{"id":6703,"date":"2024-07-04T12:18:20","date_gmt":"2024-07-04T10:18:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=6703"},"modified":"2024-07-04T14:47:07","modified_gmt":"2024-07-04T12:47:07","slug":"joerg-widmann-ueberzeugt-bei-der-musica-viva-in-dreifachfunktion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2024\/07\/04\/joerg-widmann-ueberzeugt-bei-der-musica-viva-in-dreifachfunktion\/","title":{"rendered":"J\u00f6rg Widmann \u00fcberzeugt bei der musica viva in Dreifachfunktion"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Beim Konzert der musica viva am 28.&nbsp;Juni 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal pr\u00e4sentierte sich <\/em>J\u00f6rg Widmann<em> mit dem <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks<em> einmal mehr in gleich dreifacher Funktion: als Klarinettist, Dirigent und nat\u00fcrlich als Komponist. Mal abgesehen von <\/em>Wolfgang Amadeus Mozarts<em> \u201eAdagio f\u00fcr Glasharmonika\u201c, KV 356\/617a, mit dem <\/em>Christa Sch\u00f6nfeldinger<em> Widmanns Schl\u00fcsselerlebnis mit diesem Instrument in Erinnerung rief, gab es ausschlie\u00dflich Widmann-Werke: \u201eArmonica, \u201eDrei Schattent\u00e4nze\u201c, \u201eDanse macabre\u201c und das gewaltige Trompetenkonzert \u201eTowards Paradise\u201c (Labyrinth VI) mit dem Solisten <\/em>H\u00e5kan Hardenberger.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6704\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/MV28062024-\u00a9-BR-musica-viva-Astrid-Ackermann.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>H\u00e5kan Hardenberger  und J\u00f6rg Widmann mit dem BRSO \u00a9 BR musica viva\/Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im letzten Konzert der musica viva Saison am 28.&nbsp;6.&nbsp;2024 durfte sich der M\u00fcnchner <em>J\u00f6rg Widmann<\/em> gleich dreifach in Szene setzen: als Komponist von vier eigenen Werken, mit einem Solost\u00fcck f\u00fcr <em>sein<\/em> Instrument: die Klarinette, sowie als Dirigent des Abends \u2013 und konnte diesmal in allen Belangen \u00fcberzeugen. Vor knapp sieben Jahren versuchte sich Widmann hier bereits in dieser Mehrfachfunktion \u2013 <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/08\/joerg-widmann-als-multitalent\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/08\/joerg-widmann-als-multitalent\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wir berichteten<\/a>. Damals rief zumindest sein Dirigat Stirnrunzeln beim Rezensenten hervor. Seitdem hat Widmann ziemlich viel mit Orchestern gearbeitet, nicht nur an eigenen St\u00fccken, mittlerweile auch als Erster Gastdirigent bei der NDR Radiophilharmonie (Hannover). Widmann ist am Pult sicht- und sp\u00fcrbar deutlich souver\u00e4ner geworden: Er gibt nicht nur hochengagiert und klar alle wichtigen Impulse, sondern steuert den Klang insgesamt viel differenzierter als fr\u00fcher. Nat\u00fcrlich darf man von einem Komponisten erwarten, dass er seine eigene Musik wahrscheinlich besser kennen d\u00fcrfte als die meisten Dirigierkollegen. Dennoch hat seine Ausstrahlung auf das BRSO heute einen unvergleichlich positiveren Effekt und unmittelbarere Wirkung als etwa in besagtem Konzert von 2017.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a> An diesem Abend gibt es vier Widmann-St\u00fccke, allerdings keine Urauff\u00fchrung. In <em>Armonica <\/em>(2006) versucht der Komponist, die fast jenseitigen klanglichen Sph\u00e4ren der Glasharmonika \u2013 diese steht nicht etwa als Soloinstrument ganz vorne, sondern weil dynamisch sonst chancenlos \u2013 mittels delikatester Orchestrierung quasi auf den gesamten Apparat zu erweitern. Dabei gelingen ausladende, organische Spannungsb\u00f6gen mit nur einem absichtsvoll verst\u00f6renden \u201eAbbruch\u201c. <em>Christa Sch\u00f6nfeldinger<\/em>, mit den komplexen Anforderungen von Widmanns Partitur seit nunmehr \u00fcber 60 Auff\u00fchrungen bestens vertraut, beweist anschlie\u00dfend \u2013 als offizieller Programmpunkt bei der musica viva h\u00f6chst ungewohnt \u2013 mit dem Standardwerk f\u00fcr die Glasharmonika, Wolfgang Amadeus Mozarts <em>Adagio<\/em> KV&nbsp;356\/617a, die wundervolle Zerbrechlichkeit und Klangsch\u00f6nheit ihres besonderen Instruments. Die Begegnung mit diesem St\u00fcck war f\u00fcr Widmann das anregende Schl\u00fcsselerlebnis f\u00fcr <em>Armonica<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Komponist ein Solo auf der Klarinette darbietet, ist dies immer hochspannend. Die eigenen <em>Drei Schattent\u00e4nze <\/em>von 2013 beleuchten h\u00f6chst kontrastierende Aspekte der Klangerzeugung: Im <em>Echo-Tanz <\/em>geht es um extreme Techniken des \u00dcberblasens, damit erzeugte Mehrstimmigkeit und Mikro-Tonalit\u00e4t. Die \u00fcbrigen beiden ben\u00f6tigen elektro-akustische Unterst\u00fctzung: Der <em>(Under) Water Dance <\/em>vermittelt die beabsichtigte Illusion mittels eines k\u00fcnstlichen Hallraums, der <em>Danse africaine <\/em>benutzt die Klarinette als imagin\u00e4res Schlagzeugensemble \u2013 mit Verst\u00e4rkung. All dies st\u00f6\u00dft beim Publikum auf helle Begeisterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Danse macabre <\/em>(2022) steht nat\u00fcrlich in der gro\u00dfen Tradition des Totentanzes, die nicht erst mit Saint-Sa\u00ebns beginnt. Der Tod als einschmeichelnder, aber zugleich sarkastischer Werber f\u00fcr den letzten Weg alles Lebendigen, ist naturgem\u00e4\u00df eine Steilvorlage f\u00fcr einen Instrumentationsk\u00fcnstler von Rang. Das verwendete Orchester ist noch nicht einmal \u00fcberdimensioniert, enth\u00e4lt aber erwartungsgem\u00e4\u00df Exoten wie Flexaton oder Waterphone \u2013 dessen Name verweist sowohl auf seinen wassergef\u00fcllten Korpus als auch den Erfinder Richard Waters, und das Instrument machte insbesondere in Filmmusiken des Horror-Genres Karriere. F\u00fcr die Gattung ist Widmanns Beitrag mit 17 Minuten schon recht lang \u2013 mehr echte Tondichtung als nur netter L\u00e4rm wie z.\u00a0B. Helmut Lachenmanns <em>Marche fatal<\/em><em>e<\/em> \u2013 und verwurstet verschiedene vertraute Tanzmodelle bis zur Groteske bzw. zum nackten Gerippe. Das hemmungslos tonale Hauptmotiv geht fast so ins Ohr wie Klaus Badelts Filmmusik zu <em>Fluch der Karibik<\/em>. Trotzdem ist das Publikum ob der leichten Zug\u00e4nglichkeit des Werkes einigerma\u00dfen \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit knapp 40 Minuten \u00e4u\u00dferst ausladende Konzert <em>Towards Paradise<\/em> f\u00fcr den nach wie vor ph\u00e4nomenal tonsch\u00f6n agierenden Trompeten-Weltstar <em>H\u00e5kan Hardenberger<\/em> geh\u00f6rt zur Gruppe der <em>Labyrinth-<\/em>St\u00fccke, in denen Widmann immer auch seine momentane Befindlichkeit als Komponist reflektiert. 2021 pr\u00e4gte diese freilich die Corona-Situation, und so dreht sich der Weg ins Paradiesische nicht zuletzt um das Thema Einsamkeit, was durch den halbszenischen Gang des Solisten von au\u00dferhalb des Podiums durch die einzelnen Orchestergruppen, wo er mit unterschiedlichem Erfolg Anschluss sucht, bis zum Entschwinden in die \u201eKatakomben\u201c des Herkulessaals am Ende \u00fcberdeutlich wird. Anders als im 2002 f\u00fcr Sergei Nakariakov geschriebenen Konzertst\u00fcck, das mit seinem Hochgeschwindigkeitswahnsinn Virtuosit\u00e4t ganz w\u00f6rtlich <em>ad absurdum <\/em>f\u00fchrte, steht im <em>Labyrinth VI <\/em>Lyrik und Nachdenklichkeit im Vordergrund. Das Werk ist aber \u2013 trotz eindringlicher Choral-Andeutungen \u2013 keineswegs nur langsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Hardenberger nimmt vom ersten Augenblick die Zuh\u00f6rer gefangen. Die exquisite Sch\u00f6nheit der Melodik seines riesigen Parts ist von geradezu erstaunlicher Einpr\u00e4gsamkeit, verlangt daf\u00fcr eine unglaubliche Sicherheit in der H\u00f6he, aber noch mehr Flexibilit\u00e4t im Ausdruck bei den gro\u00dfartigen Interaktionen mit einzelnen Teilen des Orchesters. In der Mitte gibt es zudem auch Jazz-Momente \u2013 die jedoch mit etwas zu wenig Synkopen nicht die Authentizit\u00e4t etwa von B.&nbsp;A. Zimmermanns <em>Nobody knows de trouble I see<\/em> erreichen. Die Innigkeit gerade an Stellen, wo die Trompete mit D\u00e4mpfern spielen muss, scheint bei Hardenberger un\u00fcbertrefflich. Widmann ist hier meilenweit entfernt von der bis ins Extreme ausdifferenzierten Ger\u00e4uschhaftigkeit seines <em>Dritten Labyrinths<\/em>, setzt auf Klangkombinationen, die stets aufhorchen lassen und emotional unterst\u00fctzend wirken \u2013 so etwa Akkordeon oder gestrichene Crotales als sch\u00e4rfste Waffen im Diskant. Symbolisiert gegen Schluss Bachsche Kontrapunktik das Erreichen eines paradiesischen Zustands? Dunkles Blech und geheimnisvolles Schlagzeug stellen dies zumindest infrage, w\u00e4hrend Hardenberger als letztes Statement einsam ein dreigestrichenes <em>Es<\/em> verhaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Selten einm\u00fctiger Applaus f\u00fcr eines der besten Werke Widmanns \u00fcberhaupt, f\u00fcr ein in jeder Sekunde aufmerksam und empathisch mitgehendes BRSO und selbstverst\u00e4ndlich die musikalische Glanzleistung des dann sehr gl\u00fccklich wieder aus dem Off erscheinenden Solisten. Widmann wird zu Recht f\u00fcr die Erf\u00fcllung der hohen Erwartungen in allen drei Funktionen bejubelt \u2013 das soll ihm erst mal jemand nachmachen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 1.&nbsp;<\/strong><strong>Juli <\/strong><strong>2024]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Konzert der musica viva am 28.&nbsp;Juni 2024 im M\u00fcnchner Herkulessaal pr\u00e4sentierte sich J\u00f6rg Widmann mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einmal mehr in gleich dreifacher Funktion: als Klarinettist, Dirigent und nat\u00fcrlich als Komponist. 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