{"id":6695,"date":"2024-06-30T23:14:47","date_gmt":"2024-06-30T21:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6695"},"modified":"2024-07-01T00:52:29","modified_gmt":"2024-06-30T22:52:29","slug":"richard-strauss-tage-2024-2-ariadne-auf-naxos-und-norens-klaviertrio","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/06\/30\/richard-strauss-tage-2024-2-ariadne-auf-naxos-und-norens-klaviertrio\/","title":{"rendered":"Richard-Strauss-Tage 2024 [2]: Ariadne auf Naxos und Norens Klaviertrio"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der zweite Teil des Berichts von den Richard-Strauss-Tagen Garmisch-Partenkirchen (zum ersten Teil siehe <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/06\/28\/richard-strauss-tage-2024-1-heinrich-gottlieb-norens-auferstehung\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/06\/28\/richard-strauss-tage-2024-1-heinrich-gottlieb-norens-auferstehung\/\">hier<\/a>) befasst sich mit folgenden Konzerten:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>9. Juni: Oper (Richard Strauss: Ariadne auf Naxos, konzertante Auff\u00fchrung), Department f\u00fcr Oper und Musiktheater der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg, Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, Kai R\u00f6hrig<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>11. Juni: Kammerkonzert (Klaviertrios von Richard Strauss und Heinrich G. Noren), Phaeton Piano Trio<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6696\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/20240608_114444-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Garmisch-Partenkirchen, gesehen vom Aufgang zum Rie\u00dfersee aus.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem Matin\u00e9ekonzert konnte man, wieder im Festsaal Werdenfels, am Abend desselben Tages die Oper <em>Ariadne auf Naxos<\/em> in einer konzertanten Auff\u00fchrung h\u00f6ren. Es handelte sich um eine Kooperation mit dem Department f\u00fcr Oper und Musiktheater der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg, das j\u00e4hrlich eine Auswahl vielversprechender Gesangsstudenten in speziellen Opernklassen auf die B\u00fchnenlaufbahn vorbereitet. Entsprechend war ein gro\u00dfer Teil der Rollen mit jungen Leuten besetzt. Die Ten\u00f6re Konstantin Igl und Lucas Pellb\u00e4ck sowie die B\u00e4sse Brett Pruunsild und Dominik Schumertl \u00fcbernahmen dabei au\u00dfer der Verk\u00f6rperung der vier Kom\u00f6dianten noch die kleinen Partien, die nur zu Beginn des Vorspiels auftauchen. Als geschlossen auftretendes Quartettensemble sorgten sie im zweiten Teil mit frischem, kecken Vortrag f\u00fcr die n\u00f6tige Auflockerung der statuarischen Opera-seria-Szenerie. Zerbinetta, die Frontfrau der Kom\u00f6diantentruppe, fand in Yukari Fukui eine Darstellerin, der es auf ganz nat\u00fcrliche Weise gelang, sich den Charakter dieser verspielten, koketten, aber durchaus geistvollen Figur zu eigen zu machen. Julia Maria Eckes, Anastasia Fedorenko und Donata Meyer-Kranixfeld trugen als Nymphentrio mit zarten, ineinander verschlungenen Kantilenen wesentlich dazu bei, in der \u201eOper\u201c die angemessen entr\u00fcckte Stimmung zu schaffen, zu welcher das unbek\u00fcmmerte Tr\u00e4llern der Kom\u00f6dianten scharf kontrastieren konnte. Jesse Mashburn dominierte in der Hosenrolle des Komponisten den ersten Teil. Hinrei\u00dfend gelang ihr die Darstellung dieses ebenso unerfahrenen wie idealistisch-verstiegenen jungen Menschen, der erleben muss, wie seine Traumgebilde hart in einer vom Geld beherrschten Realit\u00e4t aufschlagen (symbolisiert durch den nie auftretenden Hausherrn, der aus dem Hintergrund die Anweisungen gibt) und dadurch in emotionale Extreme gest\u00fcrzt wird. Zweifellos ist der Komponist, der im zweiten Teil leider nicht mehr auftaucht, die interessanteste Figur des ganzen St\u00fcckes, da sich in seiner Partie Tragisches mit Komischem mischt und Strauss in seiner Vertonung beides sehr geschickt in der Schwebe h\u00e4lt. Den Trotz, die Verletzlichkeit und die Hoffnungen des J\u00fcnglings hat Jesse Mashburn trefflich zur Geltung gebracht. Bew\u00e4hrte, erfahrene Kr\u00e4fte erg\u00e4nzten die Schar der jungen S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger: Juliane Banse exzellierte als energische, auf ihre W\u00fcrde bedachte Primadonna und erf\u00fcllte die Kantilenen der Ariadne im zweiten Teil mit bl\u00fchender Lyrik. Mit Christoph Strehl als Tenor in der Rolle des Bacchus stand ihr dazu ein ebenb\u00fcrtiger Partner zur Seite. Bernd Valentin trug im Vorspiel als Lehrer des Komponisten, der zwischen dessen Idealismus und den Realit\u00e4ten des Lebens zu vermitteln hat, wesentlich zur gelungenen Wirkung des turbulenten Geschehens bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker stand dem Gesangsensemble ein Kammerorchester zur Seite, das hinsichtlich der Motivation hinter der Pilsener Philharmonie nicht zur\u00fcckstand. Dirigent Kai R\u00f6hrig, Leiter der Opernklasse des Salzburger Mozarteums, f\u00fchrte mit festen, aber nicht unflexiblen Tempi die Musiker und S\u00e4nger souver\u00e4n durch den Abend und wusste die delikaten Klangeffekte Straussens zu pointieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ariadne auf Naxos<\/em> enth\u00e4lt einige der besten Einf\u00e4lle des Opernkomponisten Richard Strauss und stellt gewiss einen H\u00f6hepunkt in dessen Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal dar. Das Vorspiel ist schlichtweg eine geniale komische Oper f\u00fcr sich, die den Zuh\u00f6rer durch st\u00e4ndige Umschw\u00fcnge der Handlung in Atem h\u00e4lt \u2013 oft verbunden mit der Sprechrolle des Haushofmeisters (in der Garmischer Auff\u00fchrung durch Franz Tscherne verk\u00f6rpert), der durch die von ihm \u00fcbermittelten Anweisungen des Hausherrn das Geschehen in immer neue Richtungen lenkt. Allerdings stellt sich diesem temporeichen ersten Teil im zweiten eine recht statische Szenerie entgegen, in welcher sich zwar auch immer wieder wunderbare musikalische Gedanken finden, die im Gro\u00dfen und Ganzen aber die Wirkung des Vorspiels konterkariert. Dass die im ersten Teil so wichtigen Figuren des Komponisten, des Musiklehrers und des Haushofmeisters im zweiten verschwunden bleiben, tr\u00e4gt bedeutend dazu bei, dass die \u201eOper\u201c hinter dem Vorspiel zur\u00fcckbleibt. War dort alles Interaktion Aller mit Allen, so beschr\u00e4nkt sich der zweite Teil im Wesentlichen darauf, Ariadne (am Ende Ariadne und Bacchus) mit Zerbinetta und den Kom\u00f6dianten alternieren zu lassen. Allen Sch\u00f6nheiten zum Trotz, an denen der zweite Teil, wie gesagt, nicht spart, hinterl\u00e4sst das St\u00fcck insgesamt einen im w\u00f6rtlichen Sinne zwiesp\u00e4ltigen Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Konzert der Richard-Strauss-Tage 2024 war der zu Anfang des ersten Teils dieses Berichts bereits erw\u00e4hnte Kammermusikabend des Phaeton Piano Trios am 11.&nbsp;Juni, der im kleineren Richard-Strauss-Saal des Garmisch-Partenkirchener Kongresshauses stattfand. Erneut teilten sich Strauss und Heinrich G. Noren das Programm. Die dargebotenen Werke kontrastierten wesentlich st\u00e4rker zueinander als das <em>Kaleidoskop<\/em> und das <em>Heldenleben<\/em>, was nicht zuletzt daran liegt, dass es sich bei den beiden Klaviertrios von Richard Strauss um Jugendwerke handelt, die der Komponist im Alter von 13 Jahren schrieb. Sie repr\u00e4sentieren also nicht seinen den Kompositionsstil seiner Hauptwerke. Man sollte sich davon aber nicht dazu verf\u00fchren lassen, von diesen St\u00fccken geringsch\u00e4tzig zu reden oder sie als \u201ejugendlich unreif\u201c abzutun. Es ist nichts Unreifes in ihnen. Im Gegenteil: Der Autor ist ein junger Meister, der sich durch das Studium klassischer Vorbilder zu bemerkenswertem K\u00f6nnen herangebildet hat und dem alles gelingt, was er sich vornimmt. Diese Musik hat nichts Himmelst\u00fcrmendes an sich, nichts deutet darauf hin, dass von derselben Hand nur ein Jahrzehnt sp\u00e4ter die Violinsonate op.&nbsp;18 geschrieben werden wird, von <em>Don Juan<\/em> und <em>Macbeth<\/em> ganz zu schweigen. Wir m\u00fcssen bedenken, dass wir uns mit dem jungen Strauss in einem M\u00fcnchen befinden, das erst nach und nach zur \u201eRichard-Wagner-Stadt\u201c wird und in dem Franz Lachner noch unter den Lebenden weilt, jener langj\u00e4hrige bayerische Hofkapellmeister, der die Pflege der ihm teils noch pers\u00f6nlich bekannt gewordenen Wiener Klassiker dort fest etabliert und als Vorgesetzter von Franz Strauss, dem Vater Richards, auf den Geschmack der Strauss-Familie einen nicht geringen Einfluss genommen hat. Es ist kurzum eine verl\u00e4ngerte Wiener Klassik, die der 13-J\u00e4hrige hier pr\u00e4sentiert. Und das tut er mit Geschmack und Feingef\u00fchl!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Wiedergabe der Strausschen Trios fiel auf, dass sich der Pianist Florian Uhlig gerade im ersten Trio auff\u00e4llig zur\u00fcckhielt. W\u00e4hrend Friedemann Eichhorn, Violine, und Peter H\u00f6rr, Violoncello, von Anfang an als ebenb\u00fcrtige Partner auftraten, verblieb Uhlig lange in einem wenig differenzierten Mezzopiano, aus dem er erst nach und nach herausfand. Nehmen wir zu seinen Gunsten an, dass er sich seine Kr\u00e4fte f\u00fcr die zweite H\u00e4lfte des Konzerts aufsparte. Jedenfalls war er bei der Auff\u00fchrung von Norens Klaviertrio op.&nbsp;28 ganz pr\u00e4sent und stand hinter den Streichern nicht zur\u00fcck. Dieses viers\u00e4tzige Werk ist das genaue Gegenteil der Strauss-Trios: Es handelt sich um monumentale Bekenntnismusik eines reifen Meisters, der alle klassizistischen Spiele hinter sich gelassen hat und eine eine starke Neigung zu \u201efremden L\u00e4ndern und Menschen\u201c an den Tag legt. Hinsichtlich der zeitlichen Dimensionen von einer guten Dreiviertelstunde, wobei der riesige Kopfsatz allein 20 Minuten einnimmt, kann man dieses Trio getrost eine Symphonie f\u00fcr drei Instrumente nennen. Aber auch klanglich zieht Noren alle Register, um der Trioformation maximale Opulenz zu entlocken. Elemente slawischer Musik treten in dem Trio noch deutlich st\u00e4rker zu Tage als in den <em>Kaleidoskop<\/em>-Variationen. Der Kopfsatz beginnt mit einem wuchtig einher schreitenden Thema, einem Bild heroischen Trotzes, das in der Durchf\u00fchrung in resignative Introversion gewendet wird. Die Gesangsthemen der Ecks\u00e4tze und der langsame Satz entfalten jenes breit str\u00f6mende Melos, das f\u00fcr russische Komponisten dieser Zeit so typisch ist. Das m\u00e4\u00dfig rasche Scherzo l\u00e4sst in seiner Frische an Mussorgskij denken. Den langsamen Satz leitet ein Solo des Cellos ein, das eine archaische, schamanische Welt heraufzubeschw\u00f6ren scheint. Das ganze Werk durchziehen harmonisch-instrumentatorische Lichteffekte, die an die russischen Maler des Peredwischniki-Kreises denken lassen, denen ja auch Modest Mussorgskij nahestand. Im Finale, das mit einem flinken, etwas raubeinigen Tanzthema beginnt und dieses sp\u00e4ter als Fuge durchf\u00fchrt, wird der Farbenrausch schlie\u00dflich auf die Spitze getrieben. Das ist ein gro\u00dfes, herrliches Werk, von dem man sich fragt, warum es so lange unbeachtet geblieben ist, und dem man sehr gern h\u00e4ufiger im Konzertsaal wieder begegnen m\u00f6chte. Mit einem starken Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen untersch\u00e4tzten Meister gingen also die Richard-Strauss-Tage 2024 zu Ende, und man fragt sich bereits, was dieses verdienstvolle Festival wohl im n\u00e4chsten Jahr bringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juni 2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Teil des Berichts von den Richard-Strauss-Tagen Garmisch-Partenkirchen (zum ersten Teil siehe hier) befasst sich mit folgenden Konzerten: 9. Juni: Oper (Richard Strauss: Ariadne auf Naxos, konzertante Auff\u00fchrung), Department f\u00fcr Oper und Musiktheater der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg, Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, Kai R\u00f6hrig 11. 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