{"id":664,"date":"2016-04-06T15:03:38","date_gmt":"2016-04-06T13:03:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=664"},"modified":"2016-04-06T15:03:38","modified_gmt":"2016-04-06T13:03:38","slug":"maeckel-auf-der-probe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/06\/maeckel-auf-der-probe\/","title":{"rendered":"Maeckel auf der Probe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Liszt plus&#8220; lautet der Titel des Konzerts von Professor Gregor Weichert am Nachmittag des 3. April 2016 im Johannissaal des Schloss Nymphenburg in M\u00fcnchen. Das Konzert der Reihe &#8222;Klavierspielkunst &#8211; Stationen der Musikgeschichte&#8220;, veranstaltet von J\u00fcrgen Plich, enth\u00e4lt Werke von Liszt, n\u00e4mlich zwei Legenden, Die Zelle in Nonnenwerth und die Polonaise aus dem Stanislaus-Oratorium, sowie von Louis Vierne Le glas und von C\u00e9sar Franck Pr\u00e9lude, Choral et Fugue. Zwei Intermezzi von Johannes Brahms, dessen Todestag begangen wird, bilden die Zugabe.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einiger Zeit besprach ich f\u00fcr The New Listener das Buch <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/28\/ein-ueberlauter-schrei-der-begeisterung\/\">&#8222;Das organische Klavierspiel&#8220; von O. V. Maeckel<\/a>, eine in Vergessenheit geratene Methode eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkenden und damals hoch angesehenen Klavierp\u00e4dagogen, der versuchte, die noch nie in Worte gefasste Methode der gro\u00dfen Klaviervirtuosen wie Franz Liszt zu entschl\u00fcsseln und authentisch zu unterrichten. Herausgeber des im Staccato-Verlag erschienenen Reprint ist Gregor Weichert, emeritierter Professor in M\u00fcnster, der selber nach Maeckels Methode spielt und lehrt. So lasse ich mir nat\u00fcrlich die Chance nicht nehmen, seinem Konzert im M\u00fcnchner Schloss Nymphenburg beizuwohnen und die praktische Umsetzung von Maeckels Methode unter die Lupe zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch der P\u00e4dagoge des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts ist Weichert ein gro\u00dfer Anh\u00e4nger von Franz Liszt und Erforscher auch von dessen geistig-spiritueller Seite. Da verwundert nicht, dass sowohl Liszt als auch das Religi\u00f6se das Konzertprogramm einem roten Faden gleich durchziehen. Zwei Legenden von gro\u00dfen Heiligen, die Zelle in Nonnenwerth, und eine Polonaise aus dem lediglich als Klavierparticell vorliegenden Stanislaus-Oratorium des Chopin-Freundes machen den ersten Teil des Recitals aus, Francks Pr\u00e9lude, Choral et Fugue sowie das Totengel\u00e4ut, Le glas, des f\u00fcr seine Orgelsymphonien ber\u00fchmten Franck- und Widor-Sch\u00fclers Louis Vierne den zweiten. Kurze Moderationen Weicherts vermitteln leger und gekonnt sein fundiertes Wissen und tiefes Verst\u00e4ndnis der gespielten Werke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Klang verzaubert und erstaunt gleicherma\u00dfen von der ersten Sekunde an: Professor Gregor Weichert entlockt dem Broadwook &amp; Sons Full Concert Grand von 1896 einmalige Schattierungen und einen sauberen, klaren und vollendet abgerundeten Ton. Tats\u00e4chlich manifestiert sein Spiel nach der Klaviermethode von O. V. Maeckel eine ganz eigene Art des Anschlags, der ein unerwartetes H\u00f6rerlebnis hervorruft. Besonders auff\u00e4llig sind hierbei die weittragenden Gesangslinien (die 3. Spielart nach Maeckel) sowie die genauestens durchbalancierten Akkorde (wovon Maeckels zweites Kapitel handelt). Zu keiner Zeit scheint sich Weichert sonderlich anzustrengen, er geht nur mit dem n\u00f6tigen Druck in die Tasten hinein, wodurch niemals H\u00e4rte entsteht, alles geschieht aus der Entspanntheit der Muskeln und aus der nat\u00fcrlichen Schwerkraftenergie heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus ist f\u00fcr das Spiel von Gregor Weichert innere Ruhe und Gelassenheit bezeichnend, aus welcher heraus die Musik entstehen kann. Locker und entspannt nimmt Weichert selbst die virtuosesten Passagen und l\u00e4sst sie in aller Einfachheit entstehen, ohne isolierte, nachdr\u00fcckliche Effekte n\u00f6tig zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein St\u00fcck, das noch besonders hervorgehoben werden sollte, ist die Polonaise aus dem Stanislaus-Oratorium von Franz Liszt. Welch eine fortschrittliche harmonische Kraft in diesem St\u00fcck liegt, das ist wirklich faszinierend &#8211; niemals h\u00e4tte man bei solch einer Musik an Franz Liszt gedacht, viel eher an einen sp\u00e4teren Neuerer. Besonders manche scheinbar falschen Noten stechen hervor, die im Gesamtkontext jedoch einen Sinn ergeben und nur punktuell fast wie &#8222;Blue Notes&#8220; wirken. Nicht weniger beachtlich sind aber auch die restlichen Werke: die beiden programmbeladenen Legenden, Viernes d\u00fcsteres und stimmungsgeschw\u00e4ngertes Le glas, welches wohl niemanden kalt lassen kann &#8211; vor allem nicht in solch einer reflektierten Darbietung -, und die chromatisch schillernde Virtuosit\u00e4t der Musik von C\u00e9sar Franck, die rein musikalischen Zwecken dient. Unfassbar fesselnd geraten insbesondere die beiden Intermezzi von Johannes Brahms, welche es als Zugabe gibt, wie gewohnt in innerer Lockerheit und meditativer Ruhe &#8211; und umso st\u00e4rker mit echt empfundenem Gef\u00fchl und Reife der Gestaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So leitet Weichert direkt \u00fcber in den n\u00e4chsten Klaviernachmittag, der am 8. Mai mit seinem ehemaligen Sch\u00fcler und nunmehr Kollegen sowie Veranstalter J\u00fcrgen Plich stattfinden wird. Bei &#8222;Brahms plus&#8220; gibt es dessen dritte Sonate sowie die 3 Phantasiest\u00fccke Op. 111 von Robert Schumann. Auf dieses Konzert bin ich sehr gespannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Liszt plus&#8220; lautet der Titel des Konzerts von Professor Gregor Weichert am Nachmittag des 3. April 2016 im Johannissaal des Schloss Nymphenburg in M\u00fcnchen. 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