{"id":6609,"date":"2024-05-24T19:06:43","date_gmt":"2024-05-24T17:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6609"},"modified":"2024-05-24T19:12:27","modified_gmt":"2024-05-24T17:12:27","slug":"der-organische-zusammenhang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/24\/der-organische-zusammenhang\/","title":{"rendered":"Der organische Zusammenhang"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>R\u00e9my Ballot, Eva Gevorgyan und die Stuttgarter Philharmoniker mit Mozart und Bruckner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da Chefdirigent Dan Ettinger nunmehr zumindest bis Saisonende krankheitsbedingt nicht einsatzbereit ist, \u00fcbernahm R\u00e9my Ballot das Abonnementkonzert der Stuttgarter Philharmoniker am 16.&nbsp;Mai in der Stuttgarter Liederhalle, in welchem eigentlich eine Puccini-Gala gegeben werden sollte, und leitete das Orchester stattdessen in einem Mozart-Bruckner-Programm, welches ansonsten dem Stuttgarter Publikum vorenthalten geblieben w\u00e4re. Das ist eine insgesamt bemerkenswerte Entwicklung, da Ballot ja zun\u00e4chst \u2013 mit maximalem Erfolg, wie man das wohl nennen muss \u2013 in Bruckners F\u00fcnfter Symphonie (seiner komplexesten) eingesprungen war. Dies geschah, da er als \u201aBruckner-Spezialist\u2018 empfohlen wurde, was insofern auf der Hand liegt, als er ja gerade f\u00fcr das f\u00fchrende \u00f6sterreichische Klassik-Label Gramola den ersten Zyklus der zehn reifen Bruckner-Symphonien vollenden konnte, der jemals in der Stiftsbasilika St. Florian eingespielt wurde \u2013 also an dem Ort, an welchem sich Bruckners eigene Klangvorstellung einst entscheidend ausgebildet hat. Und nat\u00fcrlich hat Ballot \u2013 unter akustisch weit unproblematischeren Bedingungen als in dem sehr halligen Kirchenraum unweit Linz \u2013 die Stuttgarter, das Hausorchester des frischgebackenen deutschen Fu\u00dfball-Vizemeisters, auf fulminant klare, den geistigen Gehalt der Musik, ihr Drama des freien Kontrapunkts ohne Schielen auf Effekte oder Stilisierungen entfaltende Weise durch dieses Werk gef\u00fchrt, wie mir von mehreren Seiten, deren Wort schon des \u00f6fteren mit der Realit\u00e4t in Einklang stand, zugetragen wurde \u2013 eine Ansicht, die unter anderem auch, und das wiegt nun wahrlich nicht gering, von vielen der Orchestermusiker getragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin lud man Ballot ein, auch die beiden Konzerte in Norditalien zu dirigieren, in welchen zun\u00e4chst die gro\u00dfartige junge armenisch-russische Pianistin Eva Gevorgyan (Jewa Geworgjan) in Mozarts gro\u00dfem A-Dur-Klavierkonzert KV 488 begleitet wurde, bevor diesmal Bruckners Vierte \u2013 in der definitiven 3. Fassung von 1887\u201388 \u2013 erklang. Man spielte dieses Programm beim Klavierfestival in Brescia sowie in Bergamo, der Heimst\u00e4tte der frischgebackenen Leverkusen-Bezwinger. Und, man kann es ja fast nicht glauben, man spielte dabei die Erstauff\u00fchrung der Vierten Bruckner \u2013 seines zusammen mit der Siebten popul\u00e4rsten Werks \u2013 in Bergamo. Also nicht nur in musikalischer, sondern auch in historischer Hinsicht eine entscheidende Tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Programm h\u00e4tte das Stuttgarter Publikum also nicht zu h\u00f6ren gekommen, h\u00e4tte nicht Ettingers Puccini-Herzensprojekt auf dem Programm gestanden, welches man dem erkrankten Chef \u2013 dem dringend gute Besserung zu w\u00fcnschen ist \u2013 nicht entrei\u00dfen, sondern auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt verlegen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Stuttgart gab es nun \u2013 einem Saison-Motto folgend \u2013 zwischen Mozart und Bruckner, besetzungsbedingt nach der Pause vor der Symphonie, <em>An Oddment for Orchestra<\/em>, ein One-Minute-Piece einer Kompositionsstudentin der Stuttgarter Hochschule, der 1997 geborenen Fl\u00e4min Eveline Vervliet, als Urauff\u00fchrung \u2013 eine Art stehender Klangbildung, ein bisschen gleich einem Tierchen, das auf einer Lichtung um sich schaut und \u00fcberlegt, wohin es sich denn bewegen soll. Nun denn \u2013 zu Bruckner, und das deutet sich auch in den Kl\u00e4ngen an, die da in recht bruchst\u00fcckhafter Weise aufeinanderfolgen (der Titel, dadaistisch-technokratisch, k\u00f6nnte auch eine Hommage an Elon Musk sein). Eine freundliche Talentprobe, die das Publikum nicht beleidigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor gab es einen vor allem im Kopfsatz ganz wunderbaren Mozart, und Eva Gevorgyan ist eben nicht nur eine ph\u00e4nomenale Virtuosin, wie sie anschlie\u00dfend vor allem in den Finessen der Paganini-Campanella in Liszts rhapsodischer Formung in das Publikum absolut in Bann schlagender Weise bewies, sondern eine Musikerin, die in dieser niemals stillstehenden, immerfort sich organisch entwickelnden Musik vollkommen pr\u00e4sent ist, die harmonischen Verl\u00e4ufe sinnf\u00e4llig aush\u00f6rt, die Kontrapunktik auch da deutlich hervortreten l\u00e4sst, wo viele andere nur charmantes Figurenwerk durchnudeln. Eine wirklich spannende, dabei auch ganz nat\u00fcrliche Darbietung mit einem ad\u00e4quat hellwachen Orchester als lebendig changierendem Gegenpart. Im langsamen Satz spielte Eva Gevorgyan sehr fein und stimmungsvoll, auch durchaus klar und \u00e4u\u00dferst kultiviert, jedoch k\u00f6nnen die Spannungsverl\u00e4ufe der Phrasen noch viel bezwingender erscheinen, zumal wenn die extreme introvertierte Spannung der Neapolitaner-Akkorde tiefgreifender begriffen w\u00fcrde. Aber das l\u00e4sst sich ja noch entwickeln, erweitern\u2026 Im Finale herrschte geistvoller Dialog, lediglich leicht gebremst durch ein etwas zu geschwind genommenes Starttempo, aber hier ist es viel leichter, das nat\u00fcrliche Idiom des Komponisten zu Wort kommen zu lassen, wenn man nicht den ideologischen Flausen der sogenannten \u201ahistorischen Auff\u00fchrungspraxis\u2018 mit ihren nivellierenden Verzerrungen aufsitzt \u2013 und diese Gefahr bestand in keinem Moment. Der kleinen Einw\u00e4nde eingedenk also eine vortreffliche, grundmusikalische Darbietung aller Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gleichen H\u00f6he bewegte sich die Bruckner-Symphonie. Es ist nicht m\u00f6glich, dies angemessen zu beschreiben. Als Leitfaden m\u00f6ge dienen, dass Ballot definitiv von dem Lehrer und Meister gepr\u00e4gt ist, dessen j\u00fcngster Dirigiersch\u00fcler er am Ende von dessen Leben war: von Sergiu Celibidache. Und da scheiden sich nat\u00fcrlich die Geister von den Ungeistern. Aber lassen wir die Ungeister au\u00dfer Acht, die k\u00f6nnen sich ja an Wand, Harnoncourt, Skrowaczewski, Tintner, Thielemann und minderen Gesellen orientieren. Entscheidend ist, dass Ballot es einerseits \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig hat, sich irgendwie von Celibidache zu distanzieren, sondern dass er schlicht ein ergebener Diener der Musik ist, wie dies einst, in Zeiten vor dem alle Qualit\u00e4t niederwalzenden Starkult, das Ideal aller seri\u00f6sen Musiker war. Und das Sch\u00f6ne ist, dass Ballot bei aller N\u00e4he zum von Celibidache Erlernten doch ein ganz anderes Naturell ist. Spezifisch f\u00fcr ihn ist eine Leichtigkeit, Geschmeidigkeit, ein grunds\u00e4tzlicher Optimismus, ja eine immer sp\u00fcrbare Freundlichkeit und Fr\u00f6hlichkeit des Wesens, und das beg\u00fcnstigt auch die Transparenz des Orchesterklangs und \u00fcberhaupt die kollektive Tongebung. Und es bedeutet keineswegs, dass es an Drama mangele! Das Scherzo ist so virtuos, wie es sein soll, und keine gem\u00fctliche Veranstaltung (das Trio hingegen selbstverst\u00e4ndlich genau das). Kopfsatz und langsamer Satz gelingen vortrefflich, und es steht zu vermuten, dass fast niemand in Orchester und Publikum diese Musik bisher je so wunderbar gestaltet im Konzert erleben durfte. Und \u00fcberw\u00e4ltigend, wie es eben sein muss, setzt das Finale dem Ganzen die Krone auf, um in einer apotheotischen Coda, wie dies nur m\u00f6glich ist, dem Himmel zuzustreben. Ganz im Sinne seines Lehrmeisters gelingt es Ballot hier, aus dem Gegensatz der kantablen Harmoniepracht des modulierenden Bl\u00e4sersatzes und dem markierten Schreiten der Streichertriolen als rhythmischer Erdung eine Wirkung zu manifestieren, die so magisch ist, dem sich nur entziehen kann, wer d\u00fcmmlicherweise dagegen ist. Und welcher musikalische Geist w\u00e4re das? So geht Bruckner, und Ballot ist wohl nicht der einzige, der das heute versteht und verwirklichen kann, aber einer der ganz wenigen. Die Stars geh\u00f6ren jedenfalls bislang nicht dazu. M\u00f6ge er also kein solcher werden wie diese, sondern seinem eigenen Stern ohne Eitelkeit und Selbstsucht folgen, wie dies bisher ganz offensichtlich der Fall zu sein scheint, und m\u00f6ge ihn der zunehmende Erfolg geistig nicht zu Fall bringen. Ich traue ihm das jedenfalls zu. Ich h\u00e4tte mir lediglich gew\u00fcnscht, dass er nicht so pedantisch die Zweier-Gruppen bei der Bruckner-Manie des halb-Zweier, halb-Dreier-Alla-breve-Takts unterschlagen h\u00e4tte. Auch wenn ihm wom\u00f6glich die verf\u00fcgbare Probenzeit ein bisschen knapp gewesen sein mag (was vor allem f\u00fcr den langsamen Satz gilt), so viel Kontrolle war hier nicht n\u00f6tig, und das Orchester tat, was ihm nur m\u00f6glich war, um in dieser Art von Bruckner-Spiel, die in jedem Fall so ganz anders als das Gew\u00f6hnliche und so ganz neu war, mit Hingabe aufzugehen. Wie sch\u00f6n, wenn ein Orchester so f\u00fchl- und sp\u00fcrbar aufbl\u00fcht und mit solchem Selbstbewusstsein das entdeckt wie beim ersten Mal, was man l\u00e4ngst zu kennen glaubte. Gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Was ist das Besondere an dieser Art des Musizierens? Kurz, allzu kurz gesagt: der organische Zusammenhang, der uns alle vier S\u00e4tze in bezwingender Weise als Einheit der Form erleben l\u00e4sst. Und vielleicht sogar die Symphonie als Ganzes, wenngleich jenseits des Erkl\u00e4rbaren, auch wenn das Hauptthema des Beginns am Ende wieder da ist, wie ein Symbol des Ewigen. Diese einmalige Kunst des Musizierens kann man nicht eben mal erkl\u00e4ren. Das erlebt man. Sogar als Kritiker \u201avon Statur\u2018 h\u00e4tte man die M\u00f6glichkeit\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Annabelle Leskov, Mai 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00e9my Ballot, Eva Gevorgyan und die Stuttgarter Philharmoniker mit Mozart und Bruckner Da Chefdirigent Dan Ettinger nunmehr zumindest bis Saisonende krankheitsbedingt nicht einsatzbereit ist, \u00fcbernahm R\u00e9my Ballot das Abonnementkonzert der Stuttgarter Philharmoniker am 16.&nbsp;Mai in der Stuttgarter Liederhalle, in welchem eigentlich eine Puccini-Gala gegeben werden sollte, und leitete das Orchester stattdessen in einem Mozart-Bruckner-Programm, welches &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/24\/der-organische-zusammenhang\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der organische Zusammenhang<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[1941,5016,5014,4096,5012,668,5017,5013,4437,4442,5015,184],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6609"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6609"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6609\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6611,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6609\/revisions\/6611"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}