{"id":6612,"date":"2024-05-28T17:39:53","date_gmt":"2024-05-28T15:39:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6612"},"modified":"2024-12-11T08:10:40","modified_gmt":"2024-12-11T07:10:40","slug":"feuer-ohne-rauch-rauch-ohne-feuer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/28\/feuer-ohne-rauch-rauch-ohne-feuer\/","title":{"rendered":"Feuer ohne Rauch, Rauch ohne Feuer"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Rezensent m\u00f6chte um Nachsicht daf\u00fcr bitten, dass in diesem Text weder Orchester, noch Dirigent, beide sehr bekannt, noch Ort und Zeit des Konzerts beim Namen genannt werden k\u00f6nnen, denn das Konzert war auf eine sehr grunds\u00e4tzliche, beispielhafte, besondere und eigenartige Weise unmusikalisch, und Namen spielen f\u00fcr diese Betrachtung am Ende keine Rolle; Spekulationen hier\u00fcber sind m\u00fc\u00dfig, denn sie gehen am Kern der Sache vorbei. Und vielleicht k\u00f6nnen die richtigen Worte daf\u00fcr auch gar nicht gefunden werden. Diese Zeilen sind also ein Versuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmusikalit\u00e4t ist schwer zu greifen. Im Konzert waren Symphonien aus der Wiener Klassik zu h\u00f6ren, und das Orchester hat individuell und als Kollektiv das informiert-g\u00e4ngige Alphabet der Effekte und Artikulationen tief verinnerlicht. In diesem Fall ging das so weit, dass jeder Moment von jedem Orchestermitglied als Effekt perfekt, und innerhalb der Gruppen \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise artikuliert wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art des Abspielens von formelhaften Elementen kann zu verschiedenen Resultaten f\u00fchren, jedenfalls ist sie keine Garantie f\u00fcr das Entstehen von Musik. Kommt dazu eine, wie in diesem Fall eine fast als Monstranz pr\u00e4sentierte \u201eSo spielt man das\u201c-\u00dcberzeugung hinzu, so ist die Gefahr gro\u00df, dass das Mittel der informierten Artikulation bereits der Endzweck ist, zumal wenn der ernste Eifer der einzelnen Musizierenden deren Sinn f\u00fcr die Gesamtheit der klanglichen Erscheinung \u00fcbersteigt, was zu Momenten unfreiwilliger Komik f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese am\u00fcsanten Nebenerscheinungen beiseite gelassen, lebt Musik aber doch vom Zusammenhang. Effekte und Floskeln, ebenso Musizierende eines Orchesters oder Ensembles sind aber zun\u00e4chst nur Einzelerscheinungen, die sich erst miteinander verbinden m\u00fcssen, um als musikalische Einheit erscheinen und wahrgenommen werden zu k\u00f6nnen und nicht als Augenblicksmanierismen zu verfliegen. Verbleiben Artikulationen aber als blo\u00dfe Effekte, so ist die entstehende Einheit keine musikalische, sondern nur Darstellung von Gewusstem und Erlerntem, ein Zusammenhang entsteht nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde diese Spielhaltung zu einer Musizierhaltung f\u00fchren, w\u00e4re es etwas anderes, so aber, letzten Endes als Imitation des Einstudierten, f\u00fchrt eine daraus resultierende Klanghomogenit\u00e4t nicht zu musikalischer Homogenit\u00e4t oder gar zu musikalischem Zusammenhang.<\/p>\n\n\n\n<p>Der musikalische ist hier durch den instrumental-rhetorischen Akt abgel\u00f6st, der der Musik, jede m\u00f6gliche musikalisch erlebbare Perspektive ersetzend, keine Chance zum Atmen l\u00e4sst. Es klingt spontan, ist es aber nicht, denn Spontaneit\u00e4t setzt vor allem eine gewisse Freiheit des Musiziermoments voraus, und diese notwendige Freiheit kann weder imitiert noch aus dieser Art von Einstudiertheit entstehen, da sie sich nur perfekt vorgetragenen Floskeln orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Moment geschieht dann etwas Interessantes um seiner selbst Willen, aber es verbindet sich nicht zu einem musikalischen Ganzen, jedes noch so brillant artikulierte Detail steht allein f\u00fcr sich und ist im n\u00e4chsten Moment sofort vergessen, annulliert durch die n\u00e4chste Interessantheit, symphonische Leere verkleidet als Inspiration.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedingungen, unter denen Musik entsteht, sind nicht einfach zu definieren, meist h\u00f6ren und sp\u00fcren wir eher, wenn keine Musik entsteht. Man kann vielleicht beobachten, dass Musik in Gegenw\u00e4rtigkeiten von einer gewissen Dauer erscheint, t\u00f6nende Erscheinungen, die sich zu einer erlebbaren Gegenwart verbinden; so wird dann aus dem Pr\u00e4sens der singul\u00e4ren Erscheinung musikalische Pr\u00e4senz von einer gewissen Dauer. Nicht aber hier, wo es nur auf den Tupfer f\u00fcr die Dauer eines Wimpernschlags ankommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalischer Geist bleibt hier abwesend, und so demaskiert sich der Auftritt von Dirigent und Orchester zum Tod jeder Kunst, zu Selbstkopie und leerer Pose, die mit st\u00e4rkster Einbildung, das Richtige zu tun, musikalisch vollkommen scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das b\u00f6se Wort der dem klassischen Musikbetrieb gerne \u2013 allerdings weitgehend grundlos \u2013 vorgeworfenen sozialen Selbstvergewisserung (die es schlie\u00dflich in jedem soziokulturellen Geschehen gibt, im Theater, in der Oper, bei allen anderen Konzerten jeden Genres, und was anderes ist denn das Rauschen der Masse in einem Fussballstadion!) kommt hier tats\u00e4chlich aufgrund der nicht stattfindenden Musik zum Vorschein, obwohl sie eigentlich ein ganz unwichtiges Nebenprodukt eines Konzerts ist: das Publikum vergewissert sich seiner selbst am B\u00fchnengeschehen, das Orchester am Dirigenten, und der Dirigent am Orchester, und alle an sich selbst. Mehr war nicht drin.<\/p>\n\n\n\n<p>So funktioniert dann aber das Missverst\u00e4ndnis der Elitisierung der klassischen Musik: hier wird Gegenw\u00e4rtigkeit durch Interessantheit und intellektuelles Dazugeh\u00f6ren nur vorgegeben, und die Idee des Konzerts vollkommen missverstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt davon gar nichts, und der fast greifbare Brustton der eigenen \u00dcberzeugung des Orchesters und das routinierte Posieren des Dirigenten klingen nirgendwohin fort und mutieren zur k\u00fcnstlerischen Farce. In die Jahre gekommen sind sie, die Musikerinnen und Musiker des Orchesters, und die falsche Frische k\u00fcndet nur von der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4sthetisierung einer Spielweise ist noch lange keine musikalische Spielkultur. Sollte es eine Krise in der Musik geben, wovon der Rezensent keineswegs \u00fcberzeugt ist, so ist dies hier sicherlich nicht der Ausweg. Kunst ist schon Vermittlung, schreibt Goethe, aber er meinte damit: Kunst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Rezensent m\u00f6chte um Nachsicht daf\u00fcr bitten, dass in diesem Text weder Orchester, noch Dirigent, beide sehr bekannt, noch Ort und Zeit des Konzerts beim Namen genannt werden k\u00f6nnen, denn das Konzert war auf eine sehr grunds\u00e4tzliche, beispielhafte, besondere und eigenartige Weise unmusikalisch, und Namen spielen f\u00fcr diese Betrachtung am Ende keine Rolle; Spekulationen hier\u00fcber &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/05\/28\/feuer-ohne-rauch-rauch-ohne-feuer\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Feuer ohne Rauch, Rauch ohne Feuer<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[62,3],"tags":[5019,5020,5018,5021],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6612"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/26"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6612"}],"version-history":[{"count":30,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6612\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6857,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6612\/revisions\/6857"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6612"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6612"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6612"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}