{"id":6338,"date":"2024-04-24T01:32:22","date_gmt":"2024-04-23T23:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6338"},"modified":"2024-04-24T20:23:07","modified_gmt":"2024-04-24T18:23:07","slug":"patrick-hahn-mit-zemlinsky-beim-muenchner-rundfunkorchester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/24\/patrick-hahn-mit-zemlinsky-beim-muenchner-rundfunkorchester\/","title":{"rendered":"Patrick Hahn mit Zemlinsky beim M\u00fcnchner Rundfunkorchester"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nur einen Tag nach Arnold Sch\u00f6nbergs \u201eGurre-Liedern\u201c besuchte unser Rezensent im M\u00fcnchner Prinzregententheater das Sonntagskonzert des <\/em>M\u00fcnchner Rundfunkorchesters <em>vom 21.&nbsp;April 2024 unter <\/em>Patrick Hahn<em>. Auf dem Programm standen zwei Kompositionen <\/em>Alexander Zemlinskys<em>: Die <\/em>Sinfonietta<em> op.&nbsp;23 sowie die fabelhafte <\/em>\u201eLyrische Symphonie\u201c<em> op.&nbsp;18, in der <\/em>Johanni van Oostrum<em> und <\/em>Milan Siljanov<em> die beiden Gesangspartien gestalteten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6348\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-1536x1025.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/4.-Sonntagskonzert-2023-BR-Markus-Konvalin-R5_B1435-CR3-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>M\u00fcnchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn, Johanni van Oostrum, Milan Siljanov<br \/>\u00a9 BR\/Markus Konvalin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn man unmittelbar nach den Jubil\u00e4umskonzerten zum 75-j\u00e4hrigen Bestehens des BRSO als zweiter Klangk\u00f6rper des Bayerischen Rundfunks nicht nur gratulieren, sondern ein Zeichen f\u00fcr die Leistungsf\u00e4higkeit des kleineren <em>M\u00fcnchner Rundfunkorchesters<\/em> setzen wollte, war es vielleicht nicht unbedingt die kl\u00fcgste Idee, sein Sonntagskonzert ausschlie\u00dflich dem Wiener Komponisten <em>Alexander Zemlinsky<\/em> (1871\u20131942) zu widmen. Nur eingefleischte Fans \u2013 der Rezensent geh\u00f6rt freilich dazu \u2013 gerade dieser musikalischen Stilepoche werden die Gelegenheit ergriffen haben, quasi im Tagesabstand zwei so hochbedeutende, dazu \u00e4u\u00dferst selten gespielte Werke wie Arnold Sch\u00f6nbergs \u201eGurre-Lieder\u201c und Zemlinskys <em>\u201eLyrische Symphonie\u201c<\/em> anh\u00f6ren zu wollen. So war das Prinzregententheater an diesem Sonntagabend kaum zu zwei Dritteln gef\u00fcllt. Widmete die alte MGG (<em>Musik in Geschichte und Gegenwart<\/em>) von 1968 dem Lehrer Sch\u00f6nbergs noch weniger als eine Textspalte und wurde Zemlinskys Musik bis zu Beginn der 1980er Jahre so gut wie nicht gespielt, sind dessen ausgezeichnete Opern und Streichquartette, vor allem jedoch seine offenkundig an Mahlers <em>Lied von der Erde<\/em> ankn\u00fcpfende <em>Lyrische Symphonie<\/em>, in der sieben Gedichte des bengalischen Literaturnobelpreistr\u00e4gers <em>Rabindranath Tagore <\/em>vertont werden, mittlerweile sicher im Repertoire verankert und auch auf Tontr\u00e4gern gut zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Patrick Hahn<\/em>, der sympathische Erste Gastdirigent des Rundfunkorchesters, beginnt den Abend mit der dreis\u00e4tzigen <em>Sinfonietta <\/em>von 1934, in der Zemlinsky von seiner Verwurzelung in der Sp\u00e4tromantik l\u00e4ngst abger\u00fcckt ist \u2013 und selbst die <em>Roaring Twenties <\/em>allenfalls noch als Nachklang wirken. Das St\u00fcck ist heterogen, hochartifiziell, schwankt zwischen brillantem Humor, virtuosem Aberwitz und durchaus depressiven Vorahnungen. Hahn dirigiert dies alles kraftvoll und souver\u00e4n \u2013 die linke Hand k\u00f6nnte dabei noch mehr gestalten als nur Dynamik und Eins\u00e4tze zu verwalten. Das Orchester hat sichtbar Spa\u00df an dieser diffizilen Musik, klingt gerade in den knackigen Tuttis des Kopfsatzes pr\u00e4chtig, bleibt in dessen komplexer Polyphonie und den eher kammermusikalischen Phrasen gleicherma\u00dfen durchsichtig. In der d\u00fcsteren Ballade des zweiten Satzes werden die grundierenden Ostinati flexibel aufgefasst, die gut gef\u00fchrte Dynamik f\u00fchrt zu einem H\u00f6hepunkt ohne Pathos mit ebenso organischem Abbau. Die hervorragende Leistung der Holzbl\u00e4ser (Klarinettensolo!) ist besonders hervorzuheben. Das Finale beginnt fein, wird im Forte dann leicht l\u00e4rmend, gegen Schluss regelrecht wild, ohne seinen Humor zu verlieren und wird dabei von Hahn umsichtig kontrolliert: eine beachtliche Leistung des Orchesters.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor der Pause wird dann von Moderatorin <em>Anna Greiter <\/em>mit dem Dirigenten und live demonstrierten Klangbeispielen die <em>Lyrische Symphonie \u2013<\/em> die heuer ihren 100. Geburtstag feiert \u2013 vor allem wohl f\u00fcr die zugeschalteten Rundfunkh\u00f6rer erkl\u00e4rt. Nat\u00fcrlich soll hier eben nicht in erster Linie ein Fachpublikum angesprochen werden, jedoch ger\u00e4t das Vorhaben durch unsagbar d\u00fcmmliche Fragen fast zur Farce. Nein \u2013 in dem St\u00fcck geht es nie um plumpe Erotik, vielmehr um geschlechterspezifische Stereotypen und die darin begr\u00fcndeten Schwierigkeiten von Beziehungen \u00fcberhaupt. Und wenn die musikgeschichtliche Nachwirkung von Zemlinskys St\u00fcck \u2013 von Alban Bergs <em>Lyrischer Suite <\/em>bis etwa zu Michael Gielens <em>Un Vieux Souvenir <\/em>\u2013 komplett unterschlagen wird, ist das schon traurig. Der Programmhefttext von Wolfgang St\u00e4hr hingegen ist v\u00f6llig ad\u00e4quat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rundfunkorchester hatte bei der Vorbereitung doppeltes Pech mit gleich zwei Absagen f\u00fcr die Sopranpartie hintereinander (Marlis Petersen bzw. Vera-Lotte Boecker), so dass die S\u00fcdafrikanerin <em>Johanni van Oostrum<\/em> \u00e4u\u00dferst kurzfristig eingesprungen sein muss. Sie singt stimmlich sch\u00f6n und gestaltet differenziert \u2013 die Stimme ist aber leider selbst f\u00fcr diese in den Streichern klar unterdimensionierte Besetzung zu klein. Zemlinsky hat kongenial aus den 85 unzusammenh\u00e4ngenden Gedichten aus Tagores Band <em>Der G\u00e4rtner<\/em> zwar keinen wirklichen \u201ePlot\u201c exzerpiert. Aber die ausgew\u00e4hlten Texte zeichnen teleologisch, dabei kreisf\u00f6rmig eine Beziehungsentwicklung nach: von der Sehnsucht des Mannes und der m\u00e4dchenhaften Schw\u00e4rmerei f\u00fcr den \u201eM\u00e4rchenprinzen\u201c \u00fcber Eroberung, gegenseitiges Unverst\u00e4ndnis in Ekstase, Loslassen bzw. Verlassen bis hin zum erneuten Alleinsein. Beim Sopran hat der Komponist dies viel deutlicher in die Gesangsstimme integriert als beim Bariton. Der extremen Spannweite von jugendlichem \u00dcberschwang im 2.&nbsp;Gesang bis zur Eisesk\u00e4lte mit nicht mehr tonalen Intervallg\u00e4ngen im 6.&nbsp;Gesang wird van Oostrum noch nicht wirklich gerecht, erwischt manchmal auch nicht alle T\u00f6ne korrekt. Perfekt hat dies nach Meinung des Rezensenten bisher vielleicht nur Julia Varady in der Aufnahme mit ihrem Gatten Dietrich Fischer-Dieskau hinbekommen. Bei <em>Milan Siljanov<\/em> sp\u00fcrt man dagegen sofort, dass er sich eingehend mit Text und Musik auseinandergesetzt hat: Textverst\u00e4ndlichkeit, Diktion, Emotion \u2013 alles wirklich \u00fcberzeugend. Seine auffallend einnehmende Stimme kommt ohne M\u00fche \u00fcber das Orchester und seine Darbietung erfasst die Vielschichtigkeit der Partie gut, vermeidet dabei bewusst \u00dcbertreibungen, gerade im 3.&nbsp;Lied, und \u00fcberl\u00e4sst dies dem Orchester.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00fcnchner Rundfunkorchester stellt die enorme Farbigkeit \u2013 hier \u00fcbertrifft der erfahrene Zemlinsky sogar die \u201eGurre-Lieder\u201c seines Sch\u00fclers Sch\u00f6nberg \u2013 ganz hervorragend zur Schau. Die vielen Effekte \u2013 namentlich Glissandi \u2013 in allen Instrumentengruppen wirken daher eher schmerzlich, emotional \u00fcberw\u00e4ltigt oder einfach als tonmalerische Natur-Mimesis: grandios z.&nbsp;B. die Stelle im 4.&nbsp;Gesang bei <em>\u201eder Wind seufzt durch die Bl\u00e4tter\u201c<\/em>. Den gro\u00dfen symphonischen Zusammenhang kann Patrick Hahn allerdings nicht \u00fcberall herstellen. Bei den echten H\u00f6hepunkten bzw. Zwischenspielen, wo Zemlinsky dann tats\u00e4chlich mal ein dreifaches Forte bem\u00fcht, fehlen hier schlicht mindestens ein Dutzend Streicher. Ebenso gibt es Stellen, wo das Holz zugedeckt wird oder sogar die H\u00f6rner [Ziffer 104] nicht mehr durchkommen, was dann eher der Platzierung auf der B\u00fchne des Prinzregententheaters geschuldet ist. Die Ausgestaltung s\u00e4mtlicher Solostellen \u2013 vorz\u00fcglich das Violinsolo im 4.&nbsp;Satz \u2013 braucht sich keinesfalls hinter dem BRSO zu verstecken. Bei der Wahl der Tempi f\u00e4llt auf, dass Hahn im ersten Satz schon ab dem Baritoneinsatz ein wenig zu z\u00e4h agiert und das St\u00fcck noch gr\u00f6\u00dfere Flexibilit\u00e4t verdienen w\u00fcrde. Der gesamte 6.&nbsp;Gesang ger\u00e4t viel zu langsam und die ein wenig unsichere Sopranistin br\u00e4uchte da bessere F\u00fchrung durch den Dirigenten. So zerf\u00e4llt hier jegliche Spannung. Insgesamt zweifellos ein mutiger und durchaus gelungener Abend, zu dem man dem Rundfunkorchester gratulieren darf. Das Publikum im Saal reagierte auf diesen Vorsto\u00df in offensichtliches Neuland gar enthusiastisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 22. April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur einen Tag nach Arnold Sch\u00f6nbergs \u201eGurre-Liedern\u201c besuchte unser Rezensent im M\u00fcnchner Prinzregententheater das Sonntagskonzert des M\u00fcnchner Rundfunkorchesters vom 21.&nbsp;April 2024 unter Patrick Hahn. Auf dem Programm standen zwei Kompositionen Alexander Zemlinskys: Die Sinfonietta op.&nbsp;23 sowie die fabelhafte \u201eLyrische Symphonie\u201c op.&nbsp;18, in der Johanni van Oostrum und Milan Siljanov die beiden Gesangspartien gestalteten. 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