wobei er die lange, durch vier Kirchent\u00f6ne wandernde Variationenreihe sehr geschickt auf die zwei Klangk\u00f6rper verteilte (die urspr\u00fcngliche Tonart cis-Moll wurde beibehalten). Einige Variationen spielt nur die Orgel, andere nur das Orchester. Manche werden von beiden vorgetragen. Was die Leistung des Orchesters in diesem Werk wie in den <em>Husarenlied-Variationen<\/em> betrifft, so will ich die Probleme, die sich bei der Bew\u00e4ltigung der ungemein schwierigen Aufgaben einstellten, gar nicht schwer ins Gewicht fallen lassen. Ja, es zeigten sich immer wieder einmal Intonationsschw\u00e4chen, und ja, in der Chaconne verungl\u00fcckte eine der Variationen zu einer undurchsichtigen, dunklen Klangwolke. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen schlugen sich die Orchestermusiker mehr als wacker und begeisterten durch die Disziplin und den Enthusiasmus, mit denen sie zu Werke gingen! Anthony Jenner muss man als einen wahren Meister der Orchesterarbeit bezeichnen, anders ist ein solches Resultat nicht zu erkl\u00e4ren. Jenner, ein in der Zeichengebung sparsamer und pr\u00e4ziser Dirigent, bei dem jede Bewegung ihre Ursache hat, hetzte seine Spieler nie, sondern setzte auf sorgf\u00e4ltige Artikulation und auf spannungsvolle Ausgestaltung der melodischen B\u00f6gen. Die einzelnen Orchestergruppen interagierten gut aufeinander eingespielt, und alle schienen eine klare Vorstellung von der Bedeutung ihrer Stimmen zu haben. Ja, in der einfach gehaltenen <em>Tullnerbacher Blasmusik<\/em>, die den Ausf\u00fchrenden keine solchen H\u00fcrden in den Weg legt wie die polyphonen, chromatischen Orchesterwerke, stimmte uneingeschr\u00e4nkt alles, sodass die Auff\u00fchrung dieses Werkes als die herausragende Ensembledarbietung des Abends erschien. Dennoch geb\u00fchrt den Mitgliedern des Orchesters f\u00fcr den Mut, sich an die Variationen und die Chaconne zu wagen, und f\u00fcr das allen Schw\u00e4chen zum Trotz letztlich gelungene Ergebnis ein vielleicht noch gr\u00f6\u00dferer Respekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall war dieses Konzert ein Triumph f\u00fcr das musikalische Perchtoldsdorf! Auf die weiteren Veranstaltungen der Marktgemeinde zum Franz-Schmidt-Jubil\u00e4um kann man jedenfalls gespannt sein. Namentlich den Wienern sei empfohlen, im Auge zu behalten, was sich im Nachbarort in Sachen Schmidt tut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Franz Schmidt-Sinfonieorchester spielte am 14.&nbsp;April 2024 in der Pfarrkirche St.&nbsp;Augustin in Perchtoldsdorf unter der Leitung von Anthony Jenner ein Franz Schmidt gewidmetes Programm mit Werken verschiedener Besetzungen. An der Franz-Schmidt-Orgel der Pfarrkirche und am originalen Fl\u00fcgel des Komponisten war Stefan Donner zu h\u00f6ren. 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