{"id":6365,"date":"2024-04-26T20:21:01","date_gmt":"2024-04-26T18:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6365"},"modified":"2024-04-26T20:21:50","modified_gmt":"2024-04-26T18:21:50","slug":"glockenblumenbluehn-auf-dem-bluthuegel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/26\/glockenblumenbluehn-auf-dem-bluthuegel\/","title":{"rendered":"Glockenblumenbl\u00fch\u2019n auf dem Bluth\u00fcgel: Torben Maiwald spielt Solowerke auf der Campanula im Goetheanum."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1-1024x683.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6367\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1-1024x683.jpeg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1-300x200.jpeg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1-768x512.jpeg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/torben-maiwald-ZGAAr-1.jpeg 1264w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Torben Maiwald<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit 22 Jahren lebe ich in der Schweiz, doch nach Dornach hatte es mich noch nicht verschlagen. War der Respekt zu gro\u00df? Ja, dort befindet sich das (2.) Goetheanum (das erste war ja noch zu Lebzeiten Rudolf Steiners abgefackelt worden, und die Legende besagt, dass er am Tag nach dem verheerenden Brand in der Silvesternacht 1922\/23 den Entschluss zum Wiederaufbau \u2013 nunmehr aus Stein statt aus Holz, weniger wundersch\u00f6n und weniger vulnerabel zugleich \u2013 gefasst habe), also die Gralsburg der Anthroposophie. Aber zugleich ist dieser herrliche Ort ein ganz schrecklicher, und stolzer: Auf dem Bluth\u00fcgel, auf welchem das Goetheanum thront, fand 1499 die entscheidende Abwehrschlacht der Eidgenossen gegen den Schw\u00e4bischen Bund statt. Der H\u00fcgel war durchtr\u00e4nkt mit dem Blut von tausenden K\u00e4mpfern, und die Unabh\u00e4ngigkeit der Schweiz nahm ihren unaufhaltsamen Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme also in der Abendd\u00e4mmerung mit der Tram vom Basler Hauptbahnhof an der Endstation Dornach an und frage einen \u00e4lteren Herrn, wo\u2019s zum Goetheanum geht. Er sagt, dass der schnellste Weg nicht so ganz leicht zu finden ist, und begleitet mich ein gutes St\u00fcck bergauf, um mir dann die restliche Fu\u00dfroute zu weisen, mit dem Hinweis, dass ich jetzt auf den Pfad gelangen werde, der vor wenigen Jahren von \u201aBluth\u00fcgelweg\u2018 in H\u00fcgelweg umbenannt wurde. Verbale Entsch\u00e4rfung allerorten, auch in der Schweiz, sozusagen als Ausgleich f\u00fcr die verbale Aufr\u00fcstung seit der Covid-Gleichschaltung\u2026<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-3-rotated.jpeg\"><img loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-3-rotated.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6368\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-3-rotated.jpeg 480w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-3-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><figcaption>Campanula<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><a><\/a>Zum Goetheanum komme ich erstmals wegen eines besonderen Konzerts. Der deutsche Komponist, Cellist, Pianist, Musikph\u00e4nomenologe und Philosoph Torben Maiwald, Jahrgang 1978, spielt 525 Jahre nach dem gro\u00dfen Gemetzel auf dem Bluth\u00fcgel einen Soloabend auf der Campanula. Nein, das ist keine Glocke, die heroisch vom einstigen Schwerterklingeln widerhallt, sondern eine Glockenblume, aber eine gro\u00dfe, h\u00f6lzerne der besonderen Art: ein 5-saitiges Cello mit ganz vielen Resonanzsaiten und einem zus\u00e4tzlichen turmartigen Schneckenaufbau mit 17 weiteren, ausschlie\u00dflich die obert\u00f6nige H\u00f6he erweiternden Resonanz-Saitchen. Es klingt, als w\u00fcrde man ein Cello auf der geschlossenen Wendeltreppe unter der Kanzel einer Kathedrale spielen \u2013 wie mit einem kleinen nahen und einem gro\u00dfen fernen Nachhall, mit einer ganz kleinen \u2013 eingebildeten \u2013 Spur von Echogef\u00fchl. Und es ist mutma\u00dflich einigerma\u00dfen heikler zu spielen als ein normales Cello. Das Ganze ist sensationell, aber mehr in Richtung Stille als in Richtung offenkundiger Pracht \u2013 was auch, wahrscheinlich vor allem, am Spiel Torben Maiwalds liegt, dessen Auftritt jeglicher Show und Ver\u00e4u\u00dferung entbehrt, ebenso wie jeglicher Trockenheit und Beweislastigkeit. Er musiziert in aller Schlichtheit \u2013 in dem Sinne, wie Bach und seine Zeitgenossen das Wort verstanden haben, also mit Klarheit, Verfeinerung und Tiefgang, und mit von nichts zu viel oder zu wenig, der ideale Mittelpfad zwischen Primitivit\u00e4t und Verk\u00fcnstelung, den kaum einer sicher zu gehen wei\u00df, weil der Narzissmus, den wir alle kennen in uns selbst, in jedem Moment der Todfeind dieser inneren Balance ist. Zwischen Scylla und Carybdis also schifft uns Steuermann Maiwald hindurch, mit so besonnener wie feinnerviger Navigation, und zwischendurch bedaure ich eigentlich nur ein wenig, dass kein Ton Bach erklingt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-1-rotated.jpeg\"><img loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-1-rotated.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6369\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-1-rotated.jpeg 480w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Campanula-1-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><figcaption>Campanula, Detailansicht<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Der gesamte Abend ist anthroposophischer Musik gewidmet, und das ist \u2013 in K\u00fcrze \u2013 hochinteressant: Jan Stuten (1890\u20131948), der Hofkomponist Rudolf Steiners (also symbolisch ein bisschen das, was Thomas de Hartmann f\u00fcr George Iwanowitsch Gurdjieff war), mit echt freigeistiger, in ihrer Schlichtheit weite, manchmal unendlich anmutende R\u00e4ume durchschreitender Musik (3 Trauermusik-Miniaturen) von durchgeistigter Sch\u00f6nheit in freier Tonalit\u00e4t; Hermann Picht (1905\u201333), ganz jung verstorben und in seiner Sprache dem Zw\u00f6lftonspieler Josef Matthias Hauer nah, mit drei kleinen Soloviolin-St\u00fccken von anmutiger Bizarrerie; Christa von Heydebrand (1915\u201371) mit Bratsche-Solowerken: einem Purgatorio in 4 Miniaturen und einem Abendrot, alles von idiosynkratischer Eigenwilligkeit, unbeirrbar \u00fcber Stock und Stein geschrieben und gerade in der schroffen Abweisung jeglicher Politur fesselnd; und schlie\u00dflich der Professionellste im Bunde mit dem einzigen Originalwerk f\u00fcr Cello an diesem Abend (alle anderen St\u00fccke hat Maiwald selbst auf sein Instrument \u00fcbertragen): Leopold van der Pals (1884\u20131966), mittlerweile als Orchester- und Kammermusikkomponist auf Tontr\u00e4ger dank einer Serie bei cpo auch ein bekannter Name unter den Unbekannten, mit seiner dreis\u00e4tzigen Sonate f\u00fcr Cello solo op.&nbsp;64 von 1925, also zwei Jahre nach der Brandstiftung vor Ort und im Todesjahr seines Meisters Rudolf Steiner komponiert \u2013 dieses Werk schlie\u00dft nicht nur sehr wirkungssicher, es ist wohlproportioniert durchkomponiert, mit klarem Formbewusstsein, wenn auch nicht ganz frei von ein paar Routine-Sequenzierungen. Ein so wunderbares wie eigent\u00fcmliches und abenteuerliches Programm. Die Darbietungen sind ganz wunderbar und weisen nach innen. Man geht erf\u00fcllt nach Hause, ohne Rausch, aber erhellt und sozusagen lichtdurchflutet. \u00dcberfl\u00fcssig zu sagen, dass Maiwald sein Instrument in allen Tonlagen meisterlich beherrscht und der \u201einterpretatorische D\u00e4mon\u201c, den einst Celibidache so treffend bei Heinrich Schiff und Kollegen lokalisierte, hier nicht mal die Chance erhielt, hinter dem Griffbrett hervorzulugen, geschweige denn zuzuschlagen. So darf, soll und muss es sein. Musik, die dazu noch passen w\u00fcrde? Johann Sebastian Bach, John Foulds, Heinrich Kaminski, Martin Scherber \u2013 ja, und auch Gurdjieff, P\u00e4rt, und Maiwald selbst\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Lena-Salome Bachrich, April 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 22 Jahren lebe ich in der Schweiz, doch nach Dornach hatte es mich noch nicht verschlagen. War der Respekt zu gro\u00df? Ja, dort befindet sich das (2.) Goetheanum (das erste war ja noch zu Lebzeiten Rudolf Steiners abgefackelt worden, und die Legende besagt, dass er am Tag nach dem verheerenden Brand in der Silvesternacht &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/04\/26\/glockenblumenbluehn-auf-dem-bluthuegel\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Glockenblumenbl\u00fch\u2019n auf dem Bluth\u00fcgel: Torben Maiwald spielt Solowerke auf der Campanula im Goetheanum.<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":28,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[4963,4964,4968,4967,4966,4961,4960,4965,4959,4962],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6365"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/28"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6365"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6365\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6371,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6365\/revisions\/6371"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}