{"id":6671,"date":"2024-06-18T21:50:15","date_gmt":"2024-06-18T19:50:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6671"},"modified":"2024-06-18T21:50:18","modified_gmt":"2024-06-18T19:50:18","slug":"die-kunst-der-reduktion-zauberhafte-miniaturen-von-steffen-wolf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/06\/18\/die-kunst-der-reduktion-zauberhafte-miniaturen-von-steffen-wolf\/","title":{"rendered":"Die Kunst der Reduktion: Zauberhafte Miniaturen von Steffen Wolf"},"content":{"rendered":"\n<p>TYXart TXA21160 EAN: 4 250702 801603<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6672\" width=\"497\" height=\"497\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Wolf-Steffen-Essais-musicaux.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Sechs Zyklen, bestehend aus insgesamt 51 Miniaturen, vereint die Kammermusik-CD <\/em>\u201eEssais musicaux\u201c<em> mit Musik des in Hamburg lebenden Komponisten <\/em>Steffen Wolf<em> (Jahrgang 1971): Die titelgebenden <\/em>Essais musicaux I(\u201eTo quiet the mind\u201c)<em> und <\/em>II (\u201eAbbaye Saint-Philibert\u201c)<em> f\u00fcr Violine bzw. Klarinette und Klavier, <\/em>\u201eIm Zeichen der Kastanie\u201c<em> (Violine solo), <\/em>\u201eKreise\u201c<em> (Klarinette solo) sowie die Klavierzyklen <\/em>\u201eAls Kind\u201c<em> und <\/em>\u201eSo listen to my lullaby, you knights and ladies fine\u201c<em> (zu vier H\u00e4nden). Die Interpreten sind <\/em>Ewelina Nowicka<em> (Violine), <\/em>Pamela Coats<em> (Klarinette), <\/em>Jennifer Hymer<em> und <\/em>Michi Komoto <em>(Klavier) sowie der Komponist als Sprecher.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der wohl im s\u00fcdlichen Niedersachsen (?) aufgewachsene, nun in Hamburg ans\u00e4ssige S\u00e4nger und Komponist <em>Steffen Wolf<\/em> (*1971), h\u00e4lt sich mit Informationen \u00fcber seine Vita erstaunlich bedeckt, selbst auf seiner eigenen Website: \u00fcberall stets die fast im Wortlaut identischen, mehr als sp\u00e4rlichen Angaben. Offenkundig interessiert ihn beim Komponieren mehr als nur die reine Musik, vielmehr eine Verbindung zu Malerei, Architektur, Literatur und Philosophie, was auch in den vorliegenden sechs Zyklen mit insgesamt 51 Miniaturen seinen Niederschlag erf\u00e4hrt. Die Besetzung geht von solistischen Werken \u2013 <em>Im Zeichen der Kastanie<\/em> (Violine), <em>Kreise<\/em> (Klarinette) sowie dem Klavierzyklus <em>Als Kind<\/em> \u2013 \u00fcber <em>So listen to my lullaby, you knights and ladies fine<\/em> (Klavier vierh\u00e4ndig) bis zu den f\u00fcr die CD titelgebenden <em>Essai musical I<\/em> <em>(\u201eTo quiet the mind\u201c<\/em>) und <em>Essai musical II<\/em> (<em>\u201eAbbaye Saint-Philibert\u201c<\/em>) f\u00fcr Violine bzw. Klarinette und Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kurzen, emotional fein dosierten St\u00fccke wollen nicht die jeweiligen Inspirationsquellen \u201e\u00fcbersetzen\u201c oder gar illustrieren; es sind die inneren Bewegungsmomente des Komponisten bei diesen Kunstbegegnungen, die dem H\u00f6rer vermittelt werden. So vergleicht man den durch eine alte Fotografie \u2013 des Komponisten? \u2013 angeregten Zyklus <em>Als Kind <\/em>unweigerlich mit von der \u00e4u\u00dferlichen Anlage \u00e4hnlich scheinenden Werken, nat\u00fcrlich insbesondere Schumanns <em>Kinderszenen<\/em>. Gemeinsam mit diesen werden auch hier eben nicht konkrete Kindheitssituationen gleichsam geschildert, sondern eben aus der Sicht des Erwachsenen in die Gegenwart zur\u00fcckgeholt und reflektiert. Jedoch ist Wolfs Rhetorik vorsichtiger und dabei noch reduzierter. Da Wolfs Harmonik nie tonal fundiert ist \u2013 sie schwankt zwischen eher weicher Atonalit\u00e4t und Polytonalit\u00e4t mit teils mehreren Zentralt\u00f6nen \u2013 wirken die kurzen Blicke dieser Musik recht spontan, nicht \u201egewollt\u201c oder gar konstruiert. Das soll nicht hei\u00dfen, dass es hier keine inneren musikalischen Zusammenh\u00e4nge g\u00e4be; dies aufzudecken bed\u00fcrfte eingehenderer Analysen anhand des Notentexts. <em>Michi Komoto<\/em> spielt makellos, die schnelleren Abschnitte kommen teils etwas aufgesetzt her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie diese oft zauberhafte, durchgehend sehr intime Musik \u2013 die daher \u00fcberhaupt nicht in gro\u00dfe Konzerts\u00e4le passt \u2013 wirkt, ist schwer zu beschreiben. Gemessen an der Kammermusik und den Liedern des fr\u00fchen, expressionistischen Anton Webern mangelt es ihr an Direktheit, sie ist daf\u00fcr deutlich zug\u00e4nglicher. Dem vielleicht gro\u00dfartigsten lebenden Verfasser musikalischer Miniaturen, Gy\u00f6rgy Kurt\u00e1g, \u00e4hnelt Wolfs Herangehensweise ebenso nur bedingt, da hier nicht st\u00e4ndig musikgeschichtliche Querverweise von der stillen Ausdruckskraft ablenken. Am gelungensten erscheinen dem Rezensenten in der Tat die beiden <em>Essais musicaux<\/em>: <em>To quiet the mind <\/em>nimmt Bezug auf einen Bilderzyklus von Carmen Hillers, Wolfs Gattin. Die den 7 S\u00e4tzen zugeordneten Kunstwerke sind im Booklet abgebildet. Die exzellente Violinistin <em>Ewelina Nowicka<\/em> \u2013 sie gl\u00e4nzte erst k\u00fcrzlich auf einer fabelhaften CD mit konzertanten Werken verfolgter polnischer Komponisten \u2013 gestaltet die recht freien Assoziationen \u00fcberzeugend empathisch und wird von Jennifer Hymer minuti\u00f6s begleitet. <em>Im Zeichen der Kastanie <\/em>\u2013 hier wechseln ruhige und erregtere Abschnitte einander ab<em> \u2013 <\/em>bringt Nowicka kongenial auf den Punkt. Die kammermusikalisch sehr umtriebige Klarinettistin <em>Pamela Coats <\/em>spielt <em>Abbaye Saint-Philibert<\/em> \u2013 mit eingebauten Glockenassoziationen sowie einem Zitat Hildegard von Bingens \u2013 klanglich und dynamisch differenziert, aber setzt mehrfach auf einen leicht gockelhaften Klarinettensound, der Wolfs intimen Ansatz stellenweise konterkariert. In <em>Kreise <\/em>\u2013 die kurzen Haikus Kobayashi Issas werden vom Komponisten selbst mit etwas zu viel Hall dazu gesprochen \u2013 wirken die Tierschilderungen (Frosch und Hund) geradezu l\u00e4cherlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig ist die Klangverteilung \u2013 die Mittellage des Fl\u00fcgels erscheint unterrepr\u00e4sentiert \u2013 der beiden Spielerinnen in <em>So listen to my lullaby, you knights and ladies fine<\/em>, in der sich Steffen Wolf einmal mehr Christoph Martin Wielands Versdichtung <em>Der Vogelsang <\/em>widmet. Da, wo der Satz dichter wird, erreicht der Komponist beinahe ungewohnt orchestrale F\u00fclle. Jedoch wirken gerade in den von der Faktur eher schlichteren Abschnitten <em>Primo<\/em> und <em>Secondo<\/em> eher als Antipoden als klanglich zu verschmelzen, was sich nicht nach Absicht anh\u00f6rt. Aufnahmetechnisch hat man offenkundig versucht, diesem Manko (?) mit Hall entgegenzuwirken, sonst verm\u00f6gen die Einspielungen den intimen Charakter von Wolfs Musik durchaus zu transportieren. Insgesamt eine au\u00dfergew\u00f6hnliche H\u00f6rerfahrung, auf die sich einzulassen lohnt, wenn man daf\u00fcr tunlichst immer nur einen der sechs Zyklen konzentriert genie\u00dft, keinesfalls die komplette CD am St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TYXart TXA21160 EAN: 4 250702 801603 Sechs Zyklen, bestehend aus insgesamt 51 Miniaturen, vereint die Kammermusik-CD \u201eEssais musicaux\u201c mit Musik des in Hamburg lebenden Komponisten Steffen Wolf (Jahrgang 1971): Die titelgebenden Essais musicaux I(\u201eTo quiet the mind\u201c) und II (\u201eAbbaye Saint-Philibert\u201c) f\u00fcr Violine bzw. 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