{"id":6510,"date":"2024-05-12T15:02:21","date_gmt":"2024-05-12T13:02:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6510"},"modified":"2024-05-12T15:02:25","modified_gmt":"2024-05-12T13:02:25","slug":"etueden-und-praeludien-von-chopin-bis-ins-spaete-20-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/12\/etueden-und-praeludien-von-chopin-bis-ins-spaete-20-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Et\u00fcden und Pr\u00e4ludien von Chopin bis ins sp\u00e4te 20. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p>h\u00e4nssler CLASSIC, HC22083, EAN: 8 81488 22083 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6511\" width=\"524\" height=\"524\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Dora-Deliyska-Etudes-et-Preludes.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Pianistin Dora Deliyska pr\u00e4sentiert ein Programm von Et\u00fcden und Pr\u00e4ludien von Chopin, Debussy, Ligeti und Kapustin. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Anordnung der einzelnen St\u00fccke, die eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und dramaturgischen Ideen folgt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Pianistin Dora Deliyska, geb\u00fcrtige Bulgarin, mittlerweile seit Jahren in Wien lebend, hat seit ihrem CD-Deb\u00fct 2008 eine respektable Diskographie eingespielt, und so ist ihr im vergangenen Jahr erschienenes neues Album <em>\u00c9tudes&nbsp;&amp;&nbsp;Preludes<\/em> (nach Angaben ihrer Homepage) bereits das dreizehnte mit ihr am Klavier. Die Palette, die sie abdeckt, ist breit, und neben Liszt-, Schubert- oder Schumann-CDs hat sie speziell in den letzten Jahren offenbar ein besonderes Faible f\u00fcr sogenannte Konzeptalben entwickelt, CDs also, deren Programm einer bestimmten Idee (oder eben: Konzeption) folgt und dabei immer wieder bewusst Grenzen \u00fcberschreitet, Werke und Komponisten miteinander kombiniert, die man vielleicht a priori nicht unbedingt nebeneinander erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle von <em>\u00c9tudes&nbsp;&amp;&nbsp;Preludes<\/em> widmet sich Deliyska zwei der popul\u00e4rsten Genres der Klaviermusik seit dem fr\u00fchen 19.&nbsp;Jahrhundert, und zwar nicht zuf\u00e4lligerweise im Rahmen eines Programms von 24 St\u00fccken, das sich aus je zw\u00f6lf Et\u00fcden und Pr\u00e4ludien zusammensetzt; klassische Zahlen also. Mit Chopin, Debussy, Ligeti und Kapustin geht es dabei vom fr\u00fchen 19. bis ins sp\u00e4te 20.&nbsp;Jahrhundert auf den Spuren von Marksteinen der beiden Gattungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als besonders raffiniert erweist sich das Konzept im Falle der zw\u00f6lf Et\u00fcden, mit denen die CD beginnt. Deliyska hat hier St\u00fccke aus Chopins <em>12 Et\u00fcden op. 25<\/em>, Debussys <em>Douze \u00c9tudes<\/em> sowie Gy\u00f6rgy Ligetis <em>18 Et\u00fcden<\/em> (1985\u20132001) ausgew\u00e4hlt, wobei sie von Debussy die Idee \u00fcbernommen hat, die Et\u00fcden nach Intervallen anzuordnen. Und so startet das Programm mit der Prime (bzw. einer Et\u00fcde, in der die Prime eine prominente Rolle spielt), dann der kleinen Sekunde und so weiter, bis die Oktave erreicht ist; es folgen noch zwei Et\u00fcden zu Arpeggien und eine zu Akkorden, und damit ist das Bild vollst\u00e4ndig, ohne dass dabei jemals zwei St\u00fccke desselben Komponisten aufeinander folgen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erstaunlich, wie gut diese Werke nebeneinander funktionieren, exemplarisch zu beobachten am Beginn der CD. Alles beginnt mit den rasenden Tonrepetitionen von Ligetis Et\u00fcde Nr.&nbsp;10 <em>Der Zauberlehrling<\/em>, gefolgt von Debussys Et\u00fcde Nr.&nbsp;7 <em>Pour les Degr\u00e9s chromatiques<\/em>, die Deliyska fast ohne Pause folgen l\u00e4sst. Gerade in den lapidaren Anfangstakten von Debussys Et\u00fcde wirkt der \u00dcbergang in der Tat verbl\u00fcffend nat\u00fcrlich. Eine gewisse Rolle spielt dabei sicherlich auch, dass Ligetis Et\u00fcden zwar f\u00fcr den Pianisten horrend schwer sind, auch f\u00fcr den mit Musik des sp\u00e4ten 20.&nbsp;Jahrhunderts nicht sonderlich vertrauten H\u00f6rer jedoch zu den zug\u00e4nglichsten seiner Werke z\u00e4hlen d\u00fcrften \u2013 <em>Der Zauberlehrling<\/em> etwa ist im Grunde genommen fast eine Et\u00fcde in C-Dur. Aber selbst, wenn anschlie\u00dfend mit Chopins Et\u00fcde op.&nbsp;25 Nr.&nbsp;11 ein Sprung in die erste H\u00e4lfte des 19.&nbsp;Jahrhunderts erfolgt und, jedenfalls was das Melos betrifft, aus Chromatik Diatonik wird, f\u00fchlt man sich doch beim (abermals) chromatischen Wirbelwind in der rechten Hand an das, was in den beiden zuvor geh\u00f6rten Et\u00fcden geschehen ist, erinnert. Allein dies ist bereits ein eindrucksvoller, sehr gelungener Br\u00fcckenschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig schaffen diese ersten St\u00fccke eine Atmosph\u00e4re permanenter Unruhe, Betriebsamkeit, stetigen Flirrens, auch Dramatik (gerade in Chopins Et\u00fcde), die auch in Ligetis Et\u00fcde Nr.&nbsp;4 <em>Fanfares<\/em> mit ihren unregelm\u00e4\u00dfigen Rhythmen weitergef\u00fchrt wird und insofern den H\u00f6rer in einen regelrechten pianistischen Strudel rei\u00dft, der erst in Track&nbsp;5 mit Chopins Et\u00fcde op.&nbsp;25 Nr.&nbsp;7 gebremst wird, daf\u00fcr nun umso deutlicher. Ein Ruhepol, der einen Track sp\u00e4ter in Ligetis Et\u00fcde Nr.&nbsp;2 <em>Cordes \u00e0 vide<\/em>, die sanft den Klang leerer Streichersaiten heraufbeschw\u00f6rt, noch einmal bekr\u00e4ftigt wird. Neben dem Fokus auf Intervallen ergibt Deliyskas Auswahl also auch eine veritable Dramatik und Struktur mit Steigerungen, H\u00f6hepunkten und Momenten des Durchatmens.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich folgen nicht alle Et\u00fcden dem Intervallschema so deutlich wie etwa Ligeti in den <em>Cordes \u00e0 vide<\/em> mit ihren Quinten oder (an neunter Stelle) die mal brausenden, mal innig singenden Oktaven in Chopins Et\u00fcde op.&nbsp;25 Nr.&nbsp;10, erst recht, zumal Debussys Et\u00fcden, die sich ja explizit auf Intervalle beziehen, hier (bis auf Track&nbsp;2) ausgespart und erst gegen Ende der Abteilung Et\u00fcden das Bild mit Arpeggien bzw. Akkorden (Debussys Et\u00fcden Nr.&nbsp;11 und 12) komplettieren. Dabei ergeben sich aber auch interessante Zwischenstellungen. So fallen in Ligetis <em>Fanfares<\/em> nat\u00fcrlich die Terzen in der rechten Hand auf, aber in der fortw\u00e4hrenden Achtelbewegung in der linken ist es die gro\u00dfe Sekunde, die dominiert \u2013 eine Et\u00fcde \u201ezwischen\u201c den Intervallen also. Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Chopins Et\u00fcde op.&nbsp;25 Nr.&nbsp;7: nat\u00fcrlich h\u00f6rt man hier zun\u00e4chst Quarten in den Achteln in der linken Hand, aber das Melos wird doch auch stark von der Terz beherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell entsteht jedenfalls speziell in den ersten Et\u00fcden in der Tat ganz entschieden jener Eindruck des allm\u00e4hlichen Sich-Weitens der Intervalle, auf den Deliyska mit ihrem Programm offensichtlich abzielt. Dass am Ende Debussys Et\u00fcde Nr.&nbsp;12 f\u00fcr einen robusten Abschluss mit Finalwirkung sorgt, versteht sich von selbst, zumal sie ja im urspr\u00fcnglichen Zyklus dieselbe Stellung innehat.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit den Pr\u00e4ludien: wieder drei Komponisten, und wieder werden Chopin (mit erneut f\u00fcnf St\u00fccken aus seinen <em>24&nbsp;Pr\u00e9ludes op.&nbsp;28<\/em>) und Debussy (diesmal mit vier statt drei St\u00fccken aus seinen zwei B\u00fcchern von insgesamt ebenfalls 24&nbsp;<em>Pr\u00e9ludes<\/em>) um einen Komponisten der 2.&nbsp;H\u00e4lfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts erg\u00e4nzt, n\u00e4mlich durch Nikolai Kapustin (1937\u20132020) und drei seiner <em>24 Pr\u00e4ludien im Jazzstil op.&nbsp;53<\/em> (1988). Anders als bei den Et\u00fcden gruppiert Deliyska die Pr\u00e4ludien aber (konventioneller) nach Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>So steht am Anfang ein Chopin-Block, der gleich mit dem enorm popul\u00e4ren Des-Dur-Pr\u00e4ludium (Nr.&nbsp;15) beginnt, auf das Deliyska das e-moll-Pr\u00e4ludium (Nr.&nbsp;4) folgen l\u00e4sst und so Parallelen zwischen den beiden St\u00fccken aufzeigen will (die auf einer grunds\u00e4tzlichen Ebene zweifelsohne vorhanden sind). Ansonsten scheint ihre Anordnung der Pr\u00e4ludien vorwiegend von dramaturgischen \u00dcberlegungen motiviert, ein wenig auch Tonartenbeziehungen (auf fis-moll folgt, beruhigend, Fis-Dur); auf jeden Fall l\u00e4uft der kleine Chopin-Zyklus auf einen st\u00fcrmischen Presto-Abschluss (Nr.&nbsp;16) hinaus, der in der Tat dann auch eine etwas l\u00e4ngere Pause, einen Moment des Sich-Sammelns zur Folge hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich ist der Debussy-Block aufgebaut: wieder ein ebenso verhaltener wie hochexpressiver Beginn (<em>Des Pas sur la neige<\/em>), der schlie\u00dflich in Debussys Beschw\u00f6rung des Westwindes gipfelt (Buch&nbsp;I, Nr.&nbsp;7). Kapustins Pr\u00e4ludien bilden schlie\u00dflich ein kleines Triptychon in der \u201eklassischen\u201c Reihenfolge schnell-langsam-schnell und verwandten Tonarten (gis-moll, H-Dur, h-moll), das hier ein wenig als Zugabe fungiert, als locker gef\u00fcgter, spielerischer Abschluss eines Programms, das die vollen 80 Minuten der CD aussch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Deliyskas Argument (im Beiheft), durch die Anordnung gem\u00e4\u00df Komponisten seien \u201edie deutlichen Stilunterschiede noch genauer [zu] erkennen\u201c, \u00fcberzeugt sicher nicht v\u00f6llig, denn ein Faszinosum am ersten Teil ist ja gerade das ganz leichte Verschwimmen dieser Unterschiede (wohlgemerkt: in kleinen Momenten und Augenblicken, in denen man kurz aufhorcht). Andererseits gibt es sicherlich eine Reihe anderer Gr\u00fcnde daf\u00fcr, hier eben genau so vorzugehen; das Genre selbst, in dem es ja weniger um technische oder Materialfragen geht als um kurze Impressionen, mag eine Rolle spielen, aber vielleicht auch die Auswahl der Komponisten, denn insgesamt scheint mir Ligeti in seinen Et\u00fcden mit ihrem ausgepr\u00e4gten, raffinierten Klangsinn doch n\u00e4her an Chopin und Debussy zu liegen als Kapustins schon im Titel aufgezeigter (klassisch fundierter) \u201eJazzstil\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei alledem \u00fcberzeugt Deliyska als kompetente, pianistisch sehr gutklassige Anw\u00e4ltin ihrer Programmidee. Ihre Tempi sind insgesamt eher gem\u00e4\u00dfigt (etwa im Vergleich zu Ligetis Angaben zur Dauer seiner Et\u00fcden oder zu Kapustins eigener Interpretation seiner Jazzpr\u00e4ludien), obwohl nicht dezidiert langsam. Gerade bei den Pr\u00e4ludien von Chopin f\u00e4llt ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an Mittel- und Nebenstimmen auf (von ihr selbst im Beiheft im Falle des Pr\u00e9ludes Nr.&nbsp;4 gesondert erw\u00e4hnt, aber auch an zahlreichen anderen Stellen zu beobachten wie etwa im <em>pi\u00f9 lento<\/em> von Nr.&nbsp;13).<\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss: es handelt sich hier in der Mehrzahl um Repertoire, das diskographisch in einer solchen Breite und Qualit\u00e4t erschlossen ist, dass man fast beliebig stark ins Detail gehen und differenzieren k\u00f6nnte. Im Falle von Ligetis Et\u00fcden etwa ist Aimards Lesart der <em>Cordes \u00e0 vide<\/em> noch eine Nummer filigraner, ganz exquisit an der Grenze zwischen Stille und zartem Nachhall angesiedelt, w\u00e4hrend mir in der <em>Teufelstreppe<\/em> (Nr.&nbsp;13) der H\u00f6hepunkt in Takt 43 (im achtfachen Forte) bei Deliyska deutlich zu wenig Wucht besitzt. Andererseits liegt der Reiz dieser CD ja gerade nicht darin, diese Zyklen (erst recht die ganz bekannten von Chopin und Debussy) wie gewohnt zu h\u00f6ren, sondern sie neu zu kontextualisieren und wom\u00f6glich in einem etwas anderen Licht zu betrachten. Ebendies erf\u00fcllt Deliyskas Album in hervorragender Weise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Mai 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>h\u00e4nssler CLASSIC, HC22083, EAN: 8 81488 22083 4 Die Pianistin Dora Deliyska pr\u00e4sentiert ein Programm von Et\u00fcden und Pr\u00e4ludien von Chopin, Debussy, Ligeti und Kapustin. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Anordnung der einzelnen St\u00fccke, die eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und dramaturgischen Ideen folgt. 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