{"id":6352,"date":"2024-04-28T21:51:09","date_gmt":"2024-04-28T19:51:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6352"},"modified":"2024-04-28T21:51:13","modified_gmt":"2024-04-28T19:51:13","slug":"kraft-bis-zur-grenze-der-hoerbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/28\/kraft-bis-zur-grenze-der-hoerbarkeit\/","title":{"rendered":"Kraft bis zur Grenze der H\u00f6rbarkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>An einem k\u00fchlen Abend, dem wahrscheinlich letzten R\u00fcckfall des diesj\u00e4hrigen Winters, strebten vereinzelte Menschen mit eiligen Schritten durch dunkle Gassen, die H\u00e4nde in den Seitentaschen der M\u00e4ntel, den Kopf eingezogen zwischen Kragen und Schultern. Das gemeinsame Ziel war ein etwas versteckt liegender Saal am Rande des 1. Wiener Bezirks; ein repr\u00e4sentatives Haus, ein Palais aus der Gr\u00fcnderzeit, von derem einst selbstverst\u00e4ndlichen Stolz k\u00fcndend. In diesem Palais ein Saal, holzget\u00e4felt, anheimelnd, auch heute noch geschmacklich zu ertragen, findet eine vergangene Zeit peu \u00e0 peu ihre neue Gegenwart. <\/p>\n\n\n\n<p>Die vergangene Zeit ist die von Stefan Zweig besungene \u201eWelt von gestern\u201c, eing\u00e4ngig geschriebene Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle, die verstehen wollen, warum in Wien manche Pflastersteine noch heute singen k\u00f6nnen, und des Buches Raunen von einem aufgelassenen Konzertsaal, dem legend\u00e4ren B\u00f6sendorfer-Saal in der Herrengasse, wo sich heute das einst erste Hochhaus Wiens befindet, damals, vorher, lang dahin, einer der Klavier- und Kammermusiktempel der Welt. Das letzte Konzert in jenem Saal wurde einst vom Ros\u00e9-Quartett gespielt, dessen Primarius der Schwager von Gustav Mahler war, und dessen Tochter Alma Ros\u00e9, nur um sich die letzte Schrecklichkeit des Vergehens jener Welt einmal mehr in Erinnerung zu rufen, in Auschwitz um ihr Leben gebracht wurde, wo sie \u2013 einer der absoluten Gipfel des Zynismus \u2013 das M\u00e4dchenorchester zu leiten hatte, das zumindest den Musikerinnen in einigen F\u00e4llen, wie Anita Lasker-Wallfisch und Esther Bejarano, das \u00dcberleben erm\u00f6glichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nun langsam entstehende Gegenwart ist der in seiner zweiten Saison befindliche B\u00f6sendorfer-Zyklus im Haus der Ingenieure in der Eschenbachgasse; und dieses Unterfangen der Klavierfabrik B\u00f6sendorfer ist aus vielen Gr\u00fcnden ein Gl\u00fccksfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Die damalige Schleifung des alten B\u00f6sendorfer-Saales koinzidierte mit dem Bau und der Er\u00f6ffnung des Wiener Konzerthauses, das ein Monopol zweier Konzerth\u00e4user festigte, die zwar zu den akustisch immer noch feinsten, und nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt bedeutendsten, ber\u00fchmtesten und sch\u00f6nsten (Wiens, und damit) der Welt geh\u00f6ren, nicht umsonst gr\u00f6\u00dfter lokaler Stolz und Sehnsuchtsort der gro\u00dfen weiten Musikwelt, jedoch auch das in Wien immer schon jenseits des Starkults umtriebige und herzensk\u00fcnstlerische Musikleben zu annullieren die Tendenz hatte. Anders gesagt: au\u00dferhalb der beiden gro\u00dfen H\u00e4user und ihrer Konzertreihen fand und findet sich kaum ein Platz f\u00fcr die zahlreichen wunderbaren K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die es \u00fcberall gibt, und den Bedarf der Menschen nach Musik, der von der \u00d6ffentlichkeit ausreichend wahrgenommen wird, und in dem das Publikum die M\u00f6glichkeit hat, zum Fachpublikum zu reifen, das sein Geh\u00f6r an der Musik schult und nicht die Augen am neuesten angesagten Stern am wetterwendischen Musikhimmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe Wahrnehmung fehlt dem B\u00f6sendorfer-Zyklus sicher noch, wobei die Idee eines Geheimtipps durchaus ihren bleibenden Reiz hat, doch nimmt er in einer Stadt, in der nichts so hoch gesch\u00e4tzt wird wie Tradition, mit historischem Recht seine eigene Geschichte wieder auf, berichtet und bezeugt von Stefan Zweig (\u201e<em>\u2026Als die letzten Takte Beethovens verklangen, vom Ros\u00e9-Quartett herrlicher als jemals gespielt, verlie\u00df keiner seinen Platz\u2026 Man verl\u00f6schte die Lichter, um uns zu verjagen. Keiner der vier- oder f\u00fcnfhundet Fanatiker wich von seinem Platz. Eine halbe Stunde, eine Stunde blieben wir, als ob wir es erzwingen k\u00f6nnten, durch unsere Gegenwart, dass der alte geheiligte Raum gerettet w\u00fcrde.\u201c) <\/em>und \u00f6ffnet einen neuen Raum, eine neue M\u00f6glichkeit, au\u00dferhalb der Wiener Traditionsh\u00e4user Klavier- und Kammermusik auf h\u00f6chstem Niveau zu h\u00f6ren. Bevor sich diese Zeilen also der Protagonistin des Abends zuwenden, sei also nachdr\u00fccklich und mit deutlicher Empfehlung auf die Existenz dieser Konzertreihe, die es schafft, als Projekt aus der Vergangenheit heraus Gegenwart zu schaffen, hingewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun zum Konzert selber, ein Klavierabend der Pianistin Martina Filjak, die, aus Kroatien stammend in Wien studierte und 2009 in Cleveland einen der wichtigsten Klavierwettbewerbe \u00fcberhaupt in mehreren Kategorien gewann. Die Vita im Programmheft gab dem Publikum bereits die vorauseilende M\u00f6glichkeit zur Einsch\u00e4tzung ihrer Qualit\u00e4ten, indem hier, einer allgemeinen Unsitte folgend, der Beschreibung der Karriere vorschusslorbeerend die Wertung durch in diversen Rezensionen gesammelte ausgesuchte Adjektive vorangestellt wurde. Dieser Salbe h\u00e4tte es gar nicht bedurft, denn vom ersten Moment an zeigte Martina Filjak, aus welchem Holz sie geschnitzt ist: eine hochmusikalische und absolute Beherrscherin ihres Instruments, und k\u00fcnstlerisch und stilistisch in der Lage, einen gro\u00dfen Bogen vom Barock in die Gegenwart treffsicher zu spannen. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Wort Barock m\u00fcssen wir gleich innehalten. H\u00e4ndel und Bach auf einem modernen Fl\u00fcgel: ja geht denn das? \u2013 Ja, es geht, denn zuerst ist diese Musik, H\u00e4ndel\u2019s Suite Nr. 7 in g-moll und die Chromatische Fantasie und Fuge in d-moll von Bach, zwar nicht f\u00fcr einen modernen Fl\u00fcgel geschrieben worden, und Originalklang-Anh\u00e4nger m\u00f6gen sich auch lieber aus Prinzip abwenden, als sich einer nicht neuen Erkenntnis zu \u00f6ffnen: es ist in dieser Musik etwas Allgemeing\u00fcltiges, etwas wie ein Tongeb\u00e4ude, ein Tonsatz, dessen Struktur und Bewegung <em>per se<\/em> \u00fcberinstrumental ist, und eben auch auf einem modernen Instrument verwirklicht werden kann. Musik wird nicht vom Klang gemacht, sondern vom Menschen, und ein musikalischer Geist kann, wie hier Martina Filjak, diese Musik darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pianistin gelang das sehr gut, ihre F\u00e4higkeit zur gesanglichen Stimmf\u00fchrung im <em>piano<\/em> und in langsamen S\u00e4tzen ist au\u00dfergew\u00f6hnlich, l\u00e4sst st\u00e4ndig neu aufhorchen und machte besonders die Suite von H\u00e4ndel zu einem hellh\u00f6rigen Erlebnis. Bach\u2019s Fantasie erlag ein wenig, wie vorher schon die gro\u00dfgestigen Momente bei H\u00e4ndel, einer gewissen <em>d\u00e9formation professionelle<\/em>, einer Art von gro\u00dfgestigem Pianismus, der dem letzten Gelingen des Ganzen etwas den Atem nahm; die K\u00fcnstlerin lie\u00df sich von diesem Momentum zu Ungunsten des sonst so gefassten Klangs mitrei\u00dfen, was auch der Komplexit\u00e4t der Fuge nicht zugute kam, im Ganzen aber doch \u00fcberstrahlt von der intimen Gesanglichkeit ihres Spiels.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause folgte der &#8222;Faschingsschwank aus Wien&#8220; von Robert Schumann. Die Musik von Schumann ist technisch immens herausfordernd und der musikalische Zugang zu ihr manchmal sperrig, doch straft er jene in Wien Ans\u00e4ssigen L\u00fcgen, die immer noch dem Wahn erlegen sind, dass die gr\u00f6\u00dfte Musik ausschlie\u00dflich in Wien entstanden sei (ja, es gibt sie noch, diese Ans\u00e4ssigen, und wir verstehen uns untereinander ganz wunderbar). Das Werk und seine Auff\u00fchrung bildete den k\u00fcnstlerischen H\u00f6hepunkt des Abends. Martina Filjak war hier ganz und gar in ihrem Element. Das Werk fordert pianistisch alles, ist ungeheuer komplex und kann nur mit entsprechendem Zugriff, gro\u00dfer Kraft und bei gleichzeitiger pianistischer Sensibilit\u00e4t, einer wirklichen F\u00e4higkeit zur Gesanglichkeit bew\u00e4ltigt werden. \u00dcber alle diese Qualit\u00e4ten verf\u00fcgt die Pianistin auf h\u00f6chstem Niveau, und das Publikum h\u00f6rte und staunte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem Werk flachte die Kurve insofern ab, als sich die folgenden Werke von Skrjabin und Liszt beim besten Willen k\u00fcnstlerisch nicht auf der Schumann\u2019schen H\u00f6he befinden. Martina Filjak erl\u00e4uterte die Entstehung des \u201ePr\u00e4ludium und Nocturne\u201c von Skrjabin, einem Werk, das der J\u00fcngling (op. 9) unter dem Eindruck des angstvollen Schreckens \u00fcber eine Sehnenscheidenentz\u00fcndung der rechten Hand f\u00fcr Klavier linke Hand komponierte. Ein etwas sentimentales, h\u00f6rbar zum Selbstmitleid neigendes Werk, das im Werden jedoch zu einigem Schwung und starker Eindringlichkeit w\u00e4chst, wiederum von der Pianistin linker Hand mit einem solchen K\u00f6nnen zum Leben erweckt, dass das Staunen \u00fcber sie das Mitleid f\u00fcr  das Selbstmitleid des Komponisten bei weitem \u00fcberlagerte. Liszt\u2019s \u201eR\u00e9minscences de Lucia Lammermoor\u201c sind dann ein virtuoses, salonhaftes Gewerke, das als wiederum souver\u00e4n-phantastisch gespielte Zugabe durchging, jedoch seine beim Komponisten so oft zu ertragende Leere nicht verheimlichen konnte. Abermals reifte die Erkenntnis, dass Schumann eben doch der bessere Liszt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleines Wunder folgte mit der Zugabe, denn Martina Filjak, ausdr\u00fccklich dankbar f\u00fcr das Format der Konzertreihe, den sch\u00f6nen und akustisch sehr angenehmen Saal, den hervorragenden B\u00f6sendorfer-Fl\u00fcgel (das darf erw\u00e4hnt werden, obwohl der Rezensent daf\u00fcr kein Geld von B\u00f6sendorfer erh\u00e4lt), der die klanglichen Facetten, zu denen die Pianistin bei diesem vielf\u00e4ltigen Repertoire f\u00e4hig war, erm\u00f6glichte, sowie das im H\u00f6ren gebannte geneigte Publikum, das von der Pianistin im Handumdrehen zum Fachpublikum gemacht wurde, gab und schenkte uns Arvo P\u00e4rt\u2019s \u201eF\u00fcr Alina\u201c. Der Pianistin abermals erstaunliche F\u00e4higkeit zum gesanglichen Spiel, zum Klingenlassen an der Grenze zur H\u00f6rbarkeit, siegte im leisesten <em>pianissimo<\/em> \u00fcber den parallel wahrnehmbaren L\u00e4rm eines zuf\u00e4llig auf der Stra\u00dfe vor dem Saal haltenden Autos, aus dessen Boxen B\u00e4sse sinnlos wummerten, die es jedoch, wie damals das abgedrehte Licht, nicht schafften, diese Gegenwart zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem k\u00fchlen Abend, dem wahrscheinlich letzten R\u00fcckfall des diesj\u00e4hrigen Winters, strebten vereinzelte Menschen mit eiligen Schritten durch dunkle Gassen, die H\u00e4nde in den Seitentaschen der M\u00e4ntel, den Kopf eingezogen zwischen Kragen und Schultern. Das gemeinsame Ziel war ein etwas versteckt liegender Saal am Rande des 1. 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