{"id":6398,"date":"2024-05-10T19:44:33","date_gmt":"2024-05-10T17:44:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6398"},"modified":"2024-05-21T17:31:03","modified_gmt":"2024-05-21T15:31:03","slug":"die-musik-ludwig-van-beethovens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/10\/die-musik-ludwig-van-beethovens\/","title":{"rendered":"Die Musik Ludwig van Beethovens"},"content":{"rendered":"\n<p>Gegen\u00fcber dem Wiener Konzerthaus steht auf dem Beethovenplatz das Beethoven-Denkmal. Noch Mitte der 1970er Jahre waren dort Passanten zu beobachten, die im Vor\u00fcbergehen kurz Halt machten, den Hut zum Gru\u00df zogen und sich vor dem Denkmal verneigten. In den eisfreien Monaten fanden an lauen Abenden auf dem dem Konzerthaus benachbarten Gel\u00e4nde des Wiener Eislaufvereins gelegentlich Boxk\u00e4mpfe statt, die sich bei den Konzertbesuchern gro\u00dfer Beliebtheit erfreuten, so dass es nicht einfach war, in der Konzertpause einen Platz am Fenster zu ergattern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/223367_6573637877_9976_n-604x270.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gestern war der 200. Geburtstag der 9. Symphonie von Beethoven. Nirgendwo auf der Welt gibt es ein Nichtverstehen, wenn man in gleich welcher Sprache \u201eDie Neunte\u201c sagt; es ist dieses Werk so stark und so tief in das kulturelle Ged\u00e4chtnis der Menschheit eingedrungen, dass es zur gr\u00f6\u00dften Legende der Musik werden konnte. Niemand auf der Welt kennt zumindest die Melodie des Finales nicht, niemand vergisst, wenn er oder sie dabei waren, und sei es an den Fernsehschirmen oder Rundfunkger\u00e4ten, wenn die Symphonie zu besonderen Momenten erklang, wie als die Berliner Philharmoniker und das jetzige Berliner Konzerthausorchester mit den entsprechenden Ch\u00f6ren und Leonard Bernstein den Fall der Mauer in Berlin mit einer sch\u00f6nen Text\u00e4nderung (\u201eFreiheit, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u201c) feierten, und nicht wenige werden sich auch an die ausgiebigen M\u00f6glichkeiten zum Missbrauch erinnern, Hitler und Stalin lie\u00dfen sie sich gerne vorspielen. Man darf davon ausgehen, dass der Schlussakkord, wenn auch kaum wahrnehmbar, sensiblen Ohren dabei jeweils als Fragezeichen erklingen musste. Unter \u201epolitisch verd\u00e4chtig\u201c, wie Thomas Mann sein alter ego im Zauberberg warnen l\u00e4sst, f\u00e4llt sie trotzdem nicht, unsere Neunte, sie ist aber nicht aus sich heraus gegen Missbrauch gefeit, und daher immer wieder zu Recht Gegenstand skeptischer Betrachtung, der man es nachsehen m\u00f6ge, wenn sie \u00fcber das Ziel hinausschie\u00dft und die Neunte per se als faschistisch beurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist also l\u00e4ngst ein Menschheitssymbol, das \u00fcber jeden Rahmen, den man ihr gibt, hinausweist, ein Werk, das alles verk\u00f6rpert, was in der Musik im selben Ma\u00dfe gro\u00df und gef\u00e4hrdet ist. Diesen nicht aufl\u00f6sbaren Widerspruch hat der italienische Schriftsteller, Maler und Komponist Alberto Savinio (1891-1952) in diese Worte gefasst:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf dem A-a-a beruhten die Kantaten des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese helle Musik. Diese geb\u00e4udeartige Musik. Diese Musik, die aus Freitreppen, S\u00e4ulen, Akroterien besteht. Diese Musik, die nichts aussagt. Nicht weil sie nichts zu sagen h\u00e4tte, sondern weil sie ihren zivilisatorischen Verpflichtungen nachkommt. Die &#8222;zivilisierte&#8220; Musik beginnt jenseits der Bedeutungen. Die Musik, die etwas aussagt, die tiefsch\u00fcrfende Musik, ist Barbarenmusik. Nur ein Barbar kann sich die extreme Taktlosigkeit erlauben, die Musik mit seinem Herzen, seinem Hirn, seiner Seele zu befrachten und das leichte, luftige, ungreifbare Ger\u00fcst der Musik zu zwingen, diese Last zu tragen. Dennoch ist es eine s\u00fc\u00dfe Verlockung, barbarisch zu sein! Und noch dazu einfacher, eindrucksvoller und gewinnbringender!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne ist Die Neunte zivilisatorisch als Musik jenseits der Bedeutung, andererseits beruht ihre fragile Stellung darauf, dass sie eine Einladung zur au\u00dfermusikalischen Interpretation, also unmittelbaren \u00dcberfrachtung, enth\u00e4lt. Damit l\u00e4uft sie Gefahr, dass sie mit Bedeutungen \u00fcberladen wird, die sie letztlich banalisieren. Doch ist sie stark, und so vergeht dieser eine Aspekt jeweils zeitgebunden, der zivilisatorische Aspekt geh\u00f6rt aber der Zeitlosigkeit und \u00fcberlebt sicher auch die n\u00e4chsten 200 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weltweiten Feierlichkeiten waren also angebracht, so dass mutma\u00dflich jedes Orchester der Welt, gestern, oder zumindest in dieser Woche, die Neunte aufgef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem TV-Kanal Arte hatte man sich daf\u00fcr etwas Besonderes einfallen lassen, eine im Ganzen sympathisch gelungene Idee, ein europ\u00e4ischer Abend, n\u00e4mlich jeden der vier S\u00e4tze aus einem anderen Konzertsaal Europas zu senden, jeweils zwischen den S\u00e4tzen \u00fcbergeleitet durch Barbara Rett vom ORF und Christian Merlin von Radio France: kurz genug, um nicht zu st\u00f6ren und f\u00fcr das breite Publikum ausreichend informativ. Das Ganze kontrastierte dazu h\u00fcbsch mit dem parallel stattfindenden Halbfinale der Champions League zwischen Paris und Dortmund.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Satz erklang aus dem Leipziger Gewandhaus, wo das Gewandhausorchester unter seinem Chefdirigenten Andris Nelsons zu erleben war. Es war bedr\u00fcckend, mit ansehen zu m\u00fcssen, wie Nelsons mit bem\u00fchter Mimik ein paar dynamische \u00c4u\u00dferlichkeiten forcierend das Orchester zu einer irritierenden Stumpfheit im Klang und nur zu glanzlosem musikalischen Ausdruck brachte. <\/p>\n\n\n\n<p>Sicher, das Orchester spielte hervorragend, und zeigte seine technische Klasse und musikalische Routine, aber ist das wirklich alles, was die Leipziger als eines der f\u00fchrenden und traditionsreichsten europ\u00e4ischen Orchester bereit sind, f\u00fcr eine Neunte zu diesem Anlass aufzubieten? Spielen wir bei Beethoven denn nicht immer in jedem Moment um unser Leben und unsere W\u00fcrde als Menschen, Prometheus und Zeus in einem? <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist es doch, was Beethoven von uns verlangt, nie l\u00e4sst er uns los, nie g\u00f6nnt er uns eine Verschnaufpause von der Freiheit, und nichts ist so fordernd f\u00fcr Ausf\u00fchrende, wie seine Musik. Es existiert das obige Photo aus dem 2. Weltkrieg, wo ein einzelner Geiger im Kreis von in den Krieg ziehenden sowjetischen Soldaten musiziert. Die seelische Intensit\u00e4t des Spiels und des H\u00f6rens sind fast mit den H\u00e4nden zu greifen. Der Titel, den der Photograph dem Bild gegeben hat: \u201eDie Musik Ludwig van Beethovens\u201c. Aber das?<\/p>\n\n\n\n<p>Das zu spielen, was in der Partitur steht, reicht nun einmal nicht. Der erste Satz ist doch ein St\u00fcck Musik wie es dramatischer kaum sein kann, mit seiner gnadenlosen Stringenz und Unerbittlichkeit, selten in eine Helligkeit f\u00fchrend, und mit einer Reprise des ersten Themas, die so gar nichts von R\u00fcckkehr, daf\u00fcr mehr etwas von Apokalypse hat. Wo ist das alles geblieben? Nichts davon ist entstanden, der einzige Lichtblick war das parallel in Paris von Mats Hummels gek\u00f6pfte 1:0, das, w\u00e4hrend in Leipzig nichts geschah, im Liveticker aufblinkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht darum, dass hier eine Interpretation, bzw. die Absicht zu einer gewissen Art der Darstellung danebengegangen ist, nein, rein gar nichts ist passiert, als wenn es um nichts ginge, trist war es, kein Wille vorhanden, sich mit der Wucht von Beethovens Musik zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind der Spekulation \u00fcberlassen, aber vielleicht hat den Dirigenten Andris Nelsons bereits das Schicksal ereilt, das den jungen Dirigenten und Dirigentinnen, die jetzt schon Stars der Szene sind oder bald zu solchen werden, erfahrungsgem\u00e4\u00df in den meisten F\u00e4llen bevorsteht: dass fr\u00fch \u00fcberspannt einfach keine Entwicklung stattfand oder stattfindet; zu jung und zu viel in wichtigen Positionen zu dirigieren, von Pult zu Pult hetzend, mindestens zwei internationalen Klangk\u00f6rpern als Chef vorzustehen, und von der Karriere und der Musik, die nicht mit sich spa\u00dfen und am Ende doch nicht alles mit sich machen l\u00e4sst, zerrieben zu werden. Musik ist aber eine zu ernste Sache, und es ist ersch\u00fctternd, einen einst inspirierenden Dirigenten so matt sehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>1:0 f\u00fcr Beethoven, der Ball rollte am Torwart vorbei ins Netz.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele besorgte und wohlmeinende Musikliebhaber und Musikliebhaberinnen sorgen sich auch um die Zukunft von Jungstar Klaus M\u00e4kel\u00e4, der so vielen Orchestern verpflichtet ist, dass es m\u00fc\u00dfig ist, sie hier aufzuz\u00e4hlen. Ihm und dem Orchestre de Paris fiel der zweite Satz der Neunten zu. Der Beginn des Satzes stand unter gro\u00dfem juvenilem Druck zur Rasanz, zu dem vor allem junge Dirigenten sich verpflichtet f\u00fchlen, und wie es auch dem Image entspricht, das das Publikum erwarten mag. Energie bedeutet aber auch in Form rasanter Bewegung noch nicht musikalische Kraft, und so hat das Orchestre de Paris f\u00fcr die ersten vier Takte den cartoonesken Klang einer alten Langspielplatte, die auf der 45er-Geschwindigkeit abgespielt wird. Dieser zugegebenerma\u00dfen boshafte Eindruck verfl\u00fcchtigte sich schnell auf hervorragende Weise hinweggefegt durch das unglaublich pr\u00e4sente, artikulierte und perfekt funktionierende Orchestre de Paris, als es dem Beginn sofort die aufgesetzte Sch\u00e4rfe nimmt und den kontrapunktisch verzwickten Satz geistig \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise und beweglich in die Hand, und damit in einer f\u00fcr Orchester in solchen Momenten typischen Dynamik dem Dirigenten unmerklich aus der Hand, nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine erstaunliche, hochprofessionelle Orchesterleistung, die der Dirigent aber nicht wahrzunehmen schien, seine fast einf\u00e4ltige Gestik ist der Sache Beethovens und des Orchesters nicht dienlich; er eilt frisch und talentiert ins Nirgendwo, und dem Orchester ist es zu verdanken, dass am Ende keine Karikatur herauskommt, sondern der Neunten ihre W\u00fcrde nicht genommen wird.  <\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4kel\u00e4, der absolute Jungstar der Abteilung f\u00fcr Popkultur der klassischen Musik, wird sicherlich bald vom n\u00e4chsten Jungstar verdr\u00e4ngt, und er beginnt bereits, sich selber zu kopieren. Frei nach dem j\u00fcngst verstorbenen C\u00e9sar Luis Menotti z\u00e4hlt aber im Fu\u00dfball, so auch in der Musik, nur der Augenblick, und an diesem scheitern alle, die das Risiko der Zerbechlichkeit der eigenen Freiheit im Zusammenspiel der Kr\u00e4fte nicht eingehen. Bei allem Talent ist, sei es durch zu viel Arbeit oder mangels k\u00fcnstlerischen Eigenbedarfs, schon jetzt das Ausbleiben einer weitergehenden musikalische Entwicklung bei Klaus M\u00e4kel\u00e4 absehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist auch nicht der erste Dirigent, der schon so fr\u00fch in der Karriere einen Mangel an k\u00fcnstlerischer Perspektive zeigt; ein Schicksal, vor dem man jeden und jede nur warnen kann, \u00fcber der Glattheit und dem Strahlen des Erfolges nicht zu vergessen, worum es eigentlich geht. K\u00fcnstlerische Stagnation kann nicht lange \u00fcber die Leere und eigentliche Bedeutungslosigkeit des ersten, genialisch-talentbasierten Schwungs der Karriere hinwegt\u00e4uschen. Das ist vielleicht alles nur mit einer tiefen Ratlosigkeit des Musikbetriebs zu erkl\u00e4ren, f\u00fcr den die Position des Orchesterchefs, bzw. der Orchesterchefin, keine vorwiegend k\u00fcnstlerische, sondern mehr repr\u00e4sentative Bedeutung hat. Damit rutscht die Hauptarbeit zu den Orchestern, die dabei auf ganz andere Weise \u00fcber sich hinauswachsen, als dies urspr\u00fcnglich gedacht war, n\u00e4mlich trotz, nicht wegen eines Dirigenten, bzw. einer Dirigentin. <\/p>\n\n\n\n<p>2:0 f\u00fcr Beethoven durch ein scharf geschossenes Eigentor.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Narren interessieren sich f\u00fcr Geburtsdaten, sagte, um noch etwas bei den Fussballweisheiten zu verweilen, einst Otto Rehagel. Den Beweis trat im dritten Satz der musikalisch gereifte Riccardo Chailly am Pult des Orchesters der Mail\u00e4nder Scala an. Langgediente Orchestermusiker und Orchestermusikerinnen kennt man mit der f\u00fcr Laien oft seltsam anmutenden Bemerkung: wenn jemand die Arme hebt, wissen wir schon, wie es klingt. Dieses in seiner besonderen Sch\u00f6nheit eigenartige Ph\u00e4nomen war bei Riccardo Chailly zu bestaunen. Mit dem Heben der Arme war die Musik vorbereitet, die im Begriff war zu erklingen, und man wusste, was kommen und wie sch\u00f6n es sein w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Satz wird als die eigentliche Herzkammer der Neunten gesch\u00e4tzt, und die von Chailly sorgsam gef\u00fchrte <em>cantabilit\u00e0<\/em> des Orchesters war der ideale Boden, auf dem dieser Satz seine Noblesse entfalten konnte. Die nat\u00fcrliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Dirigats stellte die vorhergehenden Darbietungen nicht nur in den Schatten, sondern lie\u00df sie vergessen. Beim Forte-H\u00f6hepunkt gegen Ende des Satzes war mit leichtem Schmunzeln eine <em>Italianit\u00e0<\/em>, eine opernhafte Gestik und Ahnung der Fidelio-Trompete wahrzunehmen, was angesichts der sch\u00f6nen Tradition des Hauses nicht nur verzeihlich sondern herzlich angemessen war. <\/p>\n\n\n\n<p>Anschlusstreffer nach einem eleganten Freisto\u00df, nur noch 2:1 f\u00fcr Beethoven.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den vierten Satz wurde in das Wiener Konzerthaus umgeschaltet. H\u00e4tte es niemand angesagt, so h\u00e4tte es trotzdem jeder bemerkt, als schon kurz nach dem Beginn, an der ersten lyrisch geeigneten Stelle, in einer typisch \u00f6sterreichischen Kameraeinstellung, wie sie die Welt vom Neujahrskonzert kennt, ein goldfarbenes Ornament im Saal in Gro\u00dfaufnahme gezeigt wurde, aus dem zu den Musikerinnen und Musiker der Wiener Symphoniker \u00fcbergeblendet wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Den vierten Satz gaben also die Wiener Symphoniker unter Petr Popelka, ihrem designierten Chefdirigenten, der f\u00fcr die erkrankte Joana Mallwitz eingesprungen war, erg\u00e4nzt durch die Wiener Singakademie (Einstudierung: Heinz Ferlesch), sowie das Solistenquartett Rachel Willis-S\u00f8rensen, Sopran, Tanja Ariane Baumgartner, Alt, Andreas Schager, Tenor, und Christof Fischesser, Bass.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Satz startete furios, ein vital-musikantischer Popelka dirigierte das atemverschlagende Presto auf drei und nahm ihm so den klassischen Charakter und Sinn im Widerspurch zu den Anweisungen der Partitur, was die Auff\u00fchrung sofort mit einer \u00fcbermotiverten und wilden Zugriffslosigkeit bezahlte, die die Vordergr\u00fcndigkeit dieses Ansatzes blo\u00dfstellte. Wann setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass auch die dramatischste Musik Beethovens kein Theaterdonner ist?<\/p>\n\n\n\n<p>So gestartet, sangen die Celli sch\u00f6n und ausdrucksvoll das Recitativo, das aber eigentlich auch den B\u00e4ssen geh\u00f6rt. Nun kann man im Fernsehen nat\u00fcrlich nicht sagen, ob die Tonregie hier die Mikrofone falsch eingestellt hat, oder die klangliche Disposition auf der B\u00fchne verantwortlich ist, aber schade ist es schon, wenn hier nicht die st\u00e4rkste aller Oktaven im Orchester als Ganzes erklingt. Ganz entschieden wird hier vom Dirigenten viel gewollt und Energie eingesetzt; Gestaltungswille wollte pr\u00e4sentiert werden, aber musikalische Kraft erschien abermals nicht. Das gro\u00dfe Freuden-Thema, als es endlich an der Reihe war, erklang zwar wie vorgeschrieben in kaum h\u00f6rbarem <em>pianissimo<\/em>, das aber als lokaler Effekt verpuffte, da es am <em>cantabile<\/em> und damit der folgenden Kontinuit\u00e4t des dynamischen Aufbaus fehlte. Das sind \u00e4rgerliche Details; die Wiener Symphoniker sind aber, wenn sie einmal wollen, ein prachtvolles, herrlich klingendes Orchester, das nun die musikalische Initiative \u00fcbernahm und den Ruf der Musikstadt rettete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Solisten, zur besseren Sichtbarkeit auf einem Balkon \u00fcber dem Chor platziert, verdienen auch Erw\u00e4hnung, alles war ordentlich gesungen, ebenfalls mit einer gewissen, vor allem mimischen, \u00dcbermotivation, und so gehorchte auch dieser Teil der Auff\u00fchrung keinen rein musikalischen Kriterien. Der Chor sang brav, war aber zu technisch eingestellt, als dass er musikalisch h\u00e4tte \u00fcberzeugen und klingen k\u00f6nnen, zudem waren Intonationsprobleme, wie sie hier einfach nicht vorkommen d\u00fcrfen, un\u00fcberh\u00f6rbar, und die oft ungesanglich abgehackte Diktion diente keiner auf die Musik anwendbaren Deutlichkeit \u2013 sei\u2019s drum, es war alles wunderbar, schwungvoll, vital, sch\u00f6n, hingerissen, und leider ein wenig bedeutungslos. Der unwiderstehliche Schluss lie\u00df rauschend-jubelnden Beifall aufbranden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lehrreich war das Konzert: Nelsons, M\u00e4kel\u00e4 und Popelka zeigten dem Publikum jeder auf seine Weise, was es bedeutet, der Oberfl\u00e4che der Musik auf den Leim zu gehen und sie als eine Abfolge von Effekten misszuverstehen. Chailly hingegen lie\u00df seinen Teil als einen Bezug zwischen Momenten entstehen, das zu einem Ganzen f\u00fchrt.  Das h\u00f6chste Lob aber gilt den Orchestern, die sich dem Klein-Klein souerv\u00e4n \u00fcberlegen zeigten, jene zus\u00e4tzliche Anstrengung, die den Mail\u00e4ndern erspart blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Endstand: 3:1 f\u00fcr Beethoven, und in summa 2:0 f\u00fcr Dortmund.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Sender Arte ist mit diesem Konzert f\u00fcr eine erhellende Erinnerung an etwas ebenfalls Fragiles zu danken, das, als geistiges Ph\u00e4nomen (&#8222;<em>Europa ist ein gro\u00dfer Gegenstand, viel gr\u00f6\u00dfer als seine Kriege<\/em>,&#8220; schrieb Heinrich Mann) ebenso wie die Neunte nur im Augenblick seiner immer neuen Entstehung existiert. Dazu mit weiteren Worten Alberto Savinio:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>Der Begriff Europa kann nicht mit geographischen Grenzen umschrieben werden. Er \u00fcberschreitet (sie) und dehnt sich \u00fcberallhin aus, wo sich die europ\u00e4ische Lebenssituation wiederholt, das hei\u00dft die M\u00f6glichkeit einer geistigen Einheit mehrerer durch gleiche kulturelle und moralische Ideen verbundener V\u00f6lke<\/em>r.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>____<\/p>\n\n\n\n<p>Anm.: Die Zitate sind dem Band &#8222;Mein privates Lexikon&#8220; von Alberto Savinio, erschienen in der Anderen Bibliothek, Eichborn Verlag Frankfurt (2005), entnommen. F\u00fcr das verwendete Photo kann vorl\u00e4ufig weder der Photograph noch das Copyright genannt werden. Hierf\u00fcr wird um Nachsicht gebeten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, 8. Mai 2024]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen\u00fcber dem Wiener Konzerthaus steht auf dem Beethovenplatz das Beethoven-Denkmal. 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