{"id":6514,"date":"2024-05-15T13:48:35","date_gmt":"2024-05-15T11:48:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6514"},"modified":"2024-12-11T09:49:37","modified_gmt":"2024-12-11T08:49:37","slug":"es-ist-nicht-irritierend-nur-schwer-zu-verkraften","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/15\/es-ist-nicht-irritierend-nur-schwer-zu-verkraften\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist nicht irritierend, nur schwer zu verkraften\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Wien ist eine wunderbare Stadt und bietet die M\u00f6glichkeit zu t\u00e4glichen Konzertbesuchen, an zahlreichen Orten gibt es immer etwas zu h\u00f6ren. Und w\u00e4hrend das Publikum gerade erst jubelt und dann beginnt, an einem Star zu zweifeln, ob er oder sie nicht doch ein X sei statt eines U, da schon der Hunger nach dem n\u00e4chsten Star w\u00e4chst, was ein Ph\u00e4nomen ist, das in Wien fast jedes Jahr ein- oder zweimal zu beobachten ist, finden hier und da versteckte Momente von wirklicher Bedeutung statt.<\/p>\n\n\n\n<p>So geschehen am vergangenen Montag im J\u00fcdischen Museum beim Gastkonzert der School of Music, Theatre and Dance der University of Michigan. In einer Kooperation des J\u00fcdischen Museums mit dem ExilArte Institut der Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien, erklangen Bearbeitungen von Schlagern, Tangos, Walzern und Foxtrotts aus den 30er und 40er Jahren, kundig eingeleitet von Gerold Gruber, dem Leiter des ExilArte-Instituts, dessen Arbeit einmal an anderer Stelle gew\u00fcrdigt werden muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere beginnt dabei, dass diese Bearbeitungen statt der Namen der Bearbeiter deren H\u00e4ftlingsnummern im KZ Auschwitz tragen. So von Nummer 5665, Antoni Gargul, Bratschist, oder Nummer 5131, Maksymilian Pilat, Fagottist. Sie und andere arrangierten diese Nummern f\u00fcr das Auschwitz 1 M\u00e4nnerorchester, das zun\u00e4chst aus polnischen, und sp\u00e4ter gro\u00dfteils aus j\u00fcdischen H\u00e4ftlingen bestand. Musik in Auschwitz, so der Titel des Konzerts.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eMeine liebe Frau! Schicke mir bitte sofort meine Geige.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stets in der Gefahr, auch w\u00e4hrend eines Konzerts aus dem Orchester willk\u00fcrlich herausgeholt und umstandslos erschossen zu werden (so erging es etwa 50 Orchestermitgliedern), spielten die Musiker Konzerte vor der Villa des Kommandanten H\u00f6ss (eines der bei diesem Konzert gespielten Werke ist auch im j\u00fcngst Oscar-pr\u00e4mierten Film \u201eThe Zone of Interest\u201c zu h\u00f6ren), Sonntagskonzerte f\u00fcr die SS und zu zwei verschiedenen Gelegenheiten f\u00fcr die H\u00e4ftlinge: ein f\u00fcr die SS anschlie\u00dfendes Konzert an Sonntagen und t\u00e4glich morgens und abends am Lagertor f\u00fcr die zur t\u00f6dlichen Zwangsarbeit ausziehenden und am Abend dezimiert Heimkehrenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Titel der Tanznummern waren unter anderem, wie sie original in diesem Konzert erklangen: \u201e<em>Ich bin ja heute so verliebt<\/em>\u201c, \u201e<em>Ich wollt\u2018 ich h\u00e4tt\u2018 im Wirtshaus gleich mein Bett<\/em>\u201c, \u201e<em>Traum von Haiti<\/em>\u201c, \u201e<em>Fidele Bauern<\/em>\u201c, \u201e<em>Die sch\u00f6nste Zeit des Lebens<\/em>\u201c oder \u201e<em>Dideldideldum, Dideldideldei<\/em>\u201c. Wenn man es aush\u00e4lt, kann man sich sich diese Titel auf der Zunge zergehen lassen, w\u00e4hrend man sich vorzustellen versucht, wie es in Wirklichkeit war. <\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Wort, das \u00fcberhaupt geschrieben oder gesagt wird, jede Note, die erklingt, hat pl\u00f6tzlich eine andere Bedeutung oder gar keine mehr. Alles ist ausgeh\u00f6hlt, die Sprache ist entleert, die Musik erklingt sch\u00f6n und doch wie ein endloser Hohn, als eine verwirrende und absolute Antimaterie.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>Der Rauch vom Krematorium irritierte sehr meine Kollegen, aber es ist nicht irritierend, nur schwer zu verkraften. Es verschmutzte die Luft, und es war schwer, die Noten zu sehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Studierenden der University of Michigan musizieren beeindruckend, frei, musikalisch, ernst und sch\u00f6n, und so kommt im Konzert diese Musik eigentlich schwungvoll und lieblich daher. Die kurzen Texte, die die S\u00e4nger Yinghui Mak He, Benjamin Ysik, Micah Huisman und Jack Morin zwischen den Nummern rezitieren, sind Zitate aus Erinnerungen und Aussagen von \u00dcberlebenden. Die nat\u00fcrliche Pr\u00e4senz der einfachen, unpathetischen Direktheit dieses Vortrags war bemerkenswert, und vielleicht kann die Furchtbarkeit gar nicht besser dargestellt werden. Mit derselben Klarheit und unsentimentaler Empathie, sch\u00f6n, pr\u00e4sent, lieblich und direkt, dirigierte Oriol Sans diese wunderbar und innig aufspielenden 22 jungen Musikerinnen und Musiker aus Michigan.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gleicht diese Haltung der, wie sie Hans Sahl in seinem Roman \u201eDie Wenigen und die Vielen\u201c als amerikanisch bei Varian Fry, den Organisator der Flucht vieler aus Marseille heraus (u.a. von Alma Mahler und Franz Werfel), beschreibt: &#8222;&#8230;und weil da doch immer , wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint, irgendein Mann in Hemds\u00e4rmeln vor dir steht und sagt: &#8218;Oh, there are ways, you know&#8230;&#8216;.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Particia Hall, der Musikhistorikern aus Michigan, nicht genug danken daf\u00fcr, dass sie sich diesem Aspekt unserer verzweifelten Geschichte so ausgiebig widmet und dieses Konzert durch ihre wissenschaftliche und kuratorische Arbeit erm\u00f6glicht hat. Solche Unternehmungen geben W\u00fcrde zur\u00fcck, wo sie einst genommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSie h\u00e4tten lieber etwas zu essen gehabt, aber die H\u00e4lfte von ihnen sind zum H\u00f6ren gekommen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ist das also ein Mensch? F\u00fcr alle Zeiten bleibt die Frage von Primo Levi unbeantwortbar. Musik: H\u00f6lle und Trost, Tr\u00e4ger von ma\u00dflosem Zynismus dem menschlichen Sein gegen\u00fcber, an Sonntagen ein Glimmen von Humanit\u00e4t, verdunkelt vom Rauch der Krematorien, am Montag die Todesfanfare beim Auszug aus dem und Trauermarsch beim Einzug in das Lagertor. Was ist da noch Musik an Musik?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Applaus des sichtlich bewegten Publikums war zwischen den Nummern herzlich und wohlwollend, blieb aber merklich im Halse stecken. Der stehende Schlussapplaus jedoch erklang als Echo auf die Musik als eine kraftvolle Bejahung der Humanit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>______<\/p>\n\n\n\n<p>Anm.: Die kursiv gesetzten Zitate sind dem Programmheft des Konzerts entnommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Jacques W. Gebest, 15. Mai 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wien ist eine wunderbare Stadt und bietet die M\u00f6glichkeit zu t\u00e4glichen Konzertbesuchen, an zahlreichen Orten gibt es immer etwas zu h\u00f6ren. 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